Vorigen Mittwoch war ich gleich bei mehreren Psychiatern. Und es war wirklich spannend. Psychiater haben ja einen akademischen Hintergrund, und so hat der Veranstalter einen Namen, bei dem sich der Gebissträger die Hand vor den Mund halten sollte: Die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN) lud zum Presseworkshop. Das klingt kompliziert, aber der Verband ist mit seinen etwa sechstausend Mitgliedern in der Fachwelt bestens etabliert. Auch der Titel des Presseworkshops war nicht einfach: „Der Fall Mollath – öffentliche Wahrnehmung und Realität der Forensischen Psychiatrie“. Sehnsuchtsvoll denkt man an Doktorarbeiten mit schlanken Titeln wie „Verfassung und Verfassungsvertrag“ oder „Person und Gewissen“. Aber diesen Doktoren hat man ja dann auch die Titel aberkannt. Und selbstverständlich ist das Thema Psychiatrie durchaus komplex.

Die Psychiatrie ist so komplex, dass die Öffentlichkeit sie nicht mehr durchschaut und Angst vor ihr hat. Vor allem die Forensische Psychiatrie am Beispiel des Falles Gustl Mollath. Diesem Eindruck wollten die Veranstalter in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin entgegenwirken. Der Workshop sollte das Misstrauen der Öffentlichkeit ausräumen.

Vor dem Gebäude demonstrierten Menschen gegen den Paragrafen 63 des Strafgesetzbuches, der unter anderem Gustl Mollath in die Psychiatrie gebracht hatte – wie wir wissen, aufgrund einer ziemlich schlampigen Beweisaufnahme und dadurch letzten Endes für sieben Jahre, deren Verhältnismäßigkeit inzwischen mehr als fraglich ist.

Demo vor der Heinrich-Böll-Stiftung, in der die DGPPN-Veranstaltung lief

Und auch in der Veranstaltung selbst gab es Stimmen, die sich gegen den Paragrafen 63 wandten und auch gegen die Existenz psychischer Erkrankungen selbst. So hatten die Veranstalter jede Menge zu argumentieren: Eine Frau aus einem Fallbeispiel, die auf Befehl einer inneren Stimme die Nachbarin ersticht, die im Grunde nichts mit ihr zu tun hat, erweist sich als psychisch krank, und das soll zweifelhaft sein? Manche Psychiatriegegnerin im Publikum band leider Zeit und Energie der Experten, indem sie sie zwang, zu ihren politischen Statements Stellung zu nehmen – bis es hieß, man sei ja persönlich für Änderungen offen, aber eben an die momentane Gesetzeslage gebunden. Anwesend seien Fachleute, keine Politiker.

Ich fand diese zeitraubenden Exkurse schade, denn ich wollte keinen Streit, sondern etwas erfahren. Ich war angereist, um in diesen vier Stunden Antworten auf einfache Fragen zu erhalten, die ich vorab geschickt hatte, zum Beispiel:

1. Frage: Veranstaltung „Unser Gustl“

Die mit Gustl Mollath befassten Forensiker Prof. Kröber und Dr. Leip­ziger haben einen Vortrag geplant mit dem Titel “Unser Gustl. Reali­tät, Wahn, Justiz und Medien”. Sehr bald wurde der Vortragstitel geändert in “Der Fall Gustl Mollath: Realität, Wahn, Justiz und Medien”. Später fielen Mollath als Thema und auch Dr. Leipziger als Referent weg. Mollaths „Stern“-Interview (15. August 2013, Seite 46) ist zu entnehmen, dass die beiden Fachleute für ein Referat über Herrn Mollath keine Freigabe hatten. Ist es bei Psychiatern üblich, Menschen ungefragt zum Thema von Veranstaltungen zu machen? Wie begegnet die DGPPN dem Vorwurf, dass hier Mediziner Menschen zu reinen Objekten degradieren? Wie sanktionieren Sie es, dass Vertreter Ihres Berufsstandes ganz offensichtlich die Persönlichkeitsrechte Dritter mit Füßen treten und für die Betroffenen zudem noch einen herabwür­digenden, weil diminuitiven Titel finden? Wie ermitteln Sie die persönliche Motivation der Beteiligten, sich hier über den eigentlichen Fall hinaus persönlich zu engagieren und sich auf Kosten Mollaths zu profilieren? Inwiefern wird hier die ärztliche Schweigepflicht verletzt?

