… in diesem Blog ist der „Egozentriker“. Seit Jahren kommentieren dort Opfer von Egozentrikern und auch der eine oder andere (sich selbst so bezeichnende) Egozentriker selbst. Da nun von mir bald ein Buch zu diesem Thema erscheint, erlaube ich mir, meinen dortigen jüngsten Kommentar hier zu posten:
Die Auseinandersetzung über Egozentriker hat mich dazu bewogen, grundsätzlich darüber nachzudenken, was denn das Gegenteil des Egozentrikers ist. Bisher reden viele von Empathie, also Einfühlungsvermögen, aber das war mir immer suspekt. Inzwischen weiß ich, warum: Es ist mir zu „psychologisch“. Die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, bedarf keiner Empathie, sondern einer gedanklichen Fähigkeit, die man vielleicht Geistesgegenwart nennen kann. Zwei Beispiele:
- Ein Taxifahrer, der laut Musik hört, braucht keine Empathie, um zu kapieren, dass er seine Musik leiser drehen sollte, wenn ein Fahrgast zusteigt. Er muss nur präsent sein.
- Beim Schach brauche ich keinerlei Einfühlungsvermögen, um mich in die Lage meines Gegners zu versetzen und dessen Reaktion auf meinen nächsten Zug vorauszusehen.
Vor diesem Hintergrund habe ich versucht, das Thema ein wenig zu entpsychologisieren, und ich habe als Gegenpart zum Egozentriker den „Mitdenker“ ausgemacht. Mitdenker denken im Sinne der anderen mit, Egozentriker denken nur für sich.
Dass wir immer mehr Egozentriker um uns herum haben, sehen wir vor allem an Produkten in der Wirtschaft: mangelnde Usability, Ignoranz der Kundenbelange, unverständliche Kommunikation. Von Egozentrikern geführt, verschwenden Unternehmen jede Menge Energie. Erfolgreicher ist, wer sich in die Lage seines Gegenübers versetzen und aus dessen Sicht denken und handeln kann.
Also erscheint dazu ein Buch: „Denk mit! Erfolg durch Perspektivenwechsel“ (STARK Verlag, Frühjahr 2012). Vielleicht interessiert es ja den einen oder die andere hier, denn natürlich finden sich darin nicht nur Business- und Arbeitsplatz-Beispiele, sondern auch sehr viel von Mensch zu Mensch.



Hatten Sie schon mal mit dem Gegenteil des Egozentrikers zu tun?
Wenn man auf eine Seite den Egozentriker stellt, in die Mitte den ‚normalen‘ Mitdenker – und dann an das andere Ende das genaue Gegenteil des Egozentrikers.
Eine Person, die das Mitdenken, Mitfühlen, Mithandeln auf das Äußerste treibt.
Ohne Rücksicht auf (immer eigene!) Verluste.
Das ist natürlich für die Person, auf die das Mitdenken, Mitfühlen, Mithandeln gerichtet ist, relativ komfortabel.
Aber als Jemand, der mit diesem extremen Mitdenker anderweitig zu tun hat, sehr belastend.
Beispiel: Der extreme Mitdenker hat eine Erkältung mit Tropfnase. Andere Personen in seinem Umfeld auch. Er gibt nach und nach bedenkenlos alle seine (Papier)Taschentücher her, weil die anderen Leute keine (mehr) haben.
Und zwar wirklich alle. Obwohl klar ist (sein muss!), dass sich diese Strategie des Gebers gegen ihn selber richten wird. Er hat dann nämlich kein Taschentuch für den eigenen Gebrauch mehr.
Oder der extreme Mitdenker trifft im Hausflur eine ältere Person die sichtlich mit dem Transport ihrer Einkäufe überfordert ist. Der extreme Mitdenker stellt seinen eigenen Kram ab und trägt das Zeug der älteren Person in dessen Wohnung. In der Zwischenzeit werden Teile des, nun unbeaufsichtigt herumstehenden, Krams geklaut, beschädigt, was auch immer.
Diese Beispiele sind möglicherweise platt, zeigen aber genau die Problematik.
Hier schädigt sich nur der extreme Mitdenker selber, mag man meinen.
Das stimmt auch, wenn sonst niemand dadurch beeinträchtigt wird.
Der extreme Mitdenker ist aber über kurz oder lang mit seinem Leben unzufrieden. Das läuft einfach nicht so, wie es sein sollte. Natürlich nicht.
Es entsteht Unzufriedenheit und Frustration. Und diese Dinge wirken sich zwangsläufig auch auf nahestehende Mitmenschen aus.
Dieses Problem scheint mir im Vergleich zum Verhalten des Egozentrikers nicht weniger gravierend. Die Reichweite ist allerdings deutlich geringer. Weniger Menschen sind von den negativen Auswirkungen betroffen.
Hallo Herr Baum,
ich habe die Beiträge über den Egozentriker mit großem Interesse verfolgt. Den psychologischen Aspekt finde ich in jedem Falle wichtig, messe dem aber keine übergeordnete Gewichtung bei. Die Wirtschaftspsychologie ist aus meiner Sicht unablässig in der Orientierung auf wirtschaftliche Fragestellungen. Das subjektive Erleben, das Verhalten der Menschen im ökonomischen Umfeld, sowie ihren sozialen Zusammenhängen ist aus meiner Sicht in der Ausrichtung auf meine Entscheidungen und meines Handelns erforderlich.
Ich bin der Auffassung, dass die Emotionalität und das intellektuelle Verstehen unbedingt konform gehen müssen. Dieses Zusammenspiel beinhaltet für mich eine persönliche Reifung, Entwicklung. Für mich das Prinzip des Lebens.
