Saß da doch kürzlich eine Frau neben mir im Auto, eine Art Über-Frau, sowohl bezüglich ihrer kompromisslos-homosexuellen Neigung als auch bezüglich ihrer überzeugt feministischen Haltung. Als Freund der Freiheit finde ich beides außerordentlich wundervoll und bewundernswert, denn erstens sollen die Menschen tun, was sie wollen, zweitens mögen sie sich gegen ihre Unterdrücker wehren, und drittens finde ich es stark, wenn jemand deutlich für seine Meinungen eintritt, sofern sie niemanden verletzen.
Doch ach, wahrscheinlich wäre die Gute gar nicht erst in mein Auto gestiegen, hätte sie gewusst, was für ein martialisches und maskulines Logo da auf meinem Lenkrad prangt. Ich will mich ja gar nicht so weit versteigen und behaupten, die Existenz dieses Logos dieser Marke gehöre zur Allgemeinbildung, wenngleich ich bislang davon ausging, dass man kaum in Europa leben kann, ohne das mal gesehen zu haben. Doch ihre Reaktion war in einer Weise schockiert, dass sie schon wieder schockierend war.
Abgrundtiefe Fassungslosigkeit strömte da von rechts zu mir rüber, stark spürbare Empörung, so als hätte ich ein Hakenkreuz auf dem Lenkrad. Sie sagte: „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, oder irgendwas Sinngemäßes, und ich fragte sie, was los sei, dieses Symbol des römischen Gottes Mars sei seit Jahrmillionen das Logo von Volvo. Sie war angeekelt, strömte moralisch erhabene Fassungslosigkeit aus, schnappte nach Luft, hyperventilierte fast und stoppte ihr Theater auch dann nicht, als ich sie darauf hinwies, dass ich ein Mann sei und das Symbol der Männlichkeit insofern nicht als etwas Böses erkennen könne. Es verfing nicht, sie tobte weiter.
Was sollte ich tun? Auf einen Rasthof fahren, sie rauswerfen und sie von dem bösen Einfluss des Logos erlösen? Das wäre vielleicht konsequent gewesen, denn in meinem Kopf entstand natürlich die Frage, ob sie in irgendeiner Weise beabsichtige, mich zu kränken, wenn sie schon das Symbol meines Geschlechtes so dermaßen in den Dreck tritt. Wenn sie so angewidert vom Logo meines Geschlechtes ist, wie angewidert muss sie dann erst von mir sein? Warum steigt sie dann zu mir ins Auto? Hat sie das viel Überwindung gekostet? Warum spricht sie überhaupt mit Männern, wenn sie sie kollektiv hasst?
Aber leider fühlte ich mich statt verletzt nur sehr befremdet und verwundert wegen ihres Anfalles und nahm sie nicht ernst. Obwohl das Volvo-Logo das Symbol meines Geschlechtes ist, fühlte ich mich einfach nicht angegriffen. Hätte das die gesellschaftlich erwartete Reaktion von mir sein müssen? Ich dachte nur: Die Frau tut mir Leid, weil sie da offenbar ein paar Dinge durcheinander wirft und dafür enorm viel Energie verbraucht.
Dass ich ihr den Gefallen, verletzt zu sein, nicht tat, hat sie vielleicht erst recht rasend gemacht hat — klar: Wer hassen will, will hassen und braucht dazu ein Feedback, das härter ist als eine gleichgültige Wand aus Watte. Ich habe aber keine Lust auf Stress, schon gar nicht im Auto bei 160 Sachen. Außerdem konnte ich ihrem Hass nicht mit Emotion begegnen, weil ich prinzipiellen Hass auf ein Geschlecht (welches auch immer) nicht für besonders ethisch hoch erachte und mich insofern als Vertreter einer diskriminierten und mit Hass überzogenen Gruppe von dergleichen ideologischen Gefühlsentgleisungen nicht betroffen fühle. Zudem identifiziere ich mich mit keinerlei kollektiven Symbolen, das erscheint mir wegen der übertriebenen Bedeutung von Ikonografie mit der immer gleichen Tendenz zur Ritualisierung zu gezwungen, langweilig und substanzlos. Ein Symbol ist ein Symbol, das etwas symbolisiert — doch mich symbolisiert kein Symbol.
