Die Stadt Gersfeld (Rhön) hat mir auf dem Wege der Briefpost schriftlich mitgeteilt, dass Gersfeld (Rhön) Gersfeld (Rhön) heißt.

Das ist außerordentlich von Belang, denn damit ist eindeutig geklärt, wie sich die Stadt schreibt. Und damit ist klar, wie sie heißt. Somit ist auch klar, wie die Stadt Gersfeld (Rhön) nicht heißt. Also ist klar, dass alle anderen Schreibweisen falsch sind. Denn das wären ja dann andere Namen. Und weil der Unterschied zwischen „korrekt“ und „falsch“ außerordentlich wichtig ist, ist es außerordentlich von Belang, dass Gersfeld (Rhön) Gersfeld (Rhön) heißt und nicht anders.

Gersfeld (Rhön) heißt Gersfeld (Rhön) – und nicht anders

Die Stadt Gersfeld (Rhön) setzt sich nachdrücklich dafür ein, dass die Menschheit sie korrekt schreibt, nämlich mit „Rhön“ in Klammern hinter einem Leerzeichen hinter dem Wort „Gersfeld“.

Hin und wieder schreibt sich die Stadt Gersfeld (Rhön) auch selbst. Ein vorbildliches Musterbeispiel für die korrekte Schreibweise der Stadt Gersfeld (Rhön) seitens der Stadt Gersfeld (Rhön) findet sich exemplarisch auf folgender amtlichen Mitteilung:

gersfeld1Korrekt: Schild mit „Gersfeld (Rhön)“

Nun wäre das Leben langweilig ohne Abwechslung. Und so finden sich weitere amtliche Erklärungen der Stadt Gersfeld (Rhön) über die Schreibweise der Stadt Gersfeld (Rhön) – beispielsweise im Dienstsiegel der Stadt Gersfeld (Rhön), was lustig ist, weil die Stadt Gersfeld (Rhön) sich selbst trotz eindeutiger Schreibweise des Namens in diesem Dienstsiegel anders schreibt und sich selbst damit letztlich einen anderen Namen gibt:

gersfeld2

Nicht korrekt: Dienstsiegel mit „Gersfeld/Rhön“

Oder verlassen wir das Kerngebiet der Stadt und wandern wir ein wenig zur Fuldaquelle und auf die Wasserkuppe, Hessens höchsten Berg – denn Gersfeld (Rhön) ist natürlich ein idealer Ausgangspunkt zum Wandern, Mountainbiken, Segelfliegen, Paragliden und Skifahren. Dann begegnen uns weitere erstaunliche Zeugnisse der freiflottierenden Gersfeld (Rhön)er Kreativität in Sachen Formulierungskunst:

gersfeld3Falsch: Schild mit „Gersfeld“

gersfeld4Falsch: Schild mit „Gersfeld“

„Falsch, falsch, falsch!“, möchte man rufen, sofern Kategorien wie Ordnung und Chaos eine Rolle spielen, denn daran gemessen ist die Welt in Gersfeld (Rhön) in der Tat aus den Fugen geraten. Und das kann existenziell werden, wenn die Welt sich nicht an die schöne, Sicherheit gebende Ordnung der Vorschriften hält, sondern ins böse, Angst erzeugende Durcheinander des Lebens abrutscht.

Wobei interessant ist, dass die Stadt Tann (Rhön) ihre Schreibweise offenbar beherrscht, wenn auch unter Zuhilfenahme einer kleinen Schummelei durch eine gedrängte Typografie:

gersfeld5Falsch: Schild mit „Gersfeld“. Korrekt: „Tann (Rhön)“

Sehr erstaunlich: Auf einem Wanderschild heißt die Stadt Gersfeld (Rhön) plötzlich Gersfeld (Rathaus) – ob sich da jemand vertippt hat? Und: Sollte hier das Rathaus von Gersfeld (Rhön) gemeint sein, müsste dann da nicht „Gersfeld (Rhön) (Rathaus)“ stehen?

gersfeld10Falsch: „Gersfeld“ (oben). Falschfalsch: „Gersfeld (Rathaus)“ (unten)