Offiziell hat die DGPPN hier gar nichts verurteilt und auch nicht Stellung genommen. Nur bei der Veranstaltung erklärte einer der Funktionäre, dass dieses Vorgehen nun überhaupt nicht in Ordnung sei. Die ärztliche Schweigepflicht sei insofern eingeschränkt, als Forensiker dem Gericht und Behörden Bericht erstatten müssen, aber bei einer solchen Veranstaltung – würde es denn zu Äußerungen über den Untergebrachten kommen – wäre dessen Erlaubnis einzuholen.

2. Frage: Das Image von Forensikern

Mit dem Image Ihres Berufsstandes – vor dem ich prinzipiell hohe Achtung habe – steht es im Zuge der Causa Mollath in der Tat nicht zum Besten. Thomas Fischer, Vorsitzender des 2. Strafsenats am Bun­desgerichts­hof, schreibt in der „Zeit“ vom 22. August 2013 auf Seite 13: „Psychiat­rische und psychologische Sachverständige sind: selbst­ge­wiss, kompe­tenzüberschreitend, unbescheiden. Das gilt selbst­ver­ständlich nicht dem Einzelnen, sondern dem Prinzip. Wer alles weiß und darf, hat keinen Grund zur Bescheidenheit.“ Können Sie diese Einschätzung nachvollziehen? Versteht die DGPPN, dass jemand, zumal ein hochrangiger Strafrichter, zu einer solchen Meinung kommen kann? Wie sollten sich psychiatrische und psychologische Sachverständige nach Ansicht der DGPPN verhalten, damit sie nicht mehr einen solchen Eindruck erwecken? Welche Art der Selbstkritik sollte der Berufsstand der Forensiker vornehmen?

Hierauf kam keine Antwort, lediglich zwischen den Zeilen der Äußerungen insgesamt war zu spüren, dass die anwesenden DGPPN-Vertreter durchaus wissen, dass etwas im Argen liegt. Einer fragte mich sogar, was ich an Stelle der DGPPN tun würde, und ich meinte, ich würde eine Pressemeldung rausgeben mit der Nachricht „Ja, es wurden Fehler gemacht“. Denn die unkorrigierbar mangelnde Fehlereinsicht bei den im Fall Mollath beteiligten Juristen und Forensikern ist dann doch mindestens ebenso diskussionswürdig wie eine unkorrigierbar mangelnde Krankheitseinsicht bei einem mutmaßlich Fehleingewiesenen.

3. Frage: Interpretationen seitens Gutachtern

Prof. Kröber lässt sich in seinem Gutachten vom 27. Juni 2008 auf Seite 28 reichlich herablassend und nach meinem Empfinden ehrab­schneidend über den Gutachter Dr. Simmerl aus, ich zitiere: „Herr Dr. Simmerl hat im Rahmen seines Gutachtens verdeutlicht, dass er sehr beschränkte Aktenkenntnis hat und insbesondere die psychi­atrischen Vorbefunde nicht oder kaum zur Kenntnis genommen hat, weil er möglicherweise auch von deren Existenz auch nicht wusste, wiewohl der Proband ja bereits in der psychiatrischen Unterbringung war und von daher anzunehmen war, dass es dazu Befunde geben müsste. Es gibt speziell keinerlei Auseinandersetzung mit dem Gutachten von Dr. Leip­ziger. Stattdessen stützte sich Herr Dr. Simmerl recht weitgehend auf die Angaben des Untergebrachten selbst und wollte es offenbar durch­aus für naheliegend halten, dass die Ehefrau des Untergebrach­ten in große kriminelle Geldverschiebegeschichten mit der Schweiz verwi­ckelt war, dass die Beschuldigungen von Herrn Mollath mithin wahr sind und dieser insbesondere im Stande sei, über finanzielle Angele­genheiten realistisch zu urteilen. Bei Kenntnis der Sachlage vermag dieses Gutachten Dr. Simmerl durchaus Verwunderung zu erwecken.“

Prof. Kröber selbst hielt es nicht für nötig, den Wahrheitsgehalt von Mollaths Behauptungen zu eruieren. Zugleich warf er einem Kollegen vor, nicht nach Aktenlage zu urteilen und sich auf die Aussagen der Belastungszeugin zu berufen wie er (Kröber), sondern sich auf die Aussagen des Betroffenen selbst zu stützen. Wie wir alle wissen, haben sich Mollaths Behauptungen in Sachen Hypovereinsbank als wahr herausgestellt, soweit sie überprüfbar waren (siehe HVB-Bericht).

