Abschuss? Absprung!

 

Und es hat wieder einen erwischt. Ein Freund, seit Jahren fest angestellt in einem Konzern, wird vor vollendete Tatsachen gestellt: Rainer (Name geändert) soll seinen Posten verlassen und eine neue, in jeder Hinsicht anspruchslosere Aufgabe übernehmen – alles in positives Manager-Geschwätz verpackt von wegen „neue Herausforderung“ und andere Nichtigkeiten. Aus der Chefetage heißt es, es gebe keine Diskussion, die Entscheidung sei gefallen.

Und das passend zum Führungsstil des Hauses auch ohne Rücksprache mit Rainers direktem Vorgesetztem, der auf Rainer große Stücke hält, gerne weiter mit ihm gearbeitet hätte und ob der Entscheidung traurig überrascht ist. Da Rainers Arbeitsvertrag sehr allgemein gehalten ist, ist das Management arbeitsrechtlich auf der sicheren Seite und kann ihn je nach Laune herumschieben.

Für mich ist Rainer ein Freund, für seinen Boss ist er Humankapital. Rainer und seine Kollegen sind – neben Grundstücken, Zeit und Geld – Manövriermasse des Unternehmens. Rainer ist eine Möglichkeit zur Investition. Und jeder Unternehmer wird sein Kapital dort einsetzen, wo es seiner Ansicht nach am effizientesten arbeitet. Ebenso schieben Manager Menschen wie Rainer herum. Nur dass Rainer – anders als Grundstücke, Zeit und Geld – Gefühle hat.

Mitarbeiter herumzuschieben oder auch zu kündigen mag ein übliches Procedere sein – in anderen Läden sind Tausende von solchem Stil betroffen. Doch rechtfertigt das massenhafte Auftreten von unanständigem Verhalten nicht das unanständige Verhalten. Und es widerspricht dem Anstand, dass ein Manager von solchen Umschiebungen betroffene Untergebene nicht vorher nach ihrer Meinung fragt, zumal wenn man sich seit Jahren persönlich kennt und ohne dass was vorgefallen ist. Es zeugt von mangelnder Ethik, von menschlichem Versagen. Von einem niederen Verständnis für Menschen. Ich empfehle niemandem, in einem Laden zu arbeiten, der einen solchen Chef hat.

Und es scheint mir, als sei eine solche Haltung auch für das Unternehmen schädlich: Wer mit seinen Leuten so ignorant und arrogant umgeht, wird es wirtschaftlich spüren. Auf seinem alten Posten hat Rainer hervorragende Arbeit geleistet, auf dem neuen Posten wäre er demotiviert – würde er das Spiel seines Bosses mitmachen. Merkwürdigerweise höre ich aus allen möglichen Großunternehmen, die derzeit nicht durch glänzende Bilanzen auffallen, dass auch sie ihre Leute mit Füßen treten. Auch die Entscheidungen und der Führungsstil von Rainers Boss sind in Branchenkreisen nicht als die erfolgreichsten und besten bekannt. Rainers Boss ist kein Gewinnertyp, das zeigt sich auch an einigen unklaren Punkten seiner bisherigen Karriere. Und weil Menschen von sich auf andere schließen, glaubt Rainers Boss, Rainer habe ebenso wenig Format wie er und werde sich das Spiel gefallen lassen.

Rainers Boss handelt wie viele andere Manager in Unternehmen auch. Nach außen hin tun sie stark und ethisch – viele Konzerne treten mit Hochglanz-Werbung und perfekten Versprechen auf, doch nach innen gleichen sie Nordkorea. Ebenso wenig, wie sich in Diktaturen Nobelpreise häufen, entwickelt sich in autokratisch geführten Unternehmen kreativer Geist – Gedankenrestriktion und Arroganz führen vielmehr zur geisten Verarmung. Der eine oder andere florierende Mittelständler dagegen zeichnet sich durch zum Teil äußerst kooperativen Führungsstil aus, und ich wittere einen Kausalzusammenhang.

Mittelständler haben von Hause aus einen anderen Bezug zu jeder Form von Kapital, weil ihnen ihre Firma gehört – anders als Konzernmanager, die mit fremdem Kapital jonglieren, daher weniger Verantwortung spüren und oft von Konzern zu Konzern ziehen, sich wie Maden im Speck vollfressen und entsprechenden Flurschaden hinterlassen. Leider scheinen viele Konzernmanager die Alternative im Sinne mittelständischen Verantwortungsbewusstseins nicht zu sehen, weil sie durch ihren Hintergrund nicht in menschlichen, sondern in rein betriebswirtschaftlichen Kategorien denken. Zum Glück sind es immerhin die Mittelständler, die die meisten Arbeitsplätze in Deutschland stellen.

