Man lernt nie aus: Die Gewalt beim Hamburger G-20-Gipfel war gar keine linke Gewalt. Es war rechte Gewalt!

Das suggeriert beispielsweise Jens Berger von den „Nachdenkseiten“.

Ich habe mich über Jahrzehnte getäuscht. Immer wieder stand ich als Reporter in Berlin-Kreuzberg im Tränengas, um heute zu erfahren: Der „Schwarze Block“, über den wir da berichtet haben – das waren gar keine Linken! Es waren Rechte! Hooligans, Neonazis. Mitten in Kreuzberg! Wo die Linken den Rechten sonst keinen Quadratmillimeter Platz schenken. Und ich habe es nicht gemerkt!

Denn aggressiv, so das linke Narrativ, sind nur Rechte. Nachdem die Linken die Aufmerksamkeit der Leute erfolgreich auf Identitäre, Pegida, Reichsbürger und AfD gelenkt haben, passt es eben nicht ins Bild, dass Linksextremisten, angereist aus zahlreichen Ländern, das Hamburger Schanzenviertel zerlegen.

Das Zerreden der Wirklichkeit

Wir haben es mit einem klassischen linken Verstoß gegen die Klarheit zu tun – gegen die Realität. Im Zuge der Frankfurter Schule herrscht unter Linken der diskursive Dekonstruktivismus – übersetzt: das Zerreden der Wirklichkeit. Man bemüht Niklas Luhmann und Paul Watzlawick, um darzulegen, dass es keine objektive Wirklichkeit gäbe. Nach linker Lesart gibt es beispielsweise keine Geschlechter, sondern es handelt sich um soziale Definitionen. Erkenntnistheoretisch und in der Uni mögen das interessante Gedanken sein, allerdings ändern sie die Realität nicht. (Wobei ich jedem die Freiheit zugestehe, sich als das zu fühlen und zu bezeichnen, was er will, natürlich.)

Spannend ist die linke Faktenverdreherei auch beim Thema Nation. Für Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ist bei­spielsweise bereits als „rechts“ verdächtig, wer „ge­wohnte Katego­rien“ wie „Deutschland als Nationalstaat“ nicht anzweifelt (Seite 113 seines Buches), obwohl Deutschland ein solcher ist. Zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ differenziert Maas in seinem Buch erst gar nicht. Wodurch er es hinnehmen muss, wenn andere nicht zwischen „links“ und „linksextrem“ unterscheiden.

Autonome waren immer international

Die Ablehnung des Nationalen steht in der linken Tradition des Internationalismus. Das linke Narrativ lautet: Nationalismus ist schlecht, Internationalismus ist gut. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Kurdistan oder auch der erstrebte Palästinenserstaat, gegen die ich beide nichts habe. Seltsamerweise argumentiert die Linke in diesen Fällen nationalistisch.

Nationalistisch argumentiert die Linke auch, wenn es um die Täterschaft der Randalierer in Hamburg geht. Jens Berger:

Den harten Kern der Gewalttäter bildete offenbar eine mehrere hundert Mann starke Gruppe schwarz gekleideter und vermummter Autonomer, die zu einem großen Teil aus dem Süden Europas kamen. Vor allem Griechen, Italiener und Franzosen sollen hierbei zu den Rädelsführern gehört haben. Unterstützt wurde dieser harte Kern von einer zahlenmäßig größeren, sehr heterogenen Gruppe oft sehr junger Randalierer – meist vermummt und oft in teuren Markenklamotten, darunter den meisten Schilderungen zufolge sehr viele junge Frauen. Die interessante Frage ist: Kann man diese beiden Gruppierungen tatsächlich der politischen Linken zurechnen?

Und das ist die Heuchelei. Natürlich kann man sie der politischen Linken zuordnen. Wem sonst? Die antikapitalistische linke Szene versteht sich seit jeher als international. Auch bei früheren „Mai-Festspielen“ in Berlin sind regelmäßig Autonome aus anderen Ländern angereist. Es sind Linke, eben auch aus Italien. Sicher gab es schon immer einen Mitnahmeeffekt, durch den erlebnisorientierte Jugendliche mitrandalierten. Aber das relativiert eben nicht, dass Linke zu den Aktionen aufrufen und sich über die unverhoffte Zusatzgewalt freuen. Mischen bei einer Neonazi-Krawallgruppe unpolitische Jugendliche mit – spricht die Linke sie auch vom Vorwurf frei, „rechts“ zu sein?