Es ergeben sich folgende Fragen: Ist das Vorgehen von Prof. Kröber aus Sicht der DGPPN korrekt in Hinsicht auf die Nicht-Überprüfung der von Mollath vorgebrachten Behauptungen? Sollen Gutachter die Akten den Äußerungen des Betroffenen vorziehen? Sollen sie Behauptungen ungeprüft abtun? Wie beurteilt die DGPPN Herrn Prof. Kröbers Verhalten gegenüber dem Gutachter Dr. Simmerl? Welche Konsequenzen werden folgen?

Klare Antwort vor Beginn der Veranstaltung: Über einzelne Kollegen könne man nichts sagen. Außerdem wüsste ich ja bestimmt, dass Kröber einmal DGPPN-Vorstand gewesen sei. Ich antwortete, das wisse ich, aber es spiele ja nun keine Rolle. Erwiderung: Das stimmt, es spielt keine Rolle.

4. Frage: Der Zirkelschluss der mangelnden Krankheitseinsicht

Wer Medizin studiert, dürfte im Studium (wie auch ich vor einigen Jahren in Pub­lizistik) die Grundsätze der Formal­logik durchnehmen. Dennoch findet sich – sehr deutlich in der Causa Mollath – immer wieder eine pseudologische Schleife: Dass der „Patient“ keine Krank­heitseinsicht zeige und jegliche Thera­pie ablehne, sei ein weiteres Indiz für dessen Erkrankung. „Die Prognose ist ungünstig, da keine Einsicht vorliegt“, sagte etwa der Gutachter Thomas Lippert in aller Selbstverständlichkeit (Protokoll der Verhandlung am Amtsgericht Nürnberg am 22. April 2004). Auch dass Herr Mollath bei seiner Hal­tung blieb, auf seine Grundrechte pochte und seine Hilferufe im Laufe der Jahre an immer „höhere“ Stellen richtete, legten ihm Gutachter als Hinweise auf eine Erkrankung aus. Im Sinne eines offenen Geistes wäre es wohl eher daran, zu überlegen, ob eine Dia­gnose nicht mögli­cherweise falsch und der Unterge­brach­te eventu­ell gesund sein könnte. Doch dieses selbstkritische gedankliche Kor­rektiv scheint in der Psychi­ater-Szene eher unterre­präsentiert – jeden­falls ist es das in der öffentlichen Wahrnehmung.

Ist die Logik, dass „mangelnde Krankheitseinsicht“ ein weiterer Hinweis auf eine behauptete Erkrankung ist, Auffassung der DGPPN? Worin genau besteht das Paranoide, wenn jemand an den Papst oder den UN-Generalsekretär schreibt? Warum gehört es anscheinend zum Menschenbild von Psychiatern, dass Menschen in kleinem Rahmen denken und handeln sollen? Warum ist es nicht krank, wenn Journalisten, Politiker oder Mediziner an hohe Stellen schreiben? Woher kommt dieses Menschenbild des untertänigen Patienten? Wie kommt es, dass hoch gebildete Akademiker sogar in einem solchen Fall voller Widersprüche und Merkwürdigkeiten wie dem Fall Mollath bis zuletzt an ihrer Binnenlogik festhalten? Wie eruieren Sie als Verband die Motivation der beteiligten Fachleute dazu?

Leider keine klare Antwort – andere Fragesteller hielten die Gruppe ja mit politischen Diskussionen auf. Schade. Dabei ist diese Frage in meinen Augen die wichtigste, da sie zum Kern führt: Wie fördern wir als Gesellschaft in der Ärzteschaft die Kritikbereitschaft, die Verständnisbereitschaft, das Vorstellungsvermögen, die Weitsicht und die Bereitschaft zu kontextuellem Denken? Wo müssten wir ansetzen, um den Berufsstand der Psychiater – und auch Angehörige anderer Berufe, es ist eine generelle Frage – zu befähigen, eigene Fehler für möglich zu halten und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen wie beispielsweise eine beherzte Korrektur statt sturem Festhalten an einmal getroffenen Aussagen? Und vor allem:

5. Frage: Ausweg für Fehleingewiesene

Wo ist im System der Unterbringung und der Überprüfung der Unterbringung durch die Strafvollstreckungskammern der Ausweg für fehleingewiesene mutmaßlich Gesunde? Kommt ein Gesunder nur wieder raus, wenn er sich der pseudologischen Schleife der Krankheitseinsicht beugt, sich als krank ausgibt und sich wider jede Vernunft therapieren lässt (Therapien richten sich ja nun mal nicht an Gesunde)?

