Wer lässt sich schon gerne für dumm verkaufen und bezahlt auch noch dafür? Ich nicht. Und darum habe ich nun, nach etlichen Jahren, mein „Spiegel“-Abo gekündigt.

Das Blatt, das früher einmal ein Nachrichtenmagazin war und als „Sturmgeschütz der Demokratie“ galt, ist derzeit nicht lesbar. Ich habe zurzeit schlicht keine Ahnung, ob stimmt, was im Heft steht. Ich kann mich nicht darauf verlassen.

Keine ergebnisoffene Recherche

Das Problem beim „Spiegel“ ist: Die Leute dort recherchieren nicht ergebnisoffen. Sondern sie gehen ganz offensichtlich mit einem Skript im Kopf an die Arbeit. Die Tendenz eines Beitrags steht offenbar fest, bevor man zur Recherche ausrückt. Widersprechen die recherchierten Informationen dem Skript im Kopf, ignoriert man sie oder biegt sie sich zurecht. Journalismus ist das natürlich nicht. Das ist Agitation. Für Agitation soll ich bezahlen? Sicher nicht.

Die Agitation des „Spiegels“ vermittelt – möglicherweise unfreiwillig – eine ziemlich abstruse Geisteshaltung, der ein ebenso abstruses Welt- und Menschenbild zugrundeliegt.

Nehmen wir den Beitrag „Aus der Deckung“ im „Spiegel“ 14/2015, der zumindest zweifelhaft ist. Darin schreibt die Autorin Ann-Katrin Müller über ihr Gespräch mit der Prostituierten Fabienne Freymadl. Dieser Bericht gefällt Fabienne Freymadl nicht allzu sehr – sie wirft der Autorin auf ihrer Website massive Manipulationen vor (hier ein PDF des „Spiegel“-Beitrags). Laut „Spiegel“ trug Freymadl beim Interview beispielsweise ein durchsichtiges schwarzes Top, laut ihrer eigenen Darstellung aber einen züchtigen Pulli. Auch sonst habe die Autorin einiges verdreht:

„Regulierung […] brauche man nicht“, hätte ich gesagt, so haben Sie geschrieben. Das ist so nicht richtig. Eine Überregulierung, die an der Lebenswirklichkeit der Sexarbeiter_Innen vorbeigeht, brauche man nicht. So ist das richtig. Schade, dass Sie den Unterschied nicht erkannt haben.

Seltsam, oder? Auf meine Nachfrage hin schreibt mir Ann-Katrin Müller per E-Mail:

Die Eingangsszenerie, inklusive durchsichtigem Oberteil und Blicken vom Nachbartisch, war genau wie beschrieben, erfunden habe ich nichts. Ebenso habe ich Frau Freymadl nicht gebeten, lauter zu sprechen. Das war gar nicht nötig, das Aufnahmegerät ist sehr gut. Ich hatte sie vor Beginn der Aufnahme lediglich korrekterweise gefragt, ob ich es anschalten darf, sie bejahte. Auch sonst wurde meinerseits nichts verdreht oder verkürzt. Frau Freymadl hat alle Zitate schriftlich autorisiert, auch die, die ich in indirekter Rede verwendet habe.

Regulierung oder Überregulierung?

Durchsichtiges Oberteil oder Pulli? Keine Regulierung oder keine Überregulierung? Keine Ahnung. Hier steht nun Aussage gegen Aussage. Einfach nur Missverständnisse? Hm. Seltsam viele. Und in ihrer E-Mail verrät Ann-Katrin Müller auch nicht, wie sie sich den plötzlichen Sinneswandel der Interviewten in so vielen Punkten erklärt. Oder ist das eben Journalismus? Nein, denn natürlich ist es keine Zuspitzung, die Information „keine Überregulierung, die an der Lebenswirklichkeit der Sexarbeiterinnen vorbeigeht“ zur Information „keine Regulierung“ zu machen. Es ist falsch. Ganz einfach.

Gehen wir zum Inhalt – also zu den Positionen, die Fabienne Freymadl vertritt. Die will ich erfahren bei so einem Text. Deshalb lese ich ihn. Und fast wäre ich dem „Spiegel“ auf den Leim gegangen und hätte geglaubt, dass Fabienne Freymadl eine rotzige und rücksichtslose Lobbyistin einer alles andere als transparenten Lobby ist. „Der BesD hat laut Freymadl eine Mitgliederzahl in dreistelliger Höhe, Genaueres möchte sie nicht sagen“, schreibt Ann-Katrin Müller und vermittelt mir als Leser damit, dass Fabienne Freymadl mit relevanten Informationen hinter dem Berg hält. Und die manipulative Meinungsmache funktioniert. Ich denke: Frechheit!

