<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Thilo Baum &#187; Irrtümer, an die wir glauben</title>
	<atom:link href="http://www.thilo-baum.de/category/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.thilo-baum.de</link>
	<description>Thilo Baum: Klartext-Experte</description>
	<lastBuildDate>Wed, 08 Sep 2010 03:54:59 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.1</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Schluss mit dem Gejammer! H&#246;rt zu!</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/schluss-mit-dem-gejammer-hoert-zu/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/schluss-mit-dem-gejammer-hoert-zu/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 19 May 2010 20:09:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Coaching]]></category>
		<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Mach dein Ding!]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwelt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.thilo-baum.de/?p=4833</guid>
		<description><![CDATA[
Wand in der N&#228;he der Waldorfschule in Schw&#228;bisch Hall
&#8222;Solange ihr mir euer Wissen vorenthaltet, bleibt mein Rezept euer Chaos&#8220;, hat jemand an eine Wand gespr&#252;ht. Ich gehe vor&#252;ber und denke mir: Vermutlich hat der Sprayer Recht. Es geht um Wissen. Es geht darum, dass wir das Wissen, mit dem die Reichen und Erfolgreichen reich und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-4843" title="graffito" src="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/05/graffito.jpg" alt="" width="400" height="143" /></p>
<p><strong>Wand in der N&#228;he der Waldorfschule in Schw&#228;bisch Hall</strong></p>
<p>&#8222;Solange ihr mir euer Wissen vorenthaltet, bleibt mein Rezept euer Chaos&#8220;, hat jemand an eine Wand gespr&#252;ht. Ich gehe vor&#252;ber und denke mir: Vermutlich hat der Sprayer Recht. Es geht um Wissen. Es geht darum, dass wir das Wissen, mit dem die Reichen und Erfolgreichen reich und erfolgreich werden, allen Menschen schenken. Mit vollen H&#228;nden und offenen Armen. Das Coaching-Know-how, das f&#252;r die meisten Selbstst&#228;ndigen, Unternehmer und auch f&#252;r viele F&#252;hrungskr&#228;fte selbstverst&#228;ndlich ist, geh&#246;rt ins Volk. Die Schulen vermitteln es nicht, die Universit&#228;ten auch nicht. Auch das Arbeitsamt verr&#228;t Arbeitslosen vermutlich nicht, dass man mit iTunes und Ebay Geld verdienen kann. Mir w&#228;re das jedenfalls neu.</p>
<p>Warum ist das Wissen dar&#252;ber, wie Erfolg funktioniert, so gering verbreitet? Warum gilt ein f&#252;rchterlich plakativer, esoterischer und &#252;berinszenierter Film wie &#8222;The Secret&#8220; als gut? Weil immerhin mal jemand das Erfolgswissen einem Massenpublikum mitzuteilen versucht, wenn auch mit Ecken und Kanten. Das Wissen ist da, wir m&#252;ssen es den Menschen nur mitteilen. Denn die Menschen, die meisten jedenfalls, haben davon keine Ahnung.</p>
<p><strong>Wir denken, was schon immer dachten</strong></p>
<p>Die Regel ist eher eine Art Gedankenrecycling: Wir best&#228;tigen uns nur st&#228;ndig in dem, was wir ohnehin schon meinen und glauben. Und wir &#252;bertragen dieses Denken auf andere. Viele Menschen glauben zu Beispiel, ihre pers&#246;nliche Situation sei ein normales Abbild gesellschaftlichen Daseins. Selbst Arbeiter im Kernkraftwerk halten es f&#252;r normal, in einem Kernkraftwerk zu arbeiten. Arbeitnehmer halten es f&#252;r normal, ein Gehalt zu bekommen, morgens zur Arbeit zu fahren und Urlaub zu beantragen.</p>
<p>Und in den gesellschaftlich wichtigen Schaltstellen der Bildung und Meinungsbildung – in Schulen, Universit&#228;ten und Medien – ist dieses Denkmuster eben zu Hause, weil da vor allem Nine-to-five-Menschen sitzen und eher niemand, der schon mal erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat. Und weil an diesen Schaltstellen des Wissens eben Arbeitnehmer sitzen, f&#252;ttern sie unsere Gehirne st&#228;ndig mit dem gleichen Zeug. Wir halten das Arbeitnehmerdasein f&#252;r normal. Sogar in den Medien, obwohl dort heute vorwiegend Scheinselbstst&#228;ndige, Praktikanten und befristet Besch&#228;ftigte arbeiten, herrscht das Denken in Arbeitnehmer-Kategorien.</p>
<p>In j&#252;ngster Zeit scheinen die Jammerberichte der Gefangenen im Arbeitnehmer-Schema zuzunehmen. Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle &#252;ber eine <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/business/kein-job-klar-bei-dem-selbstbetrug/">Jammer-Story im &#8222;Stern&#8220;</a> geschrieben, &#252;ber einen <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/coaching/machen-sie-das-richtige-richtig/">Jammer-Leserbrief im &#8222;Spiegel&#8220;</a> – und beide diese Geschichten haben auch Eingang in mein Buch <a href="http://www.thilo-baum.de/publikationen/mach-dein-ding/">&#8222;Mach dein Ding!&#8220;</a> gefunden. Mit diesem Buch und dem <a href="http://twitter.com/machdeinding">Twitter-Account</a> dazu m&#246;chte ich einen Beitrag dazu leisten, dass angeblich hoffnungslose Menschen merken, dass sie in der Tat nicht hoffnungslos sind. Ich will herleiten, dass Menschen nat&#252;rlich dann perspektivlos und erfolglos sind, wenn sie den alten Denkmustern folgen, weil das eben Konzepte sind, an deren Ende das Verlieren steht. Und ich will zeigen, wie man dieser Endlosschleife und diesem angeblichen Fatalismus entkommt.</p>
<p>Heute nun eine &#8222;Seite 3&#8243; in der &#8222;S&#252;ddeutschen Zeitung&#8220;, die ebenfalls den Frust multipliziert und die Verzagten noch weiter demotiviert. &#220;berschrift: &#8222;Frist oder stirb&#8220;. Die Journalistin Charlotte Frank, der Lesart nach keine Unternehmerin, schreibt darin &#252;ber das Verzagen junger, qualifizierter Menschen, die sich von Frist-Vertrag zu Frist-Vertrag hangeln – ohne anzumerken, dass deren Erleben nur eines unter mehreren m&#246;glichen ist.</p>
<p>Ich halte die Darstellung in der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220; f&#252;r fatal, f&#252;r ein Zeichen von Blindheit, ja f&#252;r dumm und falsch und sogar f&#252;r gemeingef&#228;hrlich, und es ist mir komplett egal, ob mich die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; hinterher noch mag. Die Geschichte in der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220; transportiert ein falsches und negatives Menschenbild, in dem die Menschen der Welt ohnm&#228;chtig ausgeliefert sind und in dem sie den absurden Regeln der Gegenwart hilflos folgen m&#252;ssen – statt dass das Blatt zeigt, dass Menschen die Realit&#228;t durch Handeln ver&#228;ndern k&#246;nnen, die Welt gestalten und die Regeln bestimmen. Das Menschenbild in diesem Beitrag ist von Kleingeist gepr&#228;gt, es reduziert uns auf dumme, tatenlose B&#252;rger, es ist zutiefst spie&#223;ig.</p>
<p><strong>Die Autorin der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220; kapiert es nicht</strong></p>
<p>Die Unterzeile unter der &#220;berschrift lautet:</p>
<p><em>Ein Haus, zwei Autos, der Arbeitsplatz bis zur Rente: Das war die Welt der Eltern. Wer heute jung ist, kann froh sein, wenn er einen Zeitvertrag &#252;ber zwei Jahre bekommt. Eine ganze Generation lebt in der Warteschleife – bis zum n&#228;chsten Job.</em></p>
<p>Hier geht es um zwei Aspekte. Aspekt eins:</p>
<p><em>Ein Haus, zwei Autos, der Arbeitsplatz bis zur Rente: Das war die  Welt der Eltern.</em></p>
<p>Hurra! Die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; hat es begriffen! Die heutige Realit&#228;t sieht anders aus als noch vor einigen Jahren. Nun k&#246;nnte man daraus ein paar n&#246;tige Schl&#252;sse ziehen. Wie wird man heute erfolgreich? Wie gelingt es, unter heutigen Bedingungen eine Familie zu ern&#228;hren? Aber nein, es geht anders weiter. Aspekt zwei:</p>
<p><em>Wer heute jung ist, kann froh sein, wenn er einen  Zeitvertrag &#252;ber zwei Jahre bekommt. Eine ganze Generation lebt in der  Warteschleife – bis zum n&#228;chsten Job.</em></p>
<p>Hallo? Oh wie schade: Die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; hat es doch nicht begriffen. Als gebe es nur Zeitvertr&#228;ge, und als m&#252;sse man sich diesen Unternehmen aussetzen. Statt nach den M&#246;glichkeiten zu fragen, wie Menschen infolge dieses Paradigmenwechsels leben k&#246;nnen, tut das Blatt ganz selbstverst&#228;ndlich so, als m&#252;ssten wir nat&#252;rlich weiter auf den alten Gleisen fahren – obwohl diese Gleise, f&#252;r alle sichtbar und in der Zeitung beschrieben, eher ins Verderben f&#252;hren als ins Gl&#252;ck.</p>
<p>Dieses Ph&#228;nomen ist das, was ich &#8222;dumm&#8220; nenne: Einerseits erkennt die Autorin, dass die abh&#228;ngige Besch&#228;ftigung ein Auslaufmodell ist, aber andererseits zieht sie daraus nicht die n&#246;tigen Folgerungen. Sie h&#228;lt es stattdessen f&#252;r normal, dass Menschen nach wie vor gem&#228;&#223; den Schemata dieses Auslaufmodells handeln. &#8222;Ist dein Pferd tot, steig ab&#8220;, lautet das dazu bekannte Sprichwort. Die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; reitet das tote Pferd und beklagt sich, dass es nicht voran geht.</p>
<p>Das Foto, &#252;ber der &#220;berschrift &#252;ber die ganze Breite der Seite gezogen, zeigt sieben junge Menschen mit Theatermasken. Sie wollen offenbar nicht, dass man sie erkennt. Bildunterschrift:</p>
<p><em>Protest gegen Frist und Frust: Nicht nur die schlechte Bezahlung und die Aussicht, nicht &#252;bernommen zu werden, macht vielen zu schaffen. Sie k&#246;nnen ohne sicheren Job auch nur schwer eine Familie gr&#252;nden.</em></p>
<p><strong>Die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; tut so, als seien Job sicher</strong><em><br />
</em></p>
