Lieber Aras,

vorhin habe ich deinen Brief an uns Deutsche von dir in der Huffington Post gelesen und auch die Erwiderung von Akif Pirinçci. Eigentlich wollte ich mir einfach nur, bevor ich am Abend den Rechner zuklappe, noch etwas schweren politischen Stoff zu Gemüte führen und mich dann zur Ruhe begeben; so, wie ich das in diesen verrückten Zeiten oft mache. Aber jetzt habe ich das Gefühl, ich sollte dir antworten. Denn weder deine noch Pirinçcis Sicht ist in meinen Augen zutreffend.

Akif Pirinçci diffamiert dich und deine Kultur ziemlich pauschal, wenn er sagt, deine Kultur reduziere sich auf einen „nicht besonders hellen“, sich mit Aberglauben beschäftigenden, „frauenverachtenden, grundlos selbstbewussten und in der Regel faulen Menschenschlag“. 1,6 Milliarden Menschen in wenigen Zeilen kollektiv zu diskreditieren, finde ich dann doch etwas anmaßend.

Und ich verstehe es, dass du ausgerechnet in Deutschland leben willst, obwohl Polen und Österreich auch wundervolle Länder sind. Wobei ich deine Geschichte nicht kenne und daher nicht weiß, ob du Anspruch auf Asyl hast und welchen Status du überhaupt hast. Du nennst dich „Flüchtling“, bist also geflohen. Nur ist es eben so: Schon wer aus Österreich einwandert, hat gemäß unserem Grundgesetz keinen Anspruch auf Asyl – so will es der Gesetzgeber hier in Deutschland. Es ist relativ schwer, in Deutschland Asyl zu bekommen, das von sicheren Drittländern nur so umzingelt ist. Im Grunde kann man nur einfliegen oder über Nord- oder Ostsee an Land schippern. Man kann vom Himmel fallen.

Aber egal. Das ist Politik. Mir geht es hier um etwas anderes. Mir geht es um dein Selbstverständnis.

Die Welt kommt in Freiheit am weitesten

Nur damit du weißt, mit wem du es zu tun hast: Christlich aufgewachsen, verstehe ich mich heute als ohne Bekenntnis. Ich bin in keiner Kirche Mitglied und auch sonst in keiner Religionsgemeinschaft. Vielmehr bin ich ein Liberaler und ein Verfechter der Freiheit. Ich denke, dass die Welt dann am besten weiterkommt, in Frieden und Wohlstand, wenn alle Menschen auf dieser Welt die Chance haben, das Beste aus ihrem Leben zu machen, und zwar nach individuellen Begabungen und Vorlieben, nicht nach kollektiven Mustern und kulturellen Vorstellungen. Ich bin sicher: Die Welt wird gut, wenn wir einander machen lassen und uns nicht gegenseitig stören, blockieren, bevormunden, beleidigen, bedrohen, zusammenschlagen, umbringen oder sonstwie bei der Persönlichkeitsentwicklung behindern.

Entsprechend mag ich keine restringierenden Systeme, ganz gleich, wie sie sich begründen – ob religiös oder weltanschaulich. Im Gegenteil bin ich der Überzeugung, dass das meiste Leid auf Erden bisher durch Religion und Weltanschauung entstanden ist. Ob du die römischen Christenverfolgungen nimmst, die christlichen Kreuzzüge gegen den Islam, die stalinistischen Säuberungen, den nationalsozialistischen Holocaust, die Roten Khmer unter dem linken Pol Pot, das derzeitige Nordkorea oder die Verbrechen des sogenannten Islamischen Staats – es scheint in dem Moment mörderisch zu werden, in dem Menschen zu Fanatikern werden. Und auch die USA, das theoretische Leitbild der freien, westlichen Welt, hatten ihre dunklen Epochen – ob der Quasi-Genozid an den Indianern, die McCarthy-Ära, Vietnam oder El Guantanamo.

Niemand ist hundertprozentig

Ohne Frage: Wir sind alle nicht hundertprozentig sauber. Keine Religion oder Kultur kann sich gegenüber den anderen als einzig richtige präsentieren. Aber wir können versuchen, uns den hundert Prozent anzunähern. Oder den neunzig. Oder wenigstens den achtzig Prozent. Wir sollten es versuchen. Viel ist besser als nichts.

Und weißt du was? Ich glaube, kein Gott will Totalitarismus. Kein Gott will die Intoleranz, die totalitäre Glaubenssysteme vertreten.