Zuerst antwortete einer der Experten, der Untergebrachte müsse eben seine Gutachter auf die Fehleinweisung aufmerksam machen. Mei, genau das hat Mollath ja konsequent getan. Er hielt sich ja eben nicht an das Verdikt, per Definition krank zu sein. Statt damit aber auf Gehör zu stoßen, wirkte sich die Strategie gerade kontraproduktiv aus, indem sie Mollath in der unlogischen Schleife der mangelnden Krankheitseinsicht gefangen hielt.

Antwort also dem Vernehmen nach: Es gibt zunächst keinen Ausweg. Der Untergebrachte kann nur den Rechtsweg gehen wie Mollath, und das dauert dann eben mal sieben Jahre oder – wenn er keinen guten Anwalt hat – ewig. Das System aus Juristen und Forensikern wird von sich aus niemals eine einmal getroffene Feststellung revidieren, da der Gedanke der Fehlerkorrektur nicht vorgesehen ist. Nur Einzelne unter ihnen, die erkennen, worum es geht, dürften hier einschreiten, und es ist Glückssache, an einen von ihnen zu geraten. Inwiefern es übrigens wahnhaft ist, entgegen der in Augenschein genommenen und wahrgenommenen Realität auf einer falschen Hypothese zu beharren, führt natürlich zur Frage nach der Prävalenz psychischer Krankheiten innerhalb der Psychiater-Szene.

Insofern war es wohltuend, dass die Ärztliche Direktorin am LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt, Dr. Nahlah Saimeh, genau darauf hinwies, selbst offen für das Denken außerhalb solcher Scheuklappen zu sein. Man sei sich der Fehler bewusst und höre daher den Menschen genau zu. Was für mich heißt: Das System ist dumm und stumpf, es berücksichtigt kein Denken jenseits der Routinen. Es hängt vom einzelnen Gutachter ab, wie er sich verhält. Die Frage ist also: Wer ist ein Lemming, und wer denkt selbst? Und damit sind wir bei einer der beruflichen Kompetenzen, die unabhängig von den in Deutschland so hochgehaltenen fachlichen Qualifikationen gefragt sind: Es geht ums Selberdenken, um gesunden Argwohn, um Skepsis gegenüber Akten. Und egal in welchen Berufen: Diese Fähigkeiten sind in Deutschland schon historisch rar gesät.

Was Gutachter über sich selbst sagen

Dankenswerterweise hat Gustl Mollaths Verteidiger Gerhard Strate inzwischen die vielen Gutachten und Protokolle über seinen Mandanten ins Netz gestellt – natürlich mit dessen Erlaubnis. Die Dokumente sprechen, in ihrer Gesamtheit gesehen, eine merkwürdige Sprache: Sie sagen an vielen Stellen mehr über ihre Verfasser aus als über Mollath. Die Herablassung Kröbers gegenüber Simmerl ist da nur ein Punkt unter vielen. Besonders erhellend ist eine Aussage des Gutachters Prof. Pfäfflin. Er berichtet auf Seite 24 seines Gutachtens über das Gespräch mit Mollath:

Pfäfflin dokumentiert hier etwas Entscheidendes: Gutachter halten sich auch an Fehlurteile – sonst würden sie sich „ins Aus“ bugsieren. Das ist erhellend: Ein Gutachten berücksichtigt also nicht unbedingt die Realität, sondern es stützt sich auch auf die Unwahrheit, sofern sie gerichtlich festgestellt ist. Und das im Kern aus Gründen der Ökonomie. Denn wer will sich schon ins Aus bugsieren, und sei es durch die Wahrheit?

