Als Sprachmensch mache ich immer wieder die gleiche Erfahrung: Sprachkompetenz gilt nicht als Handwerk. Prinzipiell akzeptieren Unternehmen schon, dass sie Externe zubuchen sollten, wenn sie etwas selbst nicht leisten können – nur bei der Sprache gilt das nicht. In den meisten Unternehmen scheint man zu glauben, wir hätten das Sprechen und Schreiben in der Schule gelernt.

So kommunizieren viele Leute munter an ihren Botschaften vorbei, und das oft in einer Sprache, die kaum verständlich ist. Die Deutsche Bahn AG beispielsweise kommuniziert eine sogenannte 3-S-Zentrale – ein kryptischer und erklärungsbedürftiger Begriff, den kaum jemand kennt, der nichts zur Sache tut und der vor allem in seiner Übersetzung ins Englische vollends sinnlos wird:

3szentrale-web585

Oder die Menschen in Unternehmen verknoten sich in krudestem Marketingdeutsch:

brotgratis-web-585

Oder sie stammeln irgendetwas daher, statt Sprache zu verwenden:

b5del14-web-585

Oder sie sagen nicht, was sie meinen:

zimmerschluessel-web-585

Vor allem, dass viele Menschen Dinge sagen, die sie nicht meinen, ist typisch bei mangelndem Sprachgefühl. Gewerkschaften fordern beispielsweise „weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“ – da sage ich als Arbeitgeber: Gern! Arbeitet weniger, und ich gleiche euch das im Lohn voll aus. Vermutlich meinen die Arbeitnehmervertreter „weniger Arbeit bei gleicher Bezahlung“. Warum sie es dann nicht sagen? Weil sie nie gelernt haben, wie Sprache funktioniert. Die Schule bringt es uns nicht bei, die Uni schon gleich gar nicht.

Klartext in der Mathematik? Selbstverständlich!

Wechseln wir den Rahmen, beispielsweise von der Sprache zur Mathematik, ist allen sonnenklar, dass wir uns klar ausdrücken sollten. Die Gleichung „2x=4“ mag korrekt sein, aber das genügt einem Mathematiker nicht; er will die Gleichung gekürzt haben. Also geht die Aussage erst dann ohne Gemecker durch die Prüfung, wenn wir „x=2“ sagen – obwohl es die gleiche Aussage ist.

In der Sprache aber ist es normal, dass Menschen ihre komplizierten Aussagen nicht kürzen, obwohl das hier ebenso geboten wäre: Aus „Beantragung durchführen“ wird simpel „beantragen“, und das natürlich schriftlich und mündlich. Klartext hat nicht unbedingt mit dem Schreiben zu tun, sondern erst einmal mit prägnantem Ausdruck – und der lässt sich ja nun schreiben und sprechen. Ein Schachtelsatz ist immer schwerer zu verstehen als ein einfacher Satz, geschrieben oder gesprochen.

Doch nicht nur der allgemeine Mangel an Sprachgefühl trägt zum Gestammel in der Unternehmenskommunikation bei. Auch die Rechtschreibreformen haben eine Menge Sprachbewusstsein zerstört. Aus lauter Verunsicherung schreiben wir Dinge getrennt, die natürlich niemals getrennt zu schreiben sind: „Damit sollten wir uns auseinander setzen“, lese ich in einer E-Mail zwischen Unternehmen und Zulieferer und sehe, wie sich zwei Menschen auf Stühlen weiter auseinander setzen, statt sich mit einer Sache auseinanderzusetzen. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob man jemanden „festnagelt“ oder „fest nagelt“ und ob man jemanden „hängenlässt“ oder „hängen lässt“ – aber leider gehen diese Nuancen in der deutschen Sprache derzeit verloren. Schade!

Rückblick in der Geschichte: Die Fraktur

Wenn wir in der Geschichte der deutschen Sprache ein wenig zurückblicken, landen wir sehr rasch in der Zeit der Frakturschrift. In der Fraktur, also in der gebrochenen Schrift, fanden sich Nuancen, die heute längst vergessen sind. Zugleich können wir fast alle die Fraktur noch lesen, wie sich rasch an folgenden Beispielen zeigt. Das „k“ und das „tz“ in „Marktplatz“ machen uns keine größeren Schwierigkeiten:

marktplatz-fraktur-web-585

Lesbar: „Marktplatz“

Oder nehmen wir die „Bad. Staatsbrauerei Rothaus A.G.“ – all das ist problemlos zu lesen:

starkbier-web-585

Lesbar: „Starkbier“

Selbst beim „Fürst-Abt Märzen“ stolpern wir nicht über das seltsame lange „s“ im „st“, und auch das „z“ ist lesbar:

fuerstabt-web-585

Lesbar: „Fürst-Abt“

Oder nehmen wir diese Spruchtafel:

wirlebensodahin-web-585

Lesbar: „Daß jeder Augenblick …“

Das große W von „Wir“ funktioniert, das Wörtchen „so“ trotz des merkwürdgen „s“, das große A in „Augenblick“. Die Fraktur umgibt uns nach wie vor, und in aller Regel können wir sie lesen.

Hitler hat die deutsche Schrift verboten

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Weshalb gibt es in der Fraktur zwei verschiedene „s“? Einmal das kleine s wie am Ende des Wortes „Rothaus“, dann aber ein seltsames s, das etwas wie ein „f“ aussieht, im „Fürst-Abt“? Warum lesen wir am Ende von „Das“ ein „s“, wie wir es heute kennen, am Anfang von „so“ aber nicht? Und schon sind wir auf der Spur einer sprachlichen Nuance, die wir im Deutschen einmal hatten und die verlorengegangen ist, nachdem Adolf Hitler im Jahr 1941 per Führerbefehl alle Drucksachen auf lateinische Schrift umstellen ließ.