Und ich glaube: Weder der jüdisch-christliche noch der moslemische noch sonst irgendein Gott will, dass seine Schöpfung leidet. Wenn ein Mensch, nur weil er stärker ist, jemand anders leiden lässt, ob Mensch oder Tier, dann tritt dieser Mensch Gottes Schöpfung mit Füßen. Und er verhöhnt damit Gott. Das wiederum, so meine ich, steht dem Menschen nicht zu. Wäre ich Gott, würde mir es jedenfalls nicht gefallen, wenn jemand meine Schöpfungen quält und zerstört. Wer will das schon? Es wäre vielmehr Hybris, also Anmaßung, wie es die antike griechisch-römische Kultur nennt, wenn sich der Mensch über Gott erhebt und sich anmaßt, an dessen Stelle über Leben und Tod zu urteilen, über Wohl und Leid.

Weil ich glaube, dass Gott nicht will, dass seine Schöpfung leidet, wundere ich mich über verschiedene Dinge. Ein Aspekt, den viele Menschen in Deutschland am Islam nicht verstehen, ist zum Beispiel das Schächten – also das Verblutenlassen von Tieren bei aufgeschnittener Kehle und vollem Bewusstsein. Warum tut man so etwas? Als empathischer Mensch frage ich mich, wie jemand so sadistisch sein kann. Mir ist dieser Sadismus völlig fremd. Mir sind die Charaktere unbegreiflich, die derlei tun.

In einem Slum von Assuan in Ägypten habe ich einmal gesehen, wie ein kleiner Junge einem Kaninchen in einem leeren Ölfass die Kehle durchgeschnitten hat. Und ich dachte mir: Gut – er hat es gelernt und tut es daher. Doch ich wusste auch: Dieser Junge hat als Erwachsener vor nichts mehr Hemmungen; er wird vollkommen desensibilisiert sein. Er wird es auch schwer haben bei Frauen, weil er emotional verroht ist.

Und weißt du, was ich intuitiv auch noch gedacht habe? Ich dachte im ersten Moment: Die Ägypter waren doch vor wenigen tausend Jahren eine Hochkultur! Wie kann es sein, dass es dort heute so zugeht? Und das sage ich nicht, um jemanden zu kränken. Ich sah nur ein harmloses Kaninchen elendst verrecken, ohne jede Schonung und ohne jedes Mitgefühl seitens seines Mörders, der ein Kind war.

Ich nehme an, dass es ein schiefes Bild ist, weil es möglicherweise auch im alten Ägypten übelste Quälereien gab. Aber es ist eben ein Gedanke, der mir in den Kopf kommt als humanistisch gebildetem Schüler, für dessen Gymnasium die ägyptischen, griechischen und anderen antiken Hochkulturen alles waren.

Also frage ich mich naiv: Kann man im Islam nicht einfach vegetarisch leben? Das ist doch auch halal, oder nicht? So wäre es unter einen Hut zu bringen, einerseits der Religion gerecht zu werden und andererseits Tiere zu schonen. Ich finde es seltsam, wenn eine Religion ihre Gläubigen nötigt, die Geschöpfe zu quälen, die ihr Gott erschaffen hat. Wie siehst du das?

Wertschätzung für die Geschöpfe Gottes

Zugleich weiß ich natürlich: Auch mitteleuropäische Schlachthöfe steigern nicht unbedingt die Wertschätzung vor Gottes Schöpfung, um das deutlich zu sagen. Wie gesagt: Niemand ist wirklich gut. Wir Deutsche haben vor wenigen Jahrzehnten den übelsten Völkermord aller Zeiten verübt.

Auch dass das Judentum Tiere schächtet, weiß ich. Den Juden, die das tun, empfehle ich ebenfalls die vegetarische Ernährung, ohne übrigens deswegen Antisemit zu sein. Mir geht es nicht um Religion. Mir geht es um die Tiere. Und um unser aller konkretes Handeln. Die Tiere können nichts dafür, dass wir Menschen uns die absurdesten Begründungen für unseren Sadismus zurechtlegen. Die Tiere sind die unschuldigsten Opfer. Während wir Menschen uns höchst theoretische Ideologien und Religionen ersinnen, haben die Tiere die nächste Verbindung zur Natur, zu Gott. Ohne viel zu denken.

Womit ich bitte überhaupt nichts gegen den Islam habe, ebenso wenig wie gegen das Judentum. Mir geht es, wie gesagt, nur darum, wie Menschen konkret handeln – ganz egal, wie sie es begründen.

Ich weiß auch, dass unser Bundesverfassungsgericht hier in Deutschland die religiös motivierte Tierquälerei des Schächtens über das Wohlergehen von Gottes Schöpfung stellt, obwohl unsere Kultur mit einer so barbarischen Brutalität so gut wie gar nichts zu tun hat. Warum das die Richter so entschieden haben? Weil sie eine theoretische Argumentation konstruiert und die Menschlichkeit dabei übergangen haben. Es sind eben Theoretiker. Gefühle zählen wenig bei uns in Deutschland, und real ist nur, was aktenkundig ist.

