Das: Doppelpunkt: Dogma:

 

nixgut000

Liebe „Tagesschau“. Lasst doch die Finger vom Print, vom Web und überhaupt vom geschriebenen Wort. Eure Stärke ist das gesprochene Wort. Und jeder Mensch mit ein wenig Musikalität hört beim stillen Lesen eurer Geschichte hier: Dass was in der Melodie nicht stimmt: Mehrere Doppelpunkt-Sätze hintereinander sind Humbug: Als Einstieg schon drei Mal:

Also bitte. Tut sowas nie mehr. Punkt! Ende. Aus. Absatz.

Vermutlich ist es ein Redigierfehler, okay. Ihr habt euch gegen den alten Einstieg entschieden und einen neuen geschrieben, den alten aber leider nicht gelöscht, vermute ich. Und leider ist der erste Satz auch noch völlig krautig und salatig. Warum soll etwas ausgerechnet für die überraschend sein, die einem jede Überraschung zutrauen? Hä? Sorry, da steigen Herr und Frau Leser/in aus. Wahrscheinlich wolltet ihr den Satz deswegen auch killen. Gute Entscheidung.

Anyway: Wäre das ein Teleprompter-Text gewesen, hättet ihr den Holperer mit der Satzmelodie auch bemerkt. Da kann Lafontaine hinschmeißen, so oft er will und aus welchen Gründen auch immer. Euer Einstieg ist schlicht misslungen. Nicht, weil ihr euch nicht der Wirkung von Satzzeichen bewusst wärt, nein. Aber weil ihr euch halt verhaspelt habt. Außerdem könnten deutsche Journalisten auch mal wieder von dem Trip runterkommen, jeden Beitrag mit einem angeblich „anteasernden“ Doppelpunktsatz zu beginnen, das ermüdet auf Dauer. Hört halt mal auf mit diesem affektierten, prätentiösen Gehabe. Das führt vom Inhalt weg und lenkt die Aufmerksamkeit auf euer Problem, möglichst schick rüberkommen zu wollen. Doch genau das tut ihr damit leider nicht. Ihr kommt bemüht rüber.

Doppelpunkte erzeugen eine enorme Spannung in der Satzzeichen-Dramaturgie. Nur das Fragezeichen kann diese Spannung toppen – allerdings lässt sich das kaum vergleichen, da das Fragezeichen das einzige Spannung schaffende Satzzeichen bei den Fragen ist und der Doppelpunkt nur eine von mehreren Möglichkeiten bei Aussagen. Innerhalb der Aussagen also schafft der Doppelpunkt die größtmögliche Spannung. Die Satzmelodie auch beim stillen Lesen geht höher als etwa beim Gedankenstrich.

Ein No-Go ist es aufgrund der Spannungsentwicklung natürlich, Doppelpunktsätze hintereinander zu bringen. Eine Klimax will erst einmal aufgelöst sein, alles andere wäre ein Coitus Interruptus. Auf einen Höhepunkt darf kein weiterer Höhepunkt folgen. Erst, wenn die Spannung gelöst ist, kann man wieder eine Spannung aufbauen. Das ist jedenfalls in der Sprache und in der Sprachdramaturgie so.

Es ist auch okay, eine Spannung steigernd aufzubauen nach dem Hollywood-Prinzip „Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern“:

Bla bla bla bla bla – bla bla bli blä blöh:

Aber dann muss der folgende Satz, sofern es um eine Aussage geht, mit einem Punkt enden – das finde ich übrigens viel stärker als ein Ausrufezeichen, weil das Gebrüll des Ausrufezeichens die Aussage schwächt. Brüllen muss nur, wessen Aussage nicht eindrücklich ist.

Oder aber, und das ist ein extrem starkes dramaturgisches Mittel, endet der auf einen Doppelpunkt folgende Satz mit einem Fragezeichen. Das hebt die Satzmelodie noch einmal und stellt wieder eine Klimax her. Aussehen tun tut das dann so aussehen:

Bla bla bla – bli bläh blub bla blöh: Bli bläh blub?

Dass diese Inszenierungen von Höhepunkten mit Musik zu tun haben, verstehen nicht unbedingt Germanisten, nur weil sie Germanisten sind, denn für ein Germanistikstudium bedarf es keinerlei Musikalität oder dessen, was E.T.A Hoffmann das „kindlich-poetische Gemüt“ nennt.

Es ist aber allen klar, die Musik machen. Begriffe wie Höhepunkt, Climax und Dominante sind Musikern geläufig. Spannungserzeugung ist viel mehr eine Gefühlssache als eine Frage der Systematik, die sich geisteswissenschaftlich objektivieren ließe, auch wenn natürlich die Musikwissenschaft versucht, solche Dinge festzuhalten (wie ich hier ja auch). In der Sprache jedenfalls ist der Aufbau einer solchen Erdbebensteigerungsspannung begrenzt, das soeben dargestellte Beispiel aus Gedankenstrich, Doppelpunkt und Fragezeichen lässt sich höchstens noch durch ein paar Kommata vorher steigern:

Bli bla blu, bla bla blöh – blie bläh blub: Bla bla bla?

