Dass die soziale Mauer auf kurz oder lang nicht mehr zwischen „arm“ und „reich“ verläuft, sondern zwischen „dumm“ und „klug“, dürfte ausgemachte Sache sein. „Klug“ zu sein, bedeutet, das Leben in die Reihe zu bekommen, die eigene Position realistisch zu bestimmen und etwas Konstruktives daraus zu machen. „Dumm“ zu sein, bedeutet, das Geschehen den anderen, dem Zufall oder dem so genannten Schicksal zu überlassen, und sich dann über die Folgen zu wundern, oder blind zu sein für das Potenzial eines jeden Menschen, die Realität zu bestimmen, statt sie nur zu beschreiben. Auf Dauer werden vermutlich vor allem jene erfolgreich sein, die die Realität verändern.
Gerade in Zeiten, in denen eine technische Revolution die andere ablöst und dadurch jede Menge neue Potenziale entstehen, ist Klugheit zudem mehr gefragt als Intelligenz im klassischen Sinne. Intelligenz im klassischen Sinne, wie sie uns die Schule und weite Teile der Hochschule beibringen, dürfte auf Dauer ausgedient haben. Wir brauchen nicht mehr nur die Fähigkeit, von drei aufeinander folgenden Zeichen auf das vierte zu schließen, nach Malcolm Gladwell die „konvergente Intelligenz“. Sondern wir brauchen zunehmen Menschen mit originellen Ideen und „divergenter Intelligenz“.
Es mangelt an Originalität und Kreativität
Nun sind Originalität und Kreativität nicht jedem gegeben, und die Gesellschaft braucht für einige ihrer Aufgaben gewiss auch ein paar Regelabgleicher. Schön wäre es aber, die Fähigkeit zu Originalität und Kreativität bereits in der Schule viel stärker zu fördern, statt sie wie bisher zu unterdrücken. Damit nicht mehr Horden von Orientierungslosen die Schulen verlassen und Medizin nur deswegen studieren, weil sie mit ihrer Note halt den Numerus Clausus knacken. Sondern damit Menschen mit Ideen und klaren Vorstellungen ein spannendes Leben in Angriff nehmen, um etwas möglichst Sinnvolles zu tun. Der Wechsel ist nötig zwischen der Perspektive: „Was aus dem bunten Blumenstrauß der Möglichkeiten suche ich mir aus?“ hin zur Perspektive: „Was liegt mir, was will ich, was ist mein Ding?“.
Bisher beeindruckt nur eine Minderheit mit klugen Gedanken zur Welt und zum Leben. Das könnten mehr sein. Sehr viele kluge Menschen fristen in gesellschaftlich wirkungslosen Jobs ihr Dasein, die ihnen nicht mal Spaß machen, statt ihren Grips dem Wohlergehen der Welt und der Menschheit zur Verfügung zu stellen und dadurch Erfüllung zu finden. Dass der gesellschaftliche Fortgang die Aufgabe eines jeden ist, hat offenbar nur eine Minderheit erkannt. Diese Minderheit schreibt Bücher, entwickelt Seminare und entwirft Konzepte und Rezepte jenseits der traditionellen Wege der Wissensvermittlung. Und was geschieht mit dieser Minderheit? Eine Truppe von dummen Intelligenten greift sie an. Selbst unfähig zu jeder Form von Vorstellungsvermögen und nur am Musterabgleich mit der Wirklichkeit orientiert. Vermutlich weil die Originellen das Denkmuster der dummen Intelligenten angreift und denen das nicht schmeckt.