Aber wie gesagt: Niemand ist perfekt. Ich esse auch Fleisch. Aber ich esse inzwischen wenigstens keinen Döner mehr, weil ich weiß, dass die Tiere darin auf eine so viehische Weise gestorben sind, die man seinem übelsten Feind nicht wünscht und die keinem Gott gefallen kann. Am liebsten esse ich Wild, weil Wild am besten lebt, bis es ohne stundenlange Todesgewissheit einigermaßen rasch stirbt. Und auch das ist nicht freundlich gegenüber dem Tier, ich gebe es zu.

Eine päpstliche Enzyklika gegen Tierquälerei

Dass das katholische Spanien Stiere quält, weiß ich auch – diesen Katholiken empfehle ich die Lektüre der Enzyklika „Laudato si“. Darin schreibt Papst Franziskus in der deutschen Ausgabe auf Seite 73:

„Die gleiche Erbärmlichkeit, die dazu führt, ein Tier zu misshandeln, zeigt sich unverzüglich auch in der Beziehung zu anderen Menschen. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf widerspricht der Würde des Menschen. Wir können uns nicht als große Liebende betrachten, wenn wir irgendeinen Teil der Wirklichkeit aus unseren Interessen ausschließen.“

Du siehst, ich schließe niemanden aus, der Tiere quält, egal welcher Religion. Auch nicht Menschen aus „meiner“ Kultur. Denn es geht eben nicht um Kultur oder Religion, sondern nur ums konkrete Handeln. Ist ein Mensch in Ordnung oder nicht?

Und damit die vielzitierten Frauenrechte nicht zu kurz kommen: Ich weiß, dass die Frauen auch bei uns erst 1918 das Wahlrecht bekommen haben. Zivilsationen brauchen ihre Zeit. In Saudi-Arabien dürfen sie nicht einmal Auto fahren. Das kann ich nur dadurch nachvollziehen, dass sie qua Verschleierung nicht nach links und rechts schauen können. Aber ist das der Grund?

Woher der Hass? Woher der Sadismus?

Mich verwundert der enorme Hass auf Homosexuelle im Islam – den wir hier in geringerem Maße auch haben. Mich verwundert der enorme Hass auf Juden im Islam – den wir hier in geringerem Maße auch haben, nachdem er vor einigen Jahrzehnten bei uns sogar Staatsdoktrin war. Nur damit das nicht unerwähnt bleibt. Heute ist das in Deutschland zum Glück anders.

Und ich frage mich: Warum sind die Strafen der Sharia so drakonisch? Warum ist die Kultur, der du entstammst, so brutal? Woher kommt dieser Sadismus? Eingegrabene Frauen mit Steinwürfen auf den Kopf zu Tode bringen, weil sie jemand vergewaltigt hat, und das als Volksbelustigung – wie zivilisiert ist das? Als fühlendem Wesen ist mir diese Brutalität komplett fremd. Wie kann das Gott gefallen? Ist das einer der Gründe, weshalb du aus Syrien geflohen bist, weg vom „Islamischen Staat“? Dann verstehe ich deine Motivation sehr, sehr gut.

Jetzt also weißt du, wie ich ungefähr ticke. Mir geht es eigentlich nur um das konkrete Handeln des Einzelnen; alles andere empfinde ich als Ausreden. Kultur? Religion? Ausrede. Und darum verurteile ich dich nicht aufgrund der Kultur, aus der du kommst. Sondern mich interessiert einzig und allein, wie du konkret handelst. Ich bin offen; du interessierst mich als Mensch. Was denkst du, was fühlst du, welche Ideen hast du? Um es noch deutlicher zu machen: Wer? Bist? Du?

Letztlich geht es in meinen Augen nicht darum, was Menschen glauben oder denken – damit lässt sich kein Unheil anrichten. Es geht eher darum, was Menschen sagen – damit lässt sich schon einiges Unheil anrichten. Und dann geht es vor allem darum, was Menschen tun – damit lässt sich die Welt zerstören.

Also: Deine Kultur, dein Hintergrund sind mir nicht so wichtig. Es geht mir um dich individuell. Schadest du anderen – ob Mensch oder Tier –, oder nützt du anderen? Wenn du anderen schadest, solltest du umdenken. Nicht nur, wenn du in Mitteleuropa leben willst. Wenn du anderen nützt, bist du hier genauso willkommen wie in allen möglichen anderen zivilisierten Ländern der Welt, ob in Südamerika, Nordamerika oder Australien. Ich denke, es geht gar nicht darum, wo du bist. Sondern es zählt nur die Frage: Bist du konstruktiv oder destruktiv? Ganz egal, wo auf der Welt.

