Adieu, Berlin!

 

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Endlich Ruhe. Es gibt viele Gründe, Berlin zu verlassen:

Babette H., Mitarbeiterin eines Unternehmens in der Dircksenstraße in Berlin-Mitte, beantragt beim Amt eine Ausnahmegenehmigung für eine Parkvignette der Parkzone 29. Denn Babette H. selbst lebt in Charlottenburg. Das Amt will irgendeine Legitimation, also schreibt ihr Chef Thilo B. eine Bestätigung mit dem Briefkopf seiner Firma: Jawohl, Babette H. arbeitet für uns. Sie erhält ihre Vignette.

Einige Monate später braucht Thilo B. selbst eine Vignette für die Parkzone 29, denn er ist umgezogen. Er will eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Also ruft er die Telefonnummer an, die er vom Bürgeramt Mitte bekommen hat, doch von 8 bis 9 Uhr geht niemand ran. Streik? Betrunken? Weil Handlungsbedarf besteht, setzt sich Thilo B. ins Auto und fährt los. Vom Auto aus versucht er es immer wieder – kein Erfolg. Über die Zentrale gelangt er schließlich zu einem Eingeweihten. Auf die Frage, warum die Frau XY nicht rangehe, erhält er die Antwort: „Die ist bestimmt eine roochen.“ Die raucht aber viel, denkt Thilo B., und merkt an, er hoffe, seine mitgebrachten Unterlagen würden für eine Ausnahme-Vignette ausreichen. Denn sicher will das Amt irgendeine Legitimation. Und in der Tat: Man fragt nach der Firmenanmeldung. Thilo B. erwidert, dass das Unternehmen an einer anderen Adresse gestartet ist und inzwischen zwei Mal umgezogen ist. Der Beamte im Amt ist ratlos. Als sei es das erste Mal, dass ein Unternehmen umzieht. Also soll Thilo B. die Kopie des Mietvertrages der Räume schicken.

Thilo B. wundert sich. Er, der im Falle Babette H. Autorität genug war, um zu dokumentieren, dass sie für sein Unternehmen aktiv ist, muss nun bei derselben Behörde nachweisen, dass sein Unternehmen überhaupt existiert. Logik? Fehlanzeige. Das ist Berlin.

René B., alter Berliner Adel bis zurück ins 16. Jahrhundert, hat einen alten VW-Bus mit Dieselmotor. Nach einigem Hickhack gelang es ihm, einen Rußfilter aufzutreiben und einzubauen, und nun hat der VW-Bus eine grüne Plakette. Seitdem wird der Bus jede Nacht aufgebrochen. Denn während diese VW-Busse ohne Plakette bei Ebay für Peanuts gehandelt werden, bringen sie mit Plakette richtig was ein. René B. ist leider qua Vorschrift gezwungen, die Plakette auch beim Parken sichtbar an die Scheibe zu kleben, und daher häufen sich die Einbrüche. Inzwischen lässt er die Fahrertür einfach offen, um nicht ständig das Schloss auswechseln zu müssen. Zugleich hat René B. seinen Wagen mit einer selbstgebauten und gut versteckten Wegfahrsperre gegen jeden Versuch des Kurzschließen geschützt. Aus René B.s Sicht zwingt ihn das Land Berlin, sein Eigentum als begehrenswert zu kennzeichen. In diesem VW-Bus bedeutet eine Plakette: „Stiehl mich!“. Das ist Berlin.

Thilo B. schrieb der Commerzbank an der Friedrichstraße einen Brief und dachte in seiner Naivität: Weil ich da heute Nacht sowieso vorbeifahre, werfe ich den Brief kurz ein. Doch dort angekommen, suchte Thilo B. verzweifelt nach einem Briefkasten seiner Bank. Der frühere Briefkasten war verschraubt. Auch im Hauseingang des Gebäudes fand er keinen Briefkasten der Commerzbank. Wie bekommt diese Bank ihre Post? Warum macht sie den Leuten das Leben schwer? Also nahm Thilo B. den Brief wieder mit, frankierte ihn und übergab ihn der Deutschen Post AG in der Hoffnung, die fände einen Briefkasten oder brächte den Brief zu Öffnungszeiten in die Filiale. Erklärung der Bankberaterin: Nach zahlreichen Aufbrüchen des Briefkastens müsse man Sicherheitsbriefkästen installieren. Die aber kosteten 8000 Euro, und das könne eine kleine Filiale nicht einfach machen, das müsse „von oben“ kommen. Das ist Berlin.

