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	<title>Thilo Baum &#187; Gespräch</title>
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	<description>Thilo Baum: Klartext-Experte</description>
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		<title>Whistleblowing: Was Wahrheit kostet</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 19:54:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gespräch]]></category>
		<category><![CDATA[Vermischtes]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Raus mit der Sprache: Wer Klartext spricht, verr&#228;t auch das eine oder andere Geheimnis. Oft ist das wichtig, weil sich die &#214;ffentlichkeit eine Meinung bilden kann, oder weil die Wahrheit &#252;ber &#252;ble Machenschaften ans Licht kommt. „Whistleblowing“ (mit der Trillerpfeife pfeifen) nennt es sich, wenn man jemandem etwas steckt und damit L&#228;rm erzeugt. Doch wo ist die Grenze zwischen Kronzeugenschaft und Verrat? Und wie hoch ist der Preis? Thilo Baum sprach mit Guido Strack, dem Ersten Vorsitzenden des <a href="http://www.whistleblower-netzwerk.de/">Whistleblower Netzwerks e.V.</a><span id="more-3776"></span></p>
<p><em>Herr Strack, sind Sie selbst ein Whistleblower?</em></p>
<p>Ja. Ich war als Beamter bei der EU-Kommission t&#228;tig und habe dort die Betrugsbek&#228;mpfungsbeh&#246;rde OLAF auf finanzielle Unregelm&#228;&#223;igkeiten an meiner Dienststelle aufmerksam gemacht. OLAF hat aber nichts gefunden und mir wurde, obwohl ich nach EU-Beamtenrecht zur Anzeige bei OLAF verpflichtet war, seitens des EuG (T-4/05) und des EuGH (C-237/06P) das Recht verwehrt, die Ordnungsm&#228;&#223;igkeit der OLAF-Untersuchung gerichtlich &#252;berpr&#252;fen zu lassen. In der Folge bin ich dienstbedingt erkrankt und fr&#252;hpensioniert worden.</p>
<p><em>Wenn man sich unter Kindern verpfeift, ist die Rede von &#8222;petzen&#8220;. Wo liegt f&#252;r Sie die Grenze? Unter welchen Bedingungen ist ein Hinweis an den Chef, den Staat, die Presse kein Verrat mehr?</em></p>
<p>Sie sprechen hier ein wichtiges Problem an, die kulturelle Abwertung des Whistleblowings als &#8222;Petzen&#8220;, &#8222;Verrat&#8220;, &#8222;Denunziantentum&#8220; oder &#8222;Nestbeschmutzung&#8220;. In der Tat lernen wir schon in der Schule oft etwas Falsches. Loyalit&#228;t darf nicht unreflektiert gew&#228;hrt werden und sollte insbesondere nicht dort zu einer Kultur des Schweigens f&#252;hren, wo eigentlich Reden notwendig ist.</p>
<p><em>Damit meinen Sie aber doch nicht uns als Kinder, wenn wir fr&#252;her Klingelstreiche gemacht haben.</em></p>
<p>Nein, solidarisches Verhalten in Gruppen ist wichtig und soll auch mit Kindersp&#228;&#223;en einge&#252;bt werden. Wer alles petzt, handelt auch nicht richtig. Aber es muss eben Grenzen geben, und hier&#252;ber sollte man sich im Klaren sein. Im Zweifel sollte man sein eigenes Gewissen befragen und diesem und nicht falsch verstandener Loyalit&#228;t folgen.</p>
<p><em>K&#246;nnte man sagen, so ein Geheimnisverrat ist gut, wenn man Schaden oder Leid von jemandem abwendet? </em></p>
