Auf den wunderbaren Vortrag von Ken Robinson habe ich ja bereits an anderer Stelle hingewiesen – und Robinsons Ideen sind ein wichtiger Ausgangspunkt für alle Überlegungen, wie wir die menschliche Kommunikation retten. Dass wir sie retten, ist nötig, denn im Augenblick leben wir in einer Diktatur juristischer und steuerrechtlicher Nervereien, undurchsichtiger bürokratischer Strukturen und einer studienhörigen und von der Industrie korrumpierten Wissenschaft. In der Folge unterbleiben die nötigen Aktivitäten, um die Probleme unserer Welt tatsächlich zu lösen.
Wenn sich beispielsweise Politiker zu einem „Bildungsgipfel“ treffen, verstehe ich die erhöhte Aufmerksamkeit der Medien nicht – es ist doch jedem denkenden Menschen sowieso klar, dass nichts Sinnvolles dabei herauskommt, wenn man die Vertreter der bisherigen Lehrmeinungen in ein Kongresshotel schickt. Wenn Bildungspolitiker, die in den vergangenen Jahrzehnten schon versagt haben, ihr eigenes Versagen korrigieren sollen, dann ist das ein struktureller Denkfehler. Was fehlt, sind die wesentlichen Impulse von außen. Aber gegen die schottet sich das Establishment aus vielen verschiedenen Gründen ab, die vielleicht einmal Gegenstand eines anderen Blogbeitrags sein könnten.
Ich möchte an dieser Stelle einen Bogen ziehen von Robinson und seiner Kritik am Bildungssystem hin zu Malcolm Gladwell, der zwischen konvergenter und divergenter Intelligenz unterscheidet. In meinem Jahresrückblick 2009 habe ich das Phänomen so beschrieben:
Eine Form von Dummheit hat sich breitgemacht, und zwar die der konvergenten Intelligenz. Dieser Begriff stammt aus Malcolm Gladwells Buch „Überflieger“ und bezeichnet die Form von Intelligenz, in der Menschen Muster abgleichen und meinen, damit klug zu handeln. Das klassische Listenführen und Kästchenausfüllen ist Konvergenz; konvergente Denker arbeiten nach Schema F und finden, wenn es aufs Querdenken ankommt, keine Lösungen, weil es für das Unkonventionelle keine Entsprechung in ihren Mustern gibt. Im Unterschied zu konvergenter Intelligenz dient die divergente Intelligenz dazu, jenseits der vorgesehen Wege Lösungen zu finden. Blöderweise bestimmt nicht der divergente, sondern der konvergente Typ Mensch das Geschehen in unserer Gesellschaft.
Zwei verschiedene Formen von Intelligenz also, die eine ist stark im Abgleich von Mustern, die andere ist stark in der Vorstellungskraft. Konvergent Intelligente sind hervorragend in Mathematik, aber ihnen fällt nicht viel ein auf die Frage, was man in einer Viertelstunde Freizeit so alles anstellen kann. Da sind eher die Divergenten stark, und weil es in der Praxis und im Alltag um Vorstellungskraft und um lösungsorientiertes Denken geht, statt nur ums Abgleichen von Ereignissen mit Lehrsätzen, überleben die Divergenten in der Wildnis eher. Der Konvergente stellt fest, dass er keine Streichhölzer hat und macht daher kein Feuer. Der Divergente schafft es irgendwie.
Und genau diese Divergenz brauchen wir. Robinson sagt: Wer sich nicht traut, Fehler zu machen, wird nie etwas Originelles zustande bringen. Nicht, dass wir Fehler machen sollen, aber wir sollten sie Kindern zugestehen, wenn diese Kinder einmal als Erwachsene die Probleme der Welt lösen wollen. Doch leider sind Fehler das Schlimmste in den Augen des heutigen Bildungssystems. Dabei kann ich jenseits der gelernten Routinen nur dann erfolgreich sein, wenn ich neue Dinge ausprobiere – und dazu ist der Konvergenzdenker nahezu unfähig. Zu groß ist seine Abneigung gegen die Fehler, die er dabei machen könnte.
Und so kommen am Ende die mit guten Noten aus der Schule, die der Fehlervermeidungsdoktrin des traditionell konvergenten Systems gehorchen. Als klug gilt nicht, wer Strategien entwickelt, um durchs Leben zu kommen. Sondern als klug gilt, wer gute Noten hat, wer also am besten checkt, ob A und B zusammen passen oder nicht. Die Schule produziert insofern Konvergenzdenker und treibt den Kindern das divergente Denken aus. Die Schule beschreibt Regeln und Muster, und nur was diesen Vorgaben entspricht, verdient gute Noten. Da nun auch vorrangig Konvergenzdenker Lehrpläne schreiben, fällt die Divergenz unter den Tisch. Die staatlich sicher bezahlten Pädagogen sind blind dafür, dass da draußen der Dschungel tobt – es ist eine unerträglich arrogante Ignoranz gegnüber der konkreten Realität der Menschen. Es ist das Phänomen der dummen Intelligenten.
