Besser essen – das Buch zur Sendung

 

Ein Kochbuch, das nur zur Hälfte aus Rezepten besteht? Leidenschaftlichen Köchen und Gerne-Essern mag das seltsam erscheinen, doch bei näherem Hinsehen und Lesen erweist sich das Konzept als absolut sinnvoll: Bevor wir erfahren, wie wir Hähnchenbrust mit Rucolafüllung oder gemischtes Gemüse mit Thunfisch zusammenzaubern, geht es durch die Ernährungslehre, durch die Chemie der Zusatzstoffe und die Unternehmenspolitik der Lebensmittelkonzerne. Denn nur wer die Hintergründe kennt, weiß, wie man sich wirklich gesund ernährt.

Eine Belehrungsarie? Wozu das? Keine Sorge: In ihrem Buch „Besser essen – leben leicht gemacht“ (herausgekommen zur gleichnamigen Pro7-Sendung) geht es den Autoren Nicola Sautter und Stefan Frädrich nicht um Besserwisserei. Sondern sie zeigen nüchtern, sachlich und ohne jede Ideologie, dass das überwiegende Nahrungsmittelangebot in unseren Supermärkten kaum dazu geeignet ist, Menschen gesund zu ernähren. Und dass der Verkauf von schädlichen Nahrungsmitteln sogar zur Unternehmenspolitik mancher Hersteller gehört, etwa wenn es darum geht, Kindernahrungsmittel mit überflüssigen Zusatzstoffen zu verkaufen.

Gesunde Ernährung ist weit weg vom langweiligen Leben genussfeindlicher Öko-Freaks. Vielmehr macht sie richtig Spaß, denn gesunde Ernährung steigert das Wohlbefinden. Und ein solches Buch über gesunde Ernährung ist auch deshalb nötig, weil wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vergessen haben, dass es gesunde Ernährung überhaupt gibt. Wer die rund 70 Seiten Hintergrundinformationen über Ernährung und Nahrungsmittelindustrie gelesen hat, …

- wird kaum noch Fertigprodukte kaufen, denn viele sind schädlich.
- wird sich fragen, warum Hersteller ungesunder und schädlicher Nahrungsmittel nicht zur Verantwortung gezogen werden.
- Wird sich fragen, warum Werbung für angeblich gesunde Kinderprodukte nicht ebenso verboten wird wie Tabakwerbung.
- hat verstanden, dass Einkauf und Zubereitung gesunder Nahrung weder teurer noch zeitraubender sind als Einkauf und Zubereitung von Trashfood.
- wird abnehmen bzw. nicht zunehmen, weil er nicht mehr in die Fallen tritt, die die Nahrungsmittelindustrie aufstellt.

Fallen? Ja, zum Beispiel die Zuckerfalle!

Besonders eindrücklich ist die Geschichte von Katharina, achte Klasse Realschule. Ein XXL-Kind dank Zuckerfalle. Statt Frühstück ein Glas Tee aus Teegranulat (darin viel einfacher Zucker, dadurch produziert die Bauchspeicheldrüse Insulin, wodurch der Zucker in den Zellen landet und der Blutzuckerspiegel wieder fällt). „Zu Beginn der zweiten Stunde bekam Katharina einen Bärenhunger“ (einleuchtend aufgrund des Zuckerschocks am Morgen, aber für Katharina und die meisten anderen Menschen in Deutschland unerklärlich). Also isst Katharina etwas, und zwar – genau – einen Schokoriegel. Folge: Die Zuckerfalle schnappt wieder zu, und Katharina frisst in der Pause den nächsten Schokoriegel. Zur großen Pause gibt es ein helles Weizenbrötchen (billige Kohlenhydrate, ergo Zucker) mit Leberkäse (viel Fett, das mit Hilfe des dank Zucker ausgeschütteten Insulins ebenso in den Zellen landet – also auf der Hüfte), und dazu eine Cola (viel Zucker, der die nächste Zuckerfalle aufstellt). Nach der Schule knurrt logischerweise Katharinas Magen, und sie gönnt sich eine Pizza (Weizenteig = einfache Kohlenhydrate, die wie Zucker wirken, plus Salami = Fett, der dank Zucker/Insulin mit dem Zucker auf der Hüfte landet). Am Nachmittag mit den Freundinnen noch einige Schokobonbons (Zucker + Fett) und einen Döner (billige Kohlenhydrate + Fett) – und dann der Frust, dass es wegen des schlanken Schönheitsideals kaum passende Klamotten für XXL-Mädchen gibt, was wieder zum Fressen verführt.