<p>Okay: Menschen in prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen demonstrieren gegen ihre Arbeitsbedingungen. Und ich frage mich: Wenn mein Chef so &#252;bel ist, dass ich gegen ihn demonstrieren muss, was h&#228;lt mich dann noch bei ihm? Leben wir in einem Land, in dem wir nichts selbst in die Hand nehmen k&#246;nnen? Welche Medieninhalte haben denn diese jungen Leute so zerr&#252;ttet im Kopf, dass sie glauben, ihr Wohlergehen h&#228;nge von der Gnade irgendwelcher Unternehmen ab? Unternehmen sind keine Sozialclubs, sie wollen Gewinne machen! Ist uns das entgangen? Oder ist das m&#246;glicherweise diese einf&#228;ltige Privat-TV- und Konsum-Generation, die meint, man bediene sie? Haben die wirklich vergessen, dass es an uns ist, an jedem und jeder Einzelnen, etwas aus dem Leben zu machen, um die Menschheit voranzubringen?</p>
<p>Und noch ein weiterer Denkfehler steht schon in der Bildunterschrift: Ohne &#8222;sicheren Job&#8220; k&#246;nne man keine Familie gr&#252;nden. Was f&#252;r ein Unsinn: Die Sicherheit existiert doch sowieso nicht mehr. Seit wann gibt es denn wieder feste Jobs, in denen man ruhig Familien gr&#252;nden k&#246;nnte? Habe ich eine gesellschaftliche Kehrtwende verpasst?</p>
<p>Abh&#228;ngige Besch&#228;ftigungen sind nicht mehr sicher, und neu ist diese Erkenntnis auch nicht. Es ist nicht sicher, sein Leben in die H&#228;nde durchgeknallter Manager zu legen, die einen nicht erkennen sollen, wenn man &#252;ber sein Leben spricht. Es ist nicht sicher, sein Einkommen auf nur eine Einkommensquelle zu st&#252;tzen, deren Schicksal nicht in meinen H&#228;nden liegt.</p>
<p>Und so beginnt die Geschichte:</p>
<p><em>Das Flugzeug dreht ab, fliegt einen Bogen und zieht eine scharfe Linie ins Blau, als wolle es den Himmel &#252;ber der Vorstadt durchschneiden. &#8222;Eine Warteschleife&#8220;, sagt Celia, unten in der Vorstadt. Dann richtet sie den Blick vom Himmel auf den Boden und sagt, dass sich ihr Leben auch oft so anf&#252;hle wie in einer Warteschleife. &#8222;Immer in der Schwebe, und man ist immer am Rechnen, wie viel Zeit noch bleibt.&#8220;</em></p>
<p>Ob die Autorin der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220; schon einmal was von Spiegelneuronen geh&#246;rt hat? Davon, dass wir deswegen schlecht drauf sein k&#246;nnen, weil wir uns die Welt schlecht reden? Damit f&#228;ngt es an: Die Menschen wissen nicht, dass ihr Gejammer der Grund f&#252;r das &#220;bel ist und das &#220;bel der Grund f&#252;rs Gejammer. Man k&#246;nnte die Menschen da rausholen – aber das will die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; offenbar nicht. Lieber suhlt sie sich in negativen Gef&#252;hlen. Klar, die Presse arbeitet mit Schubladen. Das hier ist eine Jammer-Story. Sie recycelt und multipliziert das Gejammer. Ihre Protagonisten m&#252;ssen jammern, sonst stimmt das Bild nicht. Wer nicht jammert, findet hier nicht statt.</p>
<p><strong>Dummes Konzept: Tage z&#228;hlen, bis der Vertrag ausl&#228;uft</strong></p>
<p>Celia z&#228;hlt die Tage, bis ihr Vertrag abl&#228;uft. Was f&#252;r ein krasses Leben: Sie macht Dienst nach Vorschrift, erf&#252;llt Anforderungen eines Jobs, der sie ungl&#252;cklich macht, statt sich heute zu &#252;berlegen, wie sie morgen ihr Leben auf die Reihe bekommt. Warum handeln Menschen so? Warum stellt ein kluges Blatt wie die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; diese Selbstgei&#223;elung als normal dar, ja als zwingenden Fatalismus?</p>
<p><em>Wie geht es weiter? Und dann? Gibt es Chancen, dass die Firma dich doch beh&#228;lt? &#8222;Ich kann diese Fragen nicht mehr h&#246;ren.&#8220; (&#8230;) Celia, 32 Jahre, Diplom mit 1,0 in Literaturwissenschaft, angestellte Lektorin, hatte noch nie einen unbefristeten Vertrag. Seit f&#252;nf Jahren h&#228;ngt sie in der Warteschleife.</em></p>
<p>Wie autoaggressiv muss man dazu eigentlich sein, dass man unter den Aufs und Abs des Lebens so demonstrativ leidet? Die &#8222;Warteschleife&#8220; existiert als fataler Zustand doch nur f&#252;r die armen Teufel, die der Illusion von Sicherheit nachh&#228;ngen, statt in unserer schneller gewordenen Welt die Flexibilit&#228;t und die tats&#228;chlichen, vielen M&#246;glichkeiten zu sehen. Eine &#8222;Birgit&#8220; formuliert es so:</p>
<p><em>&#8222;Du denkst dein Leben nur in der Zeitspanne, die der Vertrag vorgibt.&#8220;</em></p>
<p>Aha, und warum tut Birgit das? Ist die Welt so klein? Sind die M&#246;glichkeiten so begrenzt? Nein, ihr Denken ist begrenzt: Sie konditioniert sich auf einen engen Rahmen, der ihr verbietet, die M&#246;glichkeiten au&#223;erhalb dieses Rahmens zu sehen. Logisch ist die Folge: Innerhalb des Rahmens findet sie keine Perspektive. Dumm ist: Statt den Rahmen zu hinterfragen und zu verlassen, erkl&#228;rt sie der Frau von der Zeitung, es sei normal, in zeitlichen Fristen irgendwelcher Vertr&#228;ge zu denken. Klar ist Unsinn normal, wenn wir uns auf Unsinn konditionieren. Sie k&#246;nnen morgen in der Porno-Industrie anfangen, in einem Vierteljahr ist auch das normal.</p>
<p>Was h&#228;lt diese Menschen davon ab, das Schema zu hinterfragen, in dem sie sich da offenbar v&#246;llig erfolglos und ungl&#252;cklich bewegen? Wieso reiten Menschen konsequent tote Pferde? Warum denken sie nur in einem extrem kleinen Ausschnitt des Arbeitsmarktes herum, der selbst nur ein extrem kleiner Ausschnitt des Marktes ist? Warum fragen sie: &#8222;Welches Unternehmen braucht mich?&#8220;, statt zu fragen: &#8222;Was kann ich, was die Menschen brauchen?&#8220;? Warum suchen sie Jobs und kein Einkommen? Warum begrenzen sie freiwillig ihre Wahrnehmung und sind dann auch noch frustriert, weil sie mit ihren Scheuklappen keine Chancen sehen?</p>
<p><strong>Sorgen machen? Schei&#223; dich nix!<br />
</strong></p>
<p><em>Bei ihr sind das noch elf Monate, danach ist alles offen.</em></p>
<p>Okay, das ganz normale Leben also: Elf Monate sind doch eine elend lange Zeit! Elf Monate offenkundige Sicherheit, und Madame heult? Hat die Frau auch nur das geringste bisschen Ahnung davon, was da drau&#223;en gerade f&#252;r wunderbare Neuerungen und Entwicklungen geschehen? Entwicklungen, die uns jede Menge Chancen schenken? Hat sie irgendeine Vorstellung davon, was elf Monate sind?</p>
<p>Wir haben keine Ahnung, wie die Welt in elf Monaten aussieht, welche Bed&#252;rfnisse die Menschen und Unternehmen haben werden. Die Frage ist nur: Habe ich Angst vor der Entwicklung, oder sehe ich ihr Potenzial? Variante eins l&#228;hmt, Variante zwei befl&#252;gelt.</p>
<p>Pl&#246;tzlich gibt es Digitalfotografie, und der Laborant ist sinnlos – kluge Menschen entwickeln daraus Gesch&#228;ftsideen. Pl&#246;tzlich gibt es iTunes, und die Musikindustrie kotzt ab – kluge Menschen sehen iTunes als Multiplikator f&#252;r ihre Musik, Podcasts und <a href="http://www.thilo-baum.de/news/thilo-baum-bei-itunes/">H&#246;rb&#252;cher</a>. Pl&#246;tzlich gibt es ein iPad, der Buchmarkt muss umdenken, und hier jammert eine Lektorin? Deren Verlag nicht wei&#223;, wie die Lage in elf Monaten aussieht qua iPad und Kindle? Warum verfolgt die Frau die Entwicklung nicht aktiv und denkt mit? Ist sie am Ende eine C-Mitarbeiterin?</p>
<p>Machen die Menschen die Augen nicht auf? Was ist hier bitte noch sicher? Nichts! Und zugleich bietet die Unsicherheit jede Menge Chancen und Perspektiven f&#252;r die Gesch&#228;ftigen und Agilen! Wieso sollte die abh&#228;ngige Besch&#228;ftigung unter solchen Bedingungen noch auch nur die geringste Rolle spielen? Unternehmen sind mit Einstellungen aus gutem Grund zur&#252;ckhaltend, denn Unternehmensf&#252;hrer sehen den Markt – und das enorme Tempo erlaubt momentan keine langfristigen Bindungen. Was wei&#223; denn ich, wie der Bedarf morgen aussieht?</p>
<p>Und das ist eine v&#246;llig andere Haltung als die der Arbeitnehmer, die man aufs Gib-mir-einen-Job-Denken konditioniert hat, und die jetzt ein riesiges Problem haben, wenn sie nicht umdenken. Das Jammervolk w&#252;nscht sich trotzig eine langfristige Perspektive. Aber gibt es die noch? Selbst wenn diese Menschen angestellt w&#228;ren, in diesen Zeiten, k&#246;nnten sie sich nicht zur&#252;cklehnen und sich sicher f&#252;hlen – das w&#228;re &#252;belster Selbstbetrug. Eine Scheinsicherheit, aus der die Leute sowieso irgendwann erwachen, wenn die n&#228;chste Branche abschmiert. Warum also wachen diese Leute nicht gleich auf?</p>
<p>In den elf Monaten bekommt die Frau problemlos eine Existenz aufgebaut auf Basis dessen, was sie kann, will und wof&#252;r andere zu bezahlen bereit sind – was dann so lange funktioniert, bis sie wieder auf den Markt reagiert. Sie muss sich nur darum k&#252;mmern, statt zu verzagen und zu jammern. Und statt Angst zu haben.</p>
<p>&#8222;Haben Sie keine Angst!&#8220;, lautet eines der wichtigsten Kapitel in &#8222;Mach dein Ding!&#8220;. Angst l&#228;hmt – also weg damit! Und wenn ich von meinen lieben Partnern in &#214;sterreich eines gelernt habe, dann den Spruch: &#8222;Schei&#223; dich nix!&#8220; Man kann das zwar nur schwer &#252;bersetzen, und ich hoffe, ich gebe ihn hier richtig wieder. Aber wie auch immer: Wer sich daran h&#228;lt, handelt, statt sich sinnlose Gedanken oder sinnlose Sorgen zu machen. Sorgen sind nur dann n&#246;tig, wenn man nicht handelt – also braucht keine Sorgen zu haben, wer das Richtige tut.</p>
<p><em>Celia und ihr Mann k&#246;nnen sich die Krippe gar nicht leisten. Als Lektorin verdient sie 2000 Euro brutto – in Vollzeit. Deshalb jobbt sie nebenbei noch als Klavierlehrerin und gibt  Nachhilfestunden.</em></p>
<p><strong>Warum um einen Zustand k&#228;mpfen, der ungl&#252;cklich macht?<br />
</strong></p>
<p>Okay. Bei dem Gehalt m&#252;sste eine kluge Zeitung sagen: Schmei&#223; den Job hin und verkauf deine F&#228;higkeiten endlich richtig! Das Schmerzensgeld ist zu gering daf&#252;r, dass du keine Zeit mehr hast, um dein Leben auf die Beine zu stellen. Schlechter Deal! Und die Reporterin k&#246;nnte die gesellschaftliche Dimension erkennen und fragen, warum Millionen von Menschen nicht einfach schauen, <a href="http://www.thilo-baum.de/?m=20100526&amp;cat=19">wie den Erfolgreichen der Erfolg gelingt</a>. Aber nein, es geht so weiter:</p>
<p><em>Wahrscheinlich sieht sie deshalb so m&#252;de aus, wie sie da auf ihrem Balkon sitzt, unter einem Sonnenschirm, den schlafenden Sohn im Arm. Wahrscheinlich reicht deshalb auch schon eine Frage, um sie aus der Fassung zu bringen: Ob das ein Ansporn sei, immer wieder um die Stelle k&#228;mpfen zu m&#252;ssen?<br />
