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	<title>Thilo Baum &#187; Geschichten</title>
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	<description>Thilo Baum: Klartext-Experte</description>
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		<title>Der Wald ruft</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Jul 2008 22:50:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[
Irgendwann im Verlauf einer solchen Nacht kommt der Moment, wo man besser mal reingeht und das Geschehen drau&#223;en ignoriert.
Die Ger&#228;usche vom Waldrand, die Ger&#228;usche vom Feld – sie sind zu deutlich f&#252;r kleines Getier wie Hasen, Dachse oder F&#252;chse. Es knackt laut im Geh&#246;lz, doch nichts ist zu sehen. Ein Mensch, der sich ohne Lampe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2008/07/mittsommernacht2.jpg" alt="mittsommernacht2.jpg" /></p>
<p>Irgendwann im Verlauf einer solchen Nacht kommt der Moment, wo man besser mal reingeht und das Geschehen drau&#223;en ignoriert.</p>
<p>Die Ger&#228;usche vom Waldrand, die Ger&#228;usche vom Feld – sie sind zu deutlich f&#252;r kleines Getier wie Hasen, Dachse oder F&#252;chse. Es knackt laut im Geh&#246;lz, doch nichts ist zu sehen. Ein Mensch, der sich ohne Lampe durch das Dickicht der Nacht ans Haus im Wald schleicht? Kaum zu vermuten, ohne dass der Hund anschl&#228;gt. Ein Hund? Ebenfalls nicht wahrscheinlich. Rehb&#246;cke, die sich wie so oft nachts zur Keilerei treffen? M&#246;glich. Wildschweine? Godzilla?</p>
<p>Der Mensch ist zum Sterben da, und nun ist der Moment gekommen. Alles ist verg&#228;nglich, auch das Leben. Ich bin bereit. Es ist die Stille vor dem Tod. Meine Kerzenlaterne steht auf der Mauer, und obwohl es windstill ist, flackert die Flamme. Unheil k&#252;ndigt sich an. Das Knacken im Wald kommt n&#228;her und n&#228;her, es verstummt. Was geschieht nun? Das Tier kann kaum noch f&#252;nf Meter von mir entfernt sein. Es muss so furchteinfl&#246;&#223;end sein, dass sogar der Hund schweigt, unser Serienkiller hier. Der Himmel zieht sich zu, meine Augen sind blind vom Kerzenlicht.</p>
<p>Und dann bricht das Monster aus dem Roggenfeld heraus auf mich zu. Ein glibschiger, gr&#252;ner, schleimiger Krake von acht Metern Durchmesser rast donnernd auf mich zu. Sein widerw&#228;rtiges &#196;u&#223;eres verh&#246;hnt den romantischen Sternenhimmel, und das Biest springt mich in atemberaubendem Tempo an. Ein giftiges, zwingend t&#246;dliches Tier, zum Mord bereit. Blut wird aus meinen Augen rinnen. Kein sch&#246;ner Tod. Ein Tod, den man sonst nur im Kino sieht.</p>
<p>Ich geh jetzt wohl besser mal rein.</p>
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		<title>Die Geschichte vom Pferd</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 01:38:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltagsphilosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine meiner Lieblingsgeschichten ist ja die Geschichte vom Pferd.
In einem armen Dorf lebt ein armer Junge. Und eines Tages bekommt dieser arme Junge von einem reichen Onkel ein Pferd geschenkt. Alle im Dorf sind neidisch und staunen und sagen: Dem kann&#8217;s ja gut gehen! Der hat ein Pferd! Was f&#252;r ein Gl&#252;ck dieser Junge hat! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine meiner Lieblingsgeschichten ist ja die Geschichte vom Pferd.</p>
<p>In einem armen Dorf lebt ein armer Junge. Und eines Tages bekommt dieser arme Junge von einem reichen Onkel ein Pferd geschenkt. Alle im Dorf sind neidisch und staunen und sagen: Dem kann&#8217;s ja gut gehen! Der hat ein Pferd! Was f&#252;r ein Gl&#252;ck dieser Junge hat! Nur der Zen-Meister sagt: Wir werden sehen.</p>
<p>Eines Tages f&#228;llt der Junge vom Pferd und bricht sich ein Bein. Die Menschen im Dorf sagen: Was der arme Junge f&#252;r ein Pech hat! Jetzt geht es ihm so schlecht! Er tut uns so leid! Nur der Zen-Meister sagt: Wir werden sehen.</p>
<p>Dann bricht Krieg aus. Das Milit&#228;r zieht alle m&#228;nnlichen Dorfbewohner ein – nur der Junge darf zu Hause bleiben, weil er ein gebrochenes Bein hat. Alle im Dorf sagen: Der hat&#8217;s gut! Der hat ein Gl&#252;ck! Nur der Zen-Meister sagt: Wir werden sehen.</p>
<p>Ich wei&#223; gar nicht, woher diese Geschichte kommt. M&#246;glicherweise wird sie von verschiedenen Seiten unterschiedlich &#252;berliefert.</p>
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		<title>Wie ich nachts einen Mittagsschlaf hielt</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Dec 2007 22:01:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor kurzem habe ich nachts einen Mittagsschlaf gehalten. Das ist ungef&#228;hr so schr&#228;g, wie wenn Frauen f&#252;r einen die Augenfarbe wechseln. Aber der Reihe nach. Eins nach dem anderen.
