scheuerWenn Medien ein verfälschtes Zitat nutzen, um jemandem einen Vorwurf zu machen, ist das kein Journalismus, sondern Demagogie. Geht es darum, jemanden in einem dubiosen Licht erscheinen zu lassen, ist es bei Kenntnis der Zitatsverfälschung Verleumdung. Und es ist nicht nur ein Verstoß gegen die guten Sitten gegenüber dem Betroffenen, sondern vor allem auch Betrug gegenüber dem Publikum, das für die Desinformation auch noch bezahlen beziehungsweise sich nervende Werbung gefallen lassen soll.

Wir brauchen eine Presse, auf die wir uns verlassen können! In diesen Zeiten ist das wichtiger denn je. Aber wir wissen ja nicht mehr, ob man uns eine Tatsache erzählt oder uns irgendetwas ideologisch Gefärbtes auftischt. Also kauft eben kaum noch jemand den „Spiegel“ und vergleichbare Blätter, völlig logisch.

Im „Cicero“ 9/2016 schreibt der Leser Wilhelm Bode aus Stralsund in einem Leserbrief: „Nun ist Schluss mit dem bekannten Nachrichtenmagazin, das ich 40 Jahre abonniert hatte und dessen politische Rationalität am Gutmenschentum zu ersticken und in den Fluten des Boulevards unterzugehen droht. Ich werde Cicero-Abonnent, weil ich mich der politischen Kultur wieder mit kritischer Rationalität widmen möchte.“ Mir ging es vor etwa anderthalb Jahren ähnlich.

Ich finde: Redakteure und Freie, die ihre Macht dazu missbrauchen, Fakten zu verfälschen und damit die öffentliche Meinung auf der Basis von Lügen zu manipulieren, sollten sich nicht weiter auf die Meinungs- und Pressefreiheit berufen dürfen. Solche Leute haben im Journalismus nichts verloren, sie schaden dem Beruf. Meinungs- und Pressefreiheit gelten nicht für Falschbehauptungen und auch nicht für schlechtes Handwerk.

Meinungs- und Pressefreiheit dienen auch nicht in erster Linie den Medien, damit diese sich austoben können, sondern sie sollen laut dem früheren Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm eine freie Information der Menschen gewährleisten. Darauf weist Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ in dem Buch „Die Idee des Mediums“ hin (Seite 86).

In­sofern stellt es einen Missbrauch der Pressefreiheit dar, wenn Medien Rezipienten durch Unterschlagung oder Verdrehung von Fakten eine Scheinrea­lität vorspielen – oder wenn sie in politischen Debatten entscheidende Argumente ausblenden.

Dieser Tage haben wir es mit einer krassen Tendenz zu tun: Wenn für einen Schlag der Presse gegen rechts wie im Fall Andreas Scheuer (CSU) keine ordentliche Recherche nötig ist, die Hürde für einen Vorwurf gegen Linke oder Minderheiten aber ungleich höher liegt, ist das sicher nicht im Sinne der Grundgesetzväter, die nach dem Nationalsozialismus die Demagogie aus dem Journalismus verbannen wollten.

Dass man beim „Spiegel“ jetzt einzulenken scheint, nach der Diffamierung Jürgen Todenhöfers und zahlreichen anderen polemischen Verzerrungen der Realität, könnte ein Indiz für eine – spät – beginnende Lernkurve sein. Ob es den Chefredaktionen inzwischen dämmert, dass ihr Verhalten in den vergangenen Monaten und Jahren einer der Hauptgründe für die Wahlerfolge der AfD ist?