</em></p>
<p>Was f&#252;r eine Ignoranz! Was ist daran erstrebenswert, um eine gering bezahlte Stelle zu k&#228;mpfen, die offenkundig ungl&#252;cklich macht? Warum sollten Menschen um Versagenskonzepte k&#228;mpfen? Das schlafende Kind ist ja gerade nicht Ansporn daf&#252;r, weiter das Falsche zu tun. Das schlafende Kind sollte Ansporn sein, um endlich das Richtige zu tun und eine Existenz aufzubauen, die auf verschiedenen gut sprudelnden Geld-Einnahmequellen beruht!</p>
<p>Aber nein, auf die Idee, die Prinzipien dieses Elends zu hinterfragen, kommt die Frau von der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220; nicht. Statt zu fragen, wie man dem Elend entkommen k&#246;nnte, fragt sie, wie man sich innerhalb des Elends am besten bewegt. Sie reitet das tote Pferd. Wei&#223; sie es nicht besser? Oder macht sie das nur, weil die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; eine Jammerstory braucht? Zweites w&#228;re vors&#228;tzlich.</p>
<p><em>&#8222;Nat&#252;rlich nicht&#8220;, bricht es aus ihr heraus, &#8222;ich verschwende st&#228;ndig Kraft mit der Suche nach Alternativen.&#8220; Sp&#228;testens sechs Monate nach Beginn eines Jobs sei sie wieder dabei, zum Jobcenter zu laufen, Bewerbungen zu schreiben, rumzutelefonieren. Und sp&#228;testens nach der dritten Befristung sei eh Schluss – aus Angst, sie k&#246;nnte sich einklagen.</em></p>
<p>Hier steht schwarz auf wei&#223;, dass das Konzept &#8222;Bewerbung&#8220; ins Aus f&#252;hrt. Die Frau ist ungl&#252;cklich, erfolglos, &#252;berfordert. Und nat&#252;rlich verschwendet sie Kraft, weil sie sich st&#228;ndig im falschen Schema umtut und offenbar nur sinnlose Alternativen sucht. &#8222;Jobcenter&#8220; ist das falsche Konzept! Der Staat k&#252;mmert sich nicht darum, ob wir erfolgreich sind – er traktiert uns nur mit absurden &#8222;Ma&#223;nahmen&#8220;. Beim Arbeitsamt arbeiten keine Vorbilder f&#252;r Erfolg, dort arbeiten Angestellte im &#246;ffentlichen Dienst, die sogar Knackis ohne jede Chance auf eine abh&#228;ngige Besch&#228;ftigung ins Bewerbungstraining schicken, statt ihnen zu zeigen, wie man ein Business aufzieht. Schon die W&#246;rter &#8222;Jobcenter&#8220;, &#8222;Bewerbungen&#8220;, &#8222;Befristung&#8220; zeigen, dass da jemand seine M&#246;glichkeiten eingrenzt: Als gebe es nur Anstellungen. Als gebe es kein Internet. Keine Menschen, die im Beruf erfolgreich sind.</p>
<p>Warum setzt sich die Dame nicht hin, breitet sich im Social Web aus bei Facebook, Twitter und Xing und macht Klavierstunden per Internet wie ich <a href="http://www.thilo-baum.de/termine">meine Webinare</a> zum Thema &#8222;Komm zum Punkt!&#8220;? Warum l&#228;sst sie sich vom Arbeitnehmerschema so gefangen nehmen, dass sie sich freiwillig selbst f&#252;r machtlos h&#228;lt und glaubt, Bewerbungen und Jobcenter h&#228;tten einen Sinn? Warum durchbricht sie ihre Passivit&#228;t nicht und wird aktiv? Sie selbst ist es doch, die entscheidet, die Gefangene zu sein. Wenn ich fremdbestimmt bin, dann habe ich mich doch dazu entschieden! Mangelt es solchen Menschen an Phantasie? Brauchen sie vielleicht einfach nur einen guten Coach? Geht es vielleicht darum, den Menschen das Wissen endlich zu geben, das ihnen bislang vorenthalten bleibt?</p>
<p><em>Bevor sie ihren Sohn ins Bett bringt, sagt Celia noch, inzwischen sei sie froh, dass sie damals ungeplant schwanger geworden ist. &#8222;Sonst h&#228;tte ich mich die n&#228;chsten zehn Jahre nicht getraut.&#8220;</em></p>
<p>Ja! Genau! Darum geht es! Nun hat sie ein Kind und damit einen Teil ihres Gl&#252;cks. Trotz aller Widrigkeiten. Und? Sie lebt! Das Kind auch! Das ist doch gro&#223;artig! Doch in allen anderen Lebensbereichen l&#228;sst sie sich von ihrer verdammten Angst f&#252;hren und verpasst das Leben, statt die Dinge in die Hand zu nehmen. Sie verpasst den Erfolg, sie verpasst die wahren M&#246;glichkeiten. Und das tut sie, weil sie – trotz ihres Erfolgs als Mutter – beharrlich an die Misserfolgskonzepte des Arbeitnehmertums glaubt. Solange die Welt ihr das n&#246;tige Wissen vorenth&#228;lt, bleibt ihr Konzept ihr pers&#246;nliches, angeblich schicksalhaftes Chaos.</p>
<p><strong>Mantra des Misserfolgs<br />
</strong></p>
<p><em>Wer nimmt das schon freiwillig in Kauf: ein Kind, drei Jobs, aber keine Perspektive?</em></p>
<p>Und Frau Reporterin versteht es immer noch nicht. Egal, wie das Leben spielt, es geht weiter. &#8222;Schei&#223; dich nix!&#8220; Die Journalistin ist genauso verzagt und genauso auf dem depressiven, demotivierten Misserfolgs-Trip wie ihre Protagonistinnen. Sie h&#228;lt deren Denkmuster f&#252;r normal, und ein Riesenblatt wie die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220;, und das ist das &#196;rgerliche daran, broadcastet diese fatalen Denkmuster in die Welt. Das Ende der Geschichte ist die langweiligste Art, eine Reportage zu beenden – man kehrt gedanklich zum Anfang zur&#252;ck, indem man die Anfangsszenerie wieder aufnimmt. Hier wendet sich der Blick wieder gen Himmel:</p>
<p><em>Schon wieder kreist dort ein Flugzeug. Schon wieder eine Warteschleife.</em></p>
<p>Und das ist jetzt das, was ich &#8222;schmutzige Rhetorik&#8220; nenne. Mit diesem Stilmittel zementiert die Autorin die Ohnmacht durch Schicksal als Mantra. Wir sind dazu verurteilt, tatenlos zu bleiben, wir sind in der Warteschleife, und wir bleiben es auch, die &#8222;S&#252;ddeutsche&#8220; will es so.</p>
<p>F&#252;r manche Erfolgreichen ist das &#252;brigens gar nicht so schlecht: Solange die Erfolglosen brav in der Warteschleife verharren, bleiben sie unt&#228;tig und unterlassen die richtigen Dinge – in der Folge des Unterlassens entsteht kein Erfolg, und sie warten wieder. So machen uns weite Teile der Bev&#246;lkerung, die bislang keinen Zugang zum Coaching-Wissen hatten, keine Konkurrenz. Wir enthalten ihnen konsequent das Wissen vor, wie schon der Graffiti-Sprayer beklagt.</p>
<p>Und deswegen muss dieses Wissen raus in die Welt. Auch in die Redaktion der &#8222;S&#252;ddeutschen&#8220;. Die f&#252;r dieses Misserfolgsmantra auch noch eine unfassbar fatale &#220;berschrift f&#252;r ihre Jammer-Story formuliert, die uns auf Gedeih und Verderb im Arbeitnehmer-Schema festnagelt und jegliche Alternativen unterschl&#228;gt: &#8222;Frist oder stirb&#8220;.</p>
<p><em>26. Mai 2010, 20.30 Uhr: der Selfmade-Million&#228;r Martin Betschart in Thilo Baums Internet-Talkshow. Wie funktioniert Erfolg? Warum ist es eine Frage der Einstellung, ob man Geld hat oder nicht? Warum werden die Armen immer &#228;rmer? Wie kann man sich befreien? <a href="http://www.thilo-baum.de/?m=20100526&amp;cat=19">60 Minuten Klartext, kostenlos, zum Zuschauen</a>.</em></p>
<p><em>2. Juni 2010, 19.30 Uhr: Webinar &#8222;Mach dein Ding!&#8220;. Thilo Baum zeigt, warum das Denken in Arbeitnehmerkategorien ausgedient hat, wie man sich aus seinen Klauen befreit und herausbekommt, mit welcher T&#228;tigkeit man sich ern&#228;hren kann – ob als Selbstst&#228;ndiger oder angestellt. <a href="http://www.thilo-baum.de/?m=20100602&amp;cat=19">60 Minuten Klartext, kostenlos, zum Zuschauen</a>.</em></p>
<p><em>Aufzeichnung der Webinar-Premiere &#8222;Mach dein Ding!&#8220; vom 17. Mai 2010 zum gleichnamigen Buch bei Eichborn unter <a href="http://www.thilo-baum.de/category/videos/">&#8222;Videos&#8220;</a>.<br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/schluss-mit-dem-gejammer-hoert-zu/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>8</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Deutschland braucht einen neuen Job!</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-braucht-einen-neuen-job/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-braucht-einen-neuen-job/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 27 Mar 2010 07:48:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchtipps]]></category>
		<category><![CDATA[Coaching]]></category>
		<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.thilo-baum.de/?p=4183</guid>
		<description><![CDATA[ Was f&#252;r ein wundervolles und richtiges Buch! &#8222;Deutschland neu erfinden!&#8220;, hei&#223;t eine &#220;berschrift, eine andere &#8222;Wanted: Multikompetente Pers&#246;nlichkeiten&#8220;. Gunter Dueck schreibt: &#8222;Wir m&#252;ssen mit der Entr&#252;stung aufh&#246;ren, uns verabschieden und umorientieren. Ich k&#246;nnte sagen: Deutschland als Land muss sich einen neuen Job suchen.&#8220; Das Buch &#8222;Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden m&#252;ssen&#8220; von Gunter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/aufbrechen.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-4182" title="aufbrechen" src="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/03/aufbrechen.jpg" alt="" width="200" height="295" /></a> Was f&#252;r ein wundervolles und richtiges Buch! &#8222;Deutschland neu erfinden!&#8220;, hei&#223;t eine &#220;berschrift, eine andere &#8222;Wanted: Multikompetente Pers&#246;nlichkeiten&#8220;. Gunter Dueck schreibt: &#8222;Wir m&#252;ssen mit der Entr&#252;stung aufh&#246;ren, uns verabschieden und umorientieren. Ich k&#246;nnte sagen: Deutschland als Land muss sich einen neuen Job suchen.&#8220; Das Buch &#8222;Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden m&#252;ssen&#8220; von Gunter Dueck spricht mir aus der Seele, und es ist in der Tat seelenverwandt mit meinem neuen Titel <a href="http://www.amazon.de/Mach-Dein-Ding-Gl%C3%BCck-Erfolg/dp/3821859946/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1269673302&amp;sr=8-1">&#8222;Mach dein Ding! Der Weg zu Gl&#252;ck und Erfolg im Job&#8220;</a>, der ab 21. April im Handel ist. Duecks Buch ist ein politisches Sachbuch, und meines ist ein Ratgeber, beide erschienen bei Eichborn. Beide B&#252;cher sagen den Menschen auf ihre Weise: &#8222;Schaut doch endlich mal hin! Seht ihr nicht, was um euch herum geschieht? Ihr sitzt immer noch unt&#228;tig an euren Arbeitspl&#228;tzen und glaubt, feste Jobs seien sicher?&#8220;</p>