Fangen wir so an: Ich habe keinen Jetlag. Warum nicht? Ich bin doch gerade von Los Angeles nach Berlin geflogen und hatte neun Stunden Zeitunterschied zu &#252;berwinden. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor kurzem habe ich nachts einen Mittagsschlaf gehalten. Das ist ungef&#228;hr so schr&#228;g, wie wenn Frauen f&#252;r einen die <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/geschichten/das-madchen-das-fur-mich-die-augenfarbe-wechselte/" target="_blank">Augenfarbe wechseln</a>. Aber der Reihe nach. Eins nach dem anderen.</p>
<p>Fangen wir so an: Ich habe keinen Jetlag. Warum nicht? Ich bin doch gerade von Los Angeles nach Berlin geflogen und hatte neun Stunden Zeitunterschied zu &#252;berwinden. Das Protokoll:</p>
<p>Sonntag, 9. Dezember: Ich stehe um 9 Uhr PST (18 Uhr MEZ) auf und gehe um 24 Uhr PST (9 Uhr MEZ) schlafen. Ich bin 15 Stunden wach. Das ist ok und nicht anders als sonst.</p>
<p>Montag, 10. Dezember:  Ich stehe um 10 Uhr PST (19 Uhr MEZ) auf. Ich habe 10 Stunden geschlafen, super.</p>
<p>Am gleichen Tag steige ich um 19 Uhr PST (11. Dezember 4 Uhr MEZ) in den Flieger und schlafe um 21 Uhr PST (11. Dezember 6 Uhr MEZ) ein: Ich war 11 Stunden wach. Ist ok.</p>
<p>Dienstag, 11. Dezember: Um 2 Uhr PST (11 Uhr MEZ) wache ich im Flieger auf. Ich habe 5 Stunden geschlafen, das entspricht einer ausgedehnten Mittagspause. Ist ok.</p>
<p>Am gleichen Tag komme ich um 18 Uhr MEZ in Deutschland an und gehe um 24 Uhr MEZ schlafen: Ich war 13 Stunden wach. Ist prima.</p>
<p>Mittwoch, 12. Dezember: Ich stehe um 9 Uhr MEZ auf. Ich bin ausgeschlafen! Es geht mir gut! Kein Jetlag.</p>
<p>Dabei sagen doch <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jetlag" target="_blank">immer alle</a>, der Jetlag auf Reisen nach Osten sei heftiger als auf Reisen nach Westen. Sehe ich nicht so. Ich empfand meine Reise von Berlin nach New York im Sommer als heftiger, weil ich dort wach war, w&#228;hrend alle noch schliefen. Und das waren nicht neun, sondern nur sechs Stunden Differenz.</p>
<p>Mein Anti-Jetlag-Programm war intuitiv und im Nachhinein ganz einfach: Mein 11. Dezember begann um 0 Uhr PST = 9 Uhr MEZ und hatte, weil Ankunftstag in Berlin, nur 24-9=15 Stunden. Weil meine Mitternacht zwischen dem 10. und dem 11. Dezember aber nicht klar war, sondern irgendwie, irgendwo, irgendwann auf dem Flug zum Vollzug gelangte, habe ich den 10. und den 11. Dezember (24+15 Stunden) einfach zu einem Tag zusammengefasst (39 Stunden). Das durch zwei geteilt gibt 18,5 Stunden.</p>
<p>Ob ein Tag nun 24 Stunden oder 18,5 hat, ist im Grunde noch mal eine halbe Stunde pro Tag weniger heftig als bei einem Flug aus New York, und die Summe beider Tage l&#228;sst sich durch einen F&#252;nf-Stunden-Mittagsschlaf ausgleichen, wobei der &#8222;Mittag&#8220; vom Schlaf nicht wirklich mittags stattfindet — denn wenn man zwei Tage zu einem zusammenfasst, findet der &#8222;Mittag&#8220; dieses Doppeltages nat&#252;rlich in einem Zeitraum statt, der nach Rechnung normaler Tage irgendwann um Mitternacht liegt. Und bei der Zusammenfassung zweier unterschiedlich langer Tage empfiehlt es sich, Mitternacht genau in der Mitte des Doppeltages zu definieren.</p>
<p>Ich habe also mitten in der Nacht irgendwo &#252;ber Gr&#246;nland einen Mittagsschlaf gehalten. Es war Mittag und dennoch zappenduster drau&#223;en. Keine Ahnung, ob das auch Sinn hat, wenn man statt Mitternacht einen Mittag im Flugzeug erlebt.</p>
<p>Ob Jetlag nun existiert oder nicht — egal. Was bestimmt existiert, sind Jetlag-Kinder: Kinder, die die B&#252;hne der Welt betreten, weil reisende Frauen mit den Intervallen ihrer Pille durcheinander kommen. Das Ph&#228;nomen steht meines Wissens in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit der vergangenen Kalifornienreise.</p>
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		<title>Geisterstunde MESZ</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jul 2007 16:27:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[
Drei schwere Schritte auf Holzbohlen. Wie ein gro&#223;er Mann, der m&#252;de zum Stehen kommt.
