No more Mismatcher!

 

Was ist ein Mismatcher? Ein Mensch, der auf einen neuen Gedanken mit einem alten Muster reagiert. In der heutigen Wirtschafts- und Arbeitswelt beispielsweise sagen Sie jemandem, dass heute so gut wie jeder in der westlichen Welt über die wesentlichen Produktionsmittel verfügt, um mit seinen Gedanken erfolgreich zu werden, seien da Textverarbeitungsprogramme, Internet, Blogs, Twitter und so weiter – und der Mismatcher sagt Ihnen, dass ein Computer „aber doch“ Geld koste. Der Matcher dagegen klopft neue Gedanken auf ihr Potenzial ab und erkennt Hindernisse als das, was sie meist sind: umgehbar oder überwindbar. Wer will, sucht Wege, wer nicht will, sucht Gründe.

Im Grunde beruht die Differenzierung auf einem Metaprogramm aus dem NLP, worauf mich Ralf Senftleben mal stieß. Es tut mir Leid für Sie, wenn Sie Mismatcher sind – vielleicht können Sie es ändern. Aber wenn Ihr Gegenüber Mismatcher ist, was dann?

Gegenüber Mismatchern hat man – wie in jeder Situation – drei Möglichkeiten: Love it, change it or leave it. Da „change it“ hinsichtlich anderer Menschen in aller Regel ausfällt, bleiben im wesentlichen zwei. „Love it“ hat sich meiner Erfahrung nach als extrem Energie raubend erwiesen, und darum neige ich angesichts von Mismatchern zum „Leave it“. Ich will in meinem Leben schlicht keine Mismatcher mehr haben. Ich nehme sie nicht ernst, ihre Gedanken interessieren mich nicht, sie sollen andere mit ihrem negativen Kram belästigen, aber nicht mich.

Warum so hart? Weil ich, wie viele andere in der Seminarszene auch, ein gebranntes Kind bin. Wer neue Gedanken in die Welt bringt, Seminare, Ideen, Konzepte, die in irgendeiner Weise den Status Quo hinterfragen, der hat es bald mit der geballten Macht der Mismatcher zu tun, die ihre Pfründe verteidigen. In dieser von Mismatchern bestimmten Welt ist der Wille zur Innovation und zur Verbesserung der Welt ein Gang über ein Minenfeld. Das weiß jeder, der in einer Xing-Gruppe schon einmal neue Gedanken gepostet hat. Auch offline hängt alles an Mismatchern und scheitert an Mismatchern: Neue Modelle in der Gesundheitspolitik scheitern an Ärzten und der Pharmaindustrie, neue psychologische Ansätze an Psychologen, neue Didaktikkonzepte an Lehrern. Merkwürdigerweise haben alle diese Berufe etwas gemeinsam, aber nicht nur.

Nicht nur in diesen Berufen geht es oft darum, Phänomene mit Mustern abzugleichen. Auch der Bereich, der wohl am maßgeblichsten unser Leben bestimmt, beruht auf dem ständigen simplen, wenn nicht gar primitiven Abgleich von Phänomenen mit Mustern: die Juristerei. Ein Phänomen (Tatbestand) entspricht entweder den Mustern (Regeln) oder nicht. Danach fällt die Entscheidung aus. Einen Systemfehler melden Juristen, wenn nicht klar ist, ob sich etwas entspricht – und obwohl weiterhin die Sonne scheint, beginnen plötzlich einige Leute herumzuspinnen, weil da etwas nicht definiert ist. Unbekannter Zustand für Musterabgleicher! Grund zur Panik! Mit einem Mal beharken sich Juristen beider Seiten, bis die Sache geklärt ist – als sei es so schlimm, wenn einmal etwas Ungeklärtes im Raum stehen bleibt. Als Außenstehender wähnt man sich bisweilen im Jack-Nicholson-Film „Besser geht’s nicht“ und fragt sich, auf welchem Planeten die Beteiligten leben und welche Probleme sie haben – ebenso wie man sich bei Vertretern des Bildungssystems nach deren Fähigkeit zur Priorisierung fragt, die Kindern in konsequenter Blindheit einseitige Inhalte vermitteln und minutenlang auf Kommafehlern herumreiten.

Ich vermute und fürchte, dass der Mismatcher nahezu deckungsgleich ist mit dem konvergenten Denker, den ich ja für brandgefährlich halte, wie Sie wissen, wenn Sie mein Blog lesen. Sicher, natürlich, auf jeden Fall gibt es viele gute Lehrer und auch viele hervorragende Juristen, die in Bedeutungen und Sinn denken und nicht nur irgendwelchen absurden Schemata entsprechen, Hauptsache, es sind Schemata. Es gibt innerhalb dieser Gruppen auch jede Menge Divergenzdenker, ich kenne viele, die über den Tellerrand hinaus denken und oft auch handeln. Aber diese guten Vertreter ihrer Zunft bewegen sich eben außerhalb des Rasters. Im Zweifel bekommen sie Probleme, wenn sie ihrer Haltung folgen. Ich kenne eine Menge kreativer und divergent denkender Lehrer, die mit ihren Ideen am System scheitern. Sind sie jung, steigen sie aus und machen was anderes, sind sie alt, resignieren sie und spielen das Spiel weiter mit. Was mag das für ein Gefühl sein, wenn man sich selbst so sehr untreu ist? Redet man sich das mit den Kompromissen schön?