Doch nachdem ich Fabienne Freymadls Stellungnahme gelesen habe, denke ich anders darüber. Sie schreibt:

Ich erinnere mich auch dran, dass Sie wissen wollten, wieviel Mitglieder wir haben. Na? Was habe ich geantwortet? Damit ich nicht lange auf eine Antwort warten muss, die sowieso nicht kommt, hier die Auflösung: Ich weiss es (noch) nicht genau, denn ich pflege die Mitgliederzahlen nicht ein.

Bezahlen für die Unwahrheit

Das Wort „möchte“ in dem Satz „Genaueres möchte sie nicht sagen“ ist also was? Falsch. Genau. Es sagt, dass Fabienne Freymadl die Information hat, aber nicht herausgeben will. Und wem tischt Ann-Katrin Müller diese Unwahrheit auf? Mir, ihrem Leser, von dessen Konto regelmäßig Geld für das „Spiegel“-Abo abgeht – Geld, von dem Ann-Katrin Müller letztlich lebt. Bin ich eigentlich bescheuert? Ich bezahle Leute dafür, dass sie mir Halbwahrheiten servieren? Und das ist der Punkt: Der Stil ist nicht nur gegenüber Fabienne Freymadl unverschämt, sondern vor allem auch gegenüber der Öffentlichkeit, der man als Journalist verpflichtet ist.

Auch Holger Rettig vom „Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland“ (UEGD) wehrt sich gegen Ann-Katrin Müllers Beitrag, weil er sich absichtlich missverstanden fühlt. Er schreibt beispielsweise:

Zitat Spiegel
Die Sache hat sich gelohnt, Rettig ist zufrieden mit den Eckpunkten des Gesetzes. Es wird beispielsweise kein auf 21 Jahre erhöhtes Mindestalter für Prostituierte geben, keine verpflichtenden Gesundheitsuntersuchungen.

UEGD
Die Spiegel-Autorin hätte gut daran getan, die Stellungnahme des UEGD im Rahmen der Anhörung zum neuen Gesetzesvorhaben im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu lesen. Darin hat der UEGD erläutert, warum er weder für noch gegen ein Mindestalter von 21 Jahren ist.

Ach. Sieh an. Rettig ist gar nicht zufrieden damit, dass das Mindestalter nicht auf 21 erhöht wird. Aber eben auch nicht unzufrieden. Ohne Rettigs Klarstellung – und wenn er zehnmal ein Puffbetreiber ist oder war – fehlt ein entscheidender Fakt. Wer hält hier also mit relevanten Informationen hinter dem Berg? Der „Spiegel“ mit seiner agitierenden Darstellungsweise.

Meinungen als Basis für die Recherche?

Das Weltbild hinter Ann-Katrin Müllers Beitrag ist recht einfach zu qualifizieren: Es ist kleinkariert. Es denkt eng und kurzsichtig und ist eine Art Denken auf Autopilot. Beispielsweise gehört es zum Weltbild, Prostitution moralisch zu verurteilen. Die Basis, auf der der Text beruht, ist eine Meinung. Und das macht das Ganze zur Agitation (im Journalismus wären Fakten die Basis). Wegen des Ruches ist jeder in der Rotlichtszene per se „dubios“, wie Ann-Katrin Müller die einschlägigen Verbände schon im Vorspann nennt. Damit will sie uns, die Leser, in eine Richtung lenken, in der wir denken sollen. Wir sollen ihr in ihrer Meinung folgen, dass die Verbände dubios seien. Doch „dubios“ (also zweifelhaft) ist ja vielleicht eher auch ein Journalismus, der dem Leser, der Verlag und Redaktion finanziert, gefärbte und verdrehte Informationen auftischt.

Zum Weltbild hinter Ann-Katrin Müllers Beitrag gehören auch jede Menge Vorurteile stereotyper Art, die sich als unhinterfragte Aussagen im gedanklichen Horizont der Autorin befinden. Rettig als ehemaliger Puffbetreiber hat natürlich ein mieses Image und weiß das auch – wie sollte es auch sonst sein? (Dass Medien das Image erschaffen, schreibt er in seiner Stellungnahme.) Nächstes Klischee: Das Rotlichtgewerbe ist übel – nur so kann man es „schönreden“, wie Ann-Katrin Müller behauptet. Zudem kann es nicht sein, dass jemand gerne Sexarbeiter ist – für diese dann doch sehr absolut formulierte These zitiert Ann-Katrin Müller eine Prostituierte, die nach eigenen Worten in falsche Kreise geraten war und eben aus ihrer Situation heraus spricht.