Sicher sind nicht alle Ideenentwickler top. Einige sind Schaumschläger. Andere recyceln bereits vorhandenes Wissen und geben ihm einen neuen Dreh. Doch wenn unserer Welt beispielsweise die dramaturgischen Gedanken von Aristoteles fehlen, weil nun mal kein Praktiker Aristoteles liest, weil das zu kompliziert, zu zeitraubend und daher unökonomisch ist, dann ist es immer noch besser, Aristoteles‘ Gedanken neu aufzubereiten, als zu sagen: „Das hat doch alles schon Aristoteles gesagt.“ Wichtiger, als solchen alten Wein in neuen Schläuchen anzugreifen oder einzelne Defizite, wäre es, diese spannende Entwicklung einer neuen Wissensvermittlung nach Kräften zu fördern. Aber dieser Blick auf die Realität passt den dummen Intelligenten nicht. Sie halten sich auf eine Weise an den Defiziten auf, als bezahle sie jemand dafür, die Menschheitsentwicklung zu bremsen.
Mismatcher und Wadenbeißer
Aus solchen und anderen Gründen ist man es als Entwickler spannender Ideen gewohnt, von Mismatchern und Wadenbeißern in einem Fort blöd angemacht zu werden, denen es nicht gelingt, Gedanken nachzuvollziehen oder sich auf Ideen einzulassen. Die Motivation liegt offenbar darin, der Welt den Aristoteles lieber zu verschweigen. Sollen die Leute ihn doch bitte im Original lesen, finden die dummen Intelligenten. Als würden Macher und Praktiker sich wie Uni-Leute hinsetzen und tage- und wochenlang akribisch Details in sich reinsaugen! Und dass sie das nicht tun, können die dummen Intelligenten nun einmal nicht begreifen. Es passt nicht in ihr Weltbild. Diese Leute halten nur für möglich, was sie selbst tun. Und darum entwickeln die dummen Intelligenten nichts Originelles, nichts, was ihren bisherigen Denkrahmen infrage stellt oder sprengt. Sie füllen in ihrem Denken nur Kästchen aus nach dem Muster „Gibt es / gibt es nicht“, weil sie das in unserem fatal aufgestellten Bildungssystem genau so gelernt haben und für eine richtige Methode halten. Und sie glauben, danach funktioniere die Welt. Dass nicht zählt, ob etwas nach wissenschaftlichen Maßstäben „richtig“ ist, sondern ob etwas funktioniert, erkennen sie nicht.
Nein, wir brauchen die Vereinfachung und die Zuspitzung, nicht die Verkomplizierung. Und darum ist es wichtig, das Wissen der Welt in seinen wandelnden Bedeutungen immer wieder neu darzustellen. Die Halbwertzeit von Wissen wird immer kürzer.
Ich erinnere mich an einen Vortrag vor Schülern, Thema „Mach dein Ding!“. Eine tolle Sache, es hagelte viele neue Coaching-Gedanken für junge Menschen, von denen die meisten noch nie etwas gehört hatten, eben weil die Schule die meisten wichtigen Inhalte ja bislang verschweigt. Und was entspinnt sich im Blog? Eine nahezu uferlose Diskussion mit einem Mismatcher, der es nicht begreifen wollte. Nun muss ich nicht jeden überzeugen, selbstbestimmt zu denken, und jeder darf denken und leben, wie er möchte. Mir ist das letzten Endes wurscht. Aber in dieser Kommentarschlacht kam es mir schon so vor, als wehre sich jemand gegen sehr einfache Rezepte des Erfolgs und des Glücks, einfach nur, um sich dagegen zu wehren. Es ging um Rezepte, die im Leben anderer durchaus taugen. Warum wehrt er sich? Mir ist es doch egal, ob er meinen Gedanken folgt, das ist allein seine Sache. Es muss ja keiner. Und trotzdem brach er eine völlig sinnlose akademische Debatte vom Zaun.
