Unser traditionelles Bildungssystem hält das Abstraktionsvermögen sehr hoch – doch auch das Gegenteil wäre sinnvoll. Statt die Dinge nur zu abstrahieren, sollten wir sie vor allem auch konkretisieren.

Abstraktion bedeutet beispielsweise sprachlich, von den Gedanken „Spaten“, „Rasenmäher“ und „Rechen“ zur Kategorie „Gartengeräte“ zu finden. Dieses abstrahierende Denken bestimmt nahezu unser gesamtes gesellschaftliches Handeln:

  • Ein durchschnittlicher Jurist oder Forensiker kommt so vom Gedanken „Für krank Erklärter beharrt darauf, gesund zu sein“ beispielsweise auf die Kategorie „Für krank Erklärter leugnet seine Krankheit, was wiederum zum Krankheitsbild gehört“, wie der Fall Gustl Mollath zeigt. Dass das Entsprechungsdenken hier zu einem logisch unzulässigen Zirkelschluss führt, fällt vielen hoch gebildeten, oft promovierten und habilitierten Experten erstaunlicherweise nicht auf.
  • Ein durchschnittlicher Orthopäde kommt vom Gedanken „Rückenschmerzen“ beispielsweise auf die Kategorie „Verspannung“ – dass es die Niere sein könnte, wäre ein Querdenken, das das Bildungssystem nicht lehrt, weil der Orthopäde so seinen Bereich verlassen würde. Der klassisch Gebildete bleibt in seinem Bereich. Das Entsprechungsdenken ist also der Kern der Fachidiotie.
  • Ein durchschnittlicher Lehrer kommt vom Gedanken „Schüler schreibt schlechte Noten“ auf die Kategorien „lernschwach“, „faul“ oder „widerspenstig“, statt zu erkennen, dass die Schule samt Unterricht und Personal für diesen einen Schüler möglicherweise nur eine einzige Lachnummer ist. Solche Lehrer verstehen nicht, wie so ein Schüler später erfolgreich sein kann – meist in einem Gebiet, das die Schule nicht lehrt (wie beispielsweise Diplomatie, um ein Beispiel aus meiner Schulzeit zu nennen, siehe im Beitrag von Stefan Frädrich im Buch „Die Bildungslücke“). Dass jemand unabhängig von den Maßstäben des Bildungssystems erfolgreich sein kann, passt weder ins Weltbild der meisten seiner Vertreter, noch können sie es sich vorstellen.

Wir lernen in Schule und Uni, dass auf den Buchstaben A der Buchstabe B folgt. Wir lernen, wie wir die Dinge einordnen. Wir lernen also, dass ein Apfel Obst ist und dass seine Entsprechung „essen“ bedeutet. Einen Apfel kann man essen, auf einem Stuhl kann man sitzen, lineare Gleichungssysteme kann man lösen, lateinische Vokabeln kann man so und so übersetzen – die gesamte Schulbildung besteht aus Entsprechungen. Die Schule nimmt sogar die Kreativität gefangen: Smetanas „Moldau“ kann man so und so interpretieren, der Autor eines Gedichtes will uns dieses und jenes sagen.

Auflehnung gegen das Entsprechungsdenken

Zugleich lehnen sich zahlreiche Schülerinnen und Schüler gegen dieses primitive Entsprechungsdenken auf: die Kreativen, die Eigensinnigen. Die ihre Erfahrungen unabhängig vom Entsprechungsdenken machen und feststellen, dass man mit einem Apfel wesentlich mehr machen kann als nur essen. Dass man aus Stühlen Burgen bauen kann. Es sind die Kinder, denen Erwachsene irgendwann sagen: „Hör mal auf mit dem Unsinn und konzentrier dich.“ Es sind Kinder, die sich dagegen auflehnen, dass das Bildungssystem sie aus der Kreativität herauserzieht, wie es Ken Robinson sagt.

Wenn wir künftig Lehrer, Ärzte, Juristen, Journalisten und auch sonstiges Personal in Unternehmen haben wollen, das nicht nur stur irgendwelchen Schemata folgt und in ungewöhnlichen Situationen hilflos ist wie eine abgestürzte Software, sondern in jedem Fall auf Schüler, Patienten, Bürger, Leser und Kunden eingeht – dann müssen wir nicht nur die Kreativität stärker würdigen, sondern die Bürokraten müssen auch prinzipiell umdenken.

