Bei „Spiegel Online“ ist ein gruseliger Beitrag übers „Karriereziel Coach“ erschienen – er spricht ein tatsächliches Problem an, bringt aber dank der kruden Logik und des negativen Denkens der Autorin Bärbel Schwertfeger niemanden wirklich weiter.

Der oben abgebildete Screenshot verdeutlicht den Denkfehler: Aus Umfrageergebnissen – deren Durchschnittswerte ja lediglich für den statistischen Querschnitt gelten – schließt die Autorin aufs Individuum – das ja ein Ausbrecher sein kann, ungeachtet dessen, was der Durchschnitt so treibt. Die Formulierung „Ein echtes Kunststück“ ist hier schon nah an der üblen Nachrede, da die Autorin damit suggestiv unterstellt, Petra Bock behaupte die Unwahrheit. Doch nur weil sich eine Aussage außerhalb von Bärbel Schwertfegers Vorstellungsvermögen ansiedelt, ist es natürlich noch lange nicht sachlich oder korrekt, so zu tun, als sei die Aussage deswegen Schmu. Indem Bärbel Schwertfeger hier auf Basis von Spekulationen ihre Schlüsse zieht, verkauft sie auch den Leser für dumm.

(Update 31. Oktober 2013: „Spiegel Online“ hat die Passage inzwischen verändert. Die Passage lautet jetzt: „Manche Coaches nennen indes weit höhere Klientenzahlen. So wirbt etwa die Sozialwissenschaftlerin Petra Bock (Jahrgang 1970) damit, ,bereits mehrere Tausend Menschen in Einzelsitzungen‘ gecoacht zu haben.“ Die suggestive Unterstellung einer Falschaussage „behauptet“ ist aus dem Text ebenso verschwunden wie die Andeutung „Ein echtes Kunststück“, die ebenfalls eine Falschaussage unterstellt. Ob der „Spiegel“-Verlag Frau Schwertfeger zum Nachsitzen auf eine ordentliche Journalistenschule schickt, ist mir nicht bekannt.)

Zudem ist Frau Schwertfegers Logik insgesamt völliger Quatsch: Wenn ein Individuum Außergewöhnliches leistet, ist das nicht deswegen ein Kunststück, weil die meisten anderen nichts Außergewöhnliches leisten. Sondern Erfolge sind das Ergebnis beharrlicher, intensiver Arbeit. Wie viel Prozent der Deutschen sind Spitzenmanager? Wenige. Ist es deswegen eine Frage der Statistik oder ein „Kunststück“, trotzdem einer zu werden? Eben nicht. Man muss nur darauf hinarbeiten, und nachdem die Loser aus dem Rennen fliegen, ist man irgendwann am Ziel, wenn man auf dem Weg dorthin das Richtige tut. Und Frau Schwertfeger tappt genau in diese Denkfalle, was für wenig Verständnis für die Deutungsmöglichkeiten aus statistischen Erhebungen spricht. Wenn es für Frau Schwertfeger „irritierend“ ist, wenn ein einzelner Coach mit seinen Zahlen nicht dem Durchschnitt entspricht, scheint sie in Statistik gefehlt zu haben.

Und auch an anderen Stellen des Textes demonstriert Bärbel Schwertfeger den bei Karriere-Themen leider zunehmenden Konservatismus von „Spiegel Online“. Der besteht in einem kruden, negativistischen Weltbild Marke „Was nicht zu hundert Prozent funktioniert, kann nichts Rechtes sein“. So schreibt die Autorin: „Bei einer weiteren Studie der Uni Marburg gaben 2012 lediglich acht Prozent von über tausend befragten Coaches an, dies sei ihre alleinige Tätigkeit.“ Und sie zitiert den Autor Wolfgang Looss: „Das ist doch kein 40-Stunden-Job.“

Stimmt alles. Die wenigsten arbeiten nur als Coach, und natürlich ist es bei den meisten kein Vierzig-Stunden-Job. Aber: Na und? Was bedeutet diese Aussage? Will die schreibende Psychologin Bärbel Schwertfeger damit unterstellen, die vielen Coachs würden nur halbe Sachen machen? Will sie andeuten, ein Newcomer könnte kein erfolgreicher Coach werden? Weshalb nicht? Warum bleibt die Autorin bei Andeutungen und führt nicht aus, was sie sagen will? Weil sich ihr Gerede dann als Sammlung kleinkarierter Vorurteile herausstellen würde? Und was soll dieses Schlechtreden?