Der Unkreative bekämpft den Kreativen
Der dumme Intelligente ist oft ein Fachidiot, also ein Spezialist ohne Bodenhaftung und Realitätstauglichkeit, oft ist er frei von jeglicher Originalität und daher sehr feindlich eingestellt gegenüber jenen, die Ideen entwickeln und damit natürlich auch gerne mal Irrtümer begehen, Fehler machen und Misserfolge einfahren. Die Dummheit des dummen Intelligenten besteht unter anderem darin, dass er von der Realität ausgeht und neue Gedanken mit ihr abgleicht, statt zu erkennen, dass wir mit neuen Gedanken eine neue Realität schaffen können. Neue Gedanken akzeptiert er nicht, sofern es für sie noch keinen Abgleich mit der Realität gibt, und genau darin besteht seine Dummheit. Ihm mangelt es schlicht an Vorstellungsvermögen. Ginge es nach diesen Leuten, wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen, die Öffnung der europäischen Grenzen nicht, der Euro nicht und vieles andere auch nicht. Denn sie gehen im Denken von den Verhältnissen aus und nicht von den Visionen.
Nun wäre all das nicht schlimm, würde der dumme Intelligente seine destruktive Haltung für sich behalten. Doch da er in der Öffentlichkeit vor allem als Bedenkenträger und Korinthenkacker in Erscheinung tritt, ist er gefährlich für den Fortgang der Welt und der Menschheit.
Absurde Ansprüche
Im Internet beispielsweise tritt der dumme Intelligente gerne als Troll auf, der selbst selten etwas erkennbar Sinnvolles geleistet hat, zumindest zeigt er nichts davon. Er versteckt sich gerne in der Anonymität oder mit Pseudonym, um aus der Deckung heraus Menschen anzugreifen, die selbst ohne Visier in der Öffentlichkeit stehen und Gedanken formulieren, um die Gesellschaft voranzubringen. Inhaltlich sind manche ihrer Einwände sicher richtig, andere aber zugleich grotesk falsch, weil eben die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und jegliches Vorstellungsvermögen fehlen. Was solche Typen schreiben, liest sich oft wie ein Protokoll des Geredes eines verwirrten Menschen, dem hin und wieder kluge Gedanken durchrutschen. Diese Trolle sind Leute, die die originellen und kreativen Menschen in einer Tour mit kleingeistigen Bemerkungen stalken und üblicherweise stets mit denselben absurden Ansprüchen angreifen:
- Eine Behauptung müsse wissenschaftlich bewiesen sein, sonst gelte sie nicht;
- Gedanken-Entwicklungen seien wertlos ohne Belege;
- ein ganzes Buch sei schlecht, wenn einige Details darin unstimmig sind.
Diese Forderungen sind abstrus, da sie jede Gedankenentwicklung behindern und uns rein auf das festnageln, was wir schon haben und wissen. Nehmen wir ein paar Beispiele, in denen das konvergente Fachidioten-Denken des Trolls versagt:
- Ich schreibe hier, die Kluft der Zukunft liege zwischen „klug“ und „dumm“. Der Troll fragt: „Wo sind die Belege dazu?“ Ich sage: Es gibt keine Belege. Es ist eine Beobachtung, die Kluft ist eine Folge der technischen Entwicklung und der Frage, inwieweit jemand nur die alten Denkmuster unseres Bildungssystems anwendet oder offen ist für neue. Gehört jemand zu dem Teil der Gesellschaft, der den Wandel hin zur divergenten Intelligenz vollzieht, oder beharrt er auf dem klassischen konvergenten Denken? Dafür gibt es keine Belege – es ist eine gesellschaftliche Entwicklung, vor der wir stehen. Momentan scheiden sich hier die Geister, auch wenn das noch nicht alle sehen. Der rein konvergent denkende Troll indessen kann mit so einer Prognose nichts anfangen, weil er sie weder versteht noch nachvollzieht. Er braucht seine Regularien, sonst denkt sein Gehirn nicht.