Pervers daran ist: Diese guten Lehrer scheitern letztlich an Lehrertypen. Das Mismatching ist letztlich lehrerimmanent, wie schon Ken Robinson in seinem legendären Vortrag durch die Blume vermittelt, es kann wegen der starken Fehlerfokussierung des Bildungssystems gar nicht anders sein. Und es ist aufgrund des ständigen Abgleichs der Realität mit „Fehlern“ und „Regeln“ auch juristenimmanent. Im Rechtsstreit geht es oft nicht um Lösungen, sondern um Machtkämpfe, und beides sind grundverschiedene Dinge. Unsere Gesellschaft – von konvergenten Mismatchern dominiert – hat sich dazu entschieden, nicht lösungsorientiert zu handeln, sondern vernichtend. Wer mehr Geld hat, klagt den anderen mal eben kaputt, weil es dem gar nichts bringt, wenn er in acht Jahren vor dem BGH vielleicht Recht bekommt. Und dass unser Rechtssystem nicht Menschen hilft, die im Recht sind oder eine sinnvolle Sache tun, sondern Menschen, die Geld haben, verdanken wir abstruserweise einem Denken, das vor lauter inflationärer Regelorientierung den Sinn verfehlt und die Realität nicht mehr trifft.

Gleichwohl hält der Unselige sein Handeln für selig. Üblich ist selektive Wahrnehmung, wie es Stefan Frädrich in einem Podcast beschreibt: Wer in einem therapeutischen Beruf arbeitet, neigt dazu, Krankheiten zu sehen. Und das zu sehen, was man – bewusst oder unbewusst – sehen will, ist Konvergenz, mit der oft die Ablehnung neuer und ungewohnter Gedanken einhergeht, also das Mismatching. Und nun haben wir das Problem, dass ausgerechnet diese Geisteshaltung unser öffentliches Leben bestimmt und entscheidet, wer vor Gericht Recht bekommt und wer nicht.

Was mich betrifft, will ich keine Mismatcher mehr in meinem Leben. Ich habe für Mismatcher schon viel zu viel Energie verbraten. Vor einigen Jahren wusste ich gar nicht, was Mismatcher sind. Ich habe mir von ihnen ein Ohr abkauen lassen, weil ich davon ausging, alles, was Menschen denken, fühlen und sagen, sei relevant. Erst wenn man sich mit Müll beschäftigt, erkennt man, was Müll wirklich ist – und daher sollten Trolle in Xing-Gruppen und Trolle im Blog niemals die Zielgruppe der persönlichen Kommunikation sein. Es hat schlicht keinen Sinn. Sollen die konvergent denkenden Mismatcher doch konvergente Mismatcher bleiben und ihr regelorientiertes Leben der Musterabgleichung führen, eine Konkurrenz werden sie ohnehin kaum werden, dazu gebricht es ihnen zu sehr an Schaffenskraft. Und wird man von einem Mismatcher dumm von der Seite angemacht, so ist das ein Kollateralschaden, der zu vernachlässigen ist. Einfach nicht ernst nehmen, Trolle verdienen keinerlei Energie und Aufmerksamkeit.

Stattdessen ist es viel klüger und sinnvoller, wenn man seine Energie in die Potenziale steckt, in die Möglichkeiten, die Welt wirklich sinnvoll zum Besseren zu verändern, denn das hat sie dringend nötig. Die Mismatcher werden die Welt sicher nicht retten, dafür bedarf es divergent denkender Matcher.



2 Kommentare zu „No more Mismatcher!“

  1. Justus

    Feiner Artikel, aber Mismatcher können auch Hilfreich sein, wenn sie z.B. Probleme aufzeigen.
    Hmmm . . . Kritik . . . will man das?
    Und warum nicht auch alle Mismatcher über einen Kamm scheren, wenn man eh nur den Button „Ja! Dieser Beitrag war richtig gut! Danke dafür!“ hat . . .

  2. Tom

    Mismatcher widersprechen – und das Verhalten wird auch Polaritätsreaktion genannt. Wenn eine Person als Mismatcher geoutet wird, dann kann dies sogar recht hilfreich sein. „Nur nicht bemerken lassen, dass dies bemerkt wurde.“ Bei Besprechungen zum Beispiel sollte verhindert werden, dass diese Person in das Geschehen einwirkt, jedoch mit einer Aufgabe versehen, dass genau zugehört und die Punkte, welche auffallen notiert werden – danach hat er die letzten 5 – 15 Minuten zum Schluss der Besprechung Zeit, seine Argumente einzubringen.
    Vielleicht sind Betrachtungen dabei, welche für ein Projekt oder … sogar hilfreich sind.
    Ein Vorteil hat dies in jedem Fall: Besprechungen werden nicht endlos.

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