Man beachte: Auch in ihrem Logo heißt die Stadt Gersfeld (Rhön) nicht Gersfeld (Rhön), sondern sie benutzt den Namen einer gewissen Stadt Gersfeld, wo auch immer diese Stadt liegt (wobei ich auch den Sinn der Formulierung „zurück zum Ziel“ nicht verstehe):

zurueckzumzielFalsch: Logo „Gersfeld“

Und auch an anderen Ecken der Gemeinde wollen und wollen sich die Menschen einfach nicht an die korrekte Schreibweise der Stadt Gersfeld (Rhön) halten:

gersfeld6Nicht korrekt: Plan mit „Gersfeld“

gersfeld7Falsch: Plan mit „Gersfeld Rhön“

gersfeld8Falsch: Stadtwappen mit „Gersfeld/Rhön“

Und ja, die Schreibweise von Wörtern ist elementar! Unbedingt! Schließlich ist Karl-Heinz nicht Karl Heinz und nicht Karlheinz, sondern Karl-Heinz. Gerade in einer Verwaltung, die darauf achtet, dass die Realität bitteschön exakt der Aktenlage entspricht (und nicht etwa umgekehrt), sind solche Dinge äußerst wichtig.

Gersfeld (Rhön): Selbst der Hessische Staatsanzeiger ist falsch

Seit ich in Gersfeld (Rhön) lebe und damit Gersfeld (Rhön)er bin – oder bin ich „Gersfelder (Rhön)“? –, habe ich einigen Aufwand bezüglich meiner Adresse. Um das zu erläutern, will ich den Straßennamen meiner Straße, die leider kein Straßenschild hat, auf dem dieser Straßenname stünde, einfach mal genannt haben: Die Straße heißt „Langenberg (Forsth.)“.

Ja, doch, das stimmt. Wer es nicht glaubt, führe sich als Lektüre den „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ zu Gemüte, genauer: Nummer 39, Seite 1918 aus dem Jahr 1983. Dieses hoheitliche Dokument belegt die Liebe der Gersfeld (Rhön)er zur Klammer:

staatsanzeigerAuch nicht korrekt: „Gersfeld“ ohne „(Rhön)“ im „Staatsanzeiger für das Land Hessen“

Interessant ist natürlich zunächst, dass sich auch der Regierungspräsident in Kassel einen feuchten Kehricht um die korrekte Schreibweise der Stadt Gersfeld (Rhön) kümmert. Dort spricht man lapidar – und falsch, gänzlich inkorrekt, schändlich und schimpflich – schlicht von „Gersfeld“. Die Sitten sind verlottert und verlumpt! Und damit ist auch der „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ falsch. Falsch, falsch, falsch. Und was falsch ist, kann kein Vorbild für Verwaltungshandeln sein.

Was meine Straße betrifft: Weiß der Waschbär, wer damals auf die Idee mit der Abkürzung gekommen ist, wenn doch die Bezeichnung „Langenberg (Forsth.)“ mit Klammern und Punkt ebenso zwanzig Zeichen lang ist wie die Bezeichnung „Forsthaus Langenberg“, die in öffentlichen Datenbanken verfügbar ist. In jedem Fall scheint die Bezeichnung auf einen schreibfaulen Menschen zurückzugehen, der dem Worte eher fernsteht und in technokratischer Manier Abkürzungen und Klammern liebt.

Meine offizielle Adresse existiert de facto nicht – Präzedenzfall?

Leider nur hat es die Bezeichnung „Langenberg (Forsth.)“ in kaum eine der Datenbanken geschafft, die Unternehmen heranziehen, obwohl die Stadt Gersfeld (Rhön) beteuert, stets die Bezeichnung „Langenberg (Forsth.)“ weiterzugeben. Die meisten Unternehmen holen sich die Bezeichnung „Forsthaus Langenberg“ aus dem Computer, aber da wohne ich ja nicht – die Straße heißt „Langenberg (Forsth.)“. Und es gibt hier noch eine Straße namens „Langer Berg“, Präzision darf also sein. Aber kürzen wir es ab: Was eine nicht reproduzierbare Adresse fürs Geschäftsleben bedeutet, nämlich eine Katastrophe, versteht jeder Geschäftsmensch sofort. Bei der Verwaltung war da ein wenig mehr Überzeugungsarbeit nötig.