Robinson sagt, aus Sicht eines Außerirdischen scheint es das Ziel des Bildungssystems zu sein, möglichst viele Hochschulprofessoren zu produzieren. Und zwar vorrangig in den Natur- und Geisteswissenschaften. Kunst, Theater und Tanz sind in der Fächerhierarchie ganz unten. Denn die Macher des Bildungssystems denken nur mit dem Kopf, und das „leicht zu einer Seite hin“. Robinson hat Recht. Und der Kern dessen, was er kritisiert, ist die Diktatur des konvergenten Denkens, die wir als divergente Denker dringend besiegen müssen.
Wenn wir unsere Kommunikation retten wollen, die unerträglichen Zustände einer sinnlosen Politik absurder Entscheidungen, Gängelung der Bürger, einseitiger Schulbildung, dann müssen wir an das Thema Konvergenz vs. Divergenz ran. Der Typ Streber bestimmt das Geschehen und entscheidet über Menschen. Die Geschicke des Landes liegen nicht in den Händen von Menschen mit Vorstellungskraft und Zielen, sondern die Geschicke des Landes liegen in den Händen von Politikern, von denen sich die meisten in bürokratischen Strukturen nach oben gearbeitet haben. Sie liegen in den Händen von Juristen, die menschliche Belange erst einmal abstrahieren und auf Papier bringen, um nach dieser extremen Filterung der Realität unter scheinbarer Objektivität zu entscheiden. Beide Typen sind im Grundsatz konvergent und fantasiearm (selbst wenn es vereinzelt divergente Ausbrecher gibt, es gibt ja auch unter Künstlern Scheuklappendenker).
Ich selbst unterscheide fast nur noch zwischen Konvergenz- und Divergenzdenkern. Ein Rechtsstreit, in dem Juristen absurde Entscheidungen treffen, ohne die Argumente zu kennen – Konvergenzdenker. Ein Steuerberater, der nur auf die Zahlen schaut und die unternehmerischen Entscheidungen nicht versteht, die zu mehr Einnahmen führen – Konvergenzdenker. Menschen, die auf neue Ideen grundsätzlich mit Ablehnung reagieren – Konvergenzdenker.
Es ist einfach wundervoll, sich mit Divergenzdenkern zu umgeben. Es ist grandios, staatliches Handeln nicht mehr ernst zu nehmen, weil das Geschehen so realitätsfern ist, dass es im Grunde auch auf dem Mars stattfinden könnte. Es ist schön, Politik nicht mehr ernst zu nehmen, weil sie eine Freakshow ist. Es ist schön, Bücher zu lesen wie „Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben“ von Tom Hodgkinson. Politik sei eine „Fame Academy“ für die Talentlosen, schreibt er, der „X-Faktor“ für „langweilige Männer und Frauen“. Und: „Ist nicht die Tatsache, dass jeder Politiker in einer Karriere-Tretmühle läuft und ständig versucht, mehr Geld zu verdienen und in der Hierarchie höher zu klimmen, Grund genüg dafür, das gesamte Projekt einzumotten?“
Genau diese Denkweise brauchen wir. Wir brauchen die divergente Intelligenz, gepaart mit dem externen Blick plus Empathie. Vergessen wir die Probleme der Konvergenzdenker, die sich fragen, wie man gegen die Entscheidung des Richters am Landgericht vorgeht, indem man erst das Verfügungsverfahren vor dem OLG abschließt und dann das Hauptsacheverfahren wieder vor dem OLG eröffnet, um dann vor dem BGH erstmals auf Richter zu stoßen, die sich die Argumente anhören. Nein! Divergenz-Denker betrachten dieses Chaos von außen und hinterfragen das System an sich.
Die nahe liegende Frage lautet nicht: Mit welchen Paragrafen oder Argumenten komme ich gegen die Paragrafen und Argumente der Gegenseite an? Sondern die nahe liegende Frage lautet: Haben die noch alle Tassen im Spind? Divergenzdenker nehmen den Marsmensch-Blick ein und stellen das gesamte System in Frage, in dem Juristen sich mit abstrusen Vokabeln die Köpfe heiß reden und die Taschen voll machen. Sie lehnen das System an sich ab. Die Folgen der Entscheidungen des Konvergenzsystems tragen sie, aber sie nehmen es ebenso wenig ernst wie Asterix die Römer.