Es ist wenige Minuten vor Mitternacht, ich bin erst seit einer guten halben Stunde wieder in der M&#252;hle. Das Ger&#228;usch war klar, es war da, es war mitteilbar, aber unbestimmbar, woher. Es klang wie von oben (da ist niemand, ich war oben). [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img id="image1470" alt="muehlennacht.jpg" src="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2007/07/muehlennacht.jpg" /></p>
<p>Drei schwere Schritte auf Holzbohlen. Wie ein gro&#223;er Mann, der m&#252;de zum Stehen kommt.</p>
<p>Es ist wenige Minuten vor Mitternacht, ich bin erst seit einer guten halben Stunde wieder in der M&#252;hle. Das Ger&#228;usch war klar, es war da, es war mitteilbar, aber unbestimmbar, woher. Es klang wie von <span id="more-1469"></span>oben (da ist niemand, ich war oben). Es klang wie von drau&#223;en (dort liegen keine Holzbohlen).</p>
<p>In der M&#252;hle spukt es.</p>
<p>Ich habe kein Problem mit dem Gedanken, dass es spukt. Das Ph&#228;nomen kenne ich aus vielen guten B&#252;chern meiner Kindheit. Das Motiv verlor sich dann im Laufe der Jugend- bis hin zur heutigen Coaching-Literatur. Selbstverst&#228;ndlich habe ich eines der wichtigsten B&#252;cher meiner Kindheit hier, <a target="_blank" href="http://www.amazon.de/Krabat-Otfried-Preu%C3%9Fler/dp/3522133501/ref=pd_bbs_sr_4/302-3384584-7555241?ie=UTF8&#038;s=books&#038;qid=1183911621&#038;sr=8-4">„Krabat“ von Otfried Preu&#223;ler</a>, denn auch dort geht es um eine alte M&#252;hle in Brandenburg. Der Junge, der in dieser M&#252;hle in der Lausitz mit elf anderen Kindern gefangen gehalten wird, versucht zu fliehen – doch er landet am Ende jedes Tages immer wieder bei dieser M&#252;hle, obwohl er morgens von ihr geradeaus in eine Richtung weggelaufen ist. Jedes Mal empf&#228;ngt ihn der ein&#228;ugige Meister wieder mit schallendem Lachen.</p>
<p>Drei schwere Schritte auf Holzbohlen. Wie ein gro&#223;er Mann, der m&#252;de zum Stehen kommt.</p>
<p>Ich stelle fest, dass man in der Nacht hervorragend in die M&#252;hle hereinsehen kann, aber nicht hinaus. Sollte der Mann tats&#228;chlich drau&#223;en zum Stehen gekommen sein, so musste er dort stehen und mich beobachten, es sei denn, er habe sich leise weggeschlichen. Er musste rechts von der Verandat&#252;r stehen, reglos. Aber was sollte das? Kein Auto war zu h&#246;ren gewesen, und wer nimmt den beschwerlichen Marsch vom Dorf hierher in den Wald auf sich, um sich dann erst laut polternd bemerkbar zu machen und dann reglos neben einer Verandat&#252;r stehen zu bleiben?</p>
<p>Nun besagt die Theorie des Spuks, dass Geister vormals Lebender ihre Wege suchen und finden, sich bei den noch Lebenden bemerkbar zu machen. Denn schlie&#223;lich glauben die heute Lebenden meist nicht an Geister – wie also sollen sie von ihnen Kenntnis erhalten, wenn ihnen keiner Bescheid sagt und die Geister nichts von sich h&#246;ren lassen? Aus Sicht der Geister ist es also mehr als verst&#228;ndlich und nachvollziehbar, dass sie sich auf ihre Weise bemerkbar machen, also irrational, vulgo: dass sie spuken. Dagegen habe ich nichts. Ich habe Kommunikation studiert und finde Codes aller Art faszinierend.</p>
<p>Leider nur ist meine Taschenlampe nicht griffbereit. Die Taschenlampe liegt im Auto. Um das Haus nach Eindringlingen zu durchsuchen, brauche ich aber eine Taschenlampe. Ich &#246;ffne also ohne Lampe die Verandat&#252;r und blicke mit blinden Augen in die Finsternis. Die Finsternis hier verdient ihren Namen, denn wenn der Himmel nicht so wolkenverhangen ist wie heute, funkelt er voller Sterne, und das wirkt im Kontrast zur Finsternis heller als Silvester auf einem Dach in Berlin-Mitte. Heute ist der Himmel durch die Wolken schwarz wie die Nacht. Ich schlie&#223;e mein etwa zehn Meter entfernt stehendes Auto mit der Fernbedienung auf, und ein greller heller Blinker-Doppelblitz rei&#223;t das Dunkel auf, an das sich meine Augen soeben gew&#246;hnt haben, und in der Finsternis erkenne ich in Sekundenbruchteilen direkt vor mir in wuchtiger Gestalt die schaurigen Umrisse von – nichts. Da ist keiner. Da ist nichts. Es herrscht Stille. Die Schaukel am Waldrand h&#228;ngt reglos vom Ge&#228;st, und lautlos ziehen die schwarzen Wolken &#252;bers Roggenfeld.</p>
<p>Geist, was willst du mir sagen? Willst du mir etwas sagen?</p>
<p>Die Gesch&#246;pfe der Nacht sprechen &#252;blicherweise anders mit mir. Sie schreien im Wald. Sie k&#228;mpfen. Sie leiden, sie t&#246;ten. Sie schleichen heran und springen weg. Sie sind offen und ehrlich. Geister hingegen scheinen nicht so offen und ehrlich zu sein. Sie spielen ihre Spielchen. Ob ich auch einmal solche Spielchen spielen werde, wenn ich Geist bin? Sofern ich dann noch was zu sagen habe? Ich will immer offen und ehrlich sein.</p>
<p>Schon spannend, es mit einem Geist zu tun zu haben, der etwas zu sagen hat und nicht wei&#223;, was er sagen soll. Vielleicht liegt hinter dem Geheimniskr&#228;merischen die Hoffnungslosigkeit, dass Geister ihre Botschaften nicht anbringen, dass keiner sie erh&#246;rt, und das wom&#246;glich deswegen – welch fatale Schleife – weil die Menschen Angst vor Geistern haben (und das wissen die heutigen Geister, denn auch sie waren einmal Menschen). Die Tragik eines Geistes ist es, dass man Geister f&#252;rchtet. Ich will nicht, dass man sich vor mir f&#252;rchtet, weder jetzt noch als Geist.</p>