Reale Sympathiebekundungen sollen Fantasie sein?

Aber Berger raunt:

Ins gleiche Horn bläst auch CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn, der auf Facebook von „vermummten Linksfaschisten“ fantasiert, die „Applaus von den Linken“ bekämen.

Wieso „fantasiert“? Wenn ich ein antikapitalistischer Revoluzzer wäre, wäre ich sauer auf die vielen SPD-, Linken- und Grünen-Politiker, die mein unter heldenhaftem Einsatz und höchster Gefahr vollbrachtes destruktives Werk dem Konto der Rechten gutschreiben. Nehmen wir einfach Sören Kohlhuber, der gestern seinen Bloggerposten als „Störungsmelder“ bei „Zeit online“ verloren hat und der Tweets abgesetzt hat wie: „Jede Flasche, jeder Stein hat heute seine Berechtigung!“ Will Herr Berger uns im Ernst weismachen, diese Sympathiebekundung sei Fantasie? Und halten wir Sören Kohlhuber mal vor, er sei mit seiner Sympathie für die linke Gewalt kein Linker, sondern rechts – er wird uns mit guten Gründen was husten. Er ist beispielhaft links. Sören Kohlhuber ist ein geradezu vorbildlicher linker Revolutionär.

Jens Berger fragt:

Denn was ist bitteschön links daran, wenn ein junger Schnösel am Wochenende zum Randale machen nach Hamburg fährt und dort Kleinwagen anzündet und Geschäfte verwüstet? Noch nicht einmal der Randalierer selbst denkt im Traum daran, dass die Welt gerechter wird, wenn er einen Twingo ansteckt. Warum aber stecken ihn Teile der Medien dann in die „linke Schublade“?

Ulrike Meinhof befürwortet Gewalt auch gegen Privatautos

Die Antwort ist simpel: Links daran ist der Protest infolge des kommunistischen Gleichheitsgedankens und der daraus folgenden Nivellierung aller Unterschiede zwischen Menschen, die auf „Umverteilung“ abzielt. Dass das nur mit Gewalt zu erreichen ist, ist ein zutiefst linker Gedanke, und zwar traditionell. Hinzu kommt der linke Gedanke, gegenüber einem „Bullenstaat“, für den man die Bundesrepublik Deutschland hält, selbstverständlich Gewalt anwenden zu dürfen – Gewalt, die auch den Bürger trifft. Dazu müssen wir nur die Schriften Ulrike Meinhofs lesen: „Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung. Werden hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion.“

Das, Herr Berger, ist links daran, wenn ein „junger Schnösel“, wie Sie es nennen, einen Kleinwagen anzündet. Ganz einfach. Und doch: Der Randalierer glaubt, er mache die Welt dadurch gerechter. Er glaubt das wirklich. Viele Linke und vor allem Linksradikale glauben an Dinge, die nicht real sind.

Wie damals bei der RAF gibt es auch heute verschiedene Strömungen in der linken Szene – und einige Strömungen befürworten eben auch Terror gegen Twingos. Das ist alles nichts Neues, und es war immer links. Oder sind Sprüche wie „Haut die Bullen platt wie Stullen“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ klassische rechtsextreme Sprüche? „Deutschland, verrecke!“ ein Spruch von Neonazis? Wäre mir neu. „Ton Steine Scherben“ eine Neonazi-Band? Mhm, ist klar.

Und noch ein Takt zu Sören Kohlhuber: In zahlreichen Videos (1, 2, 3, 4, 56, 7, 8) ist zu sehen, was Linksextremisten mit jemandem machen, den sie für einen Rechten halten. Wenn ich mir das anschaue, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie Hamburger Autonome in den Demonstrationspausen ihren angereisten Neonazi-Kumpels und Hogesa-Freunden mit Kaffee und Bier aushelfen, ohne zu merken, mit wem sie es zu tun haben.

Fazit: Der Kampf gegen Rechtsextremismus ist sicher wichtig, ohne Frage. Aber bitte, liebe etablierte Linke, nehmt eurem militanten Flügel nicht die Lorbeeren weg. Ihr entehrt eure militante Bürgerkriegsbrigade. Die Gewalt von Hamburg war links, der „Schwarze Block“ ist links. Das sollten gemäßigte Linke anerkennen – auch wenn es nicht in ihr derzeitiges Narrativ passt.