Der gesunde Menschenverstand, das kritische Nachfragen sind auch deswegen deaktiviert, weil – so ergab es sich auf der Veranstaltung – die Zuständigkeiten von Recht und Medizin geradezu autistisch exakt getrennt sind. Dieser Aspekt ergibt sich wiederum aus dem Protokoll der Anhörung vor der Vollstreckungskammer in Bayreuth vom 9. Mai 2011:

Mich hätte die Antwort interessiert – auch als Richter. Mir wäre das Kompetenzgerangel so etwas von wurscht, mir ginge es um das bessere Argument. Aber offenbar denkt hier eben auch die Justiz mehr oder weniger in Kästchen. Zugleich ergibt sich aus diesem Protokoll das Maß an Fähigkeit zur Selbstkritik:

Der Gutachter Pfäfflin macht also nicht etwa einen „Fehler“ – na woher denn? Er bemüht für sich selbst lieber den euphemistischen Begriff des „Versehens“. Ein Versehen ist nicht so schlimm, ein Versehen sehen wir nach, und so landet die Vokabel „Schreibversehen“ in meinem Ironie-Wortschatz. Ab sofort gibt es Fahrversehen, Druckversehen, Denkversehen. Wir verzeihen uns selbst! Es ist eine entscheidende Stelle, an der ein Experte in seinem Gutachten eine Aussage implizit über sich selbst trifft – er macht keine Fehler.

Außerdem offenbart er einen interessanten Aspekt seines Weltbildes. Nach einer Pause fragt Mollath den Gutachter Pfäfflin:

Au weia. Von einem Gutachter, der sich wundert, wenn jemand nicht eifersüchtig ist, und der darin ganz offensichtlich ein Weltbild auf andere überträgt, würde ich mich lieber auch nicht untersuchen lassen. Offenbar fehlen da die kritische Distanz zur eigenen Person und die Verständnisbereitschaft dafür, dass Menschen verschieden sind. All das würde zumindest mich an seiner Objektivität zweifeln lassen. Gutachter, die derartig heruminterpretieren – gibt es das bei Kfz-Sachverständigen auch?

Oder Dr. Klaus Leipziger, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Aufgrund seines Gutachtens landete Mollath in der Psychiatrie. Leipziger nennt es in seinem Gutachten „paralogisch“, wenn Mollath auf seine Grundrechte verweist:

Was ist daran paralogisch? Auch hier zeigt sich eher, wes Geistes Kind der Gutachter ist, als irgendetwas Erhellendes über Gustl Mollaths Gesundheit oder Krankheit. Und es sagt sehr viel aus über den Richter Otto Brixner: Ein dem Rechtsstaat verpflichteter Richter hätte hier den Sachverständigen gefragt, was daran paralogisch sein soll, wenn jemand auf seine Grundrechte verweist.

Psychiatrische Klischees und relative Wirklichkeit

Damit eröffnet sich das Thema der psychiatrischen Klischees. Ist die Frau auf Reisen, wird ein normaler Mensch laut Pfäfflin eifersüchtig. Wer auf seine Grundrechte pocht, argumentiert laut Leipziger paralogisch. Aha. Wie sollen wir denn angesichts solcher Thesen sicher sein, dass die Forensik wirklich weiß, was gesund ist und was nicht? Wenn es stimmen sollte, dass ein eingesperrter Mensch seine psychische Gesundheit dadurch beweist, dass er sich anpasst, wäre Nelson Mandela, der sich in jahrzehntelanger Haft nicht brechen ließ, ja hochgradig gestört.

Ich bin sicher: Mit derlei vorurteilshaften Klischees und auch mit konvergent gedachten Checklisten werden wir der menschlichen Persönlichkeit nicht gerecht. Der Mensch ist nicht digital wie ein Auto, wo ein Sachverständiger sagen kann, dass der Bremsbelag runter ist oder eben nicht. Und ich glaube: Diejenigen, die in der Psychiatrie solche Prinzipien aufstellen, haben selbst keinerlei Rückgrat. Sonst wüssten sie, dass ein starker Mensch einstehen kann für das, wofür er eintritt, selbst wenn man ihn jahrelang einsperrt, erniedrigt und wie einen Idioten behandelt.