<p>Deswegen bin ich auch selbst furchtlos und gehe zum Wagen. Die Taschenlampe muss irgendwo sein. Der Kuckuck, der am Tage immer ruft, ist verstummt. Hat sich ein Wildschwein ins Haus verirrt, so w&#228;re es gut, davon Kenntnis zu erlangen und das Tier gegebenenfalls vor die T&#252;re zu setzen. Die Finsternis umschlie&#223;t mich. Meine Augen gew&#246;hnen sich wieder an das Dunkel. Wozu, beziehungsweise wovor sollte ich Angst haben? Ist es ein Geist, kann er mir nichts tun. Ist es ein Tier, wird es fliehen. Ist es ein b&#246;ser Mensch, h&#228;tte er mich l&#228;ngst &#252;berw&#228;ltigt. Was also?</p>
<p>Nach einigem Kramen im Auto finde ich meine Taschenlampe, eine Maglite, mit der man jemandem auch eine &#252;berbraten kann, allerdings keinen Geistern, denn durch die schl&#228;gt man bekanntlich hindurch, schlie&#223;lich gehen Geister auch durch geschlossene T&#252;ren. Aufgrund des Mangels an Physis gibt es ja auch keinen Grund, weshalb beim Geisterwandel Holzbohlen knarren sollten. H&#246;rbarer Spuk kann daher nur ein Zeichen und ergo harmlos sein.</p>
<p>Wahrscheinlich steht der Geist l&#228;ngst verzweifelt und kopfsch&#252;ttelnd hinter mir und schaut mir &#252;ber die Schulter, w&#228;hrend ich irgendeine Geister-Story in den Rechner hacke und er mir vergebens einen Hinweis nach dem anderen schickt, doch endlich mit ihm in Kontakt zu treten. Pass auf, Geist: Wir werden uns diese M&#252;hle hier noch l&#228;nger teilen, und wenn du mir etwas zu sagen hast, dann werden wir auch die Zeit finden, uns auseinanderzusetzen. Als Geist bist du von Natur aus nicht ungeduldig. Und wenn du ausgerechnet jetzt mit mir sprechen willst, dann lass doch einfach den Strom ausfallen. Siehst du – du tust es nicht. Wir haben Zeit. Wir sprechen uns schon noch.</p>
<p>Hinter dem Beifahrersitz werde ich f&#252;ndig. Ich werfe die Autot&#252;re zu und dr&#252;cke den Schalter der Stablampe. Das Licht zerreist die Finsternis. Ein harter, wei&#223;er Strahl trifft auf rotes Mauerwerk und Holzbalken. Die M&#252;hle erscheint in fahlem Licht. Das Roggenfeld wogt im Wind. Was f&#252;r ein Anblick, was f&#252;r ein wundersch&#246;ner Anblick. Ich stehe alleine um Mitternacht im Wald, vor mir eine alte M&#252;hle. Ich wei&#223;, dass manche Menschen Angst h&#228;tten, aber ist es in der Gro&#223;stadt nicht viel gef&#228;hrlicher als zwischen zwei klitzekleinen D&#246;rfern auf dem Land mitten im Wald? Was soll hier geschehen? In der Gro&#223;stadt sitzen Irre bis an die Z&#228;hne bewaffnet in U-Bahnen, und die meisten Fahrradfahrer scheinen Blutb&#228;der inszenieren zu wollen. Und noch viel schlimmer: In der Gro&#223;stadt ist es so laut, dass man Geister nicht einmal h&#246;rt. Man versteht ihre Botschaften nicht, ja man bekommt nicht einmal mit, dass sie welche zu verk&#252;nden haben.</p>
<p>Wenn es eines zu geben scheint, was die Kommunikation mit Geistern erm&#246;glicht, dann ist das Stille. Ich habe noch nie von einer Schwarzen Messe inmitten einer l&#228;rmenden Maschinenhalle geh&#246;rt. Insofern verhallen die Rufe der Geister in der Stadt. Nein, f&#252;r die Auseinandersetzung mit ungl&#252;cklichen Seelen ist die M&#252;hle der richtige Ort. Mit ein wenig Geduld wird es auch klappen.</p>
<p>Nur an den Stundenplan der Geister werde ich mich gew&#246;hnen m&#252;ssen, denn den finde ich sehr fraglich. Wenn um Mitternacht die Toten aus dem Grab steigen, z&#228;hlt dann Sommer- oder Winterzeit? Gilt die Uhrzeit der jeweiligen Zeitzone, oder die tats&#228;chliche Uhrzeit nach dem Stand der Sonne? Die drei schweren Schritte vorhin waren ganz deutlich kurz vor 23 Uhr MEZ, also weit weg von der Geisterstunde. Oder h&#228;lt man es in Geisterkreisen popul&#228;rwissenschaftlich und l&#228;sst f&#252;nfe gerade sein? Sollte man doch, wenn man es auch dreizehn schlagen lassen kann. Andererseits: Wenn Geister so rational denken, k&#246;nnen sie auch gleich normal mit mir reden und die Sprechzeiten beachten.</p>
<p>Hier jedenfalls schl&#228;gt gar nichts. Es schl&#228;gt weder Geisterstunde noch dreizehn. Und drau&#223;en ist keiner. Kein Mensch, kein Sensenmann, kein Werwolf, keine Figur aus einem Hieronymus-Bosch-Gem&#228;lde, nichts. Jedenfalls nichts Sichtbares. Ich schlie&#223;e meinen Wagen mit einem Klacken wieder ab, ein grellgelber Blitz durchzuckt die Nacht und beleuchtet f&#252;r einen Sekundenbruchteil die Schaukel im Wald, auf der die klaren, scharfen Umrisse – von nichts zu sehen sind.</p>
<p>Ich gehe hinein. Ich verschlie&#223;e die T&#252;r, ziehe den Schl&#252;ssel ab und stecke ihn ein. Es ist zehn Minuten nach Geisterstunde MESZ. Ich l&#246;sche im Erdgeschoss das Licht und gehe langsam die knarrende Treppe nach oben. Ich denke, ich werde sehr gut schlafen.</p>
<p>Drei schwere Schritte auf Holzbohlen. Wie ein gro&#223;er Mann, der m&#252;de zum Stehen kommt.</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">
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		<title>Das M&#228;dchen, das f&#252;r mich die Augenfarbe wechselte</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Apr 2006 19:43:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Was tun Frauen nicht alles f&#252;r M&#228;nner und umgekehrt! Doch bei allem Liebesgepl&#228;nkel: F&#252;r mich hat ein M&#228;dchen sogar schon einmal ihre Augenfarbe gewechselt.