Nun kann man das Rotlichtgewerbe natürlich kritisieren, und den Menschenhandel sowieso (der aus Sicht von Fabienne Freymadl schlicht ein anderes Thema ist, also off-topic). Man kann glauben, es gebe keine glücklichen Sexarbeiter. Ist alles Ansichtssache und legitim. Man kann das denken. Man kann auch denken, dass es glückliche Sexarbeiter gibt. Und natürlich geht Prostitution auch oft mit Menschenhandel einher, aber eben offenbar nicht immer, wie sich aus den Worten von Fabienne Freymadl ergibt. „Oft“ ist in jedem Fall etwas anderes als „immer“, und der sachliche Unterschied ist so klar wie der zwischen „keine Regulierung“ und „keine Überregulierung, die an der Le­benswirklichkeit der Sexarbeiterinnen vorbeigeht“. Diesen Unterschied zu nivellieren, würde heißen, die Unwahrheit zu sagen.

Doch ob man für oder gegen Prostitution ist, ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist: Ich will als Leser ungefärbte Informationen bekommen, um mir eine Meinung zu bilden. Ich will mich nicht von einer Ann-Katrin Müller in eine gedankliche Ecke drängen lassen, in der man ihrer Ansicht nach stehen sollte. Es geht die Frau nichts an, was ich denke, sie hat mich an dieser Stelle nicht zu indoktrinieren. Umgekehrt interessiert auch mich ihr stereotypes Denken nicht; das würde ich eher als ihre kognitive Aufgabe einordnen, die sie als Journalistin tunlichst in Angriff nehmen sollte. Und ihre Vorurteile interessieren mich auch nicht. Mich interessiert die Realität! Ich will wissen, was Leute wie Freymadl und Rettig denken. Wie sie wirklich ticken. Nicht, wie sie nach Ansicht einer Journalistin vielleicht ticken. Ich will nicht wissen, was sich Ann-Katrin Müller ausmalt und wie sie die Realität beurteilt. Ich will wissen, wie es um die Realität steht!

Was Ann-Katrin Müller denkt, ist unerheblich

Um es noch deutlicher zu sagen: Es ist vollkommen unerheblich, was Ann-Katrin Müller denkt. Es geht darum, was Sache ist. Wenn das Thema Prostituierte behandelt, die nicht versklavt sind, dann behandelt das Thema Prostituierte, die nicht versklavt sind. Ganz einfach. Anderes passt nicht in die Geschichte, und es gehört zum journalistischen Handwerk, alles rauszulassen, was off-topic ist. Wenn wir über Hund reden, stört Katze. So ist das nun einmal. Ann-Katrin Müller bekommt deswegen ja auch keinen flüssigen Text zustande. Die Geschichte ist ja eben deswegen so störrisch, weil ständig Off-topic-Aspekte stören, die infolge einer ideologischen Indoktrination unbedingt zwischen den Zeilen stehen müssen. Doch wovon die Autorin selbstverständlich ausgeht, ist nun einmal nicht sicher gegeben. Deswegen holpert es im Text, und eine Kernaussage lässt sich so einfach nicht finden.

Doch das Weltbild mancher Menschen ist eben meinungsgetrieben. Es erlaubt es nicht, einfach nur nüchtern zu berichten. Es ist wie bei der Versteigerung eines von Adolf Hitler gemalten Bildes, bei der manche Schreiber unbedingt mehrfach betonen müssen, wie amateurhaft und künstlerisch wertlos das Bild ist. Es ist wieder ein Denken auf Autopilot: Hitler muss man runtermachen, wo es geht – das ist der Leitgedanke. Also liest der Leser vor allem jede Menge irrelevante Meinung statt einfach einen Bericht über eine Auktion.

Der handwerkliche Fehler besteht hier darin, Betrachtung und Bewertung nicht voneinander zu trennen. Hinzu kommt eine Art der Bevormundung, wie sie immer häufiger anzutreffen ist in Deutschland: Jemand will uns vorschreiben, was wir zu denken haben. Im Grunde ist es eine intellektuelle Beleidigung, wenn uns jemand nicht zutraut, uns selbst eine qualifizierte Meinung zu bilden. Es ist eine Frechheit, uns zu unterstellen, wir bräuchten fremde Hilfe zum Denken, und es ist übergriffig, uns eine Haltung vorzuschreiben. Der „Berufsverband Sexarbeit“ bringt es auf den Punkt, indem er von einem angeblich nötigen paternalistischen Schutzgedanken spricht:

Ann-Katrin Müller opfert in ihrem Artikel unter dem Vorwand eines angeblich nötigen paternalistischen „Schutzgedankens“ die Belange aller in der Branche Tätigen einer sexarbeitsfeindlichen Ideologie. Eine inzwischen traurige Tradition des SPIEGEL, der in der Vergangenheit beim Thema Sexarbeit bereits mehrfach durch „Journalismus auf Lücke“ glänzte.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, ohne Rotlicht. Im Blog des Unternehmens Seibert Media steht die Geschichte „Wie wir dem ,investigativen Qualitätsjournalismus’ des Spiegel auf den Leim gingen“. Dazu ergeht ein ultimativer Lesebefehl – bitte nicht vom Marketing-Autismus (Schreibweise: „//SEIBERT/MEDIA“) stören lassen. Eine gute Zusammenfassung findet sich zudem bei Meedia. Der Anlass ist ähnlich wie bei der Geschichte über Frau Freymadl: Auch die „Spiegel“-Autorin Kristiana Ludwig, die das Unternehmen zur Recherche besucht hat, recherchiert nicht er­gebnisoffen, sondern unterwirft die Wirklichkeit ihrem Weltbild („Spiegel“ 17/2015, Seite 59).

In Kürze sei gesagt: Für das konstruierte Skript im Kopf brauchte der „Spiegel“ einen Ausbeuter-Arbeitgeber, landete aber leider bei einem hoch modern geführten Unternehmen mit extrem flachen Hierarchien. Von Unternehmensführung haben die beteiligten Redakteure offenbar keine Ahnung, weswegen sie den Schuss nicht hörten und nicht erkannten, dass sie ein Unternehmen wie Semco vor sich haben und dass sich zeitgemäße Unternehmen eher Semco zum Vorbild für moderne Personalführung nehmen als eine traditionelle Struktur. Es befindet sich zudem offensichtlich vollkommen außerhalb des Weltbildes der „Spiegel“-Autoren, dass Mitarbeiter in einem modern geführten Unternehmen glücklich sein können, sodass eben niemand auf die Idee kommt, einen Betriebsrat zu gründen. Wozu auch? Wofür sollte der Betriebsrat denn kämpfen, wenn die Leute mit ihren Arbeitsplätzen zufrieden sind? Die Selbstaussage der „Spiegel“-Leute, die ein erfolgreicher Selbstständiger oder Unternehmer sofort erkennt, spricht in diesem Zusammenhang ja für sich.

Arbeitgeber sind natürlich Ausbeuter

Die stereotypen Denkmuster dieser „Spiegel“-Truppe bestehen – ähnlich wie bei der Prostituiertengeschichte – aus Vorurteilen: Arbeitgeber sind tendenziell Ausbeuter, Arbeitnehmer sind die Guten, Arbeitnehmer sind schwach und müssen sich gegen Arbeitgeber wehren – alles längst zu Ende gehender, ideologischer Klassenkampf-Gedankenmüll, was auch alle mitbekommen, die sich für neue Arbeitsformen interessieren. Doch beim „Spiegel“ regiert wieder der paternalistische Schutzgedanke der politisch korrekten Fraktion: Die Redakteure Markus Dettmer, Kristiana Ludwig und Cornelia Schmergal legen eine Haltung aus der alten Welt bei einer Geschichte über ein Unternehmen aus der neuen Welt zugrunde und skandalisieren die harmlosesten Dinge, nur um zu skandalisieren. Informationswert: null.

Ist das Journalismus? Nein. Es ist vieles, aber kein Journalismus. Es ist belehrend, antiliberal, besserwisserisch, es ist Agitation. Und zugleich ist es das Ergebnis elementaren Unwissens, von mangelnder Lebenserfahrung und von Naivität. Dafür bezahle ich sicher nicht mehr regelmäßig Geld.

Interessant ist, dass Kristiana Ludwig in einer E-Mail an Seibert Media tatsächlich eine Zuspitzung einräumt, wobei wohl eher der Ausdruck „Für-blöd-Verkaufen des Lesers“ angebracht wäre:

Sie haben […] Recht damit, dass der Text durch eine starke Raffung in der Redaktion eine Zuspitzung bekommen hat. In einer längeren Version war sowohl das Agile-Konzept als auch unsere Unterhaltung über den Betriebsrat ausführlicher erläutert.