Zuletzt wohnte Thilo B. am Rand der Parkzone 29, und gegenüber der Torstraße konnten seine Besucher ihre Autos bislang einfach noch abstellen. Nun zwingt auch der südliche Prenzlauer Berg seine Bewohner, unästhetische Wörter wie „Parkraumbewirtschaftung“ für normal zu halten, und Besucher mit Auto dürfen bezahlen. Es ist nun für Menschen von auswärts kaum möglich, Thilo B. unbürokratisch zu besuchen, denn ständig müssten sie Parkscheine ziehen. Wie schon in der Dircksenstraße, müssten sie fortan auch in der Torstraße den Raum ihrer kreativen Gehirne für die wirren Gedanken von Behörden verschwenden, deren einziger Sinn darin zu bestehen scheint, den Menschen das Leben möglichst schwer zu machen.

Thilo B. hat Berlin nun verlassen. Er ist der Meinung, dass die Menschen in dieser Stadt sich immer stärker blockieren. Behörden und manche Unternehmen fördern die Menschen nicht, sondern werfen ihnen Steine in den Weg und zwingen sie, sich um immer mehr Kleinkram zu kümmern. Der wirtschaftliche Misserfolg dieser Stadt ist dieser Politik geschuldet: Sie verliert sich in Details, sinnwidrigen Vorschriften und absurden Regeln, und sie schreckt all jene ab, die aus anderen Städten dieser Welt pragmatisches Handeln gewohnt sind. Berlin ist piefig, und es will offenbar so sein.

PS: Mein Auto hat nun ein Provinznummernschild. Mein Fahrstil dagegen ist derselbe geblieben. Ich fahre stresslos und ruhig, und ich verstehe die Hektiker nicht, die zu spät losfahren und dann Panik verbreiten. Mit B-Nummernschild hatten die Berliner meinen Fahrstil noch akzeptiert: Die Mehrheit fährt schließlich im gleichen ruhigen Stil wie ich, und die Minderheit der Auto-Aggressiven ließ sich durch das Riesen-Auto einschüchtern.

Nun ist das anders: Die Aggressionen gegen mich im Berliner Stadtverkehr nehmen zu. Man schneidet mich, um mir zu beweisen, dass ich zwei Meter weniger Abstand hätte halten können; man hupt, wenn ich nicht sofort bei Rotgelb losfahre. Der Minderwertigkeitskomplex vieler zu kurz gekommener Berliner ist beeindruckend – mit Provinznummer kommt er zum Vorschein.

12 Kommentare zu „Adieu, Berlin!“

  1. Stefan Frädrich

    :-) :-) :-) !!!

  2. holgi

    1999 hatte ich mir einen gebrauchten Wagen gekauft und weil der KfZ-Brief abhandengekommen war und neu ausgestellt werden musste, bin ich einige Wochen mit OPR-Nummer rumgefahren.
    Neben den überheblichen Fahrmanövern der B-Kennzeichen gab es auch immer sehr unangenehme Pöbeleien. Gerne von Leuten, die schon tagsüber besoffen mit dem Rad unterwegs waren und es für angebracht halten, andere durchs offene Schiebedach zu belehren, dass sie „ßuhause jeh‘n soll‘n, wennse inne Stadt ni‘ fah‘n könn‘“.
    Fussgänger verhalten sich auch anders, legen ihren „iih… Umland“-Blick auf, schnauzen einen eher an, wenn man mal einen Fehler macht und ignorieren bei auswärtigen Kennzeichen auch gerne mal elementare Verkehrsregeln.

    Und ich habe all die Jahre gedacht, ich hätte mir das alles nur eingebildet.

    Es scheint sich in den vergangenen zehn Jahren nicht sonderlich viel geändert zu haben in der Stadt, die angeblich dauernd im Wandel ist.

  3. Cujau

    Na ja! Provinzler unter sich! MOL, LOS, BAR, TF, LDS, OPR – alles keine Tiefergelegten! Uaaaaaah! ALLES IDIOTEN, diese Berliner! Toll! Wow! Mehr davon!