Hier sind wir an einer entscheidenden Stelle, wenn es um Eignung und Kompetenz geht jenseits der rein fachlichen Qualifikation. Sind formalistisch denkende Menschen überhaupt in der Lage, das große Ganze und die Sache zu sehen? Sind sie dazu fähig, es nicht als Symptom einer Schizophrenie zu erkennen, sondern als Sarkasmus, wenn Mollath auf die Frage nach inneren Stimmen sagt, er höre die Stimme seines Gewissens? Wie steht es um die Geistesgegenwart und die Verständnisbereitschaft, mithin um die intellektuelle Kapazität von Psychiatern außerhalb ihrer Weltbilder? Wie gut denkt die Forensische Psychiatrie außerhalb der Scheuklappen, die sie sich mit ihren Checklisten selbst verordnet hat? Wie empathisch sind diese Sachverständigen? Sollte man als Arzt nicht empathisch sein? Nicht, dass alle Psychiater unfähig wären, die meisten sind gewiss sehr gut – aber wie gewährleisten wir, dass nur die Geeigneten derart verantwortungsvolle Jobs bekommen?

Die Frage nach der Verrücktheit ist ja viel diskutiert, denken wir an Paul Watzlawicks Buch „Die erfundene Wirklichkeit“. Haben die Forensischen Psychiater Deutschlands die Beiträge in diesem Buch gelesen – vor allem die Beiträge „Selbsterfüllende Prophezeiungen“ von Watzlawick und „Gesund in kranker Umgebung“ von David L. Rosenhan? Und haben sie sie vor allem auch verstanden? Insbesondere Rosenhan ist spannend. Er beschreibt ein Experiment (S. 111 ff.):

Acht geistig gesunde Leute [darunter Rosenhan, T.B.] verschafften sich heimlich Zugang zu zwölf verschiedenen Kliniken. […] Die acht Scheinpatienten waren eine gemischte Gruppe. Einer war Psychologiestudent in den Zwanzigern. Die anderen sieben waren älter und „etabliert“. Unter ihnen befanden sich drei Psychologen, ein Pädiater, ein Psychiater, ein Maler und eine Hausfrau. Alle benutzten Pseudonyme, damit ihre angeblichen Diagnosen sie nicht später in peinliche Situationen bringen konnten. Diejenigen, die auf dem Gebiet der Nervenheilkunde tätig waren, gaben andere Berufe an. […]  Nachdem der Scheinpatient telefonisch einen Termin mit der Klinik vereinbart hatte, kam er in das Aufnahmebüro und klagte, er habe Stimmen gehört. […] Unmittelbar nach der Einweisung hörten die Scheinpatienten auf, irgendwelche Symptome der Abnormität zu simulieren. […] Wurde er vom Personal gefragt, wie er sich fühle, erklärte er, es gehe ihm gut, er habe keine Symptome mehr. […] Jedem von ihnen wurde gesagt, dass er aus eigenen Kräften herauskommen musste, im wesentlichen dadurch, dass er das Klinikpersonal von seiner geistigen Gesundheit überzeugte. […] Trotz ihrer öffentlichen „Zurschaustellung“ von geistiger Gesundheit wurde keiner der Scheinpatienten als solcher entlarvt.

Und darum muss ich einmal fragen: Rosenhans Beitrag erschien auf Deutsch erstmals 1981. Das ist mehr als dreißig Jahre her. Wie kann es sein, dass die Psychiatrie bis heute nichts daraus gelernt hat? Wie kann es sein, dass die Psychiatrie nicht längst die richtigen Schlüsse gezogen hat, die dieses Problem im Kern gelöst hätten? Woran liegt das?

Eine Antwort könnte schlicht „Starrsinn“ lauten. Prof. Tobias Greitemeyer, Sozialpsychologe an der Universität Innsbruck, hat in einer Studie etwas bestechend Simples festgestellt: Haben sich Menschen einmal eine Meinung gebildet, bleiben sie selbst dann noch bei ihrer Hypothese, wenn diese sich als grundfalsch erwiesen hat. Was kümmern uns Fakten, wenn wir eine Meinung haben?