Sieh an. Aber die Konsequenz einer sachlichen Auseinandersetzung in der Redaktion zieht die Dame nicht? Sie kämpft nicht für den Kontext? Beziehungsweise sie verliert diesen Kampf und steht dann doch mit ihrem Namen für die verfälschte Version? Wieso das? Und dann wird es skurril in ihrer E-Mail, weil die Schreiberin selbst nach einem solchen vernichtenden Feedback in einem Unternehmensblog zu ihrer fragwürdigen journalistischen Leistung immer noch zu denken scheint, das Unternehmen wolle noch mit dem „Spiegel“ zu tun haben:

Doch dies ist bestimmt nicht der letzte Artikel, den wir über die Herausforderung einer digitalen Wirtschaft schreiben werden. Wenn Sie einverstanden sind, melde ich mich bei Ihnen, wenn wir uns wieder innovativen Unternehmenskonzepten widmen.

Die Frau scheint nicht von dieser Welt zu sein. Ohnehin werde ich den Gedanken nicht los, dass man sich beim „Spiegel“ für äußerst unwiderstehlich hält – und hier ist genau das Problem. Wenn „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben, der ein guter Mann ist, mit seiner Qualitätsoffensive erfolgreich sein will, sind vermutlich ziemlich viele Kündigungen nötig. Die Autopilot-Denker und Meinungsagitatoren würde ich allesamt feuern.

Der „Spiegel“ versagt bei der Kundenorientierung

Es ist wirklich schade um den „Spiegel“. Beim „Spiegel“ hat man noch nicht begriffen, dass es auch hier um Kundenorientierung geht – die Leute wollen klare Informationen, keine Agitation. Ebenfalls nicht begriffen hat die „Spiegel“-Redaktion, dass sie mit ihrem Stil am eigenen Ast sägt. Ob die Mitarbeiter der Abo-Abteilung hin und wieder mal den Redakteuren klarmachen, dass sie nicht weiter ihre Jobs in Gefahr bringen sollen? Ich denke, der „Spiegel“ braucht ein völlig anderes Selbstverständnis: Die Leute müssen runter vom hohen Ross und mehr Respekt zeigen nicht nur gegenüber den Leuten, die ihre Gehälter finanzieren, sondern auch vor der Wahrheit.

Hinzu kommt: Unsere Demokratie braucht sehr dringend eine Instanz wie den „Spiegel“, jedenfalls so, wie er früher einmal war. Und gerade weil Print es immer schwerer hat, ist mir unbegreiflich, weshalb der „Spiegel“ agitiert, statt sich aufs Handwerk zu besinnen, was dringend nötig wäre. Warum schadet sich der „Spiegel“ so konsequent selbst?

Das Entlarvende über das Denken beim „Spiegel“ ist in der Seibert-Media-Geschichte folgende Passage:

Der Witz an der Sache sind die Suggestivfragen gewesen, die Sie den Kollegen gestellt haben. Sie konnten sich laut eigener Aussage schwer vorstellen, so selbstorganisiert und eigenverantwortlich zu arbeiten (sic!) und die dafür notwendige Energie dauerhaft aufbringen zu können. Danach haben Sie Ihre (angeblich) eigene Situation geschildert, dass Sie hin und wieder so gar keine Motivation hätten und auch mal eine Woche am liebsten nur durch Facebook & Co. klicken würden. (Wenn das der Chefredakteur hört!) Ihre Frage lautete dann, wie sich das bei uns verhalten würde.

Es ist lustig, denn die Leute bei Seibert Media kapieren genau, worum es geht – und das ist auch klar, denn sie arbeiten ergebnis- und sinnorientiert und erkennen den Besuch einer Redakteurin vom „Spiegel“ (Datenträger: Papier) tendenziell schon vorher als Zeitverschwendung. Die ticken nicht 1.0 wie die Leute beim „Spiegel“, sondern sind eben ein modernes Haus.

Wenn sich das Beschriebene jedenfalls wie beschrieben zugetragen hat, zeigt sich darin auch noch einmal eine unfreiwillige Selbstaussage: Die Autorin bezeichnet sich selbst als unfähig zum selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Arbeiten und begründet damit, warum sie so wenig vom modernen Arbeitsleben versteht. Intrinsischer Antrieb ist ja eben eine Schlüsselkompetenz, ohne die man bei Seibert Media gewiss nicht anfangen kann. Aber wir sind ja beim „Spiegel“, und da ist ja Arbeit lästige Pflicht, Arbeitnehmer sind gut, Arbeitgeber sind böse, und der Sinn des Lebens sind Feierabend, Wochenende, Urlaub und Ruhestand. Dass Arbeitnehmer heute selbstbestimmt arbeiten können und dass Arbeit und Erfolg Freude machen können, hat sich bis in die Redaktionsräume des „Spiegels“ offenbar noch nicht herumgesprochen.

Also – Schluss mit dem „Spiegel“ und der Verarschung, für die ich auch noch bezahle.