<p>Einzig in einer These m&#246;chte ich Dueck widersprechen: Er sagt, wir m&#252;ssten auf Dauer alle studieren. Und ich sage, das m&#252;ssen wir nicht. Wer ein guter Musiker werden will, muss nicht Musik studieren. Es k&#246;nnte ihn sogar eher daran hindern. Nein, die Orientierung am bisherigen Bildungssystem, wie wir es in Deutschland haben, halte ich f&#252;r fatal und falsch.</p>
<p>Dueck orientiert sich an skandinavischen L&#228;ndern, in denen sich zwei Lehrer um eine Klasse k&#252;mmern &#8222;und eben aus jedem Sch&#252;ler liebevoll etwas machen&#8220;. Sicher, das ist gut und richtig, und darauf zielt meine Kritik auch nicht. Aber ich bin &#252;berzeugt: Es hat keinen Sinn zu studieren, wenn man in der Uni unbrauchbares theoretisches Zeug lernt. K&#252;rzlich erz&#228;hlte mir ein Anwalt, im Jura-Studium lerne man nicht einmal, wie man Briefe schreibt und Argumente formuliert. Kein Sprach- und Texttraining! Und so wundert es wohl niemanden, dass der Normalb&#252;rger Juristen nicht versteht.</p>
<p>Auch die Schulen tragen momentan nicht zu einer &#8222;Exzellenzgesellschaft&#8220; bei, wie sie Dueck fordert, sondern sie zementieren eher den Stillstand, indem sie unn&#252;tzes Wissen und statische Denkmuster lehren. Das Ideal des Akademikers ist der Hauptgrund f&#252;r den Stillstand in unserem Land. Nichts gegen Akademiker, aber heute brauchen Sch&#252;ler nicht nur sachlich richtige Fakten, sondern vor allem auch die F&#228;higkeit, Relevanz zu erkennen und die Fakten einzuordnen und zu bewerten. Ein Schulfach namens Informationskompetenz muss her, und mit ihm Lehrer, die das Leben au&#223;erhalb der Schule und des akademischen Betriebes kennen und Sch&#252;lern sagen k&#246;nnen, worum es da drau&#223;en wirklich geht.</p>
<p>Und es muss Schluss damit sein, dass wir in der Schule zwar etwas von Zitronens&#228;urezyklus und Ableitungen lernen, nicht aber, wie man eine Gesch&#228;ftsidee bewertet. Kommunikation und Arbeit mit Sprache muss mehr sein als Goethe und Rechtschreibung. Die vielen Gesch&#228;ftsleute, denen ich begegne, glauben alle, sie h&#228;tten Sprechen und Schreiben als Kinder gelernt, und wundern sich, wenn ich ihnen mal zeige, dass eine ordentliche &#220;berschrift &#252;ber einer Pressemitteilung oder in einer Newsletter-Betreffzeile hartes Handwerk ist. (Mehr dazu, dass das Bildungssystem einer Revolution bedarf, zu der es auch geh&#246;ren muss, dass sehr viele Vertreter des alten Systems und damit ein Gro&#223;teil der Lehrer, Professoren und Funktion&#228;re in den Ministerien in den Ruhestand gehen, <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/alltagsphilosophie/es-lebe-die-vorstellungskraft/">siehe bitte hier</a>.)</p>
<p>Dass Deutschland einen Wandel braucht, haben schon viele geschrieben, am ber&#252;hmtesten wird vermutlich sein <a href="http://www.amazon.de/Deutschland-Abstieg-Superstars-Gabor-Steingart/dp/3492243916/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1269673947&amp;sr=1-2">&#8222;Deutschland. Der Abstieg eines Superstars&#8220; von Gabor Steingart</a>. Neu ist die These nicht. Allein, wir erleben den Wandel nicht, solange Politiker quer durch alle Parteien nur an kurzfristigen Beliebtheitserfolgen interessiert sind. Und das Problem sind auch die Apparate, die Menschen darin, ihre Blindheit, ihre mangelnde Vorstellungskraft.</p>
<p>Daher trifft Duecks Titel &#8222;Aufbrechen!&#8220; das Problem exakt. Wenn ich etwas aufbreche, nehme ich keine zarten Worte, ich berufe keine Gremien ein, und ich lasse auch keine sinnlosen Positionspapiere schreiben. Sondern ich greife zum Brecheisen.</p>
<p>Sch&#246;n an dem Buch ist auch: Dueck beleuchtet das Thema nicht rein politisch, sondern er konzentriert sich auf die &#214;konomie, soweit sie die Arbeitswelt und damit die Menschen betrifft. Das Buch ist konkret und klar. Auch kommt er nicht allgemein feuilletonistisch daher und nervt nicht mit an den Haaren herbeigezogenen Beispielen und zahlreichen Belegen wie viele andere B&#252;cher dieser Art, die meinen, f&#252;r jedes bisschen Kritik eine Quelle nennen zu m&#252;ssen – sondern er vertritt seine Thesen und legt sie schl&#252;ssig dar.</p>
<p>&#8222;Aufbrechen!&#8220; ist ein starkes Buch, auf das nun die These folgen m&#252;sste: Weg mit den Aufhaltern! Und das Kapitel &#8222;Die Verantwortung, aus sich selbst etwas zu machen&#8220; erfordert Vertiefung, etwa in Ratgebern wie &#8222;Mach dein Ding!&#8220;. Nun geht es darum, den Menschen konkret etwas an die Hand zu geben, wie sie aus ihrem Leben angesichts der neuen wirtschaftlichen Situation in Sachen Arbeitswelt etwas machen k&#246;nnen. Bislang schreiben frustrierte Arbeitnehmertypen zig Bewerbungen und beklagen, es laufe etwas falsch im &#8222;System&#8220;, wie diese <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/business/kein-job-klar-bei-dem-selbstbetrug/">beiden</a> <a href="http://www.thilo-baum.de/lounge/coaching/machen-sie-das-richtige-richtig/">Geschichten</a> hier zeigen, in denen hoch intelligente Akademiker sich dumm verhalten. Die Situation erkennen sie nicht.</p>
<p>Und solange Schule und Uni hier versagen, ist es die Aufgabe von Trainern und Coachs, diese Inhalte zu vermitteln. Das Ganze ist also leider ein Thema der Erwachsenenbildung, sofern die Schule sich solchen Inhalten verschlie&#223;t, und die Themen kommen damit in so einem Menschenleben zu sp&#228;t. Aber besser sp&#228;t als gar nicht, und vielleicht gelingt uns ja der Zugang zu den Schulen. Das d&#252;rfte nicht leicht werden, denn wer hier am st&#228;rksten versagt, ist der Staat: Er vertritt mit all seinen Beh&#246;rden nach wie vor die &#252;berholte Arbeitnehmerdenke und glaubt allen Ernstes, einem Arbeitslosen sei mit einem Bewerbungstraining geholfen.</p>
<p>Bislang ist der Privatkundenmarkt f&#252;r Seminare dieser Art zwar noch kaum ausgebildet, da die Menschen in der Breite noch nicht verstanden haben, dass sie selbst individuell entsprechendes Handwerkszeug brauchen, um sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Die Leute besuchen Bewerbungstrainings, obwohl Bewerbungen heute kaum noch Sinn haben, und sie verhalten sich insgesamt so, als sei alles beim Alten. Wir kennen auch Motivationsseminare, aber auf herk&#246;mmliche Weise hilft die Motivation einem einzelnen Menschen kaum, der gerade kurz vor der K&#252;ndigung steht, weil ihm das praktische Wissen um seine M&#246;glichkeiten fehlt. Dass er trotz seiner Lage etwas aus seinem Leben machen kann, hat ihm bislang schlicht niemand gesagt. Und was wir nicht wissen, k&#246;nnen wir nicht denken.</p>
<p>Das hei&#223;t, auch die Seminarinhalte werden sich &#228;ndern m&#252;ssen. Sie m&#252;ssen konkreter werden. Momentan erscheinen die B&#252;cher zum Verhalten infolge der Krise, die Vordenker ziehen die Schl&#252;sse f&#252;r die Praxis und entwickeln entsprechende Seminarinhalte. Bis die Menschen begreifen, wo sie inzwischen wirklich stehen, wird es vermutlich noch ein wenig dauern. Vielleicht sind B&#252;cher wie diese ja die Chance, das entsprechende Coaching-Wissen breiter zu streuen als bislang.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-braucht-einen-neuen-job/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Dumme Wissenschaft</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/dumme-wissenschaft/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/dumme-wissenschaft/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 05 Jan 2010 08:46:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwelt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/dumme-wissenschaft/</guid>
		<description><![CDATA[
Wieder einmal beweisen Forscher, dass sie gerne im Sujet denken und nicht in der Bedeutung. Das Diabetes-Risiko steige, wenn man mit dem Rauchen aufh&#246;re, und &#8222;Spiegel Online&#8220; schreibt es brav ab. Dabei ist das Diabetes-Risiko eine Folge der Gewichtszunahme und nicht des Rauchstopps, und es l&#228;sst sich nat&#252;rlich auch verhindern, dass man infolge des Rauchstopps [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/01/diabetes001.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-3580" title="diabetes001" src="http://www.thilo-baum.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/01/diabetes001.jpg" alt="diabetes001" width="400" height="118" /></a></p>
<p>Wieder einmal beweisen Forscher, dass sie gerne im Sujet denken und nicht in der Bedeutung. <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,670070,00.html">Das Diabetes-Risiko steige, wenn man mit dem Rauchen aufh&#246;re</a>, und &#8222;Spiegel Online&#8220; schreibt es brav ab. Dabei ist das Diabetes-Risiko eine Folge der Gewichtszunahme und nicht des Rauchstopps, und es l&#228;sst sich nat&#252;rlich auch verhindern, dass man infolge des Rauchstopps zunimmt. Auch die uns&#228;gliche Studie zweier D&#228;nen, wonach Ex-Raucher im Durchschnitt vier Kilogramm zunehmen und die sonst daf&#252;r herh&#228;lt, aufh&#246;rwillige Raucher zu demotivieren, verschweigt das.</p>
<p>Davon, dass man als Ex-Raucher nicht zunehmen muss, lesen wir kein Wort – weder bei den beiden D&#228;nen, noch im <a href="http://www.tabakkontrolle.de/pdf/Februar_2007.pdf">Newsletter des &#8222;Deutschen Krebsforschungszentrums&#8220; (DKFZ)</a>, welches geradezu gl&#252;cklich zu sein schien dar&#252;ber, endlich feststellen zu d&#252;rfen, wie stark Ex-Raucher nun zunehmen.</p>
<p>Mir scheint es, als seien Wissenschaftler zunehmend unf&#228;hig, die Kontexte ihrer Gegenst&#228;nde zu sehen. Gleichen die denn nur noch Muster ab, z&#228;hlen und vergleichen und machen aus Korrelationen Kausalit&#228;ten? Sobald sich ein Ex-Raucher der &#196;hnlichkeit der Gef&#252;hle &#8222;Ich brauche eine Zigarette&#8220; und &#8222;Ich habe Hunger&#8220; bewusst ist, kann er die entsprechenden Gef&#252;hle einordnen und muss nicht zunehmen – ein Kriterium, das man bei den tonangebenden Wissenschaftlern in der Raucherentw&#246;hnung nach meiner Beobachtung nicht findet. Die erwecken eher den Anschein, man nehme unweigerlich zu. Cui bono?</p>