Im Übrigen sind wir damit wieder einmal beim Unterschied zwischen „klug“ und „nur intelligent“. Oder auch bei der Frage: Sind Sie ein Wolf oder ein Hund? Vereinfacht gesagt denkt der Wolf selbst, der Hund dagegen folgt Entsprechungen. Einem Hund können wir viel vom Wolf erzählen – er würde nicht verstehen, was wir meinen. Er würde spüren, dass da was ist – aber was nur genau? Auch sieht er, dass die Wölfe anders leben, aber ihm fehlt bereits das Denkvermögen zu überlegen, warum und wie sie das machen.

Erzählen Sie mal einem Fachidioten was von Kreativität

Ebenso aussichtslos ist es, einem bürokratischen Fachidioten etwas von Selbstbestimmung und Kreativität zu erzählen oder davon, dass ein Mensch nicht schon deswegen ein Querulant und ergo gestört ist, nur weil er sich über bestimmte verwaltungstechnische und juristische Routinen lustig macht. So, wie das Bildungssystem nonkonforme Kinder stigmatisiert, stigmatisiert das Rechtssystem nonkonforme Bürger. Dabei ist juristisches Denken auch nur eine von mehreren Möglichkeiten. Ob man diesen Aspekt im Jura-Studium lernt?

Wer sich in puncto Abstraktionsvermögen und Denken in akademischen und bildungsbürgerlichen Entsprechungen ausbilden lässt und diesen Ansatz nicht hinterfragt, gilt als intelligent, bekommt gute Noten, wird ein perfekter Hochschulprofessor, erfüllt Vorgaben perfekt. Aber im Extremfall, wenn Improvisation, Kreativität und konstruktive Ideen gefragt sind, scheitern Menschen, die nur intelligent sind. Sie haben das Vorstellungsvermögen nie trainiert, und darum gebricht es ihnen am Einfallsreichtum. Auch für Selbstständigkeit und Existenzgründung sind solche Leute nicht gemacht, denn Intuition, Ergebnisorientierung und Bauernschläue fehlen ihnen vollständig.

Es ist schon erstaunlich, finde ich, dass jemand einerseits im Sinne unseres Bildungssystems hoch dekoriert sein kann, andererseits aber die simpelsten Logikfehler und Zusammenhänge nicht erkennt und zudem von einem unfassbaren Mangel an Fantasielosigkeit und Geistesgegenwart geprägt sein kann. Das betrifft zahlreiche Menschen, die maßgeblich über unser Leben bestimmen: Juristen, Verwaltungsleute, Ingenieure, Ärzte, Lehrer, natürlich auch Journalisten (um meine eigene Profession zu nennen; es gibt in meiner Branche genug schlimme Beispiele). Der Fachidiot ist jemand, der lediglich innerhalb seines Denksystems abstrahiert und die entsprechenden Schlüsse zieht, aber unfähig ist, die Bedeutung des einzelnen Geschehens zu ermessen und alles von außen zu betrachten.

Die Alternative: konkret statt abstrakt denken

Darum zur Alternative: Das Gegenteil von „abstrakt“ ist „konkret“. Vielleicht sollten wir die Dinge nicht nur innerhalb unserer Gedankenwelt abstrahieren, um sie wissenschaftlich einzuordnen, sondern sie vor allem auch unabhängig von unserer Gedankenwelt konkretisieren, um zu sehen, was sie für die Realität bedeuten. Dinge nicht nur zu abstrahieren, die uns bei etwas Geistesgegenwart ungewöhnlich erscheinen, sondern auch zu konkretisieren, würde nicht nur bedeuten, auf den Menschen einzugehen. Sondern es würde auch bedeuten, den eigenen Job besser zu machen. Professioneller, verantwortungsvoller. Die Frage ist also nicht: Wie lautet die Abstraktion eines Geschehens akademisch? Sondern sie lautet: Was bedeutet das Geschehen aus der Perspektive des anderen real?

Nehmen wir ein bekanntes Beispiel: die Love-Parade-Katastrophe in Duisburg. Die beteiligten Verwaltungsleute waren intelligent im Sinne ihrer Fächer, und sie haben alles Denkbare abstrahiert. Konkret zu denken, hätte allerdings bedeutet, schon zu Beginn der Planungen zu erkennen: Eine sechsstellige Zahl von Menschen durch einen engen Tunnel zu lotsen, der Ein- und Ausgang zugleich ist, ist absoluter Schwachsinn. Einem klugen Menschen mit Vorstellungsvermögen, der die Situation von außen betrachtet, hätte sich das sofort verboten, und zwar ohne jede Studie und ohne jedes Gutachten. Geistesgegenwart und gesunder Menschenverstand hätten genügt – ein Wolf hätte die Situation von Anfang an vermieden.