<p>Ich w&#252;rde mir w&#252;nschen, dass Kinder ihre Lehrer und Eltern darauf hinweisen, sich dort Rat und Hilfe holen, wenn es unter ihnen zu Diskriminierungen, Gewalt und Erpressungen kommt. Und genauso im Betrieb. Vielleicht sollte man den Kollegen, der st&#228;ndig etwas mitgehen l&#228;sst, erst mal ermahnen und ihm eine letzte Chance geben, aber wenn er dann immer noch weiter macht, ist der Hinweis an den Chef durchaus gerechtfertigt. Auch sind so genannte Betriebsgeheimnisse, die letztlich auf der Vertuschung von Rechtsbr&#252;chen beruhen, meines Erachtens – und dies sieht die Rechtsprechung ja leider anders – nicht sch&#252;tzenswert. Das hei&#223;t, der Mitarbeiter sollte das Recht bekommen, hier Aufsichtsbeh&#246;rden oder Staatsanwaltschaften einzuschalten.</p>
<p><em>Legend&#228;r ist in diesem Zusammenhang ja die Geschichte von <a href="http://www.jeffreywigand.com">Jeffrey Wigand</a>, einst Forschungschef beim US-Tabakhersteller „Brown and Williamson“, der nach seinem Rausschmiss interne Unterlagen der Tabakindustrie an die &#214;ffentlichkeit brachte. Heute verdanken wir diesen <a href="http://www.tobaccodocuments.org">Dokumenten</a> eine Menge Erkenntnisse &#252;ber das Treiben von „Big Tobacco“.</em> <em>Wie wollen Sie Insider in Deutschland motivieren, die etwas zu sagen haben, es den richtigen Menschen zu sagen?</em></p>
<p>Angesichts der gegenw&#228;rtigen Rechtslage, die den Whistleblowern praktisch keinen Schutz bietet, sind wir sehr zur&#252;ckhaltend damit, Menschen zum Whistleblowing zu ermuntern. Die Risiken sind so hoch, dass jeder sich genau &#252;berlegen muss, was er macht.</p>
<p><em>Die Deutschen ein Volk von Duckm&#228;usern aus Angst?</em></p>
<p>So w&#252;rde ich dies nicht formulieren, denn es ist ja durchaus Vorsicht geboten. Leider, denn dadurch bleiben viele Missst&#228;nde, von Korruption &#252;ber gef&#228;hrliche Pflege, von Steuerhinterziehung und Mobbing bis hin zu Lebensmittelskandalen unentdeckt. Wenn jemand sich trotzdem entscheidet, Whistleblower zu werden, muss er sich genau &#252;berlegen, wie er am besten vorgeht. In einigen Unternehmen gibt es ja bereits Hinweisgebersysteme, und deren Nutzung kann ein Weg sein. Jedoch sollte man sich nicht nur die Papierform ansehen, sondern darauf schauen, ob es im konkreten Unternehmen auch Informationen &#252;ber die praktische Handhabung und dar&#252;ber gibt, ob Hinweisen auch dann nachgegangen wird, wenn sie sich gegen F&#252;hrungskr&#228;fte richten.</p>
<p><em>Solche firmeninternen Informationsroutinen k&#246;nnen sich also als Fallen entpuppen?</em></p>
<p>Man sollte schauen, wie es anderen Whistleblowern im eigenen Betrieb ergangen ist, welcher Umgang dort insgesamt mit Kritik gepflegt wird. &#220;berhaupt macht es einen gro&#223;en Unterschied, ob sich das Whistleblowing gegen Untergebene, Kollegen oder Vorgesetzte richtet, und ob die Aufdeckung den &#246;konomischen Interessen des Managements entspricht oder vielleicht sogar deren illegale Gesch&#228;ftspraktiken betrifft. Manchmal ist Vertraulichkeit, etwa durch Einschaltung eines Anwalts, oder Anonymit&#228;t m&#246;glich, aber auch hier muss man sich stets fragen: Ist die Gruppe jener, denen diese Informationen vorliegen, gro&#223; genug, dass ich darin untertauchen kann? Habe ich mich zum Beispiel durch kritische &#196;u&#223;erungen nicht ohnehin schon selbst enttarnt? Bedenken sollte man auch, dass die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts im Regelfall verlangt, einen Missstand zun&#228;chst innerbetrieblich zu melden, bevor man sich an Beh&#246;rden wenden darf, und dass der Gang an die &#214;ffentlichkeit von der Rechtsprechung fast immer als unzul&#228;ssig angesehen wird. Missachtet man diese Ma&#223;st&#228;be, hat man in einem K&#252;ndigungsschutzprozess sehr schlechte Karten.</p>