Bist du konstruktiv oder destruktiv?

Was und wie du schreibst, spricht für einen aufgeweckten Geist. Dumm bist du nicht. Ich folgere, du hast die Voraussetzungen dafür, Ideen zu entwickeln. Zum Beispiel Geschäftsideen. Du kannst, wenn du willst, deine sprachlichen Fähigkeiten produktiv einsetzen, die du ohne Frage hast. Akif Pirinçci hat auch sprachliche Fähigkeiten, er hat sogar ergreifende Katzenromane geschrieben, die den Menschen gefallen haben – aber inzwischen nutzt er seinen Geist leider nur noch zur Destruktivität. So, wie das viele am rechten Rand tun, die du (meiner Meinung nach zu recht) kritisierst. Er pauschalisiert, statt das Individuum zu sehen, das doch so wichtig ist.

Es ist immer wieder das Gleiche in Deutschland: Die politisch Extremen – ob rechts oder links – sind destruktiv. Wertschöpfend, konstruktiv, produktiv, wertschätzend sind wir nur in der Mitte. Und diese Mitte bricht gerade zusammen in Deutschland, weil die Leute angesichts der Migration meinen, sich für eine von zwei extremen Seiten entscheiden zu müssen.

Also: Aus meiner Sicht bist du mit deinem wachen Geist ganz herzlich willkommen in Deutschland. Wenn du bereit bist, diesen Geist auch konstruktiv zu nutzen. Wenn du bereit bist zu akzeptieren, dass von nichts nichts kommt.

Deutschland mag euch im Ausland als wohlhabendes Land erscheinen, in der jeder Beamte ein Eigenheim hat. Aber dass Leute wie ich durch unermüdliche Arbeit diesen Wohlstand erst finanzieren, indem sie Steuern zahlen wie wahnsinnig, siedelt sich meist außerhalb des Bewusstseins der Menschen an.

Um das noch einmal klarzustellen: Bei uns in Deutschland hat nur deswegen jeder Beamte ein Eigenheim, weil der öffentliche Dienst (der Staat) vom produktiven Arbeiten anderer lebt wie die Made im Speck. Jede Menge Beamte tun jahrelang nichts Sinnvolles und bekommen Geld ohne Ende – es ist trotz aller Reformen der vergangenen Jahrzehnte so. Sicher: Es gibt Ausnahmen wie Polizei und Justiz. Aber ganz viele im öffentlichen Dienst haben noch nie in ihrem Leben etwas geleistet, also geschaffen. Übrigens auch viele in der Politik nicht, die nur die Schule, die Uni und den öffentlichen Dienst kennen. Entsprechend absurd ist unsere Politik oft. Nur ein bestimmter Menschenschlag will in öffentlichem Dienst und Politik leben, und so performen diese Lebensbereiche eben.

Das ist  in anderen Ländern sicher auch nicht anders. Ich als Mensch aber, der ausschließlich produktiv arbeitet, leidet einfach, wenn die Strukturen um mich herum nur Geringschätzung für Leute wie mich übrig haben. Aber ich tue mal noch einige Zeilen lang so, als sei ich Deutschland.

Zwei Arten von Einnahme, zwei Arten von Ausgabe

Du bist in meinen Augen herzlich willkommen, wenn du den Unterschied zwischen verschiedenen Arten der Geldeinnahme verstehst: Einnahmen auf Kosten anderer wie das Arbeitslosengeld II (vulgo: „Hartz IV“) oder sinnlose Gehälter in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes einerseits – und Einnahmen auf der Basis dessen, was du schaffst, andererseits. Was du „schaffst“!

„Schaffen“! Ein wunderbares Wort im Deutschen. Es heißt zum einen „arbeiten“, ist aber zum anderen verwandt mit dem „schöpfen“ und der „Schöpfung“, nämlich dem, was jemand geschaffen hat. Wenn du etwas schaffst, entsteht quasi Geld. Wenn du schnorrst, dann verbrennst du Geld.

Womit wir beim Unterschied zwischen Investition und Konsumausgabe sind: Ökonomische Denker stecken ihr Geld in Projekte, die ihrerseits Werte schaffen und damit Geld abwerfen. Konsumenten geben ihr Geld für Konsum aus. Das ist simples Know-how, das der Dritten Welt fehlt – das ist in meinen Augen einer der Gründe, weshalb Afrika nicht aus dem Knick kommt. (Ich weiß, es ist komplizierter, und ich weiß auch, dass der Westen nicht unschuldig ist am Elend Afrikas.)