- Ich schreibe hier, Originalität sei nicht jedem gegeben. Der Troll fragt: „Wo ist die Studie dazu? Wie viel Prozent der Leute sind originell, wie viel Prozent nicht? Und wer definiert, was originell ist?“ Dabei sind all das Dinge, zu der wir keine Studie brauchen – der Kluge versteht es, der Dumme schreit nach einer Studie. Wenn es regnet, brauche ich keine Studie dazu, um zu sagen, dass es regnet – einzig der braucht eine Studie, der den Regen nicht erkennt. Wer selbst originell ist, erkennt natürlich das Phänomen der fehlenden Originalität in unserer Gesellschaft – kreative Menschen leiden die ganze Zeit darunter. Und was geschähe, würden wir dem Troll eine Studie präsentieren? Er würde sie nicht anerkennen, sondern sie als manipuliert angreifen. Warum? Weil es ihm nicht darum geht, Gedanken nachzuvollziehen, sondern darum, sie zu stören.
- Im Lufthansa-Magazin (07/10) ist ein Interview mit dem Frankfurter Hotelier Micky Rosen über die Hotels der Zukunft. Rosen sagt: „Die Gäste sind erfahrener, selbstbewusster und kritischer als früher.“ Der Troll fragt: „Welche Studien belegen das? Wie viele Leute habt ihr wann befragt?“ Rosen: „Ein schlechter Auftritt im Netz ist eine echte Katastrophe.“ Der Troll fragt: „Wo ist der Beleg für einen Zusammenhang zwischen schlechter Website und geringen Buchungszahlen? Wer definiert, was ein schlechter Auftritt ist?“ Rosen: „Völlig out sind Hotels, in denen alles austauschbar wirkt.“ Der Troll: „Wo sind die Untersuchungen dazu?“ Rosen: „Musik aus der Konserve will heute keiner mehr.“ Der Troll wendet ein: „Welche repräsentative Studie belegt das?“ Rosen hat in allem Recht, was er sagt. Alles stimmt. Wer Hotels besucht und Hoteliers kennt, weiß das. Nur der dumme Intelligente, der Troll, ist nicht dazu in der Lage, das zu erkennen. Weil ihm sämtliches Gespür dafür abgeht, dass die wichtigsten Entscheidungen auf der Welt nicht auf Studien basieren, sondern emotionale Entscheidungen sind. Und dass es dabei auch um Erfahrungen geht, die sich mitunter nicht objektivieren lassen.
- Nehmen wir das Herren-Outfit: Weiße Socken gehen außerhalb des Sports nicht, zu einer Hose gehört ein guter Gürtel, ans Handgelenk gehört eine wertige Uhr. Lauter wissenschaftlich nicht fundierte Imperative. Der dumme Intelligente scheitert auch hier schon an der unmöglichen Objektivierbarkeit der Kriterien und fragt: „Aufgrund welcher Daten gelten diese Regeln?“ Denn ihm ist jeglicher Zugang zu emotionalen Entscheidungen unter anderem in puncto Stil versagt, da Stil eine Geschmacksfrage und mithin trotzdem generalisierbar ist – und das kapiert der Troll nicht. Das geht ihm nicht ins Gehirn. Aus seiner Sicht entbehren diese Codes jeglicher wissenschaftlicher Basis. Es ist, als fehle dem dummen Intelligenten, der an jeder Stelle nach Belegen ruft, die eine oder andere Gehirnwindung.
- Stefan Frädrich erklärt in einem Film, der bald veröffentlicht wird: Die Menschen glauben gemeinhin, sich mit Top-Noten und Top-Qualifikationen nach oben arbeiten zu müssen. Der Troll fragt: „Wo sind die Belege? Wie viel Prozent der Menschen denken so? Wo ist die Studie dazu?“. Stefan Frädrich selbst hat nach seinen Worten die Perspektive gedreht und nicht überlegt: „Wie kommt man da rauf?“, sondern: „Was haben die da oben für Qualifikationen und Fähigkeiten?“ Und er war erstaunt: „Die da oben haben gar nicht die Top-Ausbildungen und Top-Noten. Sondern die da oben sind meist Persönlichkeiten, die für ihre Visionen brennen.“ Man finde an der Spitze an der Gesellschaft Menschen, die ihre Persönlichkeit unabhängig von ihren Ausbildungen entwickelt haben. Daraus folge, es sei weniger sinnvoll, dem lemminghaften Ausbildungssystem hinterherzulaufen, sondern viel klüger, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Der dumme Intelligente hat leider meist Jahrzehnte seines Lebens in Qualifikationen gesteckt und wurde immer mehr zum Spezialisten, und darum schmeckt ihm so ein Gedanke gar nicht. „Welche repräsentative Studie belegt das?“, fragt er also und verwehrt sich damit die Möglichkeit, Stefan Frädrichs Gedanken zu folgen und sie einfach nur nachzuvollziehen.