Sicher leben viele im Coachingmarkt aus einem Mix an Buchhonoraren, Vorträgen, Seminaren, Coachings und Geschäftsbeteiligungen. Nur: Was will man denn daraus ableiten? Und nur mal so am Rande: Wann soll man als Coach denn Bücher und Fachbeiträge schreiben, wenn man zu den acht Prozent gehört und Fulltime-Coach ist? Wann soll man Marketing und Akquise machen?

Und natürlich ist es richtig: Jede Menge Leute strömen ohne große Kompetenz und ohne relevante Botschaften auf den Markt. Und es gibt Luftpumpen. Darüber kann man reden. Darüber sollten wir sogar reden. Wir müssen denen, die es nicht können, verraten, worauf es ankommt bei einer Coaching-Karriere, so dass sich manche weiterentwickeln und andere aussteigen. Wir müssen natürlich die Qualität der Szene verbessern, keine Frage. Aber mit wenig aussagekräftigen Zahlen die gesamte Szene niederzumachen, obwohl es dort tatsächlich die Möglichkeit gibt, mit guten Inhalten erfolgreich zu werden, ist ebenso falsch wie zu behaupten, Coaching sei aus Gründen der Statistik fürs Individuum keine Option.

Das Individuum hat ja möglicherweise Potenzial. Doch dem individuellen Leser, der mit seinen Fähigkeiten das Zeug dazu hat, als Coach erfolgreich zu werden, bringt Frau Schwertfegers Text gar nichts. Im Gegenteil: Frau Schwertfeger erstickt jedes bisschen Hoffnung (wobei gute Leute Frau Schwertfegers Demagogie durchschauen und sich davon nicht beirren lassen). Statt des Schwertfegerschen Negativismus wäre es schön gewesen, in ihrem Text lesen zu können, worauf es denn nun individuell ankommt, wenn man als Coach erfolgreich werden will. Aber ich fürchte, hier gebricht es der Autorin an Sachverstand oder zumindest an einem positiven Zugang.

Vielleicht interessant ist in diesem Zusammenhang: Frau Schwertfeger ist selbst Autorin von Büchern wie „Der Griff nach der Psyche: Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen anrichten“ (bei Amazon nur noch „erhältlich bei diesen Anbietern“), „Die Körpersprache der Bosse“ (dto.), „Macht ohne Worte. Wie wir mit dem Körper sprechen“ (dto.), „Der Therapieführer. Die wichtigsten Formen und Methoden“ (dto.) oder „Die Bluff-Gesellschaft. Ein Streifzug durch die Welt der Karriere“ (dto.). Ob sie uns in ihrem „Spiegel-Online“-Text möglicherweise einen Einblick in ihre Zufriedenheit mit der eigenen Coaching-Karriere gibt? Aufschluss über ihr Wesen gibt auch das „Editorial“ auf ihrer Webseite, in dem sie schreibt: „Doch dann kamen meine Partner zu der Auffassung, dass Expertise nicht unbedingt notwendig sei und es auch genüge, Pressemeldungen zu veröffentlichen oder bereits anderweitig erschienene Artikel zusammenzufassen. Da diese Ausrichtung nicht mehr meinen Vorstellungen von einem kompetenten und unabhängigen Journalismus entspricht, gehen MBA Channel und ich seit September 2010 getrennte Wege.“

(Da ich nicht wie Frau Schwertfeger Fakten selektiv unter den Tisch fallen lasse, sei erwähnt: Bei Amazon normal erhältlich ist der hoffnungsfrohe Titel „Zu zweit am Ende. Phasen der Trennung“.)

Was für mich also hängen bleibt, ist das Negative, Negative, Negative. Aus dem gesamten Text von Frau Schwertfeger spricht ein solch deutlicher Mangel an gutem Willen, an positiver Lebenserfahrung, an aufgeschlossenem Geschäftssinn und an Vorstellungsvermögen, dass ich als Chefredakteur eines klugen Online-Mediums den Text offline stellen und die Dame an die Luft befördern würde.