Was ich jedenfalls sagen will: Du solltest die beiden Formen der Einnahme verstehen und die beiden Formen der Ausgabe. Und dann solltest du als kluger Kopf die richtigen Schlüsse ziehen.

Faulheit ist nirgendwo auf der Welt gefragt

Willst du mit deiner Intelligenz also ins Rennen gehen? Dann bist du in jeder Gesellschaft dieser Welt willkommen, nicht nur in unserer. Willst du aber lieber am Pool liegen und in Kauf nehmen, dass andere nicht weiterkommen, weil du deine wertvolle Intelligenz für dich behältst, deine Zeit vergeudest und nichts aus deinen Potenzialen machst? Dann solltest du für meine Begriffe in einem billigeren Land Urlaub machen, das weniger unter deiner Anwesenheit leidet.

Und sicher – nur um den Gedanken zu erwähnen: Ich weiß, dass viele Leute sagen, dass deine Intelligenz und Kreativität in deiner Heimat gebraucht werden und du daher hier nichts verloren hast und spätestens nach dem Frieden in Syrien dorthin gefälligst wieder abhauen solltest. Dieses Argument der politischen Rechten besticht natürlich auf den ersten Blick.

Aber andererseits, auf der Basis des Freiheitsgedankens, darfst du doch bitte leben, wo du es für richtig hältst. Ich habe dich gern hier, wenn du mitspielen willst; ich freue mich auf die zahlreichen inspirierenden Gespräche mit dir. Du musst es mit deinem Gewissen ausmachen, wenn du dein Potenzial nicht in deiner Heimat einsetzt – so wie es alle möglichen deutschen Spitzenkräfte ebenfalls mit sich selbst klären müssen, ob sie in den USA forschen, musizieren oder sporteln. Mir ist das alles recht. Du bist ein freier Mensch, so wie ich auch. Wollte ich hier nicht leben, wäre ich auch woanders.

Dein Denkfehler des Brunnens, der immer fließt

Jetzt muss ich einmal einen Satz aus deinem Text in der „Huffington Post“ zitieren. Du fragst:

Wieso sollten Flüchtlinge, egal ob abgeschoben oder nicht, kein Geld vom deutschen Staat bekommen? Sind sie denn keine Menschen, haben sie keine Grundbedürfnisse und nicht dasselbe Recht wie die Deutschen? Steht ihnen monatlich kein Geld für Essen, Trinken und Kleidung zu?

Da frage ich mich einfach, ob du es ernst meinst oder einen Comedy-Versuch unternimmst. Sicher sind Flüchtlinge Menschen. Aber du scheinst zu glauben, Deutschland sei ein Geld-Topf, an dem man sich bedienen könne. Wie an einem Brunnen, den es eben gibt und der von alleine immer Wasser führt. Dass Menschen Geschäftsideen haben müssen, damit dieses Wasser fließt, dass dafür eine Menge Arbeit nötig ist – das kommt dir merkwürdigerweise nicht in den Sinn. Was nicht schlimm ist! Wie gesagt versteht nicht einmal der klassische deutsche Beamte, dass jemand das Geld, das er so selbstverständlich und ohne ökonomischen Druck privat als Einnahme verbucht, tatkräftig erarbeitet. Da ist kein Verständnis.

Aber weißt du, was geschieht, wenn lauter Menschen einen Brunnen leerschöpfen, der sich nicht von selbst wieder füllt? Er ist irgendwann leer. Und die Karawane zieht weiter zum nächsten Brunnen, den sie leersaugen kann. Für sinnvoll halten wir im Westen so eine Form des Wirtschaftens nicht, wie du vielleicht verstehst. Oder, besser argumentiert: Genau weil wir anders wirtschaften, stehen wir in Mitteleuropa einigermaßen solide da.

Und du tust so, als könntest du hier in Deutschland ganz selbstverständlich einen Brunnen leerschöpfen, zu dem du bisher nichts beigetragen hast. Diese Argumentation bemüht der bei mir nicht besonders beliebte Pirinçci auch, aber wo er recht hat, hat er eben leider recht. Es gehört zum Anstand, es auch politischen Gegnern zuzugestehen, wenn sie in der Sache recht haben. Was jetzt halt zum differenzierten Denken gehört, ist, zu kapieren, dass ich damit nicht Pirinçcis Beleidigungen oder seine Haltung insgesamt gutheiße. Im Unterschied zu Pirinçci, der dich verachtet und diffamiert, achte ich dich als Menschen hoch und will wissen, was in deinem Kopf an kreativen Ideen steckt.

