Übergewichtigen-Logik

„Ich muss nicht abnehmen! Andere sind noch viel dicker als ich.“

Warum nehmen so viele Menschen andere als Maßstab – oder bemühen aus der Luft gegriffene Argumente, die mit der Sache nichts zu tun haben? Wenn ich abnehmen sollte, weil ich zu dick bin und mich nicht mehr wirklich wohl fühle, dann kümmern mich andere Übergewichtige nicht. Meine Entscheidungen sind autark.

Raucher: „Andere Dinge sind auch gefährlich.“

Trinker: „Es gibt auch andere Süchte.“

Spieler: „Andere Dinge kosten auch Geld.“

Sicher – stimmt alles. Nur leider – es tut nichts zur Sache. Viele Dinge sind richtig, aber irrelevant.

Ein Thema einzugrenzen, bedeutet auch, es abzugrenzen. Eine Entscheidung zu treffen, ab wann etwas nicht mehr dazu gehört. Eine Entscheidung, die Journalisten Tag für Tag treffen, meist unbewusst, mit links, automatisch – Handwerk. Im persönlichen Umgang mit Nicht-Journalisten werden manche Journalisten dann ungeduldig, weil die Nicht-Journalisten hin und wieder mal abschweifen und vom Hundertsten ins Tausendste kommen – mit der Folge der Beliebigkeit. Wer ein Thema sprengt, zerstört das Gespräch. Denn wenn es beliebig ist, worüber man spricht, kann man es auch lassen.

„Du siehst gut aus!“ – „Andere sind schöner.“

„Lass uns die Autobahn nehmen.“ – „Die haben die Nazis gebaut.“

„Ich bin nicht deiner Meinung.“ – „Diktaturen sind auch intolerant.“

„Das finde ich nicht nett von dir.“ – „Das musst gerade du sagen.“

„Die deutsche Bürokratie ist übel.“ – „Ägypten ist schlimmer.“

Der Erste spricht jeweils etwas Konkretes an, und der Zweite ruiniert das Gespräch per Verallgemeinerung oder Themenwechsel. Was der Zweite sagt, sprengt den Kontext des Ersten und spricht der Fähigkeit zur Kontextualisierung des Ersten Hohn. Der Erste ist gerne bereit, über alle Themen zu sprechen, wenn sie ihrerseits eingegrenzt sind (Schönheit an sich, Nationalsozialismus und Autobahnen, Diktaturen und Toleranz, eigene Fehler, Ägypten). Doch so hat der Erste nur den Eindruck gewonnen, dass der Zweite nicht zuhören kann, Kritik nicht erträgt oder seinen frei flottierenden, wirren Assoziationen folgt wie ein hyperaktives Kind.

Ähnlich die Menschen, die Fragen nicht beantworten:

„Wo ist die Milch?“ – „Die habe ich heute Vormittag gekauft.“

„Pardon, wie spät ist es bitte?“ – „Tut mir Leid, ich bin nicht von hier.“

„Was möchten Sie trinken?“ – „Die haben hier eigentlich alles.“

„Was hast du gestern so gemacht?“ – „Ja, das war schön.“

Die Fähigkeit, konsistent zu denken, scheint rar gesät.

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