Neben mir gab es keine Ruhe. Ich überlegte: Bekomme ich eigentlich auch einen hysterischen Anfall, wenn ich an einer Wand irgendwo ein per Schablone hingesprühtes Frauen-Zeichen mit der bekannten Faust im Ring erblicke, häufiges Element der Stadtverschönerung in den frühen 80er Jahren und bevorzugt in Violett? Nein, weil es für mich keinen Grund gibt, eine dermaßen große soziale Gruppe wie ein sexuelles Geschlecht zu verteufeln — solche pauschalen Verurteilungen empfinde ich dann doch als ein wenig undifferenziert. Es mag sein, dass ich das eine oder andere Exemplar dieses oder jenes Geschlechtes nicht besonders schätze, aber Antipathie auf eine ganze Gruppe zu beziehen und deren Symbole als Projektionsfläche dafür zu nutzen, ist mir zu binsenpsychologisch und zu platt, und es erinnert mich einfach auch zu sehr an unselige, massenweise Verblendung und fanatische Flaggenverbrennungen.
Doch das Gehirn neben mir war offenbar aus. Ein Symbol schaffte es, Hass zu schüren. Ich nahm zur Kenntnis, dass fanatischer Hass der Stoff ist, aus dem Diktaturen gemacht sind und dass vermutlich nicht viele Menschen zwischen der Beschreibung der Wirklichkeit (ein Logo sieht so und so aus) und der Bewertung derselben (ein Logo ist böse) differenzieren. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, wenn jemand sich durch ein Symbol verletzen lässt, denn jede/r mag leben, wie er/sie will, aber ich verstehe es nicht: Bei einem Symbol handelt es sich nur um ein Symbol, und welche Gefühle Menschen daraus generieren, zumal solche wie grundlose Betroffenheit oder Verletzung, entscheiden sie das nicht selbst?



Ganz wundervoll in Wörter gefasst. Menschen sind schon merkwürdig. Und ich erst. Schönes Wochenende!
Ich finde den Artikel auch sehr schön zu lesen, weil vieles entlarvend. Ich gebe dir zwar prinzipiell recht, was den letzten Satz betrifft, aber genau hier muß ich zugleich leider widersprechen, was die realen Gegebenheiten betrifft: genau das ist der springende Punkt. Es solte die Sache jedes einzelnen sein, wie er auf ein Symbol reagiert (ganz individuell, häufig allerdings im Rahmen des Kollektiven); ist es aber in der Regel nicht, weil ein Symbol von jenen, die damit umgehen, bereits mit Emotionen gezielt befrachtet werden (Priester, Politiker, Vordenker) und somit die Menschen mithilfe des Symbols manipuliert werden.
Von daher war die Dame ein klassischer Fall von Manipulationsopfer (durch ihre eigene ideologie bedingt, die zu bestimmten Symbolen bestimmte Reaktionsmuster vorgibt und bestimmte emotionale Zustände erzeugt).
Da noch zu untercsheiden, was aus „mir“ selbst stammt an Emotion, oder was mir von „der Welt, dem System, den Medien usw.“ untergejubelt wurde, ist fast unmöglich.
Heißt das nicht, dass es dabei dann um die Fähigkeit zu differenzieren geht? Also die Differenz zu ziehen zwischen „etwas“ und „Interpretation von etwas“? Ist das nicht erlernbar? Ich denke doch schon. Die meisten Leute in meinem Umfeld können das, und ich denke, alle haben das einmal gelernt. Insofern halte ich die emotionale Reaktion eines Menschen auf ein „Etwas“ nicht für fremdgesteuert.
Servus!
Ich kann bei der Diskussion leider nicht mit so tollem Fach-Chinesisch um mich werfen wie die anderen ABER ich kann vielleicht von der Warte einer anderen homosexuellen Person aus bein bißchen was beitragen.
Ich denke die Reaktion der Dame ist deshalb so extrem, weil wir „Homos“ uns einfach durch gewisse Zeichen und Logos „identifizieren“. Vielleicht nicht uns persönlich, aber die Personengruppe zu der wir gehören. Sieht man als Lesbe, ich sprech jetzt mal von mir, vor nem Club ne Regenbogenfahne dann weiß ich was los ist. Jemand anderen interessiert’s nicht.
Es gibt Zeichen die uns verraten ob der/die andere dazugehört. Vielleicht ist diejenige deshalb so leicht gereizt weil sie durch die Homosexualität einfach sensibilisierter auf solche Sachen ist wie jemand anderes.
Könnte sein, aber auch nicht!
Wobei es mir wenn ich das so lese schon so ein bißchen wie Fanatismus vorkommt.