Mehr ginge nicht, denn nach einem „Bli bla blu, bla bla bloh, bli bla blu“, wäre ein Punkt an der Reihe, wenn danach eine Spannung entstehen soll – das erfordert eine solche Trias nun einmal.

Anders in der Musik, in der sich Spannung nahezu unendlich steigern lässt – indem man einfach ständig die Dominante der Dominante bildet. Jede Tonika einer Dominante ist ihrerseits eine Dominante, und so lässt es sich damit wunderbar durch den Quintenzirkel springen.

A-Dur – D-Dur – G-Dur – C-Dur – F-Dur – B-Dur

… und so weiter. Am besten jeweils als Septakkorde.

Mir fällt auch immerhin ein Stück ein, das dieses Spannungsprinzip einigermaßen nutzt, und zwar der gute alte Marsch „Pomp and Circumstance“ von Edward Elgar. Um es mal ganz fußballerisch und iTunes-gebräuchlich zu beschreiben: Mit Beginn der dritten Minute (sinnigerweise ab 02:00) beginnt das Hauptmotiv dieses einfachen, aber beeindruckenden Stückes in der Grundtonart D-Dur, und der „Refrain“, wenn man ihn so nennen will, bezieht seine Spannung komplett aus dem Aufbau von Dominanten von Dominanten. Ein billiger Trick, wenn man ihn mal durchschaut hat, aber eben wirkungsvoll.

Dass Dramaturgie emotional wirkt, weiß jeder Filmwissenschaftler, der an bestimmten Stellen hundertfach gesehener Filme immer noch weint. Es weiß jeder Musiker und auch mancher Musikwissenschaftler. Und es weiß auch jeder Mensch mit Sprachgefühl, der die Wirkung von Sprache, Satzzeichendramaturgie und Melodieführung einerseits systematisierend durchschaut und bis hin zur Demagogie einsetzt, selbst aber angesichts einer ergreifenden Rede affektiv die Segel streicht. Kopf und Herz sind zweierlei Kanäle, und was die Sprache angeht, sind Satzzeichen ein unglaublich effektiver und zugleich leichter Zugang zum Empfinden anderer Menschen.

Relevant dabei ist nicht die Sachebene. Sondern es geht um den emotionalen Zugang. Etwas anderes zählt nicht. Menschen treffen Entscheidungen emotional. Selbst der nüchternste Kopfmensch handelt deswegen rational, weil er damit ein gutes Gefühl hat.

In der Sprache gilt jedenfalls, anders als in der Musik, klar das Dogma: Niemals: Mehrere: Sätze: Mit: Doppelpunkten: Hintereinander! Sonst steigen die Leute emotional aus, weil sie sich affektiv nicht richtig durch den Text geführt fühlen. Und: Ob jemand bis zum Schluss dabei bleibt, ist eine Frage der Dramaturgie. Daher geht es darum, die Leute genau bis zu diesem Punkt zu führen.



3 Kommentare zu „Das: Doppelpunkt: Dogma:“

  1. Thilo

    Oh, wie ist das schön: Nachtrag. Wollte ich schon immer mal raushören, jetzt habe ich es. Die letzten zwei Minuten von „November Rain“ von Guns‘n'Roses sind ganz einfach:

    h Fis e d G A h

    Das Stück dauert ungefähr zehn Minuten und ist bis zu diesem Finale echt pillepalle. Ist das eigentlich unser Freund Slash an der Gitarre? Ich kenne da einen in Hollywood, der sagt, Slash sei ein echt schlechter Musiker. Kann ich als Nicht-Gitarrist kaum beurteilen, aber insgesamt komponieren Guns‘n'Roses in der Tat eher brav. Weiß jemand, ob Slash an dem Stück mitkomponiert hat?

  2. Nisa

    Alles in allem, finde ich es schade, dass Lafontaine die politische Bühne verlässt, überraschend kam das jedoch für niemanden. Man sieht leider an der Tagesschauberichterstattung, welche Einfärbung das gute alte ARD hat. So ganz und gar nicht linksgerichtet freut man sich hämisch, dass der General Lafontaine endlich geht. Wirklich eien Schande.

  3. Cujau

    @Nisa: Kann ich gut nachvollziehn! Mir fehlt auch einer wie Herbert Wehner. Einer ohne Blatt vor dem Mund und einer gestochen scharfen und polarisierend-erfrischenden Rhetorik, die den Schleiflackfetischisten von heute sowas von abgeht. Und Lafontaine, der mir politisch völlig abgeht, ist immer ein Höhepunkt der Debattenkultur, weil er gedruckt redet, messerscharf argumentiert, auch wenn er für mich stets wenig überzeugend war und ist. Aber er kann’s; das macht den Unterschied.

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