<p>Auch diese aktuelle Diabetes-Geschichte ist geradezu dumm, verschwendete Zeit, rausgeworfenes Geld, sinnloses Datenmaterial, und ich wundere mich, wie so jemand zu seinem Abitur kam: Man nehme das &#220;bergewicht und seine Korrelation zum Diabetes-Risiko – und vermenge das mit der falschen Behauptung, Ex-Raucher w&#252;rden in jedem Fall zunehmen. Fertig ist das Demotivationspaket.</p>
<p>Blind scheint man in Forscherkreisen zudem f&#252;r die Wirkung solcher Ver&#246;ffentlichungen zu sein. Schon &#8222;Spiegel Online&#8220; zieht den falschen Schluss und schreibt in der &#220;berschrift, ohne Zigarette steige die Diabetes-Gefahr. Falsch! Tut sie nicht. Wer nicht zunimmt infolge des Rauchstopps, dessen Diabetes-Gefahr steigt auch nicht, jedenfalls nicht deswegen.</p>
<p>Und nicht nur &#8222;Spiegel-Online&#8220;-Journalisten denken simpel, sondern auch die Menschen drau&#223;en, in deren Kopf das Ergebnis entsteht: Weiterrauchen beugt Diabetes vor. Das ist die Folge, denn die Menschen sehen im Unterschied zum Wissenschaftler mit Tunnelblick die Bedeutung, nicht das nackte Sujet. Sie denken: &#8222;Rauchen macht schlank&#8220; (stimmt nicht, denn Raucher sind nicht schlanker), &#8222;Aufh&#246;ren macht fett&#8220; (stimmt nicht, denn viele Ex-Raucher bleiben schlank) und &#8222;Dann rauche ich lieber mal weiter&#8220; (ein Schluss, den wir solchen Wissenschaftlern verdanken, weswegen wir fragen m&#252;ssen, in wessen Diensten sie stehen).</p>
<p>Auch wenn die &#8222;Experten&#8220; der &#220;berlegung weiterzurauchen brav widersprechen – sie appellieren nur kognitiv an die Leute, doch mit dem Rauchen aufzuh&#246;ren, und das wirkt nicht. Und es ist wiederum dumm zu glauben, ein solcher Hinweis nehme dieser fatalen Behauptung die Wucht. Wie kann man so tun, als gebe es diesen Zusammenhang nicht? Halten sich diese Leute nicht f&#252;r klug?</p>
<p>Dass sich ein Risiko schlie&#223;lich manifestiert, ist auch nicht gesagt – die Leute da drau&#223;en nehmen es aber so wahr, wenn sie solches Zeug lesen. Und man spielt mal wieder mit dem Nullpunkt einer Regressionskurve (nach zehn Jahren sei das Risiko wieder auf dem Niveau der immer gewesenen Nichtraucher). Hatten diese Forscher in der Uni nicht Statistik und wissen, dass bei solchen Kurven der Nullpunkt irrelevant ist, weil es dabei nur um eine erm&#252;dend langsame Ann&#228;herung kleinster Werte an die x-Achse geht?</p>
<p>Die Frage stellt sich hier wie sonst zu Zeiten, in denen die Tabakindustrie das DKFZ unterwandert hatte: Wer hat diese Studie finanziert? Wer will, dass die Leute weiterrauchen? Ich meine, wir brauchen dringend eine Initiative gegen Dummheit in der Wissenschaft und gegen Instrumentalisierungen jedweder Art.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/dumme-wissenschaft/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Deutschland</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-2/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-2/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 22 Apr 2007 12:35:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Stammtisch]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-2/</guid>
		<description><![CDATA[&#8230; ist ein merkw&#252;rdiges Land. Es gibt eine Menge wirres Zeug, an das wir in Deutschland glauben. Manche Menschen in Medien und Politik erkennen das, sprechen es aber nicht an oder ziehen nicht die notwendigen Schl&#252;sse daraus. Dabei geht es nicht darum, welche Partei gerade regiert. Nein, es sind wir Deutschen. Wir Deutschen sind ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; ist ein merkw&#252;rdiges Land. Es gibt eine Menge wirres Zeug, an das wir in Deutschland glauben. Manche Menschen in Medien und Politik erkennen das, sprechen es aber nicht an oder ziehen nicht die notwendigen Schl&#252;sse daraus. Dabei geht es nicht darum, welche Partei gerade regiert. Nein, es sind wir Deutschen. Wir Deutschen sind ein schrulliges Volk:</p>
<p>- Obwohl die Demoskopie seit Jahrzehnten vor der &#220;beralterung warnt, erhalten wir ein &#252;ber die Generationen von Jung nach Alt umlagefinanziertes Rentenmodell aufrecht. Die so genannte &#8222;Rentenversicherung&#8220; (Ex-BfA, LVAs etc.) besch&#228;ftigt eine Menge Leute, die mir und anderen erstaunt-belustigten Menschen immer mal wieder merkw&#252;rdige Briefe schreiben zum Stand der absurdesten Geldanlage, die es gibt. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass das Gebilde auf einem Denkfehler basiert und stellen die Rente trotzdem nicht auf ein kapitalbasiertes System um.</p>
<p>- Wir behaupten, wir w&#252;rden in einer Demokratie leben, und scheinen das sogar zu glauben. Wir glauben, die Regierenden in Deutschland seien vom Volk legitimiert. Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache: Das Land Berlin beispielsweise wird von jemandem regiert, den das Volk nicht gew&#228;hlt hat und dessen Partei nur 17,5 Prozent Zustimmung im Volk hat. Mangels einer Direktwahl w&#228;hlt das Abgeordnetenhaus den Regierungschef. Das Abgeordnetenhaus wiederum wurde von einigen Berlinern gew&#228;hlt, genauer von 56,8 Prozent (mit ung&#252;ltigen Stimmen: 58 Prozent). Bei der <a target="_blank" href="http://www.statistik-berlin.de/wahlen/home.htm">Wahl zum Abgeordnetenhaus 2006</a> gaben 424.054 Menschen ihre Zweitstimme der SPD. In einer Stadt mit 3,4 Millionen Einwohnern erscheint mir das nicht allzu viel. Gemessen an den Wahlberechtigten (2.425.480) nehmen die SPD-W&#228;hler einen Anteil von 17,5 Prozent ein. Das bedeutet, die Geschicke dieser Stadt liegen gro&#223;teils in den H&#228;nden einer Partei, die nur 17,5 Prozent der Wahlberechtigten hinter sich hat, und diese Partei schickt einen vom Volk nicht gew&#228;hlten Mann ins Rennen (wof&#252;r der Regierende B&#252;rgermeister nichts kann). Auf Bundesebene sieht es nur wenig besser aus: Zur <a target="_blank" href="http://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahl2005/ergebnisse/bundesergebnisse/b_tabelle_99.html">Bundestagswahl 2005</a> waren 61.870.711 Menschen wahlberechtigt, CDU und CSU kamen auf 16.631.049 Zweitstimmen &#8211; das entspricht 26,9 Prozent Zustimmung f&#252;r die Partei, die die Kanzlerin stellt. Statt klar zu formulieren, dass es sich dabei um die Regierung einer Minderheit handelt, plappern wir den Meinungsf&#252;hrern alles nach und nennen das Ganze &#8222;Mehrheitsentscheidung&#8220;. Ist die Mehrheit denn daf&#252;r, dass eine Minderheit regiert?</p>
<p>- Wir glauben Politikern, die sagen, Nichtw&#228;hler seien mit dem Status Quo im Land zufrieden. Wir weigern uns beharrlich, die geringe Wahlbeteiligung als Anzeichen f&#252;r den Zerfall der Demokratie anzuerkennen. Wenn alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht und das Volk diese Macht nicht wahrnimmt, entsteht ein Machtvakuum, und ein Machtvakuum in einer Demokratie hat zur Folge, dass nicht die Mehrheit regiert, sondern eine Minderheit &#8211; es ist das Gegenteil der demokratischen Idee. Wahlpflicht wie in Luxemburg oder Belgien w&#252;rde das Volk zwingen, seine Macht auszu&#252;ben. Und der dann in Deutschland zu vermutende Anteil von mehr als 40 Prozent ung&#252;ltigen Stimmen k&#246;nnte den Regierenden m&#246;glicherweise zeigen, dass das Volk mit dem Status Quo im Land durchaus nicht zufrieden ist. Die Demokratie in Deutschland zerst&#246;rt sich gerade selbst, und es scheint weder Politikern noch Journalisten wichtig zu sein, diese Entwicklung zu stoppen. Es f&#228;llt mir immer schwerer zu glauben, dass das Demokraten sind, die ihr Vaterland lieben.</p>
<p>- Der so genannte Fraktionszwang tritt die Demokratie f&#252;r alle sichtbar mit F&#252;&#223;en, und wir st&#246;ren uns nicht daran. Partei- und Fraktionssoldaten verhalten sich verfassungswidrig, indem sie nicht ihrem Gewissen folgen, dem sie verpflichtet sind, sondern einer vorgegebenen Linie. Unser Verst&#228;ndnis von Demokratie ist so kaputt, dass wir von &#8222;Dolchsto&#223;&#8220; sprechen, wenn ein Abgeordneter der designierten Ministerpr&#228;sidentin von Schleswig-Holstein die Stimme verweigert. Wir sind solche Demokratiefeinde geworden, dass wir von &#8222;Abweichlern&#8220; sprechen, offiziell, in der Presse, in Interviews. Es mag in Diktaturen Abweichler geben, aber in einer Demokratie?</p>
<p>- Die Presse versagt zunehmend. &#220;ber Gesetze berichtet die Presse meist erst, wenn sie verabschiedet sind und es zu sp&#228;t ist &#8211; obwohl es erste und zweite Lesungen gibt und viele M&#246;glichkeiten f&#252;r Journalisten, vorher &#214;ffentlichkeit f&#252;r die Themen zu schaffen. Der Politikjournalismus gef&#228;llt sich immer mehr in selbstgef&#228;lligen Phrasen und wird immer unverst&#228;ndlicher, und damit multiplizieren viele Medien die Abneigung gegen&#252;ber Politik im Volk. Mit der Wahlbeteiligung sinken die Auflagen, denn die Qualit&#228;t von Zeitungen ist inzwischen so hundsmiserabel, dass Leser zu Recht von dem Gedanken abr&#252;cken, sich das ganze absurde Theater auch noch beschreiben zu lassen. Immer mehr Politikjournalisten scheinen nur noch von A nach B denken zu k&#246;nnen, zudem sind die Redaktionen f&#252;rs Management von Medienh&#228;usern zunehmend l&#228;stig, weil sie beim Geldverdienen st&#246;ren &#8211; es geht bei Medien immer mehr um Werbung, Gewinnspiele und Nebengesch&#228;fte, und man r&#252;ckt von der Kernkompetenz, dem Berichten, ab. Redaktionen werden ausged&#252;nnt, und Praktikanten &#252;bernehmen das Geschehen. Vor dem Hintergrund des Geldverdienens bilden Medien nicht mehr kritisch die Realit&#228;t ab, sondern suchen Geschichten, die die Leser binden, ganz egal, wie sinnlos die Geschichten sind. Ich sage hiermit voraus, dass die Berliner Presse Schlagzeilen Marke &#8222;Jetzt nehmen sie uns Knut weg&#8220; bringt, wenn der Eisb&#228;r den Berliner Zoo verl&#228;sst, obwohl dieser Plan schon jetzt bekannt ist. Statt Menschen zu informieren, stellen Medien sich dumm, machen die Realit&#228;t zur Soap und begleiten das Wischiwaschi-Leben mit medialem Wischiwaschi.</p>