- „Sie hat sich stets bemüht“ ist laut „Berliner Zeitung“ vom Wochenende eine negative Bewertung im Arbeitszeugnis. Der Troll fragt: „Wer behauptet das? Wo sind die Belege?“ Dabei ist es ein Code, den jeder kennt. Der Troll hakt ein: „Wer ist jeder?“ Und scheitert angesichts der Realität, in der einige Dinge einfach so sind, wie sie sind, auch wenn es niemand beweisen kann.
Wie macht man destruktive Menschen konstruktiv?
Auf klassische Weise intelligent sind diese Trolls mitunter schon, aber sie wenden ihr Potenzial eben leider nur eingleisig an. Sie halten sich fest an ihrem Lebenslauf und ihrer Qualifikation. Ihre Intelligenz reicht nicht aus, um zu begreifen, dass neue Gedanken und Weiterentwicklungen bisheriger Gedanken selten fehlerlos sind und das auch nicht sein müssen. Sie sehen nicht, dass wir in einer Entwicklung begriffen sind, einem konstruktiven Prozess, an dem teilzunehmen alle Menschen dieser Erde eingeladen sind. Die heutige Realität ist zum großen Teil Ergebnis der Ideen von gestern – Ideen, die der Troll zuerst als Spinnerei abgewertet hat mit seinen Bedenken, Regeln und absurden Ansprüchen.
Die Toleranz der dummen Intelligenten ist zu gering, um tatsächlich zum Lauf der Welt sinnvoll beizutragen, und darum greifen sie jene an, die aktiv qua ihrer Wassersuppe zum Fortgang der Menschheit beitragen. Und das, obwohl sie eigentlich intelligent sind.
Zwei Fragen stellen sich:
1. Wie bekommen wir diese Destruktion gestoppt, so dass sie nicht mehr stört? Und:
2. Wie gelingt es uns, die Intelligenz dieser Leute in konstruktive Bahnen zu lenken?



:-)))
Hier muß ich aber einen Einwand machen: Gerade eine Argumentation nach „Das macht man eben so, das ist halt so, das weiss man halt“ ist meiner Beobachtung nach sehr typisch eben für Konvergenzdenker, und zwar für die Spezies Fachidiot. Irgendwer hat irgendwann eine Regel aufgestellt, und diese Regel wird nur genau deswegen strikt befolgt weil es eine Regel ist, ob es sinnvoll ist oder nicht wird nicht drüber nachgedacht.
Eine klassische Anekdote ist die Frau, die immer einen Zentimeter vom Steak abschneidet. Gefragt, warum sie das so mache, antwortet sie daß man das halt so macht, ihre Mutter hätte das auch schon so gemacht. (-> Regelabgleichen!) Ihre Mutter gefragt, gleiche Antwort daß die Großmutter das schon so gemacht hatte. Großmutter gefragt, Antwort daß sie damals nur eine etwas zu kleine Pfanne hatte…
Divergenzdenker schauen über ihren Pfannenrand hinaus, und stellen eben auch angeblich unumstößliche Regeln in Frage. Divergenzdenker machen sich mitunter genauso unbeliebt wie Trolle; nur liegt der Unterschied in Konstruktivität vs. Destruktivität.
Sehr genialer Beitrag! Danke dafür!
Für meine Begriffe ist das Divergenzdenken an einen Sinn geknüpft und nicht an die Abweichung von der Regel um des Abweichens Willen (was in der Tat genauso bescheuert wäre, wie einer Regel um der Regel Willen zu folgen). D.h. ein Code, wie beispielsweise die Kleidungsregeln, ist deshalb sinnvoll, weil er zum Ziel führt und damit einem Zweck dient.
