Ich kenne vier Modi des Denkens. Drei davon sind in öffentlichen Auseinandersetzungen besonders wichtig: wissen, meinen und glauben. Die meisten Menschen denken in einer Mischform, nur ganz wenige Menschen sind auf eine Linie festgelegt. Je stärker sich ein Mensch nach nur einem dieser Denkmodi richtet, desto schwerer ist der Umgang mit ihm.
Wissenschaftler gehen von Dingen aus, die sie wissen oder wissen wollen. Um etwas zu wissen, was sie noch nicht wissen, vermuten sie etwas. Sie stellen eine Hypothese auf, die sie veri- oder falsifizieren wollen. Sie orientieren sich an Tatsachen und Tatsachenbehauptungen. Tatsachenbehauptungen haben das Merkmal, dass sie beweisbar sind. Die Aussage: „Über dem Eiffelturm scheint die Sonne, so dass der Turm einen Schatten wirft“ ist eine Tatsachenbehauptung. Selbst wenn die Sonne nicht schiene. Eine Tatsachenbehauptung muss nicht bewiesen sein, sie ist zunächst lediglich beweisbar.
Ideologen gehen von Dingen aus, die sie meinen. Im Unterschied zu Tatsachenbehauptungen sind Meinungsäußerungen nicht beweisbar. „Robbie Williams ist ein guter Musiker“ ist eine Meinungsäußerung – sie ist nicht beweisbar. Verschiedene Menschen sehen das anders. Da Meinungen nie beweisbar sind, können Ideologen nie Recht haben. Sie können bestenfalls versuchen, andere Menschen mit Argumenten zu überzeugen: Für den Ideologen ist Überzeugung das, was für den Wissenschaftler die Verifikation ist; was für den Wissenschaftler der Beweis, ist für den Ideologen das Argument. Der Denkfehler vieler Ideologen besteht darin zu glauben, ihre Meinungen seien Tatsachen. Daher gehen sie davon aus, sie hätten Recht, und liegen damit falsch. Denn zu denken, man könne Meinungen beweisen, ist keine Meinung, sondern ein Irrtum. Dass Meinungen beweisbar seien, ist eine falsche Tatsachenbehauptung. Darum gehören Ideologen, die diesem Irrtum unterliegen, im Grunde nicht mehr der Kategorie des Meinens an, sondern unterliegen der folgenden Denkkategorie:
Religiöse Menschen gehen von Dingen aus, die sie glauben. Was jemand glaubt, ist weder beweisbar noch argumentierbar. Religiöse Menschen glauben also weder an Tatsachen noch an Meinungen, sondern an irgend etwas aus dem ganzen breiten, diffusen Rest. Es ist dabei ganz unerheblich, ob die Inhalte des Glaubens auf Irrtümern beruhen, also auf falschen Tatsachenbehauptungen. Denn wer glaubt, distanziert sich per se von den Regeln des Denkens, die zum Beispiel die Tatsachenbehauptung von der Meinungsäußerung abzugrenzen versuchen. Ein religiöser Mensch kann einem anderen Menschen niemals seinen Glauben beweisen – denn es handelt sich ja nicht um Tatsachenbehauptungen. Auch kann er niemanden von seinem Glauben überzeugen – denn es handelt sich ja nicht um Meinungen. Religiöse Menschen – und fanatische Ideologen – können andere Menschen im Grunde nur dadurch zu ihrem Glauben bringen, dass sie die Regeln des Wissens und der Meinung im Kopf des Opfers deaktivieren und neue Regeln etablieren, die sich der Überprüfung durch Beweisbarkeit oder Überzeugung entziehen. Daher haben religiöse Menschen und fanatische Ideologen stets Totschlagargumente parat – also Argumente, die der andere gar nicht widerlegen kann, weil ihm die Basis schnuppe ist, auf der diese Argumente beruhen.
Mich wundert es nicht, dass sich die Angehörigen dieser verschiedenen Denksysteme untereinander nicht verstehen.
- Die Wissenschaftler verzweifeln an den religiösen Menschen, weil die Tatsachen leugnen und unbewiesene Tatsachen zu ihrer Lebensgrundlage machen, und weil sie ihren Glauben für tiefergehend halten als jede Tatsache.
- Die Wissenschaftler verzweifeln an den Ideologen, weil die Meinungen und Tatsachen nicht auseinander halten können.
- Die Ideologen verzweifeln an den Wissenschaftlern, weil die sich strikt weigern, sich Meinungen beweisen zu lassen.
- Die Ideologen verzweifeln an den religiösen Menschen, weil die sich nicht überzeugen lassen, da sie ihren Glauben für tiefergehend halten als jede Meinung.
- Die Religiösen verzweifeln an den Wissenschaftlern, weil die aufgrund ihrer Tatsachenorientierung jeglichen Glaubenssätzen unzugänglich sind.
- Die Religiösen und die fanatischen Ideologen verzweifeln an den gewöhnlichen Ideologen, weil die bei der religiösen Propaganda auf Argumenten bestehen und die Religiösen keine Argumente liefern können.