<p><em>Das ist das Arbeitsrecht. Aber au&#223;erhalb des Arbeitsrechts bringe ich mich doch nicht in Gefahr, wenn ich einem Journalisten stecke, dass ein Manager illegale Praktiken anwendet.</em></p>
<p>Nun ja, es kommt ganz darauf an, worum es geht, welchen Druck die andere Seite gegen Sie entfalten kann und wie deren Bereitschaft einzusch&#228;tzen ist, notfalls auch jenseits der Legalit&#228;t zu agieren. Das kann Selbst&#228;ndige treffen, die pl&#246;tzlich keine Auftr&#228;ge mehr bekommen, Vereinsmitglieder, die ausgegrenzt werden, und es wird sicherlich noch unangenehmer, wenn Sie sich mit Geheimdiensten oder der Mafia anlegen. Gute Journalisten sollten in der Lage sein einzusch&#228;tzen, wie gut sie ihre Quellen sch&#252;tzen k&#246;nnen, diesbez&#252;gliche Zweifel den Informanten gegen&#252;ber offen legen und ihnen die Entscheidung &#252;berlassen, welches Risiko sie einzugehen bereit sind.</p>
<p><em>Was kann man gegen den ber&#252;chtigten Corpsgeist tun?</em></p>
<p>Erziehung zu Zivilcourage zum eigenst&#228;ndigen Denken und Kenntnis auch von psychologischen Prozessen sind n&#246;tig, um Abl&#228;ufe besser verstehen und bewusst gegensteuern zu k&#246;nnen. Wer sich die psychologischen Experimente von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stanley_Milgram">Milgram</a> zu Gehorsam oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Solomon_Asch">Ash</a> zur Konformit&#228;t in Gruppen anschaut oder auch das Ph&#228;nomen der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pluralistische_Ignoranz">pluralistischen Ignoranz</a>, wird besser verstehen, welche Kr&#228;fte hier wirken. Es ist sehr bewusstes Gegensteuern notwendig, damit die Sonntagsreden von der Notwendigkeit von mehr Zivilcourage auch im Alltag ankommen k&#246;nnen. Jeder sollte sich einmal selbst fragen: Wie gehe ich mit Fehlern und Kritik um? Stimme ich in den Chor der Gruppe ein, die es abtut, wenn ein Mitglied anf&#228;ngt, Dinge zu hinterfragen? Mache ich mit beim Dissen von so genannten Querulanten oder stelle ich mich an deren Seite und verlange eine wirklich unabh&#228;ngige Aufkl&#228;rung des Sachverhalts?</p>
<p><em>Um sich solchen gruppendynamischen Prozessen zu entziehen, bedarf es wohl einiger Unbeirrbarkeit. Sind die Menschen so selbstbewusst, oder sind die meisten Lemminge?</em></p>
<p>Das Milgram-Experiment zeigt bei genauerem Hinsehen auch, dass viele Menschen Zweifel haben und eigentlich gerne protestieren m&#246;chten, sie trauen sich aber halt nicht. Zivilcourage erfordert eben Mut. Und Mut muss im Kleinen einge&#252;bt und von anderen erlernt werden. Ich glaube nicht, dass Menschen als Lemminge geboren werden, aber der Konformit&#228;tsdruck zum Beispiel in der Schule und in vielen anderen Institutionen unseres Alltags scheint einige doch in diese Richtung zu beeinflussen. Ich hoffe, dies l&#228;sst sich auch umkehren. Dazu kann Whistleblowing sicherlich beitragen.</p>
<p><em>Welche Forderungen haben Sie?</em></p>