Divergentes Denken bedeutet, Vorstellungskraft und Fantasie zu haben. Zwei Wörter, auf die Konvergenzdenker allergisch reagieren: Sie denken bei „Vorstellungskraft“ gerne gleich an Wahnvorstellungen und bei „Fantasie“ an Spinner, die Kunst machen. Diese Reaktion ist auch nachvollziebar, weil den Konvergenzdenkern ja gerade die Erfahrung abgeht, anhand von Zielen auch mal ungewohnte Wege zu entwickeln. Doch Vorstellungskraft ist keine Diagnose, so sehr Konvergenzdenker auch in Diagnosen denken in ihrem Wahn, alles definieren und mit ihrem angeblich sinnvollen Wissen abgleichen zu müssen. Vorstellungskraft bedeutet vielmehr, Ziele zu formulieren und die Wege dahin zu finden. Es geht nicht darum, zu fragen: „Warum geht es nicht?“ Sondern zu fragen: „Wie kann es gehen?“
Robinson erzählt die Geschichte des kleinen Mädchens, das ein Bild malt. Lehrer fragt: „Was malst du da?“ Kind: „Ich male ein Bild von Gott.“ Lehrer: „Aber kein Mensch weiß, wie Gott aussieht“ – und schon dieser Einwand zeigt das gesamte zerstörerische Potenzial der Konvergenzdenker. Das Dogma lautet: „Niemand weiß das.“ Und nur, was diesem Dogma entspricht, ist „richtig“. Das Kind antwortet: „In ein paar Minuten werden sie es wissen.“ Das ist divergent, es ist der Blick von außen, der das Dogma hinterfragt. Unerträglich für Kästchenausfüller.
Und Robinson erzählt die Geschichte von Gillian Lynne, ein Zappelphilipp von Mädchen, dessen Mutter zum Glück an den richtigen Arzt geraten war, der ihr sagte: „Gillian ist nicht krank, sie ist Tänzerin. Schicken Sie sie auf eine Tanzschule!“ Ein paar Jahre später choreographierte die Tochter „Cats“ und „Phantom of the Opera“. Die üblichen Konvergenzdenker in der Medizin hätten das Mädchen für krank erklärt und ihr Beruhigungsmittel gegeben.
Weil das konvergente Denken weite Teile der Realität ignoriert, weil es dumm und fantasielos ist, interessieren sich Divergenzdenker nicht für die typischen konvergenten Musterabgleichskategorien wie „richtig“ und „falsch“. Sie hinterfragen Regeln und Grundsätze. Divergenzdenker hinterfragen alles, was Konvergenzdenker sagen, weil bei allem die Gefahr der Ignoranz und des Tunnelblicks besteht. Divergenzdenker bestreiten den Anspruch der Konvergenzdenker, für sich den Begriff „Vernunft“ gepachtet zu haben. Denn es ist vielmehr im Sinne der Menschen sehr unvernünftig, rein konvergent zu handeln.
Wenn wir unsere Kommunikation retten wollen, die Art, wie wir miteinander umgehen; wenn wir Politik und staatliches Handeln sinnvoll machen wollen, dann müssen wir dringend das divergente Denken fördern. Wir sollten die Schulen und Schulbehörden, die Ministerien und Universitäten nach konvergenten Denkern und nach sinnlosen Studien mit bezahlten Ergebnissen durchforsten, ihnen Routinejobs geben und die Ziele und Strategien den Divergenten anvertrauen. Und dann sollten Menschen mit Vorstellungskraft das Land gestalten. Damit in unser gesellschaftliches Leben Sinn einkehrt und die Menschen sagen: Ja, wir leben in einem Land, in dem die Menschen glücklich sind und sich entfalten können.



Nachtrag aus der Wirtschaftswoche. Wurde soeben getwittert: http://ow.ly/YTyr
Zitat:
Das Spielerische ist zweifellos eine Haupteigenschaft von Erneuerern. Während viele zuerst fragen „Warum?“, fragen sich Kreative lieber: „Warum eigentlich nicht?“
Nun, S.Freud z.B. mit seinen THEORIEN INS PROBLEM HINEIN schien zunächst viel geeigneter für die GOÄ – die Gebührenordnung der Ärzte – als etwa sein Zeitgenosse Emile Coué, der für Theorie keine Zeit hatte weil ihn jährlich zehntausende Hilfesuchende aus aller Welt wegen seiner PRAXIS AUS DEM PROBLEM HERAUS aufsuchten.
Aus – zu kurz gedachten – Geschäftsgründen machte man Freuds Lehren publik und tabuisierte Coué und seine praktische Methode, mit der die einfachen Leute ihre Probleme bestens selbst lösten.
Die Rechnung schien lange aufzugehen. Nur geht es inzwischen den Geschäftstüchtigen selber so schlecht, dass sie dringend die Méthode Coué gebrauchen könnten. Konvergent oder divergent – was nun?
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Herrlicher Artikel. Aber die Natur hat sich sicher was dabei gedacht, dass es sowohl den einen als auch den anderen Typen gibt. Wenn wir immer nur erneuern, werden wir uns gar verirren.
Aber ich gebe Ihnen Recht in Ihrer Analyse der Politiker. Wenn ich mir die Politiker der Nachkriegszeit anschaue, so waren dies echte Quer- und auch Gemeinwohldenker. Heute sieht man nur noch Profitdenken. Sicherlich ist da vieles so gekommen, da sich die heutigen Politiker in den richtig/flsch-Strukturen hocharbeiten mussten.
Inzwischen kann man sich aber nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass sobald ein Politiker regieren muss, sich sein Verhalten in eine Richtung verändert, die nicht mehr gesund für das Gemeinwohl ist. Woran das wohl liegen mag?