Am Ende zählt der Anstand

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Das ist es! Das Schema, in welchem wir ehrenwerte Gesetzesbrecher und Rechthaber ohne Anstand darstellen können. Obwohl wir traditionell denken, „richtig“ zu handeln sei „gut“, und „falsch“ zu handeln sei „schlecht“: Der Anständige kann entgegen allen Gesetzen leben, und der Unanständige kann gesellschaftlich hoch anerkannt sein.

Das ist im Kern nichts Neues, aber es ist vergessen. Und weil wir die Dinge heute nur noch in Schemata darstellen können, weil wir blind geworden sind für das Wesentliche, brauchen wir eine Grafik, um auch gesetzestreue Menschen ohne Anstand zu lokalisieren.

Die Grafik selbst ist einfach: Auf der x-Achse haben wir die juristische Formtreue. Entspricht jemand den Regeln und Doktrinen des herrschenden Regimes oder nicht? Auf der y-Achse hingegen haben wir das, worum es im Leben geht: Handelt jemand anständig oder nicht? Fühlt man sich angemessen behandelt – jenseits aller Korrektheiten – oder fühlt man sich über den Tisch gezogen? Was sagt der gesunde Menschenverstand? Funktioniert das Zusammenleben mit einem Vertreter dieser Art auch noch nach einem Regimewechsel?

Und es ergeben sich vier Quadranten: Unter „A“ sammeln sich jene, denen Konformität weniger wichtig ist als der Anstand. Da wäre als prominentes Beispiel Altkanzler Helmut Kohl. Er stellte sein Ehrenwort gegenüber seinen Freunden im Zusammenhang mit der CDU-Parteispendenaffäre über das Gesetz. Als Vertreter einer Generation, die mehrere deutsche Regime erlebt hat, tat er das so, weil es für ihn natürlich und anständig war. Ein Ehrenwort ist ein Ehrenwort, ganz egal, was staatliche Instanzen sagen – wodurch sich interessanterweise die bürgerrechtsverliebte Linke zu der Forderung hinreißen ließ, Kohl möge seine Freunde verpfeifen. Die Kehrseite ist: Auf den Mann kann man sich regimeübergreifend verlassen. Das ist in meinen Augen mehr wert als jede Regelkonformität.

Unter „B“ sammeln sich die, die über ihre hohe Wertorientierung und ihren Anstand hinaus juristisch korrekt sind. Da finden sich Ehrenleute, die die Werte der Gesellschaft über ihre persönlichen Belange stellen. Beispiele finden sich unter Politikern, deren hohes Ansehen aus ihrer Integrität und Loyalität herrührt. Beispielsweise Roman Herzog oder Richard von Weizsäcker.

Unterhalb der Gürtellinie des Anstands sollten es in westlichen Ländern relativ wenige Leute in höhere Ämter schaffen, aber das das nicht so ist, wissen wir. Jede/r von uns wird Zeitgenossen kennen, die sich in die Quadranten „C“ und „D“ einordnen lassen.

Vom Prinzip unseres Charakter-Kreuzes her wird es zunächst einmal sehr banal: Unter „C“ sammelt sich die Klientel, der weder Anstand noch gesellschaftliche Konformität und juristische Korrektheit wichtig sind – zum Beispiel das Pack, das kürzlich in unsere Scheune eingebrochen ist und eine Motorsense gestohlen hat.

Unter „D“ schließlich wird es spannend: Hier tummeln sich jene Menschen, welche juristisch korrekt und regelkonform ohne Anstand handeln. Solche Leute nehmen einer älteren Dame den Parkplatz weg, weil sie mit ihrem Auto zuerst da waren, um ein harmloses Beispiel zu nennen.

In überfrachteten Rechtssystemen wie dem unseren nutzen die Vertreter des Quadranten „D“ mehr oder weniger unbehelligt alle Mittel, die das Recht kennt, auch um unanständige Ziele zu erreichen. Sicher kann man als Regierungschef Gesetze durchpauken, die einem kriminelles Handeln ermöglichen – aber wie anständig ist das? Klar kann man als Wohnungsbaugesellschaft auf eine kleine Denunziation hin einem Mieter kündigen, der wilde Katzen füttert. Aber Volkes Stimme ahndet diesen Schritt sofort, wenn die Sache über den Tierschutzverein öffentlich wird – und die Wohnungsbaugesellschaft nimmt die Kündigung zurück. Am Ende zählt der Anstand, nicht das Recht.