Dass die Ermittlungen aber jahrelang laufen und sich in Details verstricken, statt diese einfache Sache festzustellen, liegt eben nun einmal daran, dass an den entscheidenden Stellen in unserem Land kaum jemand konkret denkt, sondern die Beteiligten alles abstrahieren. Der gesunde Menschenverstand fehlt den maßgeblichen Entscheidern schlicht. So absurd ist unser System. Es ist absurd, weil es sich dem Konkreten verweigert und zwar intelligent, aber dumm ist.

Nicht nur fragen, was ist, sondern auch, was es bedeutet

Was bedeutet es also, wenn ein Schüler den Unterricht sabotiert? Schauen wir auch hier nicht nur, was das aus Perspektive eines Pädagogen heißt, der in pädagogischen Kriterien denkt, sondern schauen wir vor allem, was es aus Sicht des betreffenden Schülers heißt. Intelligente Menschen, die sich konform zum Bildungssystem bewegen, ordnen Dinge nur gemäß ihren Kriterien ein. Kluge Menschen dagegen hinterfragen den Zusammenhang und ermessen, dass die Sichtweise eines durchschnittlichen Lehrers (oder Juristen, Arztes oder Journalisten) nur eine von mehreren möglichen ist.

Dass da jemand eventuell kreativ ist, hochbegabt, querdenkend, merkt das Bildungssystem – vorrangig besetzt von Entsprechungsdenkern in Ministerien und am Pult – zumeist gar nicht. Wie auch? Das Querdenken ist dem System doch fremd, wir lernen das so wichtige Querdenken ja nicht in der Schule. Also macht das System mit den kreativen Rebellen, was es mit allem macht: Es ordnet sie ein. Leider ordnet es sie falsch ein, da den meisten Vertretern des Bildungssystems die wahrhaft entscheidenden Kategorien fehlen, um Menschen einzuordnen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen. Aus Sicht eines durchschnittlichen Akademikers, der lediglich in Entsprechungen denkt, sind solche Schüler nicht sinnvoll einzuordnen.

Da die Vertreter des Bildungssystems und insgesamt des öffentlichen Dienstes aber nun eine gewisse Macht haben, gelten kreative Kinder dann eben höchst offiziell als aufmüpfig oder was auch immer – und kluge Eltern schauen in der Folge, dass sie ihre Kinder dem staatlichen Schulsystem möglichst entziehen. Das wiederum versteht der öffentliche Dienst nicht, dessen meiste Vertreter eben so ticken, wie sie ticken. Den Vertretern des Bildungssystems ihren simplen Denkfehler zu erklären, ist schwierig: Ihnen fehlt das nötige Verständnis. Es ist, als würde man einem Tauben etwas ins Ohr flüstern. Oder eben einem Hund was vom Wolf erzählen.

Schluss mit der Macht der Unkreativen über die Kreativen!

Und genau dieses Überstülpen eigener, engstirniger Denkmuster auf kreative Menschen, die morgen die Ideen für übermorgen bringen, muss aufhören. Dabei ist es egal, ob Menschen Opfer werden durch Entscheidungen von Juristen, Ärzten oder Lehrern: Es darf nicht sein, dass unkreative und fantasielose Fachidioten und Bürokraten weiterhin Macht ausüben über die klugen Menschen mit Vorstellungskraft und konstruktivem Denken – ganz gleich, wie alt oder jung diese sind.

Das Denken in Entsprechungen ist auch nicht die entscheidende Kompetenz für morgen. Im Denken in Entsprechungen sind wir inzwischen gut genug. Langfristig gedacht, ist unser Einfallsreichtum gefragt – schließlich steht auf einem iPhone auch nicht ohne Grund: „Designed in California, assembled in China“.

Die entscheidenden Kompetenzen für morgen sind Geistesgegenwart, gesunder Menschenverstand, der externe Blick, Wohlwollen und Vorstellungskraft:

  • Geistes­gegen­wart ist eine Art detektivischer Spürsinn für Widersprüche und eine natürliche Sensibilität für die Gefahr, manipuliert zu werden;
  • gesunder Menschenverstand ist die Fähigkeit, sich nicht von der Theorie gefangen nehmen zu lassen und auch dann noch normal zu denken, wenn man studiert hat;
  • der externe Blick ist die Fähigkeit, das eigene Handeln von außen zu betrachten und dessen Bedeutung zu ermessen;
  • Wohlwollen ist die charakterliche Eignung, ohne Negativismus und Destruk­tion das Gute im Menschen zu sehen und die Intention eines Menschen verstehen zu wollen;
  • Vorstellungskraft schließlich bedeutet, Dinge für möglich zu halten, die nicht dem eigenen Weltbild und Denken entsprechen.

In diesen Fächern haben die allermeisten intelligenten Menschen und unsere Gesellschaft insgesamt deutlichen Nachholbedarf.