<p>- In Talkrunden erstarrt der Stillstand in unserem Land trotz enormer Bewegung der Welt vollends zu Eis. Wer politische Diskussionen im deutschen Fernsehen verfolgt, sp&#252;rt hautnah die Diskrepanz zwischen den ritualisiert vorgetragenen Argumenten und Inhalten einerseits und der Wirklichkeit in diesem Land andererseits. Diese Diskrepanz ist etwa so deutlich wie die Diskrepanz zwischen der Au&#223;endarstellung von Unternehmen mit ihrer Hochglanz-PR einerseits und der Verzweiflung des Kunden angesichts versagender und durch &#252;berh&#246;hten Profitdruck halbherzig zusammengepfuschter Produkte. Die &#246;ffentliche Diskussion politischer Themen gleicht der Werbung f&#252;r einen Handyvertrag: Gro&#223; und fett ein Preis &#8211; gro&#223; und fett die angeberischen Behauptungen, man selbst oder die eigene Partei sei auf dem richtigen Weg. Kleingedruckt allerdings eine Unmenge Tarifterror, Bedingungen, Mindestlaufzeiten und anderes, was mich sofort vom Produkt absehen l&#228;sst. In der Politik-Debatte entspricht dieser Rattenschwanz der Wirklichkeit im Land, der sich im <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eisbergmodell">Eisbergmodell</a> unterhalb der Wasseroberfl&#228;che befindet: Die Realit&#228;t ist so absurd, dass es schwer f&#228;llt, Deutschland unter den A-L&#228;ndern anzusiedeln. Und nur weil wir hier leben und es gewohnt sind, halten wir die Zust&#228;nde f&#252;r normal.</p>
<p>- Wir geben einem Eisb&#228;ren Polizeischutz, nachdem Drohungen gegen ihn eingehen. Aber beim Einkaufen schimpfen wir &#252;ber die angeblich hohen Fleischpreise. Wir finden Eisb&#228;ren, Pferde, Hunde und Katzen s&#252;&#223; und verurteilen Menschen, die Pferde oder Hunde essen. Schweine, H&#252;hner und K&#252;he allerdings metzeln wir serienm&#228;&#223;ig nieder, nachdem wir sie qualvoll &#252;ber Hunderte von Kilometern durch Europa gekarrt haben.</p>
<p>- Wir bekommen keine klare Politik zu Stande. Wir erfinden die Ich-AG und schaffen sie wieder ab. Es ist ein gro&#223;es, absurdes Gew&#252;rge, bis das Dosenpfand existiert. Den Transrapid haben wir gebaut und dann doch nicht. Beim Nichtraucherschutz lassen wir uns von der Tabakindustrie Gesetzesvorlagen diktieren. Krankenkassen bezahlen Unsummen f&#252;r sinnlose Medikamente. Wir verordnen rauchenden Asthmatikern Asthma-Sprays, statt ihnen zu helfen, mit dem Rauchen aufzuh&#246;ren. Wir erfinden das aufw&#228;ndigste Lkw-Maut-System der Welt. Wir gr&#252;nden eine Beh&#246;rde und statten sie mit Tausenden von Kleinlastern aus, um dieses aufw&#228;ndige System zu kontrollieren. Wir glauben, mit der Umbenennung von &#8222;Arbeitsamt&#8220; in &#8222;Agentur&#8220; sei irgendwas gewonnen (eine falsche Bezeichnung, weil eine Agentur privatwirtschaftlich ist, Klagen gegen das Arbeitsamt aber nach wie vor verwaltungsrechtlich ablaufen). Wir gefallen uns in Augenwischerei.</p>
<p>- Wir glauben, das Wohl unseres Landes sei gef&#228;hrdet, wenn wir immer weniger werden. L&#228;nder wie Schweden und Finnland haben eine weitaus geringere Einwohnerdichte, und es scheint f&#252;r die Menschen dort kein Problem zu sein. Vielleicht w&#228;re es ja sogar besser f&#252;r uns, wenn wir weniger w&#228;ren, denn dann k&#246;nnten wir weniger Unheil anrichten.</p>
<p>- Wir halten am F&#246;deralismus fest, obwohl er das Land blockiert.</p>
<p>- Wir subventionieren aussterbende Regionen. Warum f&#246;rdern wir nicht auch Industrieansiedelungen in den Bayerischen Alpen oberhalb von 1000 Metern? Weil es sinnlos w&#228;re. Warum wurde der Bundesgrenzschutz nach der Einheit von der innerdeutschen Grenze abgezogen, obwohl Arbeitspl&#228;tze verloren gingen und die Menschen im Zonenrandgebiet protestierten? Die Menschen werden neue L&#246;sungen f&#252;r ihr Leben finden.</p>
<p>- Wir glauben, wir seien federf&#252;hrend in Sachen Infrastruktur. Dabei gibt es kaum ein zivilisiertes Land, dass so unf&#228;hig ist wie das unsere, beispielsweise Baustellen sinnvoll zu beschildern. Gelbe Spuren f&#252;hren gegen Plastikw&#228;nde, angek&#252;ndigte Fahrbahneinm&#252;ndungen finden nicht statt. Kaum ist eine Autobahn fertig, rei&#223;t man sie wieder auf. Handyempfang in Z&#252;gen und auf Autobahnen ist Gl&#252;ckssache. In Sachen Stra&#223;enqualit&#228;t k&#246;nnen wir uns inzwischen von Tschechien eine Scheibe abschneiden.</p>
<p>- Wir orientieren uns nicht an erfahrenen, erfolgreichen Menschen, sondern an Theoretikern. Das Schulsystem unterliegt beispielsweise dem grundlegenden Ph&#228;nomen selektiver Wahrnehmung, weil Lehrer und Schulfunktion&#228;re selten die Aufm&#252;pfigen in der Klasse waren. Der Anteil spannender Menschen mit Hang zu kreativen, abseitigen Ideen und zum Querdenken ist daher in der Schulpolitik eher gering. Der Typus Streber bestimmt das Geschehen. Entsprechend l&#228;uft die Schulpolitik vor die Wand &#8211; sie ist nicht realistisch, sprich: Sie hat keinen Bezug zur Wirklichkeit. Wir bringen unseren Kindern in der Schule nicht die Dinge bei, die man im Leben braucht, sondern wir bringen ihnen Dinge bei, von denen Lehramtsinhaber meinen, man br&#228;uchte sie in dem, was sie f&#252;r das Leben drau&#223;en halten. Das Problem dabei ist, dass die wenigsten Lehrer und Schulfunktion&#228;re jemals in dem Sinne und in dem Tempo gearbeitet haben, wie das drau&#223;en im Business der Normalfall ist. Da sie das Leben drau&#223;en kaum kennen, k&#246;nnen sie Kinder schlecht darauf vorbereiten. Und wir staunen dann mit gro&#223;en Augen, wenn jemand das Bildungssystem kritisiert.</p>
<p>- Wir sind studiengl&#228;ubig, obwohl wir wissen, wie leicht sich Studien manipulieren lassen. Wir glauben den Studien, denen wir glauben wollen, und unterstellen den anderen, sie seien manipuliert.</p>
<p>- Obwohl die Sonne seit Millionen Jahren f&#252;r alle sichtbar Energie auf die Erde ballert, und obwohl wir beim Besuch in einem Bergwerk 1000 Meter unter der Erde durch die Erdw&#228;rme ins Schwitzen kommen, denken wir &#252;ber Kohle und Atomenergie nach.</p>
<p>Vielleicht landet ja eines sch&#246;nen Tages irgendwann ein Ufo, und lustige gr&#252;ne Marsmenschen besuchen Deutschland. Dann ist es nicht an uns zu staunen. Es ist an den Marsmenschen, &#252;ber uns zu staunen. Sie werden sich ganz sch&#246;n wundern.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/deutschland-2/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>20</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mythos Sommerloch</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/mythos-sommerloch/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/mythos-sommerloch/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 28 Jul 2006 09:39:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/mythos-sommerloch/</guid>
		<description><![CDATA[Sommerpause! Keiner zu erreichen? Falsch! Nur Lehrer und Sch&#252;ler sind in Takatukaland. Eltern sind zumeist berufst&#228;tig und haben keine sechs Wochen Urlaub im Sommer. Darum brummt unser B&#252;ro vor lauter Arbeit. Alle, die wir erreichen wollen, erreichen wir. Und das einfacher als sonst. Weil alle die, die an den Mythos Sommerloch glauben, nicht anrufen. Und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sommerpause! Keiner zu erreichen? Falsch! Nur Lehrer und Sch&#252;ler sind in Takatukaland. Eltern sind zumeist berufst&#228;tig und haben keine sechs Wochen Urlaub im Sommer. Darum brummt unser B&#252;ro vor lauter Arbeit. Alle, die wir erreichen wollen, erreichen wir. Und das einfacher als sonst. Weil alle die, die an den Mythos Sommerloch glauben, nicht anrufen. Und weil die Sonne scheint, sind unsere Ansprechpartner sogar besonders gut gelaunt.</p>
<p>Auch ein Mythos: ideale Telefonzeiten. Nur niemanden freitagnachmittags anrufen! Unsere Erfahrung: Freitags erreicht man bis 17.30 Uhr &#228;u&#223;erst entspannte Menschen. Zumal es im Sommer &#228;u&#223;erst entspannt ist, Termine zu machen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/mythos-sommerloch/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Das Leben hat einen Sinn“</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/das-leben-hat-einen-sinn/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/das-leben-hat-einen-sinn/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 12 Feb 2006 18:46:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://thilobaum.de1.biz/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/%e2%80%9edas-leben-hat-einen-sinn%e2%80%9c/</guid>
		<description><![CDATA[Viele Menschen sind beseelt von der Frage: Wozu leben wir? Und sie bei&#223;en sich die Z&#228;hne aus, oft &#252;ber Jahrzehnte hinweg. Weil sie f&#252;r diese Sisyphos-Aufgabe keine L&#246;sung finden, werden sie religi&#246;s und beginnen, an Antworten zu glauben. Dabei k&#246;nnten sie sich die M&#252;he sparen und sich beruhigt zur&#252;cklehnen – sie sitzen einem simplen Logikfehler [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoPlainText">Viele Menschen sind beseelt von der Frage: Wozu leben wir? Und sie bei&#223;en sich die Z&#228;hne aus, oft &#252;ber Jahrzehnte hinweg. Weil sie f&#252;r diese Sisyphos-Aufgabe keine L&#246;sung finden, werden sie religi&#246;s und beginnen, an Antworten zu glauben. Dabei k&#246;nnten sie sich die M&#252;he sparen und sich beruhigt zur&#252;cklehnen – sie sitzen einem simplen Logikfehler auf. Das Leben hat keinen Sinn. Darum finden sie keinen.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Der Fehler liegt im „wozu“. „Wozu“ fragt nach dem Zweck, dem Sinn, dem Danach. Richtig w&#228;re die Frage: „Warum?“ Denn nur sie fragt nach dem Grund, nach der Ursache. Be&#228;ngstigend wenige Menschen kennen den Unterschied zwischen „Warum“ und „Wozu“. Der Satz „Ich will etwas essen“ hat ein Warum: „Ich habe Hunger.“ Und er hat ein Wozu: „Ich will satt werden.“ „Warum“ ist kausal, „wozu“ ist final. Das ist der Unterschied zwischen Kausalit&#228;t und Finalit&#228;t, und daran scheiden sich die Geister.</p>