Du solltest lernen, was Freiheit und Wertschöpfung sind

Wir sind eben alle Kinder unserer Zeit. Wir sind alle Resultate unserer Prägung. Und du kannst etwas zur Wertschöpfung in Deutschland beitragen, wie ich aus deinem Text schließe. Jeder, der nicht komplett einen an der Schüssel hat, kann das. Also du sowieso mit deinen rhetorischen Fähigkeiten.

Wichtig dafür ist einfach das Verständnis von Freiheit. Bei der Kultur, aus der du kommst, verwundert mich, um es vorsichtig zu sagen, der geringe Wert der Freiheit des Einzelnen. Möglicherweise sind die Gedanken in deinem Huffington-Post-Beitrag von dieser Unfreiheit geprägt. Kann das sein? Bist du kollektivistisch oder auch kommunistisch geprägt und denkst, wo Ressourcen sind, darfst du dich bedienen, ohne dazu etwas beizutragen? Was meinst du?

Ich weiß, dass ich mich damit auf Glatteis begebe. Aber es würde mich eben fürchterlich interessieren, was die deutsche Linke am Islam so toll findet, die schon in Gestalt der RAF einige arabische Gruppen im Kampf gegen Israel unterstützt hat, obwohl der deutsche Völkermord an den Juden einer der wichtigsten Gründe für die Studenten der 68er war, sich von ihren Nazi-Vätern zu distanzieren. Worin liegt der Grund? Weißt du es? Was findet die deutsche Linke, die sonst so für Frauenrechte kämpft, am Islam so schick?

Wir sollten einander tolerieren

Und weißt du, was ich mit Wertschöpfung meine? Ich meine damit, dass sich jemand nicht einfach der Ressourcen bedient, die da sind, und damit von der Substanz lebt. Sondern dass jemand selbst etwas Konstruktives beiträgt zu der Gesellschaft, in der er leben will. Wenn jemand das will, ist es völlig egal, welche Hautfarbe er hat oder welcher Religion er angehört. Es geht nur darum, selbst etwas beizutragen und die anderen nicht anzufeinden, nur weil sie anders leben als man selbst. Dann macht das Leben richtig Spaß!

Ich beispielsweise bin seit mehr als zwölf Jahren selbstständig und mache Projekte aller Art mit unglaublich verschiedenen Partnern unterschiedlichster Prägung. Das Wichtigste bei allem ist, dass wir einander tolerieren und unsere Gedanken anhören. Nur so entsteht etwas Gutes. Fanatiker wären schnell wieder draußen – einfach weil man mit denen nicht arbeiten kann und weil sie sich mit irrelevanten Nebendetails aufhalten, die niemandem helfen. Wirre Gedanken bringen einfach niemanden weiter.

Insgesamt denke ich: Pluralismus funktioniert nur, wenn alle beteiligten Gruppen einander tolerieren. Macht eine Gruppe einer anderen Vorschriften, funktioniert der Pluralismus nicht. Und niemand darf Schnorrer sein. Sondern alle müssen etwas Konstruktives beitragen.

Multikulti klappt, wenn alle produktiv und tolerant sind

„Multikulti“ ist dabei übrigens nur ein anderes Wort für Pluralismus: Schränkt eine Kultur oder Religion andere Kulturen und Religionen ein, oder lebt eine Kultur oder Religion auf Kosten anderer, oder lebt eine Kultur oder Religion von der Substanz, oder vernichtet eine Kultur oder Religion Werte anderer Kulturen oder Religionen – beispielsweise den Wert möglichst geringen Leides bei Mensch und Tier –, dann klappt Multikulti nicht. Multikulti setzt Toleranz voraus, und zwar bei allen Beteiligten. Es kann nicht sein, dass eine Partei Toleranz fordert, selbst aber nicht tolerant ist. Und es kann auch nicht sein, dass eine Partei Teilhabe fordert, selbst aber nichts beiträgt. Das ist ganz einfach eigentlich, meinst du nicht?

Meine Frage an dich ist: Bist du bereit, bei diesem wunderbaren Spiel des Gebens und Nehmens im Pluralismus mitzumachen? Oder willst du ein Schnorrer sein?

Beziehungsweise wie erwähnt: Willst du konstruktiv sein oder destruktiv? Bist du bereit, deine Intelligenz zum Wohle anderer einzusetzen, oder willst du im Supermarkt vergessen zu bezahlen? Bist du bereit, zu würdigen, was man für dich tut, oder bist du ein Egoist, dem die anderen egal sind? Bist du bereit, die Leistungen anderer wertzuschätzen? Bist du ein Geber oder ein Nehmer? Bist du aktiv oder faul? Bist du motiviert oder deprimiert? Denkst du, du selbst verantwortest deine Gefühle oder die anderen?