Katharina weiß nicht, dass Zucker nach einer Suchtdynamik funktioniert. Die wenigsten Menschen wissen es. Nicht einmal Raucher wissen üblicherweise, dass das Bedürfnis „Ich brauche eine Zigarette“ von der jeweils vorigen Zigarette kommt. Ebenso kommt das Verlangen nach Zucker vom Zucker. Wer das nicht weiß, unterbricht die Kettenreaktion nicht, weil er fürchtet, dass ihm fortan etwas fehlt. Aber in Wahrheit – und das haben Zucker und Nikotin gemeinsam – haben nur die Leute das Verlangen nach diesen Stoffen, die in solchen Kettenreaktionen gefangen sind. Wer keinen Zucker isst, empfindet bald eine Banane als sehr süß.

Also wie dann essen? Ganz einfach: einfach! Weg von den industriell verarbeiteten Lebensmitteln, hin zu den Grundbestandteilen. Dinge essen, die in gewisser Weise nicht mehr teilbar sind, die also in ihrer reinen Form in der Natur vorkommen:

- Ein Apfel ist ein Apfel. Er ist mehr als nur ein Träger von Vitaminen. Denn – so das Buch – die Natur hat ihn nach den Gesetzen der Arterhaltung optimal konstruiert, so dass er attraktiv ist für Tiere, die damit die Fortpflanzung des Apfels ermöglichen.
- Salat, der aus lauter unteilbaren Dingen besteht (Blattsalat, Tomate, Gurke, Champignon, Essig, Öl, Salz, Pfeffer). Finger weg von so genannten „Dressings“ – sie enthalten meist Zucker. Zum Salat kein Brot dazu – es wirkt wie Zucker.
- Brot selber backen. Hefe, hochwertiges dunkles Mehl, Salz, Wasser. Viele Industriebrote enthalten Zucker – wie die meisten Produkte, die man heute beim Bäcker bekommt.
- Forelle, Lachs, Heilbutt: Fische mit guten Fetten, dazu Gemüse – und das ohne Brot, Nudeln, Reis oder Kartoffeln, denn diese wirken wieder wie Zucker.
- Mageres Fleisch (Huhn) in Kombination mit Gemüse.
- Oder eben reine Kohlenhydratessen ohne Fett: Nudeln mit selbstgemachter Tomatensauce (Tomaten, Salz, Pfeffer) oder eine der vielen möglichen Mahlzeiten aus Reis, Nudeln oder Kartoffeln kombiniert mit Zuchini, Aubergine, Tomaten, Spinat, Mangold, Kohlrabi, Fenchel, Schwarzwurzel oder einem anderen Gemüse. Gerade am Gemüsestand gibt es viele tolle Neuentdeckungen für bisherige Trashfood-Esser.

Was neben den ansprechenden Rezepten besonders erfreut, ist, dass dieses Buch (19,95 Euro) zu einer Sendung auf einem werbefinanzierten TV-Sender erscheint und dass die Sendung sponsored bei Kaiser’s/Tengelmann ist. Es könnte einer der ersten wichtigen und richtigen Schritte sein, in einem kommerziellen Umfeld die Vernunft zu multiplizieren, auch wenn das manchem Industriezweig nicht passt. Doch wenn die Verbraucher erkennen, dass gesunde Ernährung billiger, einfacher und besser fürs Wohlgefühl ist als das Verschlingen von Mischprodukten, deren Inhaltsstoffe nur noch mit einer Brille fürs Kleingedruckte und einem Lebensmittelchemie-Studium fürs Verständnis nachvollziehbar sind, dann erkennt die Nahrungsmittelindustrie bestimmt bald einen neuen Markt und besinnt sich wieder aufs Wesentliche.

Das Buch gibt’s hier.

Ein Kommentar zu „Besser essen – das Buch zur Sendung“

  1. Thilo

    Nachtrag: Gedanke zur präventiven vs. kurativen Herangehensweise des Medizinbetriebs an die Sache.

    Kommt ein Übergewichtiger mit Herzproblemen zum Arzt, verschreibt der ihm ein Herzmedikament. Kommt ein Raucher mit Asthma zum Arzt, verschreibt der ihm ein Asthma-Spray.

    Und schreibt die „Berliner Zeitung“ eine Story über Kräuterzigaretten (4.1.07 S. 15), dann fragt die Journalistin zum Thema Aufhören das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg – und erhält eine Antwort, die nichts mit dem Aufhören zu tun hat, sondern mit den Folgen des Rauchens, dass nämlich auch Kräuterzigaretten nicht gesund seien.

    Dabei ist es so einfach, zwischen Prävention und Heilung zu unterscheiden: um jemandem zu sagen, wie er gesund lebt, braucht man kein Arzt zu sein. Ärzte brauchen wir erst dann, wenn die Prävention versagt, und das tut sie in Deutschland ganz heftig.

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