<p class="MsoPlainText">Rotk&#228;ppchen fragt: &#8222;Gro&#223;mutter, warum hast du so gro&#223;e Ohren?&#8220; Wolf antwortet: &#8222;Damit ich dich besser h&#246;ren kann.&#8220; Dummes Rotk&#228;ppchen &#8211; es kennt den Unterschied zwischen &#8222;warum&#8220; und &#8222;wozu&#8220; nicht und begreift nicht, dass der Wolf die Frage nicht beantwortet hat, sondern ausgewichen ist. Korrekt w&#228;re die Antwort auf Rotk&#228;ppchens Warum-Frage gewesen: &#8222;Weil ich ein Wolf bin!&#8220;</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Ebenso wenig wie die Wolfsohren hat das Leben keinen Sinn, sondern Ursachen. Das Leben ist nicht final, sondern kausal. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist sozusagen falsch gestellt. Sie kann darum keine sinnvolle Antwort haben.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Der Christ fragt: „Herr, wozu habe ich Beine?“ Und er antwortet sich selbst: „Damit ich gehen kann.“ Und er dankt Gott daf&#252;r, dass er Beine hat. Weil der Christ final fragt, erh&#228;lt er eine finale Antwort. Was dem Christen plausibel erscheint, beruht auf mangelnder Erkenntnis, und das beweist die Gegenprobe: Was, wenn der Christ keine Beine, sondern Flossen h&#228;tte? Dann w&#252;rde er nicht fragen: „Wozu habe ich keine Beine?“ Und er w&#252;rde nicht antworten: „Damit ich nicht gehen kann.“ Sondern der Christ mit Flossen w&#252;rde fragen: „Wozu habe ich Flossen?“ Und er w&#252;rde sich selbst antworten: „Damit ich schwimmen kann.“ Und der Christ hie&#223;e nicht Mensch, sondern Fisch, und er w&#252;rde Gott f&#252;r die Flossen danken.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Das hei&#223;t: Der Christ hat keine Beine, um zu gehen („wozu“, final), sondern weil er Beine hat, geht er („warum“, kausal). Der Vogel hat keine Fl&#252;gel, um zu fliegen; sondern er fliegt, weil er Fl&#252;gel hat. Das Leben ist nicht final. Es ist kausal.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Was der Christ auch immer hat – Beine, Flossen, Fl&#252;gel – er rechnet sich seine Situation stets zu seinen Gunsten sch&#246;n. Denn irgendwas hat jeder! Und darum haben Christen immer einen Grund, Gott f&#252;r irgendwas zu danken.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">F&#252;r religi&#246;s denkende Menschen ist das Leben allerdings nicht kausal, sondern final. Darum versteht sich die Religion im Kern nicht mit der Wissenschaft, und auch deswegen gibt es im Umgang mit religi&#246;sen Menschen immer wieder Krach auf der Welt. Religi&#246;se Menschen fragen nach dem Wozu statt nach dem Warum. Das tun sie aus Sicht der Wissenschaft vergeblich, denn das Wozu liegt in der Zukunft. Weil keiner die Zukunft kennt, stochern religi&#246;s denkende Menschen nach Ma&#223;st&#228;ben der Wissenschaft im Nebel. Weil man im Nebel nichts findet, machen sie das Nichts zum Mysterium, verlagern ihr Denken auf das nicht Seiende und best&#228;tigen ihr Denken eben dadurch, dass sie nichts finden. Der Sinn ist die Suche. Im Mysterium ist alles erlaubt, alles denkbar, alles m&#246;glich. Es ist beliebig und daher weniger ein Tummelplatz f&#252;r Mathematiker und Philosophen, als vielmehr f&#252;r Verschw&#246;rungstheoretiker und Paranoiker. Doch f&#252;r die bietet es Sicherheit, ist es eine Heimat.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Machen wir uns nicht auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das macht nur Stress. Es gibt keinen Sinn des Lebens. Gehen wir lieber ein Bier trinken.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/das-leben-hat-einen-sinn/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>13</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8222;Sport verhindert Kriege&#8220;</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/sport-verhindert-kriege/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/sport-verhindert-kriege/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 26 Nov 2005 19:21:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://thilobaum.de1.biz/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/sport-verhindert-kriege/</guid>
		<description><![CDATA[Wer Sport treibt, t&#246;tet nicht – auf diese einfache Formel l&#228;sst sich der Irrglaube zur&#252;ckf&#252;hren, die Besch&#228;ftigung mit Sport verh&#252;te Gewalt. Es ist das Argument der Sportvereine, die um junge Mitglieder werben, stets mit dem p&#228;dagogischen Appell an Eltern, bei den Vereinen seien die Jugendlichen gut untergebracht. Wer im Verein Sport treibe, baue Aggressionen beim [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoPlainText">Wer Sport treibt, t&#246;tet nicht – auf diese einfache Formel l&#228;sst sich der Irrglaube zur&#252;ckf&#252;hren, die Besch&#228;ftigung mit Sport verh&#252;te Gewalt. Es ist das Argument der Sportvereine, die um junge Mitglieder werben, stets mit dem p&#228;dagogischen Appell an Eltern, bei den Vereinen seien die Jugendlichen gut untergebracht. Wer im Verein Sport treibe, baue Aggressionen beim Sport ab und brauche sie daher nicht mehr an anderen Menschen auszulassen.</p>
<p class="MsoPlainText">
Selbst passive Sportbegeisterung soll die Energien junger Leute binden, so dass aktive und passive Sportler in einem einzigen harmlosen, friedlichen Miteinander ein beschauliches und nettes Dasein fristen, in dem alle f&#252;reinander da sind und Fairplay &#252;ber alles geht. Vereinssport soll auch vor Drogenkonsum sch&#252;tzen – was man am besten daran sieht, dass man nach dem erfolgreichen Kick erstmal ordentlich einen saufen geht.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Dass Sport keine Gewalt verh&#252;tet, sondern sie mitunter erzeugt oder provoziert, wei&#223; jeder, der schon einmal in eine Auseinandersetzung zwischen Hooligans geraten ist. Viele Hooligans sind  im sonstigen Leben oft brave Biederm&#228;nner und nutzen den Sport, um in unserer immer komplexeren Welt auf erfrischende Weise die F&#228;uste sprechen zu lassen. Das Spiel selbst liefert die n&#246;tigen Emotionen, es reizt die Empfindungen und steuert die Gef&#252;hle in Richtung H&#246;hepunkt – und in gewaltsamen Auseinandersetzungen finden sie gleich einem Orgasmus ihre Entladung. Dass der Sport der Anlass f&#252;r derartige Gewaltorgien ist, zeigt sich insbesondere darin, dass viele Hooligans Fu&#223;ballspiele eigens f&#252;r ihre Exzesse aufsuchen. Dass das Ganze ein Problem ist, zeigt die &#220;berlegung einiger Krankenkassen, Hooligans ihre Behandlung nach den &#252;blen Schl&#228;gereien aus eigener Tasche bezahlen zu lassen.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Dass Sport nicht so friedlich ist, wie seine Verbandsfunktion&#228;re es gerne predigen, zeigt auch die j&#252;ngere Geschichte Mittelamerikas – der Fu&#223;ball-Krieg.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Zwischen Salvador und Honduras gab es in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Spannungen: Aus dem kleinen, &#252;berf&#252;llten Salvador waren 300.000 Bauern illegal nach Honduras eingewandert. Die honduranischen Bauern f&#252;rchteten um ihr Land, forderten eine Bodenreform, und ihre Regierung k&#252;ndigte an, die Salvadorianer zu vertreiben. In dieser Atmosph&#228;re spielten die Nationalmannschaften gegeneinander. Doch entgegen der These „Sport verhindert Kriege“ f&#252;hrte das Spiel zur Eskalation, weil es auf beiden Seiten die nationalistischen Gef&#252;hle verst&#228;rkte.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Vor dem Hinspiel am 8. Juni 1969 in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa randalierten honduranische Fans vor dem Hotel der Gastmannschaft – Honduras siegte mit 1:0 in der letzten Minute. In diesem Moment erschoss sich in Salvador ein M&#228;dchen namens Amelia Bolanios und wurde zur Nationalheldin erkl&#228;rt, die die Niederlage ihres Heimatlandes nicht verwinden konnte. Die Folge: ein Trauerzug mit Regierung, Milit&#228;r und viel lateinamerikanischem Pomp – au&#223;erdem tausende Amelia-Bilder und eine aufgeheizte Menge im Stadion beim R&#252;ckspiel eine Woche sp&#228;ter in San Salvador. Bei dieser Gelegenheit tyrannisierten salvadorianische Fans die honduranische Mannschaft, pfiffen deren Nationalhymne aus und randalierten w&#228;hrend des gesamten Spiels. Honduras verlor 3:0, das Milit&#228;r brachte die Spieler sofort zur Grenze.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">In dem politischen Konflikt war es das Ziel der Regierung Salvadors, die R&#252;ckkehr der 300.000 Bauern zu verhindern. Ein Krieg k&#246;nnte die Grenze schlie&#223;en, und der Hass der Salvadorianer auf Honduras war gro&#223;. Das nutzte die Regierung und warf am 14. Juli 1969 &#252;ber Tegucigalpa eine Bombe ab. Ein Krieg von vier Tagen begann. Die Salvadorianer r&#252;ckten schnell vor; die schlecht ausger&#252;steten honduranischen Truppen konnten den Vormarsch nur mit Hilfe von Zivilisten bremsen, von denen viele aufgerieben wurden. Auf Druck der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) und der UNO schlossen beide L&#228;nder nach vier Tagen einen Waffenstillstand. Etwa die H&#228;lfte der salvadorianischen Bauern kehrte in ihre Heimat zur&#252;ck. Etwa 3000 bis 5000 Menschen waren tot, mehr als 10.000 verwundet. Anlass war der Sport.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/sport-verhindert-kriege/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Die Sonne ist ein Fixstern“</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-ist-ein-fixstern/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-ist-ein-fixstern/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 31 Oct 2005 21:58:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://thilobaum.de1.biz/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/%e2%80%9edie-sonne-ist-ein-fixstern%e2%80%9c/</guid>
		<description><![CDATA[Jedes Kind lernt es in der Schule: Die Sonne ist ein Fixstern. Das scheint nachvollziehbar, denn schlie&#223;lich ist die Sonne der Mittelpunkt unseres Sonnensystems. Neun Planeten kreisen um sie. Das lateinische Adjektiv „fixus“ bedeutet „fest“. Was fix ist, ist unbeweglich. Fixsterne stehen also fest.