Dankenswerterweise hat mir die Stadt Gersfeld (Rhön) nun nach sechs Wochen intensivster E-Mail- und Brief-Artillerie meinerseits eine nachträgliche offizielle Meldebestätigung gemäß § 18 (1) des Bundesmeldegesetzes ausgestellt, in der die Stadt Gersfeld (Rhön) die im Geschäftsleben gängigen Adressen „Forsthaus Langenberg“, „Langenberg“ und „Mosbach“ ergänzt. Damit sind – endlich – auch falsche Rechnungsadressen richtig, die mir computergläubige Unternehmen schicken, die es auch nach dreimaliger Bitte nicht schaffen, die korrekte Bezeichnung „Langenberg (Forsth.)“ zu schreiben. Ich hoffe, dass der Bundesfinanzhof dieses Schreiben der Stadt Gersfeld (Rhön) im Fall der Fälle auch noch in ferner Zukunft anerkennt, selbst wenn ich inzwischen an der Nordsee oder im Breisgau lebe. Die Fachanwältin für Verwaltungsrecht, die ich in dieser Sache konsultiert hatte, sprach von einem Präzedenzfall.

Bei der Gelegenheit jedenfalls, als mir die Stadt Gersfeld (Rhön) die erweiterte Meldebestätigung schickte, wies die Stadt Gersfeld (Rhön) mich zugleich auf die korrekte Schreibweise der Stadt Gersfeld (Rhön) hin. Denn es muss ja alles seine Richtigkeit haben. Was konkret bedeutet: Der Bürger soll Orts- und Straßennamen bitte korrekt schreiben, und erhält er Rechnungen mit falscher Adresse, kann das Finanzamt die Vorsteuer zurückverlangen. Die Gemeinde selbst aber darf auf Ortsschildern und anderen Stadtmöbeln dem Schlendrian fröhnen und die Korrektheit mit Füßen treten.

Dieses Staatsverständnis ist wahrhaft wilhelminisch – Fehler der Obrigkeit haben keine Folgen, dem Untertanen aber verlangt man die absurdesten Zusatzarbeiten ab. Man muss nicht einmal Kommunist sein, um die Gersfeld (Rhön)er Zustände – oder sind es die „Gersfelder (Rhön) Zustände“ oder die „Gersfelder Zustände (Rhön)“? – zu kritisieren. Und bis der Bürger eine Bestätigung erhält, dass auch die falschen Straßennamen korrekt sind, vergehen Wochen, wobei unklar bleibt, ob Finanzämter und Finanzgerichte das Papier bundesweit überhaupt anerkennen. Während die Stadt Gersfeld (Rhön) sich selbst sogar im Dienstsiegel konsequent, kontinuierlich und vor allem ungestraft falsch schreibt. Vielleicht sollten wir das Beamtentum doch endlich abschaffen und die Verwaltungen unter sinnorientiertes statt ablauf- und regelorientiertes Denken stellen.

Aber so ist das eben in Gersfeld (Rhön). Ich bin gespannt, wie das Leben hier wird. Es wird offenbar viel bürokratischer als in Berlin. Brandenburg war ja ganz pragmatisch.

Meine Anschrift betrifft mich nicht

Ein kurzer Gedanke noch zum Schluss: Wenn der Regierungspräsident in Kassel im „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ von einer Stadt namens Gersfeld spricht, dann spricht er ganz offensichtlich nicht von Gersfeld (Rhön). Denn Gersfeld (Rhön) heißt ja nicht Gersfeld, sondern Gersfeld (Rhön). Dabei ist es natürlich gleichgültig, ob es im Landkreis Fulda ein Gersfeld ohne den Zusatz „(Rhön)“ gibt – zu bedenkender Gegenstand für einen korrekt denkenden Juristen ist einfach nur, dass im „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ auf Seite 1918 nicht die Rede von Gersfeld (Rhön) ist und Gersfeld (Rhön) daher auch nicht gemeint ist. Denn wäre Gersfeld (Rhön) gemeint, stünde ja „Gersfeld (Rhön)“ da – schließlich ist der „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ nicht irgendjemand und dürfte sich korrekt ausdrücken. Da dort aber nicht „Gersfeld (Rhön)“ steht, ist auch nicht Gersfeld (Rhön) gemeint. Also trifft der „Staatsanzeiger für das Land Hessen“, Ausgabe 39/1983 auf Seite 1918 oben rechts eine Aussage über Straßennamen irgendwo anders – jedenfalls nicht in Gersfeld (Rhön).

Und wenn nun der „Staatsanzeiger für das Land Hessen“ nicht über Gersfeld (Rhön) spricht, betrifft mich auch die darin enthaltene Abkürzungs-und-Klammer-Variante „Langenberg (Forsth.)“ nicht. Denn ich wohne ja nicht in Gersfeld, sondern in Gersfeld (Rhön). Richtig?