„eine Regel um der Regel Willen zu folgen“ … sehr guter Satz, Thilo!. Habe sehr oft das Gefühl, daß die „Dummen“ das sehr häufig machen. „Mei des macht man hoid aso“, schallt es dann einem entgegen…
Ja, der Sinn ist das entscheidende dahinter.
Ich wollte eigentlich nur drauf aufmerksam machen, daß nur der Grund „Das macht man halt so“ noch lange keine Garantie dafür ist, daß das auch sinnvoll ist. Genau so wurde schon völlig absurder Nonsens mitunter über Jahrhunderte weitergetragen.
Genauso wenig ist natürlich das Brechen von Regeln automatisch eine Garantie für Sinnhaftigkeit und Erfolg. Ganz im Gegenteil. Natürlich würde ich niemals im Bewerbungsgespräch mit einem Heavy-Metal-T-Shirt auftauchen.
Der Schlüssel dürfte wohl sein, daß man immer mit offenen Augen durchs Leben geht, und die Realität betrachtet. Erst dann hat man das Recht zu sagen, daß „etwas halt so ist“. Und wenn mir etwas partout nicht sinnvoll erscheint, dann mache ich es nicht. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß es sich wirklich lohnt, auch neue Wege auszuprobieren. Denn die Realität ändert sich laufend, und Regeln und was sinnvoll ist ändert sich nunmal.
Beispiel: Ich war lange mit meinen Bewerbungsfotos extrem unzufrieden. Mit der klassischen Körperhaltung sehe ich einfach bescheuert aus (ja, „das ist so“). Ich weiss nicht, woran es liegt, vielleicht sind es meine Kopfproportionen.
Es war ein richtiger Kampf mit dem Fotographen, der auf seinen gelernten Regeln beharrte, bis ich ihn soweit hatte, daß wir eine andere Pose ausprobierten. Das Ergebnis war ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Vielleicht liegt es einfach daran, dass Sie Ihr Spiegelbild besser kennen als Ihr ungespiegeltes Gesicht? Deswegen wirken eigene Porträts oft befremdlich.
Ansonsten hat der Fotograf dank Ihnen wohl eine Grenze überschritten, die er im Kopf hatte (hoffentlich hat er es überlebt). Ich neige in solchen Fällen eher zum sofortigen „Leave it“ und nehme einen anderen Dienstleister.
Hallo Thilo!
Danke für diesen Artikel, sehr interessant und erhellend.
Um eine allgemein bekannte Metapher der Wirtschaft zu gebrauchen:
Die vielen Enten wollen keine Adler!
Emotional nachvollziehbar, praktisch inakzeptabel.
Meine Frage:
Will die Wirtschaft WIRKLICH Menschen mit Persönlichkeit und Profil oder sind das lediglich Lippenbekenntnisse?
Enten wissen nicht, dass sie Enten sind.
Meine Erfahrung zeigt, dass gerade jene Menschen, die über den bekannten Rahmen hinausdenken, den größeren Zusammenhang erkennen (möchten) und in diesem Sinn wirken möchten NICHT gerne gesehen werden, weil sie unangenehm auf Enten wirken.
Immerhin ist damit etwaige Veränderung und die etwaige Aufgabe von Privilegien, die in einer anderen Zeit entstanden, absehbar und wahrscheinlich.
Adler: wir brauchen sie mehr denn je.
Damit will ich nicht sagen, dass Adler ihren Zielen nicht entgegenfliegen sollen, im Gegenteil.
Wir brauchen sie mehr denn je!
Emotionale Unreife: das Problem der Spätmoderne
Ich behaupte: Viele Chefs sind für Menschen mit Profil nicht reif genug, viel zu emotional (innerlich unsicher) und voller Angst ihre „verdiente“ Position verlieren zu können.