Aber trifft das auf die Sonne zu? Wie soll die Sonne ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoPlainText">Jedes Kind lernt es in der Schule: Die Sonne ist ein Fixstern. Das scheint nachvollziehbar, denn schlie&#223;lich ist die Sonne der Mittelpunkt unseres Sonnensystems. Neun Planeten kreisen um sie. Das lateinische Adjektiv „fixus“ bedeutet „fest“. Was fix ist, ist unbeweglich. Fixsterne stehen also fest.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Aber trifft das auf die Sonne zu? Wie soll die Sonne ein Fixstern sein, wenn sie doch im Osten aufgeht, durch den S&#252;den wandert und schlie&#223;lich im Westen untergeht? Eine naive Frage, die r&#252;ckst&#228;ndig wirkt: Nur weil wir hier auf der Erde stehen und aus dieser Perspektive die Sonne sich bewegen sehen, hei&#223;t das noch lange nicht, dass sie sich tats&#228;chlich bewegt. Das veraltete geozentrische Weltbild des Ptolem&#228;us (ca. 100-175 n.C.), wonach die Erde der Mittelpunkt des Universums war, ist Geschichte. Doch so dumm war der Ansatz gar nicht, dass die Sonne sich um die Erde bewegt, wenn man es doch t&#228;glich sieht. Es ist eine Frage des Standpunktes.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Nehmen wir die Perspektive der Sonne ein, wird alles sonnenklar: Die Erde dreht sich um die Sonne! Diese Transferleistung vollbrachte erstmals der deutsche Arzt Nikolaus Kopernikus (1473-1543). Kopernikus verlangte den Menschen mit seinem heliozentrischen Weltbild ein wenig von jenem Verst&#228;ndnis f&#252;r Relativit&#228;t ab, das Albert Einstein (1879-1955) Jahrhunderte sp&#228;ter seiner Arbeit zu Grunde legte: Im Verh&#228;ltnis zur Sonne bewegt sich die Erde, und nur weil wir auf der Erde sitzen, meinen wir, sie stehe still. Das halten die meisten Menschen noch heute f&#252;r wahr.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Doch wenn die Sonne still steht, wo steht sie? Wenn sie ein Fixpunkt sein soll, sitzt sie stets an einer Stelle und hat Koordinaten – dadurch definieren sich Fixpunkte. Doch welche Koordinaten hat die Sonne? Und wo befindet sich der Nullpunkt des Koordinatensystems, in dem die Sonne eine definierte Position innehaben soll? Woran gemessen steht die Sonne still? An sich selbst? Ist die Sonne der Nullpunkt ihres eigenen Koordinatensystems? Wir sehen schon: Diese Variante stinkt, auf schlau gesagt ist sie selbstreferenziell. Eine Aussage, die sich selbst zum Ma&#223;stab nimmt, ist nicht haltbar.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Wie merkw&#252;rdig auch, dass ausgerechnet die bescheidene Sonne unseres kleinen, unbedeutenden Sonnensystems im Verh&#228;ltnis zum gesamten Weltall still stehen soll. Ahnen wir da m&#246;glicherweise unsere eigene Egozentrik als Ursache des Denkfehlers? Wo wir doch wissen, dass sie nur eine Sonne unter Milliarden ist und dass wir nur ein kleiner Teil einer riesigen Galaxis sind, von denen es wiederum Milliarden gibt – da soll ausgerechnet unser kleines Sonnensystem der Mittelpunkt der Welt sein?</p>
<p class="MsoPlainText">Ja, genau: Mittelpunkt. Ein Fixstern w&#228;re zugleich der Mittelpunkt des ganzen Weltgeschehens. Warum? Himmelsk&#246;rper bewegen sich zueinander, sie eiern und kreisen umeinander. H&#228;lt man in diesem ganzen Geschwurbel einen Stern fest, was geschieht? Genau: Der Rest eiert und kreist weiter in Spiralen um diesen fixen Stern, den Fixstern. Milliarden eiernder Galaxien! Und w&#228;re ein anderer als unser willk&#252;rlich definierter Mittelpunkt fix, so w&#252;rden sich die Himmelsk&#246;rper sofort in einem verlagerten Raum um diesen neuen Fixpunkt drehen. Spannender Effekt: Dadurch w&#252;rde sich sofort die Ausdehnung des Raumes verlagern, das Weltall w&#252;rde sich ein die Richtung ausdehnen, in der der neue Fixstern von unserem vorherigen entfernt ist. Und somit w&#228;re der neue Fixpunkt sofort der neue Mittelpunkt.</p>
<p class="MsoPlainText">Schwierig dabei: Mittelpunkte und somit Fixpunkte lassen sich nur in R&#228;umen mit bekannten Grenzen bestimmen. Wir jedoch kennen die Grenzen des Universums nicht – es gilt als unendlich. Nebenbei bemerkt: Auch wenn Einstein die Unendlichkeit des Universums bezweifelte – die Grenzen fand auch er nicht. Und w&#252;rden wir die Grenzen des Universums kennen, erg&#228;be sich sofort die Frage: Was ist dahinter?</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Die Sonne ist kein Fixstern. Sie bewegt sich wie die anderen Himmelsk&#246;rper auch im Verh&#228;ltnis zu anderen Himmelsk&#246;rpern. Jeder Himmelsk&#246;rper, den man imagin&#228;r festh&#228;lt, w&#228;re sofort der Mittelpunkt, um den der Rest kreisen und eiern w&#252;rde.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Dass es keinen Fixstern gibt, findet sich erstmals in den Grundlagen zu Einsteins Spezieller Relativit&#228;tstheorie, wenngleich er wie gesagt an der Unendlichkeit des Alls zweifelte. Einstein stellte zwei Grunds&#228;tze auf. Erstens: Die Lichtgeschwindigkeit ist eine Konstante. UNd zweitens: Es ist unm&#246;glich festzustellen, ob sich ein Himmelsk&#246;rper relativ zum Weltall bewegt oder ob er ruht.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Nichts ist fix – allerh&#246;chstens im Verh&#228;ltnis zu etwas anderem. Und das Fixe bedarf einer Definition, der Festlegung eines Nullpunktes in einem Koordinatensystem. Da wir aber frei sind zu definieren, was wir wollen, ist jede Fixstern-Definition beliebig und somit falsch und richtig, je nach Sichtweise. Das mag entt&#228;uschend und be&#228;ngstigend klingen.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Ein kleiner Trost: Ganz egal, wo ihr gerade seid, ihr befindet euch exakt &#252;ber dem Mittelpunkt der Erde!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-ist-ein-fixstern/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>34</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8222;Der Berliner Fernsehturm ist 365 Meter hoch&#8220;</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/der-berliner-fernsehturm-ist-365-meter-hoch/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/der-berliner-fernsehturm-ist-365-meter-hoch/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 29 Sep 2005 00:52:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://thilobaum.de1.biz/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/der-berliner-fernsehturm-ist-365-meter-hoch/</guid>
		<description><![CDATA[Es ist einer jener Mythen, die sich trotz ver&#228;nderter Bedingungen hartn&#228;ckig halten: Der Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz sei 365 Meter hoch. Die Zahl ist gut zu merken, denn genau so viele Tage hat das Jahr. Die H&#246;he von Bauwerken ver&#228;ndert sich nicht, denkt mancher Journalist und verl&#228;sst sich auf die alte, gewohnte Zahl – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoPlainText">Es ist einer jener Mythen, die sich trotz ver&#228;nderter Bedingungen hartn&#228;ckig halten: Der Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz sei 365 Meter hoch. Die Zahl ist gut zu merken, denn genau so viele Tage hat das Jahr. Die H&#246;he von Bauwerken ver&#228;ndert sich nicht, denkt mancher Journalist und verl&#228;sst sich auf die alte, gewohnte Zahl – die 365 Meter finden sich in &#228;lteren Berlin-F&#252;hrern oder im Archiv. Man verbreitet die Zahl weiter und sorgt so daf&#252;r, dass sich die 365 Meter im Archiv regelm&#228;&#223;ig auf autistische Weise best&#228;tigen.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Seit Sanierungsarbeiten 1997 ist der Fernsehturm h&#246;her: Am 17. August 1997 demontierte man den oberen, etwa 32 Meter langen Teil der rotwei&#223;en Kunststoff-Antenne und setzte eine etwa 35 Meter lange Spitze auf. Die Verl&#228;ngerung sollte die Sendekapazit&#228;t erh&#246;hen und die &#220;bertragungsqualit&#228;t verbessern. Heute ist der Berliner Fernsehturm 368 Meter und 3 Zentimeter hoch.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/der-berliner-fernsehturm-ist-365-meter-hoch/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Die Sonne steht mittags im S&#252;den“</title>
		<link>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-steht-mittags-im-suden/</link>
		<comments>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-steht-mittags-im-suden/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 06 Jul 2005 09:50:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thilo Baum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Irrtümer, an die wir glauben]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://thilobaum.de1.biz/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/%e2%80%9edie-sonne-steht-mittags-im-suden%e2%80%9c/</guid>
		<description><![CDATA[Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter, und mittags steht sie im S&#252;den. Das haben wir in der Schule gelernt. Experimentierfreudige Schulklassen bauen vielleicht eine Sonnenuhr: Man rammt einen Stab in die Erde und markiert jede volle Stunde anhand der Schuluhr den Sonnenschatten. Mittags um zw&#246;lf – Winterzeit versteht sich – steht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoPlainText">Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter, und mittags steht sie im S&#252;den. Das haben wir in der Schule gelernt. Experimentierfreudige Schulklassen bauen vielleicht eine Sonnenuhr: Man rammt einen Stab in die Erde und markiert jede volle Stunde anhand der Schuluhr den Sonnenschatten. Mittags um zw&#246;lf – Winterzeit versteht sich – steht die Sonne im S&#252;den.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Doch wer mittags um zw&#246;lf die Sonnenuhr anhand eines Kompasses pr&#252;ft, stellt fest: Entweder der Kompass spinnt, oder die Schuluhr oder die Sonnenuhr. Denn Punkt zw&#246;lf steht die Sonne nicht im S&#252;den, sondern knapp daneben. Au&#223;er in G&#246;rlitz (Sachsen) – da stimmen Schuluhr und Sonnenuhr &#252;berein. Vereinfacht gesagt spinnen alle deutschen Schuluhren au&#223;er in G&#246;rlitz. Wie kommt das? Tja! &#220;ber die Frage „Wie sp&#228;t ist es?“ l&#228;sst sich eben hervorragend streiten.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Astronomisch betrachtet definiert sich der Zeitpunkt „12 Uhr“ durch den H&#246;chststand der Sonne. Wir wissen: Eine Zeitzone weiter ist es eine Stunde sp&#228;ter „12 Uhr“. Und da die Erde nicht jede Stunde einen Ruck von ein paar hundert bis tausend Kilometern macht, sondern sich gleichm&#228;&#223;ig dreht, sind die &#220;berg&#228;nge flie&#223;end. Logischerweise kann man die astronomische Uhrzeit f&#252;r den eigenen Standort anhalten, indem man in der Geschwindigkeit der Erdumdrehung nach Westen l&#228;uft – die Erde dreht sich unter einem hinweg, man hat immer dieselbe Sonnenzeit, und es bleibt die ganze Zeit &#252;ber gleich hell oder dunkel. Beschleunigen l&#228;sst sich die Uhrzeit entsprechend, indem man nach Osten l&#228;uft, also Richtung Sonnenaufgang – dann wird es viel schneller Nacht, als wenn man an einer Stelle bliebe.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Die Uhrzeiten gemessen an der Sonne sind also flie&#223;end. Um nicht alle paar hundert Meter die Uhr neu einstellen zu m&#252;ssen, hat die Menschheit Ende des 19. Jahrhunderts die Zeitzonen eingef&#252;hrt – in Deutschland war das 1893. „12 Uhr“ in Deutschland und in den anderen Regionen der „Mitteleurop&#228;ischen Zeit“ (MEZ) definiert sich seitdem durch den Sonnenh&#246;chststand am 15. L&#228;ngengrad. Da G&#246;rlitz auf dem 15. L&#228;ngengrad lieg, definiert die Sonnenuhr dort die tats&#228;chliche Zeit, die Sonnenzeit. Da der Rest Deutschlands westlich von G&#246;rlitz liegt, steht die Sonne auf allen anderen Schulh&#246;fen der Republik um 12 Uhr MEZ noch nicht im S&#252;den, sondern noch ein kleines St&#252;ckchen weiter &#246;stlich. Und da wir unsere Sonnenuhr nach der Uhrzeit am 15. L&#228;ngengrad gestellt haben und nicht nach der tats&#228;chlichen Uhrzeit auf dem Schulhof, geht sie eben in den meisten St&#228;dten falsch – au&#223;er in G&#246;rlitz.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">Soll die Sonnenuhr die Sonnenzeit messen, so m&#252;ssen wir sie mit Hilfe des Kompasses stellen: Steht die Sonne im S&#252;den, definiert sich dieser Zeitpunkt an dieser Stelle als „12 Uhr WOZ“, also „wahre Ortszeit“.</p>
<p class="MsoPlainText">
<p class="MsoPlainText">„Die Sonne steht mittags im S&#252;den“ – das gilt innerhalb Deutschlands zwar in G&#246;rlitz, ist aber ansonsten falsch.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.thilo-baum.de/lounge/irrtumer-an-die-wir-glauben/die-sonne-steht-mittags-im-suden/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