Sie fragte mich eines sch&#246;nen Tages, welche Lieblingsfarbe ich habe, wenn es um Augen ginge. Ich antwortete beil&#228;ufig Gr&#252;n – und merkte sogleich, dass das nicht sehr charmant war, hatte das M&#228;dchen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was tun Frauen nicht alles f&#252;r M&#228;nner und umgekehrt! Doch bei allem Liebesgepl&#228;nkel: F&#252;r mich hat ein M&#228;dchen sogar schon einmal ihre Augenfarbe gewechselt.</p>
<p>Sie fragte mich eines sch&#246;nen Tages, welche Lieblingsfarbe ich habe, wenn es um Augen ginge. Ich antwortete beil&#228;ufig Gr&#252;n – und merkte sogleich, dass das nicht sehr charmant war, hatte das M&#228;dchen doch braune Augen. Nun dachte ich mir weiter nichts dabei. Bis zum n&#228;chsten Tag. Da stand das M&#228;dchen vor mir und hatte gr&#252;ne Augen.</p>
<p>Sie war sehr verliebt in mich. Jeden Morgen fand ich einen Brief von ihr unter meiner T&#252;r. Das M&#228;dchen schrieb sehr schwer zu lesende Briefe, denn das M&#228;dchen schrieb seine Briefe in Blindenschrift. Sie war von Geburt an blind. Als Zivildienstleistender in einer Blindenschule hatte ich ihr damals Nachhilfe in Mathematik gegeben und ihr anhand eines Tisches gezeigt, wie man die Raumdiagonale eines Quaders errechnet. Tags darauf bestand sie die Pr&#252;fung. Zum Dank verliebte sie sich in mich. Und da sie mit ihren 15 Jahren noch im Wachstum war, wechselte man in der Augenklinik j&#228;hrlich ihre Prothesen, und bei der Gelegenheit durfte sie sich die Farbe aussuchen.</p>
<p>So kam es, dass ein M&#228;dchen f&#252;r mich seine Augenfarbe wechselte.</p>
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		<title>Die Hand im Brunnen</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Mar 2006 11:04:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein Dorf in den bayerischen Alpen, 19. Jahrhundert. Stille. Ein fr&#252;her Morgen, es schneit. Ein achtj&#228;hriges M&#228;dchen zieht den Eimer aus dem Brunnen nach oben, und in dem Brunnen liegt – eine Hand.
Anfang einer Geschichte. Wie geht es weiter? Wer jetzt weiterspinnt, wird angesichts der vielen M&#246;glichkeiten der weiteren Storyline verzweifeln. Es sind zu viele [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Dorf in den bayerischen Alpen, 19. Jahrhundert. Stille. Ein fr&#252;her Morgen, es schneit. Ein achtj&#228;hriges M&#228;dchen zieht den Eimer aus dem Brunnen nach oben, und in dem Brunnen liegt – eine Hand.</p>
<p>Anfang einer Geschichte. Wie geht es weiter? Wer jetzt weiterspinnt, wird angesichts der vielen M&#246;glichkeiten der weiteren Storyline verzweifeln. Es sind zu viele M&#246;glichkeiten, um eine einzige von ihnen plausibel zu erz&#228;hlen.</p>
<p>Darum der Trick f&#252;r alle Storyliner: Schreibt eure Geschichten von hinten! Denkt euch nicht eine Anfangsszene aus, sondern sucht euch ein Ende des branching tree eurer Story. Und dann verfolgt die Story vom Ende in Richtung Anfang. So erfindet ihr zuerst die Folgen der Ereignisse und k&#246;nnt auf die Ursachen zur&#252;ckschlie&#223;en, und sehr zielbewusst wird eure Storyline von ganz alleine den Beginn der Geschichte ansteuern. So wirken Geschichten am Ende plausibler und weniger konstruiert.</p>
<p>Wenn ihr euch vergaloppiert, und ihr landet gar nicht bei einer Hand im Brunnen, kommt ihr eben auf einen anderen Anfang. Egal. Ihr habt eure Storyline, und da euer Gehirn gedacht hat und nicht ein fremdes, habt ihr eure Ideen und eure Message in eurer Story untergebracht. Vergesst die h&#252;bsche Anfangsszene, nur nicht in malerische Bilder und Gedanken verlieben, die sind nur Material, Holz, Stein, das mei&#223;elt sich ab. Jetzt schreibt das Drehbuch und bringt Flow rein.</p>
<p>Dass das Von-hinten-Schreiben eine gute Methode ist, zeigt der Whodunit – das ist der Krimi, der die Frage nach dem M&#246;rder aufwirft, Modell „Tatort“ (im Unterschied zu Krimis, bei der wir gleich zu Anfang wissen, wer der T&#228;ter ist, indem wir etwa Zeugen des Mordes werden). Hauptfigur beim Whodunit ist der Kommissar, Antiheld der T&#228;ter, zun&#228;chst unerkannt, wenngleich fr&#252;h etabliert im Figurensetting, damit er sp&#228;ter nicht wie Kai aus der Kiste die Zuschauer &#252;berrascht („Ach, pl&#246;tzlich soll’s einen vergessenen Onkel geben, der war’s“ – sowas geht nat&#252;rlich nicht). Ziel der Hauptfigur ist es, den M&#246;rder zu finden und zu &#252;berf&#252;hren – und das tut er letzten Endes nur dadurch, dass er die Plausibilit&#228;t des Drehbuches &#252;berpr&#252;ft. Ja, richtig gelesen: Beim Whodunit kontrolliert die Hauptfigur das Drehbuch, indem sie das Geschehen des Mordes von hinten aufdr&#246;selt und auf Plausibilit&#228;t pr&#252;ft. Auch in der Realit&#228;t beginnen Ermittlungen bei der Tat und r&#252;cken dann St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck auf der Zeitschiene in Richtung Vergangenheit.</p>