<p>Was wir fordern, ist effektiver Schutz vor Sanktionen f&#252;r gutgl&#228;ubige Whistleblower und z&#252;gige und unabh&#228;ngige Aufkl&#228;rung ihres Vorbringens. Gerade jene Aufkl&#228;rung wollen Denunzianten nicht, die bewusst L&#252;gen in die Welt setzen. Und auch Schutz interessiert Denunzianten wenig, denn typischerweise biedern sie sich ja gerade an die M&#228;chtigen an, w&#228;hrend Whistleblower gegen jene aufbegehren. Wer jemanden unbedingt falsch beschuldigen will, kann dies schon heute jederzeit tun, ob im Internet oder gegen&#252;ber Beh&#246;rden. Regelungen zum Whistleblowerschutz w&#252;rden daran kaum etwas &#228;ndern, und die Strafbarkeit der bewusst falschen Verd&#228;chtigung und Verleumdung wollen wir ja auch keineswegs abschaffen.</p>
<p><em>Die Justiz kennt Zeugenschutzprogramme. Wie kann Ihr Verein Whistleblower sch&#252;tzen?</em></p>
<p>Derzeit leider gar nicht! Wir k&#246;nnen keinerlei Schutz bieten, sondern allenfalls – und selbst dies derzeit erst in Ans&#228;tzen – bescheidene Hilfestellungen leisten. Whistleblowing ist letztlich immer ein Machtspiel. Und unser junger und kleiner Verein, mit sehr wenig Geld, ohne B&#252;ro, ohne hauptamtliche Mitarbeiter und mit nur knapp &#252;ber f&#252;nfzig Mitgliedern hat nicht wirklich die Macht, um es mit Unternehmen oder Beh&#246;rden aufzunehmen, die Whistleblower abstrafen. Immerhin haben wir auf unserer Webseite ein paar Tipps ver&#246;ffentlicht, wie sich Whistleblower selbst sch&#252;tzen k&#246;nnen. Wichtig ist dabei vor allem die Dokumentation der Missst&#228;nde und auch eventueller Sanktionen, die Suche nach Unterst&#252;tzern und die fr&#252;hzeitige Inanspruchnahme professioneller Hilfe zum Beispiel von Gewerkschaften, Rechtsanw&#228;lten, investigativen Journalisten und, wo n&#246;tig, auch von &#196;rzten und Psychologen. Manchmal k&#246;nnen wir solche Hilfe vermitteln, aber auch dabei stehen wir eher noch am Anfang. Andererseits konnten wir aber auch die Erfahrung machen, dass es f&#252;r viele Whistleblower schon eine Erleichterung darstellt, zu erfahren, dass es noch andere Menschen gibt, die &#196;hnliches durchmachen mussten, und &#252;ber unseren Verein mit diesen in Kontakt kommen zu k&#246;nnen. In K&#246;ln haben wir vor diesem Hintergrund gerade eine Selbsthilfegruppe mit dem Titel &#8222;Zivilcourage am Arbeitsplatz?&#8220; initiiert.</p>
<p><em>Sind Sie offen f&#252;r Unterst&#252;tzung?</em></p>
<p>Unbedingt! Spenden oder der Beitritt und die Mitarbeit Ihrer Leser k&#246;nnten helfen, unsere M&#246;glichkeiten hier zu erweitern. Auch f&#252;r Adressen von m&#246;glichen Unterst&#252;tzern, gerne auch aus dem kulturellen Bereich, guten Anw&#228;lten, Journalisten und &#196;rzten, sind wir immer dankbar. Was wir schon jetzt tun und tun k&#246;nnen, ist vor allem, auf das Problem aufmerksam zu machen, um es auf die politische und gesellschaftliche Agenda zu bekommen. Whistleblowing braucht gesellschaftliche Akzeptanz und verdient sie auch. Und der Staat muss sich endlich auf die richtige Seite stellen und die Whistleblower anstelle der Rechtsbrecher sch&#252;tzen. Schutzgesetze sind n&#246;tig, um die machtlosen Whistleblower zu st&#228;rken, die doch letztlich unsere, die &#246;ffentlichen Interessen, sch&#252;tzen wollen.</p>
<p><em><a href="http://www.whistleblower-netzwerk.de/">http://www.whistleblower-netzwerk.de/</a></em></p>
<p><em>Spendenkonto:<br />
Konto 1900701952, Sparkasse K&#246;ln-Bonn, BLZ 370 501 98</em></p>
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