Es gilt Position und Aufgabe zu unterscheiden, Enten tun das überhaupt nicht, Adler interessieren sich nicht für Positionen, sondern für Träume, Taten, Aufgaben, Ergebnisse, Nutzen.
80% der Energie verbringen Menschen im Unternehmen, um Machtkämpfe auszutragen, anstatt konstruktiv an den Aufgaben zu arbeiten, wofür sie eig. bezahlt werden.
Dennoch: JA, es mangelt an Originalität. JA, es mangelt an Kreativität. Aber nicht, weil sie nicht da wäre.
Denn: vor allem mangelt es an der Möglichkeit diese zu wecken, zu mobilisieren, zu realisieren!
Kaum zu glauben, aber viele Menschen kennen sie noch immer nicht, die drei Horizonte: Motivation, Kompetenz, Möglichkeit und deren Zirkularität aufeinander.
Für jene, die sie kennen lernen wollen.
Hier, ein toller Podcast von Stefan Frädrich, sehr gut präsentiert, Sie nehmen in kurzer Zeit viel mit, der Titel „Können, wollen, dürfen“, Folge 2:
http://tinyurl.com/2w64cvj
Mein Tipp: Die anderen Folgen sind auch toll, man profitiert sehr.
Alle stürzen sich auf Motivation.
Motivation: das Schweizer Taschenmesser, wenn es um Probleme in Unternehmen geht.
Dabei vergessen sie vollkommen auf Kompetenz [das wird auf Grund der Personal- und (jetzt mehr) Persönlichkeitsentwicklung ein wenig mehr beachtet] und auf die Möglichkeit.
Die Möglichkeit, das ist Chefsache!
Bedingungen schaffen, damit Mitarbeiter überhaupt erst erfolgreich wirken können.
Demotivation minimieren.
„Was aus dem bunten Blumenstrauß der Möglichkeiten suche ich mir aus?“ hin zur Perspektive: „Was liegt mir, was will ich, was ist mein Ding?“, das gefällt mir sehr gut.
Setzt gesunde Reflexion voraus.
Leider vergessen: Mit der Anstrengung wird man besser.
Menschen reflektieren mehr denn je.
Erst die Möglichkeit der Möglichkeit und die Idee der Subjektivität und das „Recht“ auf „Individualität“ machten das möglich. Und diese Ideen sind nicht sehr alt.
Dennoch: meist wird mehr über die eigene Haarfarbe, das neue Paar Schuhe „reflektiert“ und davon das eigene Selbst ausgemacht als sich WIRKLICH mit dem Ich, der Existenz, des Weges auseinanderzusetzen.
Geschweige denn ein Buch darüber zu lesen.
Wie du gesagt hast: zu kompliziert, zu zeitraubend.
Es sollte nicht um „Kampf“ gehen.
Es sollte nicht darum gehen, wer denn nun „recht“ hat, sondern: verbinden wir die Stärken der Fachkräfte mit denen der „Kreativen“ (bleiben wir kurz stark kategorisch, um der Klarheit den Vorzug zu geben).
Es geht NICHT um „Das ist aber falsch!“, das ist rechthaberisches Kindergartenniveau.
Es geht um ein „Wie kann es gehen?“
Es geht um ein: wir verbinden die Unterschiedlichkeit der Menschen, um ein positives Gesamtbild zu schaffen, das ohne diese Verbundenheit nicht machbar wäre.
Es geht darum Anders-sein, nicht nur zu akzeptieren, sondern sie (soweit konstruktiv und in einer niveauvollen Art und Weise) zu begrüßen und herauszufinden: „Was sind die Stärken? und „Wo können wir diese Fähigkeiten richtig einsetzen?“
Trolle: wie es die Bezeichnung schon sagt, schreckliche, unangenehme Wesen, die unter der Erde (Identität) leben, um ihr Unwesen zu treiben.
Nichts gegen Kritik: sie kann bereichern, sie kann neue Perspektiven zeigen, Neues hervorbringen.