<p>Es erscheint spannend, ein R&#228;tsel zu l&#246;sen, und noch schwieriger scheint es, eines zu bauen. Dem Krimi-Autor geht es allerdings viel besser als den Konstrukteuren von Kreuzwortr&#228;tseln, wenn sie keine Software einsetzen: Der Autor wei&#223; von Anfang an, wer der T&#228;ter ist, und schreibt den Krimi einfach nur von hinten auf. So hat er „action“ und „event“ unter Kontrolle, und die Story wirkt plausibel. Der Zuschauer und der Kommissar leisten dann die Dechiffrierarbeit, das Ganze von der m&#252;hsameren Seite anzugehen – was bedeutet, dass Krimis zu bauen wesentlich einfacher ist als man bei der sonnt&#228;glichen Sichtung eines „Tatort“ vermutet.</p>
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		<title>d.L.</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Mar 2006 22:02:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ist es leicht oder schwer, Geschichten zu erfinden? Wer l&#252;gt und anderen gegen&#252;ber die erlogene Geschichte zu verteidigen versucht, wird sich irgendwann in Widerspr&#252;che verwickeln – das ist nicht nur eine alte Polizei- und Krimi-Weisheit. Warum ist das so? Weil jede erfundene Idee Folgen hat, die man &#252;bersehen kann, weil man die Einfl&#252;sse der Realit&#228;t [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist es leicht oder schwer, Geschichten zu erfinden? Wer l&#252;gt und anderen gegen&#252;ber die erlogene Geschichte zu verteidigen versucht, wird sich irgendwann in Widerspr&#252;che verwickeln – das ist nicht nur eine alte Polizei- und Krimi-Weisheit. Warum ist das so? Weil jede erfundene Idee Folgen hat, die man &#252;bersehen kann, weil man die Einfl&#252;sse der Realit&#228;t ins Geschehen nicht einbezieht in die Kalkulation der L&#252;ge.</p>
<p>Die Hollywood-Dramaturgie kennt zwei Gr&#246;&#223;en, die eine Handlung beeinflussen k&#246;nnen: „action“ und „event“. „action“ ist Handlung, mehr oder weniger gewollt, mehr oder weniger geplant. Baut sich eine L&#252;ge nur auf „action“ einer Person auf, fliegt sie meist nicht auf, denn alles bleibt gesteuert. „event“ hingegen ist „Ereignis“. Es passiert einfach. „event“ sind die vielen m&#246;glichen unvorhergesehenen Wendungen in jedem Geschehen: ein pl&#246;tzlich einsetzendes Gewitter, das f&#252;r den Bruchteil einer Sekunde den Einbrecher im Wohnzimmer beleuchtet; der unverhoffte Paketdienst-Zettel im Briefkasten, wo man doch offiziell zu Hause war; die Katze, die einen aufw&#228;ndig versteckten Gegenstand hervorholt – kurz: Der Begriff „event“ b&#252;ndelt die kleinen Details des Alltags, die ins geplante Handeln hineinpfuschen. Sie zerst&#246;ren die bem&#252;hte Plausibilit&#228;t der L&#252;ge.</p>
<p>Polizisten und Staatsanw&#228;lte aus aller Welt verdanken dem „event“ einen Gro&#223;teil ihrer Ermittlungserfolge – kaum ein T&#228;ter kann jedes „event“ ausschlie&#223;en (Zeugen, die ihn doch am Tatort sehen; vergebens klingelnde Gas-Ableser; Nachbarn, die das St&#252;hler&#252;cken zur gewohnten Uhrzeit vermissen). Daher ist das perfekte Verbrechen niemals nur die optimale Planung der Durchf&#252;hrung („action“), sondern beinhaltet auch die absolute Eliminierung s&#228;mtlicher m&#246;glicher „events“.</p>
<p>Es gibt nur einen Autor, der die perfekte L&#252;ge schreiben kann, und nur einen Verbrecher, der das perfekte Verbrechen begehen kann. Sein K&#252;rzel lautet „d.L.“ Es ist „das Leben“. Manche Zeitungsredakteure setzen das K&#252;rzel „d.L.“ unter Geschichten, die „das Leben“ schreibt, als Insider-Scherz, f&#252;r Leser nicht zu erkennen, doch f&#252;r Kollegen sofort nachvollziehbar als eine runde, nahezu geleckt runde Geschichte, die keine Fragen offen l&#228;sst und zugleich skurril und unwahrscheinlich ist, so wie man sie einfach nicht erfinden kann (sofern man journalistisch statt dramaturgisch denkt). Perfekt ist eine L&#252;ge also dann, wenn man sie nicht als L&#252;ge erkennt, wenn man sie also f&#252;r wahr h&#228;lt – und wenn die L&#252;ge eben dadurch wahr wird, weil ihr Gegenteil sich nicht beweisen l&#228;sst. So entsteht Wahrheit im Leben und vor Gericht. Insofern unterscheiden sich Wahrheit und Wirklichkeit enorm.</p>
<p>Letzten Endes geht es weder in der Presse noch in der Dramaturgie darum, ob Geschichten wahr oder erfunden sind. Sondern es geht ausschlie&#223;lich darum, ob sie plausibel sind. Kinder wollen keine wahren Gute-Nacht-Geschichten h&#246;ren, sondern plausible; und auch viele Frauen wollen keine wahren Geschichten h&#246;ren, sondern plausible (Neil Strauss, „Die perfekte Masche“: „Das war nicht gelogen, das war geflirtet“). Es ist auch ein Irrglaube, Polizisten und Juristen lie&#223;en sich von der Wahrheit leiten. Sie lassen sich von der Plausibilit&#228;t leiten. Wahrheit als solche ist niemals erkennbar, sie ist nur m&#246;glicherweise erkennbar, wenn ein Geschehen plausibel ist – doch etwas Plausibles kann auch erlogen und konstruiert sein.</p>