Die Regel ist simpel: Das sogenannte Schluss-s, das unserem kleinen s am nächsten kommt, schreibt sich in der Fraktur nur am Ende von Wörtern und Wortteilen und in einigen anderen Ausnahmen wie zum Beispiel vor den Buchstaben d, k, m, n und w. Und es dient als Fugen-s. Ansonsten setzt man das Lang-s. Am deutlichsten zeigt sich der Sinn bei Wörtern wie „Wachstube“. Ist die „Wach-Stube“ gemeint oder die „Wachs-Tube“? Das ergibt sich aus der Schreibweise:

wachstube

Oben: „Wachs-Tube“, weil Schluss-s in „Wachs“. Unten: „Wach-Stube“

Dass wir zwei verschiedene „s“ hatten, war also sinngebend. Mit diesem Wissen erkennen wir sofort, dass das Wort „Deutschland“ mit Schluss-s auf dem durchtrainierten Unterarm eines national gesinnten Mannes falsch ist:

deutschland-falsch1-web-585

Falsch: Im „sch“ steht kein Schluss-s.

Selbst wenn der national Gesinnte sich wegen des Fehlers die Tätowierung entfernen und neu unter die Haut tinten lässt, läuft er Gefahr, sich ohne Kenntnis der deutschen Sprache einen Fehler auf den Arm fabrizieren zu lassen. Zwar hat er zunächst einmal richtig gedacht und das Schluss-s durch ein Lang-s ersetzt, wie es sich gehört:

deutschland-falsch2-web-585

Immer noch falsch: Das „ch“ sollte als Ligatur dargestellt sein.

Aber dennoch ist die Schreibweise falsch, weil das „ch“ natürlich eine Ligatur ist. Das heißt: Beide Buchstaben berühren einander. Zugleich rückt das Lang-s näher an das „ch“ heran, sodass es über das „c“ hinüberreicht:

deutschland-richtig-web-585

Korrekt: „Deutschland“ mit Lang-s und Ligatur

Jedem national gesinnten Menschen, der sich den Begriff „Deutschland“ auf die Haut tätowieren lässt, sei also ein zumindest geringes Maß an Interesse an der deutschen Sprache angeraten – und natürlich auch das historische Bewusstsein um die Tatsache, dass der „Führer“ die Fraktur überhaupt nicht mochte. Für mehr Interesse an der Sprache appelliere ich sowieso, auch bei Unternehmen – auch bei denen, die keine T-Shirts für die rechte Szene produzieren, sondern bei allen, die öffentlich kommunizieren.

In Titeln von Zeitungen sind wir die Fraktur auch noch gewohnt, und wir lesen sie problemlos. Wohltuend finde ich es, wenn Verlage auch heute noch das Lang-s richtig setzen, auch wenn das Logo der „Kölnischen Rundschau“ mit der korrekten Ligatur „ch“ schöner wäre:

koelnischerundschau-web-585

Fast korrekt: „kölnisch“ und „Rundschau“ mit Lang-s, aber ohne „ch“-Ligatur

Die deutlichste Spur, weshalb der Ausflug in die Fraktur wichtig ist, ist das verlorengehende „ß“. Wir schreiben nicht mehr „daß“, sondern „dass“, zugleich aber bleibt es beim „Fuß“ mit der Begründung, das „u“ sei lang – für mich eine hanebüchene Argumentation der Kultusministerkonferenz, da sich das „ß“ aus der Schreibweise von Wörtern ergibt und nicht aus ihrer Aussprache. Das „ß“ ist schlicht eine Ligatur aus dem Lang-s und dem „z“:

sz-web-585

Ein Doppel-s aus zwei Schluss-s zusammengesetzt gab und gibt es nicht, und daher ist das Wort „dass“ eigentlich ein Unding und eine Beleidigung aller Sprachliebhaber.

Wie auch immer – meine Botschaft ist im Kern ganz simpel: Kommunizieren Unternehmen ohne Sprachgefühl, geraten sie rasch und leicht auf Glatteis und machen sich vor dem sprachbegabten Teil der Menschheit lächerlich. In München beispielsweise gibt es Spielzeug und ein Teddymuseum, wobei es im Museum kein Spielzeug gibt, weil ein Strich fehlt:

spielzeug-teddy-web-585

Ohne Strich nach „Spielzeug“: Teddymuseum einerseits, Spielzeug andererseits

Das erkennen Menschen mit Sprachgefühl – und sie wissen zugleich, dass in den Unternehmen jemand am Werk ist, der selbst nichts oder nur wenig von Sprache versteht. Zugleich vermute ich, dass unsere Unternehmen das eigentlich nicht wollen; sie wollen lieber sprachkompetent wirken.

Klare Kommunikation für Marketing und PR

Wie wirkt ein Unternehmen sprachkompetent? Indem es sich mit Sprache befasst, Sprache würdigt, sich klar ausdrückt und Botschaften formuliert, die nicht nur aus der Binnensicht relevant sind, sondern vor allem auch aus externer Sicht. Ohne dieses Wissen halten sich Unternehmen für sprachkompetent, scheitern aber kommunikativ andauernd, ohne es zu merken. Und das in allen Bereichen – auch in Marketing und PR, die traditionell sprachlastig sind.

Wissen Sie, was mein Traum ist? Dass Unternehmen vor dem Handwerk der Sprache die gleiche Achtung haben wie vor anderen Kompetenzen. Denn nur diese Achtung bewirkt langfristig ein Bewusstsein für die Sprache, welches wiederum die Basis für klare Unternehmenskommunikation ist. Ob das jemals der Fall sein wird?