Soweit Kritik sich der Idee, dem Sachlichen verpflichtet, konstruktiv und wertschätzend gegenüber den Menschen ist.
Wertschätzend ist nicht mit weich zu verwechseln.
Hart in der Sache, wertschätzend zu den Menschen.
Kritik muss so formuliert werden, dass sie aufgenommen werden kann, denn sonst ist nichts wert, nur Blabla.
Bei Trollen ist es genauso: nur leeres Blabla.
Worte von einem großen Denker, Albert Einstein:
„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“
Darüber sollte man nachdenken und nicht sofort sagen: „Das kenn´ich schon. Nächstes bitte!“
Neues (Wissen) muss nicht immer (sofort) passen.
Verwirrung ist der erste Schritt zum Lernen.
Deswegen: Verurteilt nicht sofort Unbekanntes, sondern entdeckt eure Freude an der gesunden Verwirrung.
Entwickelt euch mit ihr.
Denn eines sollten wir immer bedenken:
Das Unwissen ist stets viel größer als das Wissen.
Herzliche Grüße
Joachim
P.S. Die Frage, ob wir denn nun WIRKLICH Neues entdecken oder prinzipiell alte Weisheiten weitergeben, darauf gehe ich nicht ein.
Denn: Alles wurde schon gedacht, vielleicht in anderer Form.
Arbeitet man die Essenz vom „Neuen“ heraus, erkennt man, dass diese Konstruktion schon da war.
Aber:
Unabhängig vom Ursprung der Idee [abgesehen davon, dass der Mensch, der die Idee hatte, auch nicht der Ursprung ist (für die „Wissenschaftler: siehe Francisco Varela)] ist eins wichtig: dass sie den Menschen hilft, das eigene Leben schöner zu gestalten und die Welt besser zu machen.
Wo wären wir, wenn es nicht Menschen wie Thomas Alva Edison gegeben hätte? Wir würden noch heute noch mit Feuer Licht machen. Wo wären wir ohne die irren Brüder Wright? Statt bei EasyJet bei EasyShip.
Nur: Es gibt sie zu dutzenden Hundertschaften, die Trolle. Es ist schlicht das wahre Leben. Und die meisten gibts da draußen außerhalb des Internets. Ständig schauen sie mit rollenden Augen durch ihre Welt, als wollten sie ihre Ruhe haben vor dem Lichtbogen der vielen Glühbirnen. Diese Trolle hinterfragen nicht die Dinge und sich selbst, sie sind fortschrittsunfähig.
Doch hat mal jemand versucht, die Stärken dieser meisten Menschen zu stärken? Ihnen das Gefühl gegeben, sie besäßen Fähigkeiten, die nur sie besäßen. Ihnen „Ihr Ding“ ermöglicht? Sicher, jeder muss sich „sein Ding“ selbst ermöglichen. Nur dazu braucht es Aufklärung in der von Ablenkungen verklebten Gegenwart wie durch Media-Markt, Kachelmann, Schwarz, Rot, Gold oder 3-D-Kinos. Nichts ergibt sich aus sich allein heraus. Auch kein Ding. Es muss seine Chance bekommen; nicht von jedem, sondern für jeden.
Chefs müssen die Stärken der Mitarbeiter erkennen und sie fördern. Es ist ihre unternehmerische Pflicht, anderenfalls scheitern sie – an ihrem Ding. Talente müssen gepflegt und weiterentwickelt werden. Das fängt im Elternhaus, dem Hort der ersten Chef-Mitarbeiter-Beziehung, dem ersten Hort konformen Regelverhaltens, an. Wer ausbricht, überschreitet Grenzen und muss sofort fliegen können. Die wenigsten wagen oder können das. Daher sind die Trolle in der Überzahl. Sie fragen nach dem Grund eines Ziels, nicht nach dem Weg.
Vielleicht aber liegt es an der Atmosphäre und nicht an den Genen – mit wenigen Ausnahmen natürlich.