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		<title>Wie die Presse Mozart unter die Erde brachte</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Aug 2005 09:22:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mozart war etwa Mitte 50 und lebte in Berlin-Pankow. Er f&#252;hrte ein geruhsames Leben zwischen Ein-Zimmer-Wohnung, Sozialamt, Supermarkt und Altglascontainer. Man nannte ihn Mozart, weil er einen Zopf trug. Mozart war beliebt, weil er immer mal wieder einen ausgab und viel lachte. Wenn der Winter kam, lud er seine Freunde vom Platz vor dem Supermarkt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mozart war etwa Mitte 50 und lebte in Berlin-Pankow. Er f&#252;hrte ein geruhsames Leben zwischen Ein-Zimmer-Wohnung, Sozialamt, Supermarkt und Altglascontainer. Man nannte ihn Mozart, weil er einen Zopf trug. Mozart war beliebt, weil er immer mal wieder einen ausgab und viel lachte. Wenn der Winter kam, lud er seine Freunde vom Platz vor dem Supermarkt zu sich ein, damit sie im Warmen schlafen und auch mal wieder fernsehen konnten.</p>
<p>Wer in Berlin Geld braucht, &#252;berf&#228;llt Penner. Das dachten sich im Sommer 1999 drei schwer erziehbare Jugendliche, die schon &#246;fter mit den anderen vom Platz vor dem Supermarkt in Mozarts Wohnung gesessen hatten. An einem Abend im Juli streiften sie sich Strumpfmasken &#252;ber, drangen mit Messern und Seilen in Mozarts Wohnung ein und fesselten ihn auf einen Stuhl. Sie durchw&#252;hlten Schr&#228;nke, schlitzten Stuhlpolster und Matratzen auf und fanden in Mozarts Hosentasche 36 Mark in bar. Aus Wut &#252;ber ihre geringe Beute stachen sie 19 Mal auf Mozart ein, schnitten ihm die Kehle durch und lie&#223;en ihn auf seinem Stuhl verbluten.</p>
<p>Wenige Tage nach Mozarts Tod schnappte die Polizei die T&#228;ter. Ein Nachbar hatte sie wieder erkannt. Die Ermittlung war dank der Dummheit der T&#228;ter ein leichtes Spiel, die Beweisf&#252;hrung l&#252;ckenlos. Alles w&#228;re bis dahin ein ganz normaler Berliner Raubmord gewesen. W&#228;re da nicht Mozarts Leiche gewesen.</p>
<p>In der Invalidenstra&#223;e in Berlin-Moabit befindet sich die Gerichtsmedizin der Polizei. Die Gerichtsmedizin hat einen der gr&#246;&#223;ten K&#252;hlschr&#228;nke der Stadt. Und darin lag Mozart. Die Untersuchungen an der Leiche waren schon am Tag nach dem Mord abgeschlossen. Kurz darauf wurde Mozart zur Bestattung freigegeben.</p>
<p>Doch niemand kam und bestattete Mozart.</p>
<p>Ein Tag im K&#252;hlschrank der Gerichtsmedizin kostete etwa 75 Mark. Mozart lag dort ein Vierteljahr. Es liefen Kosten von etwa 75 Mark mal 90 gleich 6750 Mark auf. Und es gab einen Menschen in Pankow, der sich am liebsten ganz klein machen wollte: Mozarts Halbbruder Wolfgang. Der bef&#252;rchtete n&#228;mlich, er m&#252;sse erstens die Bestattungskosten tragen und zweitens die 6750 Mark f&#252;r Mozarts K&#252;hlung. Seine Logik lautete zwar: „Ich habe ihn doch nicht umgebracht, wieso soll ich zahlen?“ Aber auch: „Wenn die mir die Kosten aufbrummen, kann ich mich nicht wehren.“ Womit sollte er bezahlen, als Sozialhilfeempf&#228;nger?</p>
<p>Die Aufgabe der Presse ist es in erster Linie, &#252;ber die Realit&#228;t zu berichten, nicht sie zu ver&#228;ndern. Doch wer eine Frage stellt, bringt damit unter Umst&#228;nden einen Stein ins Rollen. Ich griff zum Telefon und rief im Bezirksamt Pankow an. Die Dame in der Pressestelle lie&#223; sich die Geschichte schildern und entschied, das Gesundheitsamt sei zust&#228;ndig. Ich rief im Gesundheitsamt an. Dort war der Fall bekannt. Ein Herr erkl&#228;rte, das Amt bezahle &#252;blicherweise bei sozial schwachen beziehungsweise zahlungsunf&#228;higen Toten eine Discountbestattung im Wert von 2000 Mark, sei aber hier nicht zust&#228;ndig, weil Mozart einen Halbbruder habe. Wenn es Verwandte g&#228;be, m&#252;ssten die f&#252;r die Bestattung aufkommen. Sollten diese Verwandten nicht zahlen k&#246;nnen, zahle das Sozialamt.</p>
<p>Ich rief im Sozialamt an. Auch dort war der Fall bekannt. Eine nette Dame erkl&#228;rte, ein Halbbruder gelte nicht als Angeh&#246;riger. Daher sei das Gesundheitsamt zust&#228;ndig.</p>
<p>Ich rief den Bezirksb&#252;rgermeister an. Der h&#246;rte sich die Geschichte an und entschied, sofort zu handeln. Es sei schlie&#223;lich egal, unter welcher Kostenstelle der Bezirk Pankow die Bestattung bezahle – er m&#252;sse sie ja ohnehin bezahlen. Selbstverst&#228;ndlich bezahle der Bezirk auch die Aufbewahrung im K&#252;hlhaus, die wegen der Ignoranz der Pankower Beamten inzwischen drei Mal so teuer war wie die Bestattung.</p>
<p>So hat die Presse Mozart unter die Erde gebracht.</p>
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		<title>Die Geschichte von dem toten Kind, das mitten in der Nacht sein Geschlecht wechselte</title>