Und so weiter! Du solltest vielleicht wissen, dass die Wertschätzung an sich etwas ist, was in den Köpfen unserer Regierenden und Unternehmenslenker immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Willst du etwas beitragen, oder willst du schnorren?

Und klar, du hast recht: Wir haben auch deutsche Schnorrer in Deutschland. Es geht ja eben nicht um Nationalität und Kultur, sondern ums konkrete Handeln. Es ist übrigens nicht so, dass sich niemand über die Untätigkeit von Faulpelzen beklagt, die ihre Fähigkeiten nicht einbringen. Leute wie ich finden so etwas charakterlos. Also: Ja, sicher! Schnorrer haben wir auch in Deutschland, viele mit deutschem Pass.

Aber wenn du bereit bist, hier mitzumachen, freuen sich die allermeisten über dich – das sollte dir klar sein. Die überwiegende, überwältigende Mehrheit freut sich über dich. Dann sind die Dresdner Schreihälse egal. Wenn du mitspielst, ist es egal, wo du herkommst. Wenn ich im Sommer am See liege und ein Eis will, ist es mir gleich, ob der Eisverkäufer Ausländer ist, anderer Religion als ich, vorbestraft, Schwabe, Hesse, Venezolaner, ob er im Rollstuhl sitzt oder jenseits der sechzig ist. Er hat etwas, was ich will oder brauche. Und dieser Mechanismus ist es, der Menschen wie dir helfen kann, hierzubleiben. Es ist das Einfachste der Welt.

Was dir nicht hilft, ist die Anspruchshaltung, der Staat müsse für dich sorgen. Sondern solange du keinen deutschen Pass hast, wird ein vernünftiger Staat versuchen, dich loszuwerden. Momentan ist der deutsche Staat in diesem Punkt sehr weich, aber Pegida und AfD sind dabei, das zu ändern, wie du ja mitbekommst. Und der Staat tut natürlich auch, was er kann, um deutsche Schnorrer nicht durchzufüttern. Sicher – es gibt Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, denen müssen wir helfen. Klar! Aber die meisten Menschen können nun einmal für sich selbst sorgen. Das ist relativ einfach in Deutschland.

Ach ja – noch mal zur Produktivität von Schnorrern. Wie um alles in der Welt kann der sogenannte Islamische Staat über Youtube Propaganda machen? Wenn der Islamische Staat gegen den Westen ist – warum verwendet er dann so selbstverständlich so viele westliche Errungenschaften? Die Extremisten nutzen Technik, die in der Freiheit des Westens erfunden und entwickelt wurde – ob es dabei um Waffen, militärische Technologien, Internet-Plattformen wie Youtube und Facebook oder das Internet als Technologie selbst geht. Warum nutzen diese Leute nicht ihre eigenen Erfindungen?

Totalitarismus bringt wenig Schöpfungskraft hervor

Die Antwort ist leider simpel: Totalitäre Kulturen bringen nun einmal nicht viele Geistesschöpfungen hervor. Warum nicht? Weil der Totalitarismus die Freiheit begrenzt und freies Denken meistens bestraft. Welche Nobelpreise, Patente, relevanten Entwicklungen verdanken wir Weltgegenden, in denen Totalitarismus herrscht? Da ist nicht viel.

Und so kenne ich eben keinen Freigeist in Europa, der in ein islamisches Land ziehen will, weil er sich dort besser entfalten könnte. Ich kenne keinen Schwulen, der lieber in einem islamischen Land leben wollte, weil er dort freier wäre. Selbst dann nicht, wenn er die Grünen wählt, die jegliche Einwanderung für Bereicherung halten – ganz gleich, was sie an Intoleranz mit sich bringt. Ich kenne keinen Juden, der in einem arabischen Land leben will, weil er dort sicherer leben würde als hier. Woher kommt das nur?

Aber gut – das sind Tendenzen. Damit ist nicht gesagt, dass der einzelne Muslim an sich, der Araber oder Nordafrikaner als Individuum an sich intolerant wäre. Das sollten wir auch nicht annehmen. Natürlich kann auch ein schwuler Jude problemlos in Beirut leben. Mir geht es um die Tendenz! Berlin-Schöneberg ist eben einfacher, weil toleranter. Toleranter, weil nicht ideologisch und nicht religiös. Zugleich ist niemand Vertreter seiner Kultur; niemanden dürfen wir für seine Kultur verhaften. Der einzelne Vertreter einer Nation oder Religion ist in der Regel nicht verantwortlich für das Handeln seiner Führung.