Wie der Parkplatz-Wegschnapper handeln die Leute aus dem Quadranten „D“ komplett legal. Aber sie hinterlassen durch ihre Methoden eben auch nicht das Gefühl, dass man mit ihnen gerne ein Bier trinken gehen will. Ab und zu verzerren sie das Recht in einem Maße, dass sich die Frage nach dem Rechtsmissbrauch stellt (und zum Glück sind Juristen hinter solchem Missbrauch her). Ihre Wirkung auf Menschen ist den „D“-Leuten egal – Hauptsache, sie sind im Recht und erreichen ihr Ziel.

Das Rechtssystem bestraft mangelnden Anstand bisher nicht. Ein Richter muss dem Autofahrer Recht geben, der zuerst da war; er kann sein unanständiges Handeln bestenfalls von Mensch zu Mensch tadeln. Auch die Kündigung des Mieters mag formal richtig sein; nur die öffentliche Meinung setzt den Anstand durch, nicht der Richter. Und das ist der Kern: Die unanständigen Korrekten berufen sich genau auf dieses Rechtssystem. Doch draußen entscheidet das Volk nach Anstand, nicht nach Korrektheit. Warum also erheben und bewerten Juristen den Anstand nicht?

Auch ist „Recht haben“ so fürchterlich langweilig. Ich halte es für viel erstrebenswerter, auf der y-Achse möglichst weit oben zu sein statt auf der x-Achse möglichst weit rechts. Recht haben ist etwas so Nebensächliches, wenn es darum geht, dass eine Gesellschaft funktioniert.

Selbstverständlich sind viele Hüter von Recht und Ordnung sehr anständig, vermutlich die meisten. Viele sind sogar wie Helmut Kohl in Quadrant „A“ und lassen fünfe auch mal gerade sein. Ein Richter, der die Streithansel auf den Boden zurückbringt und sie von einem Vergleich überzeugt, weil der Streitgegenstand nach einfachem menschlichen Ermessen schlicht lächerlich ist und das juristische Sperrfeuer unangemessen. Ein Oberstleutnant der Staatssicherheit, der irgendwann eben doch den Schlagbaum an der Bornholmer Straße öffnet. Ein Blitzer in der Stadt, der mich erst bei 60 km/h fotografiert und nicht schon bei 51. Es geht beim Zusammenleben in einer Gesellschaft nicht ums Überkorrekte, sondern darum, dass wir hier miteinander klar kommen. Es geht um Toleranz und Kompromisse. Und beim Anstand ist es in der Tat manchmal auch wichtig, auf Regeln zu pfeifen.

Würden beispielsweise heutige Berliner Polizisten jede kleinste Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr ahnden, würden sie sich extrem unbeliebt machen – denn beim Volk zählt schließlich der Anstand, nicht das Recht. Der Bezirk Mitte zwingt Autofahrer zum Überfahren durchgezogener Linien, weil er unfähig ist, Baustellen sinnvoll zu markieren. Was soll ein korrekter Polizist da tun? Natürlich nichts – er vergisst angesichts der Realität jede Regelkonformität und sagt „Scheiß der Hund drauf“. Und diese Art Soft Skill ist wichtiger und wertvoller als jede juristische Rechthaberei.

Doch leider zählen am Ende Paragrafen. Und so leiten viele Leute die Legitimität ihres unanständigen Handelns aus seiner Legalität ab und nutzen genau den Umstand für sich aus, dass der Anstand nicht zählt. Und genau darüber sollten wir reden. Die Annahme, etwas sei gut und richtig, nur weil es korrekt ist, sollten wir hinterfragen.

Jura ist geeignet, um Rechthaben von Unrechthaben zu unterscheiden. Aber es fehlt eine Instanz, die das Handeln von Menschen auf der y-Achse bewertet und den Anstand in juristische Entscheidungen einbezieht. Wer Streit sucht, obwohl es einfachere Lösungen gibt, sollte es schwerer haben, Recht zu bekommen, als jemand, der kompromissbereit ist und ein Gespräch anbietet. Vielleicht ließe sich unanständiges Handeln sogar ahnden.

Das Problem in unserem Land sind nicht die Kriminellen aus der Kategorie „C“, die unsere Motorsense gestohlen haben. Die sind berechenbar und bekämpfbar. Das Problem sind die Vertreter des Quadranten „D“. Denn der Unanständige wird in einem totalitären System zur Gefahr, weil das Regime im Zweifel sein gesamtes Handeln legalisiert.

Auf irgendeine Weise müssen wir das Geschehen auf der y-Achse objektivieren und juristisch fassbar machen. Und wir sollten die Menschen dafür sensibilisieren, dass am Ende nicht das Rechthaben zählt. Was letztlich zählt, ist der Anstand.

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