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		<pubDate>Tue, 03 May 2005 19:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer sich mal mit der Wirkungsweise von Medien besch&#228;ftigt hat und mit Erkenntnistheorie, kommt unter Umst&#228;nden zu dem Schluss, dass Medien die &#228;u&#223;ere Wirklichkeit nicht nur beschreiben, und auch nicht nur beeinflussen, und auch nicht nur ma&#223;geblich bestimmen, sondern sie auch schaffen. Wer mal &#252;ber sich einen Fehler in der Zeitung gelesen hat, hat es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer sich mal mit der Wirkungsweise von Medien besch&#228;ftigt hat und mit Erkenntnistheorie, kommt unter Umst&#228;nden zu dem Schluss, dass Medien die &#228;u&#223;ere Wirklichkeit nicht nur beschreiben, und auch nicht nur beeinflussen, und auch nicht nur ma&#223;geblich bestimmen, sondern sie auch schaffen. Wer mal &#252;ber sich einen Fehler in der Zeitung gelesen hat, hat es schwer, das zu korrigieren. Bei jeder Recherche kommt der Fehler aus den Archiven, und da steht er wieder.</p>
<p>Das gilt auch an warmen Abenden im Juni, wenn eine Familie auf Fahrr&#228;dern durch Berlin-Spandau f&#228;hrt, an einer Hauptverkehrsstra&#223;e entlang durch einen duftenden, fr&#252;hsommerlichen Kiefernwald, und wenn diese Familie, Vater, Mutter, Kind, nicht wei&#223;, dass sie bald in die erkenntnistheoretische M&#252;hle der Medien geraten wird. Es gilt selbst dann, wenn die Familie sich der Medienrelevanz des Geschehens auf der Welt nicht bewusst ist, und auch dann, wenn es sich um eine Strecke handelt, auf der in der D&#228;mmerung &#252;blicherweise Wildschweine &#252;berfahren werden, nicht aber Kinder, also Wildschweine, deren Geschlecht und Alter weder die Medien noch die &#214;ffentlichkeit interessieren.</p>
<p>Auch die Polizei k&#252;mmert sich nicht um Erkenntnistheorie. Die Polizei fragt nach der &#228;u&#223;eren Wirklichkeit beziehungsweise nach dem, was sie f&#252;r die &#228;u&#223;ere Wirklichkeit h&#228;lt. Die Polizei meldete an fraglichem Abend gegen 21.45 Uhr an die Nachrichtenagenturen, dass das Kind dieser Familie aus bislang unbekannten Gr&#252;nden auf die Fahrbahn fuhr. Der erkenntnistheoretisch ebenso unbefangene Fahrer eines herandonnernden Lkw habe nicht mehr bremsen k&#246;nnen, der Anh&#228;nger des Lkw habe das Kind erschlagen und zerquetscht. Die Journalisten bei den Nachrichtenagenturen schrieben alles auf und beamten die Meldung an alle Medien.</p>
<p>Gegen 22 Uhr lie&#223;en sich die Redakteure der Zeitungen vom Lagedienst des Polizeipr&#228;sidiums am Platz der Luftbr&#252;cke in Berlin-Tempelhof die Information best&#228;tigen, dass ein siebenj&#228;hriges M&#228;dchen in Spandau t&#246;dlich verungl&#252;ckt war, tippten die Geschichte in die Tastaturen, lie&#223;en die Seiten belichten und schickten sie in die Druckerei. Die Drucker projizierten die belichteten Filme auf Druckplatten, h&#228;ngten sie in die Druckt&#252;rme und lie&#223;en die Maschinen anlaufen. Das tote M&#228;dchen wurde gedruckt, und was gedruckt ist, ist. Die Medien schufen ein Kind, sie schufen sogar ein totes Kind, das es nie gab. Wer sich mit Medien besch&#228;ftigt, wei&#223;, dass die Dinge oftmals eine Eigendynamik entwickeln, die sich kaum noch aufhalten l&#228;sst.</p>
<p>Gegen 23.30 Uhr, die ersten Zeitungen lagen zur Auslieferung bereit, meldete eine Nachrichtenagentur, bei einem Unfall in Berlin-Spandau sei ein achtj&#228;hriger Junge gestorben. Die Redakteure der Zeitungen griffen zum Telefon, riefen den Lagedienst der Polizei an, der best&#228;tigte, dass es an fraglichem Abend einen Unfall in Berlin-Spandau gegeben hatte, bei dem ein achtj&#228;hriger Jungen erschlagen und zerquetscht worden war.</p>
<p>Zwei Unf&#228;lle in Spandau? Zwei tote Kinder an einem Abend? Die Redakteure hakten nach und erfuhren: Es gab an diesem Abend in Berlin einen Unfall, bei dem ein Kind starb. Eben diesen.</p>
<p>Wer mit Unf&#228;llen dieser Art zu tun hat, und das haben Redakteure, der wei&#223;, dass man an manchen Unfallopfern mitunter nur schwer erkennen kann, ob der K&#246;rper m&#228;nnlich oder weiblich ist. Die Redakteure lie&#223;en die Druckmaschinen stoppen. Sie &#246;ffneten die Dateien mit den entsprechenden Zeitungsseiten, gingen in den Text und machten aus dem toten 7-j&#228;hrigen M&#228;dchen einen toten 8-j&#228;hrigen Jungen, lie&#223;en die Seiten belichten, und wieder h&#228;ngten die Drucker neue Druckplatten in die Druckt&#252;rme und lie&#223;en die Maschinen anlaufen.</p>
<p>So kam es, dass mitten in der Nacht ein totes Kind sein Geschlecht wechselte. Je nachdem, ob die Leser tags drauf eine fr&#252;h oder eine sp&#228;t gedruckte Ausgabe einer Zeitung kauften, war ein M&#228;dchen oder ein Junge gestorben. Man hoffte, die Eltern des toten Kindes, die in Spandau lebten, w&#252;rden eine sp&#228;ter gedruckte Ausgabe mit der richtigen Version kaufen. Die Eltern w&#252;rden sich gewiss wundern, wenn sie pl&#246;tzlich l&#228;sen, dass sie keinen achtj&#228;hrigen Sohn, sondern eine siebenj&#228;hrige Tochter hatten &#8211; und sich fragen, warum sie das ausgerechnet aus der Zeitung erf&#252;hren.</p>
<p>Wie kommt sowas? Es ist mal wieder die mangelhafte Zusammenarbeit zwischen Presse, Feuerwehr und Polizei. Wer schon mal mit Kugelschreiber und Notizbuch oder mit Kamera und Mikrofon an einem Unfallort oder am Tatort eines Verbrechens recherchiert hat, wei&#223;: Rettungskr&#228;fte stehen immer im Weg und st&#246;ren beim Arbeiten.</p>
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