Vielleicht hatten ja deshalb alle Entscheidungen wie von Geisterhand für Mollath stets negative Folgen. Vielleicht war es anfangs eine kleine Intrige, pflanzte sich aber dann ohne jede Verschwörung ganz im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung Watzlawicks in einer Eigendymanik fort. Und so bedurfte es eben des externen Blickes des Oberlandesgerichts Nürnberg, welches den Schmu kurzerhand für beendet erklärte und der Vorsitzenden Richterin Dr. Bettina Mielke vom Landgericht Regensburg aufs Brot schmierte, dass sie das Offensichtliche nicht gesehen hatte. Auch hier stellt sich die Frage: Warum hat diese Richterin es nicht gesehen? Was verstellte ihr den Blick aufs Wesentliche?

(Randnotiz: Kürzlich hatte ich Bayerns Justizministerin Dr. Beate Merk (CSU) schriftlich danach gefragt, ob denn in die Richtung ermittelt würde, dass hier eventuell einige Justizangehörige ihre Macht missbrauchen. Frau Dr. Merk schrieb mir zurück: „Ich kann Ihnen versichern, dass es in der bayerischen Justiz den von Ihnen angesprochenen Zirkel eigennütziger Menschen nicht gibt.“ Das ist interessant, denn: Woher weiß Frau Merk das? Wenn es offenbar niemand ermittelt?)

Sofern es jedenfalls kein Komplott gab, welches natürlich aufzuklären wäre und dessen Intriganten zu bestrafen wären, hätte hier ein System selbstreferenziell und zerstörerisch wie eine Walze von alleine seine fatale Wirkung entfaltet, und wir müssten infolge dieser Erfahrung genau dieses System komplett umwerfen wie eine fehlkonstruierte Software und ein anderes erfinden. Vielleicht ja mit Protagonisten, die einen anderen Bildungshintergrund haben, einen weniger fachidiotischen und mehr rechtsstaatlichen.

Auch der Fall Horst Arnold zeigt ja: Der als Vergewaltiger Verleumdete hatte seine Strafe bis zum letzten Tag abgesessen, weil er die Tat nicht gestand – ein ähnlicher Logikfehler, dem die Justiz hier aufsitzt, weil sie eher an Papier als an die Wirklichkeit zu glauben scheint. Es grenzt an Hybris, wenn Menschen definieren, was wahr sein soll und dann auch noch unkorrigierbar (ein klasse Wort im Zusammenhang mit Mollaths Schwarzgeldvorwürfen) daran festhalten.

Wer an Angela Merkel schreibt, muss irre sein

Ohne die Existenz psychischer Erkrankungen in Frage stellen zu wollen, müssen wir dann auch danach fahnden, ob die Parameter stimmen, an denen die Forensische Psychiatrie Verrücktheit festmacht. Wer ist verrückt? Wer einen vollen Kühlschrank hat (was in einem Fallbeispiel bei der Veranstaltung der DGPPN als Indiz für Normalität herhielt) oder wer einen leeren Kühlschrank hat (weil er Opulenz ablehnt und gesund lebt)? Ist verrückt, wer eifersüchtig ist, wie Pfäfflin es für normal hält, oder wer seinem Partner vertraut? Ist Gustl Mollath verrückt, weil er parfümierte Toilettenartikel aufgrund einer Allergie ablehnt, oder ist ein Allergiker verrückt, der sich das allergene Zeug antut, nur um seinen Konformismus gegenüber einer Scheinrealität in einer Psychiatrie zu belegen? Sind die Christen wahnhaft, die wider aller wissenschaftlichen Logik an eine jungfräuliche Geburt glauben und unkorrigierbar daran festhalten? Ist Papst Franziskus paranoid, der seinen Namen dem Heiligen Franz von Assisi entlehnt, der mit Tieren gesprochen hat – so wie viele Menschen, die ein Gespür für die Kommunikation mit Tieren haben, mit Tieren darum eben auch sprechen und von den Tieren Feedbacks bekommen? Ist paranoid, wer an Dinge glaubt, für die es (noch) keine evidenzbasierten empirischen Belege gibt, die in einer seriös-wissenschaftlichen Studie in einem seriös-wissenschaftlichen Wissenschaftsfachblatt veröffentlicht worden sind?

Bisher scheint das eine Abwägungsfrage zu sein, die der eine Psychiater so beantwortet und der andere so. Und es gibt auch hin und wieder Fehlschlüsse: Natürlich neigen Psychotiker zu wirren Schriftbildern, unterschiedlichen Schriftgrößen und chaotischer Typografie. Aber ist deswegen der Umkehrschluss richtig, wer so schreibe, sei psychotisch?

