„Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von Richard David Precht verspricht viel, ist aber weitenteils enttäuschend. Ich vermisse darin die Praxis, das Konkrete und Anwendbare.
Relativ weit am Anfang, auf Seite 14, wirft Precht den Gedanken in den Raum, unser Wirtschaftssystem beruhe auf Egoismus und Eigennutz. Ein altbekannter Kritikpunkt, den wir aber vielleicht hinterfragen sollten: In der Wirtschaft werden wir vor allem dann erfolgreich, wenn wir anderen Menschen helfen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. „Hilf anderen, ihre Bedürfnisse zu decken, dann wirst du deine von ganz alleine decken“, sagt der US-Autor und Trainer Anthony Robbins. Wirtschaft ist nicht an sich egoistisch. Sie beruht im Kern darauf, den anderen etwas zu geben, was sie brauchen. Diesen wesentlichen Gedanken, der uns helfen kann, weniger egoistisch zu denken, finde ich in dem Buch leider nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass ich oft zehn, zwanzig, dreißig Seiten überfliege, weil mein Gehirn-Scanner nur theoretische Gedanken screent und sie als abseitig und unwichtig erkennt. Precht zieht Details heran, um Details zu belegen, ich lese jede Menge Namen von Philosophen und Wissenschaftlern, einen intelligenten, aber unwichtigen Diskurs über die Sprache, irrelevante Tierbeispiele mit Schimpansen und akademischen Fragen (sind sie nun definierbar oder nicht?), und auch ansonsten lese ich viel Abseitiges, was möglichst nicht aus unserer eigenen Erfahrungswelt und Praxis stammt („Die Katze des Yogis“).
So wird das Buch für mich zu einem rein akademischen kulturhistorischen und anthropologischen Rundumschlag, der uns mit sehr vielen Worten und Zitaten sehr vieler Wissenschaftler zahlreiche beliebig scheinende Nischenbeispiele aus der großen Welt dafür liefert, warum wir so sein könnten, wie wir sind. Hätten wir in unserer verfahrenen gesellschaftlichen Lage Zeit für solche intellektuellen Diskurse, wäre das ja alles hübsch für lange Winterabende. Aber ich fürchte, wir brauchen heute dringend Konzepte, um diese fatale Entwicklung aufzuhalten, die Precht anreißt.
Zugleich finde ich immer wieder spannende Passagen, an denen ich hängen bleibe – beispielsweise über die Motivation von Politikern, das Volk zu ignorieren. Das Gehirn meldet: „Stimmt! Endlich formuliert es mal jemand treffend!“ Da ist Precht genial. Zugleich frage ich mich: Was folgt denn nun daraus? Was bedeutet es? Wie können wir dem Problem der mangelnden Empathie denn nun entgegensteuern? Konkret? Im Job? In der Politik? Ich finde keine Antwort. Selbst die Antwort auf die Frage des Untertitels „Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält“ finde ich nicht explizit. Warum denn nun? Was denn nun? Statt klar zu antworten, schlägt Precht in der Tat „einen weiten Bogen“, wie es sogar der Klappentext zugibt.
Insofern ist das Buch wunderbar für Intellektuelle, die sich philosophisch gerne das Hirn zermartern, weil sie dabei (wie egoistisch!) ein gutes Gefühl haben. Es sagt den Gutmenschen, sie haben Recht, okay. Aber weiter? Es bringt den allermeisten Menschen auf der Straße nicht unbedingt etwas. Das Buch macht keinen Spaß, wenn man Ansätze sucht, wie wir konkret altruistische Praxis anwenden können, um unsere Gesellschaft zu retten. Das Buch berührt viel zu wenig den Alltag der Menschen heute. Dafür ist es zu theoretisch. Auch wenn es mir an vielen Stellen einen Lesegenuss bereitet – doch solange ich mit dem Gelesenen nicht die Welt retten kann, ist ja auch dieser Lesegenuss purer Egoismus, aus dem nichts Wesentliches folgt.
Fazit: Trotzdem kaufen und das lesen, was einen darin interessiert. Ein Muss ist das Buch alle Mal. In den mehr als 500 Seiten sind durchaus sehr viele lohnende Passagen zu finden. Man muss sie halt suchen.



Zitat
In der Wirtschaft werden wir vor allem dann erfolgreich, wenn wir anderen Menschen helfen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. „Hilf anderen, ihre Bedürfnisse zu decken, dann wirst du deine von ganz alleine decken“…
Zitatende
Precht bezieht sich selten so allgemein auf Wirtschaft, sondern eher auf konkrete Umstände. Z.B. auf die Finanzkrise 2008 oder auf die bemerkenswerte Verhältnis zwischen Managergehältern und der Bezahlung der normalen Mitarbeiter. Schaut man sich die konkrete Wirtschaft an, dann erkennt man – wie Precht – dass nicht unbedingt diejenigen erfolgreich sind, die anderen helfen wollen. Nach dem kritisierten Modell (unsichtbare Hand, Adam Smith) handelt die Einzelnen sowieso nicht mit dieser Zielsetzung, aber der Markt wird’s schon richten. Precht arbeitet aber heraus, dass der Markt auf Voraussetzungen beruht, die er selbst nicht schaffen kann.
Das klingt theoretisch, hat aber eine enorme praktische Bedeutung. Wenn die Menschen diese Voraussetzungen nicht selbst sichern, dann gibt es im Markt keine Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Bedürfnisse „der anderen“ angemessen berücksichtigt werden. Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schonung war sowieso nie in diesem Modell thematisiert worden.
Zitat
Insofern ist das Buch wunderbar für Intellektuelle, die sich philosophisch gerne das Hirn zermartern, weil sie dabei (wie egoistisch!) ein gutes Gefühl haben. Es sagt den Gutmenschen, sie haben Recht, okay. Aber weiter? Es bringt den allermeisten Menschen auf der Straße nicht unbedingt etwas.
Zitatende
Möglicherweise könnte man das auch anders sehen, denn wenn die nächste Krise der Finanzmärkte kommt, dann werden die Menschen auf der Straße (in der langen Schlange vor dem Bankschalter) erkennen müssen, das die unsichtbare Hand, dann doch nicht funktioniert hat.