Beweis oder Argument?

 

Momentan lese ich ein wenig auf Rhetorik- und Dialektik-Webseiten herum, und mein Eindruck aus der Uni bestätigt sich, dass Begriffe wie „These“ und „Argument“ ziemlich verwirren. Gerade wenn es darum geht, jemanden zu überzeugen, also auf dem klassischen Hoheitsgebiet handelsüblicher Rhetorikanbieter, sind diese Begriffe selten klar. Denn sie überspringen eine wesentliche Differenzierung: die zwischen Tatsachenbehauptung und Meinungsäußerung. Über das Thema habe ich schon öfter mal geschrieben. Es ist elementar, wenn man Kommunikation verstehen und betreiben will. Der Kern ist:

Eine Tatsachenbehauptung ist beweisbar oder widerlegbar, eine Meinungsäußerung ist nicht beweisbar oder widerlegbar.

Der Satz „Draußen liegt Schnee“ ist beweisbar oder widerlegbar, der Satz „Schnee ist schön“ ist nicht beweisbar oder widerlegbar. Wissenschaftlich gesehen, könnte man den Satz „Draußen liegt Schnee“ als „These“ oder „Hypothese“ gelten lassen, dann hinaus gehen und den Beweis führen oder die These widerlegen. Ein Beweis mag für überzeugte Philologen ein „Argument“ sein. Doch das Ganze hinkt: Schon beim Verb „argumentieren“ hört der Volksmund den Aspekt der Meinung und erkennt, dass es dabei nur schwer um einen Beweis gehen kann. Das Wort trifft nicht ganz, und darum schlage ich vor, Beweis und Argument zu trennen.

„Argumente“ passen nicht in die Linie der Tatsachenbehauptungen. Denn ob Schnee liegt, kann ich nicht argumentieren, ich kann es bestenfalls beweisen oder widerlegen. Anders bei den Meinungsäußerungen: Bei der Frage, ob Schnee schön sei, kann ich argumentieren. Warum meine ich das, und wieso sollte meine Umwelt das auch meinen? Das wäre dann eine Argumentation. Zugleich ist die Aussage „Schnee ist schön“ in diesem Sinne keine These, selbst wenn auch das die Philologen anders sehen. Doch es bleibt eine Meinung. Denn was soll ich mit einer These tun, die eine Meinung ist? Beweisen lässt sie sich nicht. Ich kann höchstens in ihrem Sinne argumentieren.

Ein Argument ist also bei den Meinungsäußerungen, was der Beweis bei den Tatsachenbehauptungen ist. Wer das durcheinanderbringt, wird kaum eine schlüssige Überzeugung aufbauen können. Ich vermute, dass Rhetorik und Dialektik diese Begriffe deswegen so verwirrend verwenden, weil beide Strömungen aus der Linguistik und der Philosophie kommen und nicht aus der Praxis, etwa dem Medienrecht, wo die Unterscheidung zwischen Tatsachenbehauptung und Meinungsäußerung eine der wichtigsten Säulen ist.

Holocaust-Leugnung beispielsweise kann nicht unter das Grundrecht der freien Meinungsäußerung fallen, weil sie keine Meinungsäußerung ist. Es ist keine Ansichtssache, ob es einen Massenmord gab oder nicht, ebenso wie es keine Ansichtssache ist, ob Schnee liegt oder nicht. Der Holocaust ist beweisbar. Die Aussage, Auschwitz habe es nicht gegeben, ist damit keine Meinungsäußerung. Sie ist eine Tatsachenbehauptung, weil widerlegbar, und sie ist zudem auch noch falsch. Und Falschbehauptungen sind aus guten Gründen nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Wenn ich nun also jemanden anhand der Wirklichkeit von etwas überzeugen will, brauche ich Beweise, damit er die Fakten anerkennt; und ich brauche Argumente, um ihn zu einer erwünschten Meinung zu bewegen. Zwei Kanäle also: Fakten erläutern und Erkenntnis erschaffen – das ist das Wissen. Und dann die Meinungsbildung draufsatteln – das ist das Meinen. Sobald ich beides vermische, etwa indem ich meine Meinung als beweisbar darstelle, nähere ich mich dem Totalitarismus, der seine Ideologie als Tatsache predigt. Die Trennung ist also enorm wichtig, auch im Alltag der Rhetorik: Ohne Beweise wird eine Argumentation nicht wirken; und ohne Argumentation tragen die Beweise nicht zu einer Meinungsänderung bei.

Eine Überzeugung besteht demnach aus zwei Aspekten: Fakten als Grundlage und die Meinung dazu.

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