Die ARD lieferte kürzlich ein großartiges Paradebeispiel für das Phänomen der politischen Korrektheit. Wer nicht weiß, was politische Korrektheit bedeutet und wie sie unser Denken trübt, schaue sich »Hart aber fair« vom 5. September 2016 an – vor allem diesen bei Youtube verlinkten Ausschnitt:

Die Sendung ist erstaunlich, denn hier darf ein AfD-Mitglied einmal ausreden, ohne sich gleich den Vorwurf einzuhandeln, Rechtspopulist oder gar Nazi zu sein. Denn das eingeladene AfD-Mitglied war der frühere SPD-Politiker Guido Reil, nach wie vor »Sozi«, wie er selbst sagt, Betriebsrat und Gewerkschafter – nur eben zur AfD übergelaufen. Er berichtet aus dem Ruhrgebiet.

Migranten mit Deutschen relativieren?

Vor allem erstaunlich ist Frank Plasbergs Reaktion auf eine Relativierung seitens der SPD-Politikerin Gesine Schwan. Das ist in meiner Wahrnehmung etwas Neues in den deutschen Medien. Reil erwähnte das Problem der sexuellen Belästigung in Schwimmbädern durch Migranten – und Schwan erwiderte, das »größte Problem« seien Sexualdelikte in deutschen Familien. Und hier wird es interessant: Hier zeigt sich das Phänomen der politischen Korrektheit in Reinform.

Gesine Schwans Einwand ist in etwa so, wie wenn wir über Leguane als Haustiere sprechen und jemand einwirft, Katzen seien doch viel häufiger. Es ist ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver und der Versuch, ein Thema zu unterdrücken, indem man auf ein anderes umleitet.

Dieses Relativieren ist häufig zu beobachten: Kaum thematisiert jemand auf einer Party mit disperser Teilnehmergruppe die Verbrechen Stalins, würgt ein anderer die Diskussion mit Verweis auf die viel schlimmeren Verbrechen der Nationalsozialisten ab. Bemerkenswert unlogisch ist die meist zugleich erhobene Behauptung, das Gegenüber wolle die Nazi-Verbrechen relativieren und damit verharmlosen – ein ungeheuerlicher Vorwurf, zumal es sich aus dem Gesagten nicht ergibt, weil die Nazi-Verbrechen nicht Thema waren. Das Relativieren findet sich tatsächlich eher bei den politisch Korrekten, nicht bei jenen, die einzelne Themen auch gerne einzeln besprechen wollen.

Gesine Schwan ist komplett politisch korrekt

Und so ist eine differenzierte Betrachtung der Dinge unter der Knute der politischen Korrektheit schlicht nicht möglich – weil immer wieder Leute wie Gesine Schwan hineinfunken, die wie Trolle im Internet vom Thema ablenken.

An dieser »Hart-aber-fair«-Sendung sehen wir aber nun im Jahr 2016, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk offenbar im Begriff ist, den Nasenring der politischen Korrektheit abzulegen. Direkt nach Gesine Schwans Totschlagargument lässt Plasberg ein Foto des Tumultes vor dem Kölner Hauptbahnhof Silvester 2015/2016 einblenden und greift noch relativ ruhig die Relativierung Schwans an: »Ihre reflexartige Reaktion, zu sagen, das größte Problem ist die sexuelle Gewalt in deutschen Familien – machen Sie nicht gerade mit solchen Sätzen AfD-Wahlkampfhilfe par excellence? […] Ich kenne viele Familien, bei denen ist an dem Tag die Diskussion über Flüchtlinge gekippt.« Daraufhin versucht Schwan, die Übergriffe von Köln mit einer weiteren Relativierung zu verharmlosen – mit dem Hinweis darauf, dass es ähnliche Vorfälle zuvor »genau so« gab. »Nicht genau so«, unterbricht Plasberg, und Schwan lenkt ein: »Es war vielleicht nicht in der genauen Zahl.«

Plasberg durchbricht politisch korrekte Sitte

Angesichts dieser weiteren Relativierung, mit der Gesine Schwan die Sexualdelikte in Köln kleinreden will, wird Plasberg allmählich ungehalten und unterbricht Gesine Schwan brüsk: »Entschuldigung, Frau Schwan. Was macht es besser, wenn wir wissen, dass es das schon einmal gab, wenn wir jetzt wissen, dass es vor allen Dingen Nordafrikaner waren, wenn wir jetzt wissen, dass ein SPD-beeinflusstes Polizeipräsidium mit einem SPD-geführten Innenminister [sic!] nach vielen Jahren Statistiken so gepflegt haben, dass es nicht publik wurde, dass es erst an die tausend Fälle bedurfte, um das ans Tageslicht zu bringen, was Sie jetzt ans Tageslicht bringen: Das gab’s schon immer! Da müssen Sie sich doch entscheiden: Was war denn?« Im weiteren Verlauf behauptet Schwan, sie wolle gar nichts »wegschieben« – obwohl sie genau das versucht hat, indem sie von den Übergriffen in Köln ablenken und die Aufmerksamkeit auf das völlig andere Thema der Sexualdelikte in deutschen Familien lenken wollte.

Was Plasberg hier bewundernswerterweise macht: Er durchbricht die bisher in vielen Medien gängige Sitte, die politisch korrekten Erklärungsmuster linker Politiker zu übernehmen. Er gibt als Moderator mit seiner persönlichen Meinung sogar selbst Contra, statt das seinen Talkgästen zu überlassen. Es ist erfrischend, als sähen wir nicht »Das Erste«, kontrolliert von Rundfunkräten, die qua politischem Proporz entscheiden, wer in einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt Intendant wird. Zugleich erkennen wir an Gesine Schwans Argumentationslinie ganz klar, was die Schreiber und Kommentatoren im Blog »PI News« unter »linksverdreht« verstehen. Es mag sein, dass diese Logik vorwiegend links ist – in meinen Augen ist sie zunächst eine unpolitische rhetorische Schleife namens »Totschlagargument« und zutiefst unlogisch und agitatorisch. Natürlich lässt sie sich politisch aufladen.

Wer sagt, alle Flüchtlinge seien kriminell?

Kanzleramtsminister Peter Altmeier (CDU) stellte im Anschluss noch klar, er wolle keine Gewalttat verharmlosen – und es sei »unredlich« zu sagen, alle Flüchtlinge seien kriminell und zu sagen, die Flüchtlinge seien die Einzigen, die kriminell sind. Doch das hatte der frühere SPD-Mann Reil auch nicht behauptet.

In der Tat: Es ist ein Denkfehler zu glauben, ein Delikt sei kein Thema, weil andere Delikte häufiger seien. Wenn wir über Leguan sprechen, stört Katze – jedes Ablenkungsmanöver zerstört die Debatte und leitet auf Dinge über, die nicht Thema sind. Dass Plasberg diese übliche politisch korrekte Argumentationslinie öffentlich angreift, in der eine SPD-Politikerin das eine Verbrechen durch Verweis auf ein anderes Verbrechen relativieren und verharmlosen will, ist erstaunlich für das deutsche Fernsehen. Es ist zu hoffen, dass Plasberg das nicht den Posten kostet.