  4. Cujau

    Werde als Berliner andauernd angehupt. So what?! Relaxen. Einwohner pro Quadratkilometer in Berlin 3800, in Brandenburg 86. Bei der dann auch höheren Bewohnerzahl von Berlin (3,4 Millionen) gegenüber Brandenburg (2,5 Millionen) ist klar: Die Idiotendichte der Bundeshauptstadt *muss* einfach höher liegen. Was das heißtz: Man gerät im Großstadtdschungel wegen der Verteilung schneller an diese unbegreifbaren Menschen. Was das nicht sagt, steht weiter oben.

  5. Scarlettt

    Hmm Das wirklich krank. Aber das schlimme ist nur, das Berlin da keine Ausnahme, oder einen besonderen Stellenwert in der Ideotie eingenommen hat, sondern höchstens das Fähnlein hällt. Ich bin teilweise überascht gewesen, wie wenig Umstände ich in Berlin im Vergleich, zu den Städten in denen ich davor wohnte hatte. Aber warscheinlich bin ich nur nicht soo Berlin geschädigt…

    Die Behörden sind fast überall gleich… zumindest meine Erfahrung. Aber die Bewohner einer Stadt nirgendwo so sehr provienziell wie in Berlin!

  6. holgi

    In Frankfurt ist auch ständiges Hupkonzert. Da geht es aber nicht gegen Auswärtige, sondern gegen Schwächere. Aber auch nur bei Autos untereinander. Fussgänger und Radfahrer werden da erstaunlich rücksichtsvoll behandelt.

  7. Cujau

    „Die Behörden sind fast überall gleich… zumindest meine Erfahrung. Aber die Bewohner einer Stadt nirgendwo so sehr provienziell wie in Berlin!“ (Scarlettt)

    Kommt davon, dass Berlin von lauter Provinzlern überschwemmt wurde … seit es dieses Gebilde gibt … Provinz produziert Provinz …

  8. stralau

    Daß wir bei Dir einen so schlimmen Eindruck hervorgerufen haben, tut mir leid. Ich wars nicht mit dem Hupen, echt. Der öffentliche Dienst hat in manchen Bereichen ziemliche Probleme, da haste recht. Ich verlasse ihn gerade als Angestellter und bin froh drum. Ich hätte aber bis eben vermutet, daß das in anderen Großstädten ähnlich ist (aufm Dorf, wo jeder jeden kennt, ist das anders, ja).

    Es wundert mich aber ein bißchen, daß Du Dir einerseits mehr Verständnis und Miteinander wünschst und andererseits als Ursache Deiner Probleme ausschließlich bei den Stadtbewohnern siehst. Ich habs in Stuttgart ja auch nicht ausgehalten, aber zu einer gescheiterten Beziehung gehören zwei Seiten.

  9. Herr Doktor Focks

    Lieber Herr Thilo B.,

    schön, wie sie sich so über Kleinigkeiten echauffieren können. Mit solchen Dingen muß sich schließlich jeder Großstadtbewohner herumplagen.

    Wenn die geschilderten Lappalien allerdings schon ausreichen, um dem Moloch Berlin den Rücken zu kehren, dann halte ich das eher für eine Flucht vor sich selbst als vor der Stadt Berlin.

    Trotz allem wünsche ich angenehme Stunden in WoauchimmervordenTorenBerlins.

  10. Thilo

    Herr Doktor Focks: Vielleicht sollten die Leute besser vor Ihnen flüchten? Genannte Dinge sind nur ein Pars-pro-toto für jede Menge Lappalien, heute könnte ich wieder zwei nachreichen. Hätte ich nur nicht diese Allergie gegen Dummheit, hielte ich es in Berlin gewiss aus. ;-)

    stralau: Gratulation zur Escape-Taste aus dem nine-to-five-Hamsterrad. Wünsche gutes Gelingen, was auch immer jetzt geschieht. Und: Ja, es gehören zwei Seiten zu einer gescheiterten Beziehung, und Berlin scheitert in meiner Wahrnehmung seit Jahren.

  11. Sigrun

    Erfahrung in Stuttgart: 1x pro Woche die Mülltonne nass säubern.
    Erfahrung in Ulm: Das Wichtigste bei der Kehrwoche: Man muss dabei gehört oder gesehen werden!

    Hier im Allgäu ist das nicht wirklich ein Thema. (Allerdings ländliche Gegend!) Aufatmen pur!

  12. Thilo

    Österreich? Uruguay?

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