Jedenfalls im modellhaften Kern. Die meisten Menschen denken wie gesagt in Mischformen – es gibt religiöse Wissenschafter, politisch aktive Wissenschaftler, religiöse Parteimitglieder. Die meisten Menschen sind gemäßigt und anderen Denkrichtungen gegenüber offen, nur wenige sind extrem.



Eine kleine Frage zwischendurch, von einem, Ihrer (durchaus nachvollziehbaren) Definition her, eher wissenschaftlich denkenden Menschen: Was wäre die vierte Möglichkeit?
Das Fühlen. Manche Menschen denken mit dem Gefühl. Besonders intuitive Menschen. Wenn Sie zum Beispiel denken: „Jetzt ist der richtige Moment, dies oder jenes zu tun.“ Oder wenn Ihnen Ihr Gefühl beim Betreten eines Raumes sagt: „Hier stimmt etwas nicht.“ Ich kenne Menschen, die sind auf diesem Kanal völlig taub, die tun mir geradezu leid. Kennen Sie bestimmt auch.
Rückfrage:
Sind die Übergänge nicht gerade bei den Wissenschaftlern fliessend? Wir können heute vieles beweisen, wofür früher Menschen verbrannt wurden ;-)
Ja, das denke ich auch. Der Mensch ist vielseitig, die Übergänge sind fließend. Deswegen wirken ja Fanatiker und Fundamentalisten auch so weltfremd auf mich.
Zu den Urteilen im Mittelalter: Die Behauptungen mittelalterlicher Wissenschaftler (Schema: „Wissen“) waren durchaus oft damals schon bewiesen, vor allem in der Astronomie. Allerdings beruht das Denken der Kirche auf dem Schema „Glauben“, unter das die damaligen astronomischen Erkenntnisse nicht gepasst haben. Es ist ja auch nicht so, dass das „Wissen“ eine Erfindung der neueren Zeit ist. Es war schon in der Antike ganz salonfähig.
Heißt: Die Kirche hat die Beweise vieler Wissenschaftler nicht anerkannt, weil sie eben gerade nicht unter das Dach „Glauben“ passten. Die Kirche hat den „Beweis“ an sich nicht gewürdigt. Sie hat diese Forscher im Kern auch nicht dafür bestraft, dass sie etwas bewiesen haben, sondern dafür, dass sie sich nicht dem Schema des Glaubens untergeordnet haben, wonach eben auch Jungfrauen Kinder bekommen, der Mensch die Krone der Schöpfung ist und Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Solche Dinge lassen sich nur mit der Denkkategorie „Glauben“ aufrechterhalten.
Ich denke, in vielen Urteilen des Mittelalters ging es weniger um die Sache selbst als vielmehr um die Macht und die (mangelnde) Bereitschaft von Wissenschaftlern, sich dieser Macht unterzuordnen. So wie in vielen Diktaturen, die ihren Bürgern noch heute das Denken verbieten.
Gut, da hast Du recht. Aber gehen wir mal weg von dem Verbrennen durch die Kirche.
Eigentlich denke ich da auch wieder an etwas anderes ;-)
Z.B. „kann man Sauerstoff und Stickstoff riechen“. Wir Menschen sagen nein, kann man nicht. Behaupten sogar ganz wissenschaftlich, es sei geruchslos. Wie sieht es aber für andere Lebenwesen aus? Die meisten Spezien haben wesentlich feinere Sinneswahrnehmungen als wir. In England gibt es Beagel, die Hautkrebs erschnüffeln. Dies im absolutem Frühstadium. Sie haben eine 99,9%-ige Trefferquote. Würde es die nicht geben, würde der Mensch doch bestimmt behaupten, dass eine veränderte Zelle entweder gar nicht oder nicht anders riecht als eine gesunde.
Ich denke, bei der Wissenschaft müsste oft der Zusatz stehen „nach heutiger Erkenntnis“.
Wissenschaftler waren einmal der Meinung, sogar nach wissenschaftlichen Tests, dass Radioaktivität nach drei Tagen so gut wie verschwunden ist ;-)
@sonja: mein prof sprach immer vom „gegenwärtigen stand des irrtums“. das gefällt mir, weil es realistisch einschätzt und zugleich ansporn ist.
@thilo: das mit dem fühlen finde ich schwierig. das hat weniger mit denkmodi. für mich ist der 4.te modi eher die von dir genannte mischform.
Meinst du echt, Intuition sei die Mischform? Warum?
nein, das war ein missvertsändnis. intuition, wie du sie beschreibst würde ich nicht als denkmodus bezeichnen, sondern aussen vor lassen. der 4.denkmodus könnte aber die besagte mischform der ersten drei darstellen, denn bei hinlänglich komplexen themen (zum Beispiel Sozialstaatsprinzip) kommen sicher alle 3 zum tragen und bestimmen das „Denken“.
Es gab Einen, der versucht hat den Glauben und Wissen miteinander zu versöhnen: Teilhard de Chardin. Ein Blick in seine Werke ist auch heute noch lohnenswert.