Ebenfalls anwesend bei der Veranstaltung in Berlin war Prof. Norbert Nedopil, Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie an der LMU München. Er hatte im Interview mit dem „Spiegel“ (35/2013, Seite 44) auf die Frage geantwortet, wie man fälschlicherweise für verrückt erklärt werden könne: „Möglicherweise queruliert einer, schreibt an die Bundeskanzlerin, beschimpft das Gericht und den Gutachter.“ Wenn Angela Merkel wüsste, dass man irre sein muss, ihr zu schreiben!

Im Gespräch wurde schnell klar, dass Nedopil seine Äußerung selbst eben von der anderen Seite sieht: Er kritisiert es, wenn jemand aufgrund solcher Indizien einen Irre-Stempel bekommt. Doch ganz offensichtlich gilt jemand, der an Volksvertreter wie die Kanzlerin, den UN-Generalsekretär oder den Papst schreibt, als verrückt. Der Journalist Eugenion Scalfari, der dem Papst einen Brief schreibt, wäre also größenwahnsinnig. Dumm nur, dass der Papst Herrn Scalfari geantwortet hat. Das ist Kommunikation auf Augenhöhe, es ist eben nicht von oben herab. Und das verstehen jene nicht, die den Obrigkeitsstaat noch im Blut haben, obwohl dessen letzte Ausläufer sich dank Transparenz und Internet derzeit verflüchtigen. Einer der DGPPN-Leute in der Pause zu diesen Gedanken: „Ja, die Psychiatrie ist im Umbruch.“ Jetzt muss sich dieser Gedanke nur noch durchsetzen.

„Improve the institutions!“

Am Ende der Veranstaltung schloss Nedopil seine Rede mit den Worten: „Gleichwohl lautet unsere generelle Botschaft in diesen Ländern: ‚Don’t change the laws, improve the institutions‘, was in unsere Situation übertragen heißt, dass Gesetzesänderungen nur dann eine Verbesserung der Situation bringen werden, wenn man auch die Institutionen so weit verbessern und ausstatten und die Akteure in diesem Feld so ausbilden wird, dass sie gute Arbeit leisten können. Mit diesen Institutionen meinen wir nicht nur die Therapieeinrichtungen, sondern auch die Gutachter und in besonderem Maße auch die Gerichte und die Richter. Und das gilt auch in Deutschland.“

Das war für mich das Stichwort – schließlich kümmere ich mich schon durch meine Arbeit an dem Buch „Die Bildungslücke“ um die Kompetenzen, die das akademisch geprägte Bildungssystem uns verschweigt. Kern des Problem ist bislang, dass Schule und Uni fast nur unterrichten, was sich auch bewerten, also messen lässt – und damit fallen nahezu alle Soft Skills und der gesunde Menschenverstand unter den Tisch. Stattdessen verbreitet sich ein Spezialisierungswahn bis hin zur Fachidiotie, deren Betriebsblindheit jeglichen externen Blick unmöglich macht. In Deutschland sind viel zu viele Menschen, auch an Entscheiderpositionen in Staatsanwaltschaften und an Gerichten, in der Box. Worum also geht es? Ich habe Nedopil gefragt. Seine Antwort:

„Das Pingpong-Spiel zwischen der normativen, also rechtlichen, und der empirischen, also der gutachterlichen, Seite muss aufhören. Beide müssen den anderen verstehen lernen und begreifen, welche Erkenntnismöglichkeiten er hat. Juristen müssen unsere Managementmöglichkeiten kennen lernen, also dass es beispielsweise Möglichkeiten der ambulanten Nachsorge gibt, nachgehende Betreuung, die sehr viel auffangen kann. Wir brauchen die Kompetenz, Fehler einzugestehen. Wir müssen eine Diktion finden, in der Fehler eingestehbar sind, ohne dass man einen Gesichtsverlust erleidet. Eine Hypothese kann falsch sein, dafür muss man sich nicht schämen. Aber wir brauchen einen Weg und ein Klima, in dem man aus Fehlern lernt. Und wir müssen lernen, dass Akten nicht alles sind. Wenn die Fakten durch Inaugenscheinnahme der Realität gegen die Akten sprechen, muss man bereit dazu sein, seine Hypothese in Frage zu stellen.“