Ich traue dir zu – dir, Aras, dir individuell –, dass du den Schatten jeglicher kulturellen Prägung überspringst und dich rein am Menschlichen orientierst. Das lese ich an der Qualität deines Schreibstils ab. So wie ich das auch getan habe, als ich mich im zarten Alter von vierzehn Jahren vom Christentum gelöst habe. Auch ich war zuvor, obschon Mitteleuropäer, gedanklich nicht frei.

Wir sind Menschen, Aras, nur darum geht es. Egal, wo und wie wir aufgewachsen sind: Wir sind alle gleich viel wert und haben alle die Chance, aus diesem einen Leben auf dieser Erde etwas Wundervolles zu machen. Wenn danach ein noch wundervolleres Jenseits folgt, dann schön. Aber jetzt sind wir hier.

Wir in Deutschland sind leider extrem – rechts oder links

Was deine Wut gegen Wutbürger betrifft, so gebe ich dir recht. Natürlich sind die Schreihälse Idioten, die dir sagen oder schreiben: „Verpiss dich!“, ohne dich wirklich zu kennen und dir eine Chance zu geben, dieses Deutschland zu verstehen. Ohne Frage. In Deutschland ist das merkwürdigerweise so: Die Rechten – wie Pirinçci – verurteilen die Einwanderer pauschal. Die Linken – wie die Grünen – feiern die Einwanderer pauschal. Dieses Pauschalisieren ist möglicherweise typisch für uns Deutsche nach der monarchistischen Kaiserzeit, dem ersten Demokratieversuch (Weimarer Republik), zwei Diktaturen (Drittes Reich, DDR) und dem zweiten Demokratieversuch (Bundesrepublik Deutschland), aufgedrückt von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg.

Glaub bloß nicht, wir wären von alleine oder freiwillig zu Demokraten geworden! Wir Deutsche ticken nach wie vor nicht pluralistisch. Darum hörst du in der deutschen Publizistik ja eben nur die schrillen Töne, über die du dich beklagst. Auch der Weg in eine vielfältige Gesellschaft ist noch weit. Sowohl die Rechten, die Menschen wie dich sofort loswerden wollen, als auch die Linken, die dich als Instrument gegen die Rechten benutzen, handeln ideologisch und totalitär. Niemand von diesen Extremisten sieht dich als Menschen. Niemand sieht dich. Diese Extremisten sehen nur Schablonen, Raster, politische Weltbilder. Entweder du entsprichst dem jeweiligen Weltbild oder nicht. Wenn ja, bist du gut, wenn nein, musst du bitte das Land verlassen. So denken wir in Deutschland leider.

Zivilisierte Menschen zerstören nicht die Werte anderer

Lass mich zum Schluss noch eine andere Analogie ziehen. Zivilisierte Vertreter verschiedener Kulturen treffen einander ja ständig – beispielsweise auf Wissenschaftskongressen, in Spitzen-Orchestern, bei den Olympischen Spielen. Dann gilt der Code, dass alle die bevormundenden Aspekte ihrer Kultur zurückhalten, damit das Miteinander gelingt. Die Erfahrung ist in aller Regel: Genau dadurch gelingt das Miteinander.

Meine Frage an die Schreihälse von Dresden ist: Seid ihr bereit oder nicht, dass wir uns zivilisiert unterhalten?

Ebenso einfach ist meine Frage an dich als klugen Menschen: Bist auch du dazu bereit, oder bist du nicht dazu bereit, dass du etwas beiträgst zum Leben, statt nur zu verlangen, dass der deutsche Staat – also ich mit meinen Steuern, hinter denen harte Arbeit steckt – dir ein Leben ohne Gegenleistung finanziert?

Ganz egal, wie du dich entscheidest – niemals spielen Kultur, Hautfarbe oder Religion eine Rolle. In einem liberalen und toleranten pluralistischen Land (das wir hier immer noch haben) geht es nur darum, ob du konstruktiv oder destruktiv bist. Wenn du Lust hast mitzuspielen, wollen wir dich – egal, welcher Kultur du entstammst. Wenn du das Spiel störst, wollen wir dich nicht – auch egal, welcher Kultur du entstammst. Wenn du mich fragst: Ich will die destruktiven Pegida-Schreihälse auch nicht, sofern sie destruktiv sind und nichts zum Gemeinwesen beitragen.

Es geht also nicht um Kultur, nicht um Religion und auch nicht um Nation. Die Frage ist nur: Bist du konstruktiv oder destruktiv?

Das würde ich gerne von dir wissen.

Offenherzige Grüße

Thilo