Dabei wird einer psychologischen Aufarbeitung der sogenannten Traumata`s, aus meiner Sicht in der heutigen Zeit eine zu große Wertigkeit bescheinigt.
Als praktisch denkender Mensch handle ich, in der Regel im Sinne der Funktionalität. Dies führt unter Umständen zu Konflikten, zwischen den praktischen Erfordernissen und der persönlichen Reifung.
Aber zu erkennen, mit wem ich es bei meinem Gegenüber zu tun habe, hilft mir meine Entscheidungen zu konkretisieren. Wie mein Gegenüber tickt, hat für mich etwas mit Überlebensstrategien zu tun. Ich denke sowohl im privatem und auch im beruflichen. Nur auf dieser Grundlage kann ich meine Entscheidungen treffen. Es kommt in jedem Falle zu einem Konflikt, wenn ich es mit so einem Artgenossen zu tun habe und in seinen Machtbereich eindringe. Für mein Gegenüber geht es in diesem Moment nicht um Fachlichkeit und ökonomische Orientierung. Es ist ein Spiel auf der Machtebene. Sein Ziel ist es zu zerstören.
So haben diese augenscheinlichen Mr. und Mrs. Perfekts einen grundlegenden Softwarefehler. Sie können sich nicht in die emotionale Lage ihres Gegenübers hinein versetzen. Deshalb gilt es für mich, diese, meine Ebene zu schützen.
Professionalität heißt für mich in diesem Moment Mitdenken und die Kontrolle meiner Emotionalität.
Nur im Sinne dieses Zusammenspieles entscheide ich mich, für die Konsequenz, welche ich zu diesem Zeitpunkt in der Lage bin zu tragen. Dies geschieht auf der Grundlage meines Entwicklungsstandes. Ein Zusammenspiel meines Gegenübers und mir und der Umstände.
Ich kann nicht zweckgebunden handeln, wenn es nicht meiner innersten Überzeugung entspricht. So schließt sich für mich der Kreis. Der Aspekt der Professionalität kommt ins Spiel. Nur wenn ich von dem überzeugt bin, von dem was ich tue, weil ich es persönlich weiß, subjektiv, kann ich authentisch sein. Das beinhaltet das zu Leben auf der Grundlage was ich am besten kann, weil ich von dem überzeugt bin. Es ist in diesem Moment völlig irrelevant gegenüber jeglicher Wertung. Subjektiv oder im sozialen Kontext. Alles dient dem Zweck im Sinne meines Gegenübers zu funktionieren.
So kann ich aus meiner Sicht den psychologischen Aspekt nicht wirklich ausblenden. Ich muss wissen wer ich bin, auch im Sinne von: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. (Martin Buber). Und schon ist der philosophische Aspekt ein Thema.
Ich setze Prioritäten. Dies befähigt mich einen Standpunkt zu beziehen und entsprechend die Verantwortung für darauffolgende Konsequenzen zu übernehmen. Ich entscheide mich, für die Konsequenz, welche ich zu diesem Zeitpunkt in der Lage bin zu tragen. Ich kann zweckgebunden handeln und mich nicht auf dieses niederträchtige Spiel einlassen. Dies unter Umständen nur unter Beschädigung meiner Persönlichkeit.
Durchschaue ich dies, kann ich dieses Spiel bewusst spielen und verheize mich nicht.
Sehr geehrter Herr Baum, den vorab an Sie geschickten Beitrag bitte ich Sie nicht zu veröffentlichen. Ihr Anliegen die Kommentare nicht allzu sehr ins psychologische abrutschen zu lassen, dem möchte ich mich anschließen. Klarheit sollte den Vorrang haben. Ich gehöre in diesem Sinne auch zu den Tunneldenkern. Da mein Arbeitsgebiet vorrangig in der Psychiatrie liegt, neige ich dazu, mich in diesen Denkschematas zu bewegen. Um so mehr bin ich offen für neue Ansätze. Die Beiträge helfen mir sehr zu mehr Klarheit zu kommen. Viele Grüße I.Wirth
Mitdenken ist für mich auch immer vorausdenken mit der Frage: Was passiert, wenn …? Also ist der Mitdenker auch ein Vorausdenker; ein Meta-Denker. Insofern halte ich mehr als Du dennoch viel von der Theorie, dass da Empathie mit im Spiel ist.
Sie muss sicher keine Voraussetzung fürs Mitdenken sein. Suspekt ist sie sicher immer ein wenig, weil die Gefühlslage immer sbjektiv ist und nie objektivierbar. Ohne sie würde einiges Mitdenken wohl zu technokratisch, vielleicht auch zu mathematisch motiviert sein.
Vielleicht ist Dein Taxifahrer schwerhörig. Das sagt aber nichts über seine Empathiefähigkeit aus. Dein Schachspieler braucht vielleicht zum Sieg die nötige Empathie, psychologische Kreigsführung, um herasuzufinden, was der Gegenüber vorhat. Das ist nicht immer am Brett ablesbar. Und bei einem bin ich mir zu hundert Prozenz sicher, dass er so ein Schachkönig wurde: Garri Kasparow, der größte Schachspieler aller Zeiten war ein perfekter Krieger am Brett, auch und gerade wegen seiner psychologischen Kriegsführung. Die beherrschte er wie kein Zweiter.
Trotzdem: Nur Gefühl reicht kaum aus, um die Gegenposition in die eigenen Überlegungen miteinzubeziehen. Man muss es auch wollen, es tatsächlich tun. Davor kommt aber die Erkenntnis. Für mich läuft die nicht ohne entsprechende Empathie.