Wer hat noch mal gesagt, Festanstellungen seien sicher? Lüge. Wie soll es denn sicher sein, wenn man sein Leben und seine Existenz in die Hände unfähiger Manager legt? Die Sicherheit der Festanstellung ist eine Weisheit aus längst vergangenen Zeiten. Wir arbeiten heute nicht mehr über Jahrzehnte beim gleichen Arbeitgeber, sondern wir wechseln. Zum einen, weil wir selbst verschiedene Erfahrungen machen möchten – es ist ein Element der Selbstverwirklichung zu erkennen, dass der Arbeitgeber nicht der Nabel der Welt ist. Und dann auch, weil wir manchmal wechseln müssen – man wird betriebsbedingt gekündigt, der Chef mag unsere Nase nicht mehr. Und wenn uns einer loswerden will, dann wird er uns los. Ist man inzwischen 54 und hat Familie und Haus im Grünen, ist es schlicht Pech, wenn man sein Schicksal von der Willkür irgendwelcher Konzernmanager abhängig gemacht hat. Das sollte man nicht tun. Man sollte sich möglichst früh selbstständig machen, denn nur wer sein Leben selbst in der Hand hat, kann für Sicherheit sorgen.

Ein Unternehmen zu verlassen, weitet den Blick ungemein. Wer von der Lufthansa kommt, sagt mit der Zeit nicht mehr „bei Lufthansa“, sondern wird bald wieder „bei der Lufthansa“ sagen, wie es die Leute auf der Straße tun. Menschen, die Unternehmen verlassen, streifen unternehmensinterne Codes ab, sie bekommen ihre Seele zurück und werden wieder Mensch. Sie sagen wieder die Wahrheit und sprechen, sofern sie aus Bereichen wie dem Marketing kommen, möglicherweise sogar irgendwann wieder Deutsch. Die Perspektive normalisiert sich, und man kann mit ihnen wieder normal reden.

Rainer hat immer normal geredet, er wird das weiter tun, und darin liegt seine Stärke. Rainer ist authentisch, er ist klar, und er ist darum nicht auf Dauer verwendbar als lemminghaftes Zahnrad. Rainer ist ein Zeichen dafür, dass Angestellte in Konzernen gar keine Macher-Typen sein können, sondern dass die Zukunft der wirklich interessanten Leute jenseits der Festanstellung liegt. Darum wünsche ich Rainer mit bestem Gefühl einen guten Absprung und viel Erfolg mit seinem Leben in der eigenen Hand. Es liegt nicht an Rainers Kompetenz, dass er gehen muss. Darüber sollte er sich klar sein. Will er auf Basis seiner Kompetenz sein Leben aufbauen, bleibt ihm letztlich sowieso nur die Selbstständigkeit, zumal es in Konzernen und ihren Abteilungen dumme Chefs gibt, die Kompetenzen von Menschen nicht richtig einschätzen. Und er möge sich auf die Selbstständigkeit freuen! Geschäftsideen gibt es viele – Rainer möge sich diesbezüglich um die Zukunft keine Sorgen machen.

Akut wichtig ist die Gegenwart: Rainers Gefühle sind Frust, Wut, Trauer und Verletztheit – Empfindungen, die der Vergangenheit entspringen, für die er in dieser Form nicht die Verantwortung trägt. Es sind Gefühle, die aus dem Alltagsempfinden herrühren, ein Angestellter zu sein und damit vom guten Willen anderer abhängig. Dass das Glück nicht in fremden, sondern in seinen eigenen Händen liegt, hat Rainer in den Jahren als Angestellter nicht erfahren können, daher ist ihm der Gedanke fremd, aber er wird ihm bald vertraut sein. Wenn es Rainer gelingt, diese negativen Gefühle der Verletztheit umzuwandeln in positive Gefühle des Aufbruchs, und wenn er seinen sorgenvollen Blick von der Vergangenheit und ihrer Abwicklung abwendet auf eine zuversichtliche Perspektive nach vorn richtet, dann wird er daraus in kürzester Zeit ungeahnte Kraft schöpfen – und die Manager Nordkoreas verlieren alle Macht über ihn. Ich wünsche Rainer, dass er diesen Wechsel im Denken und Empfinden schneller hinbekommt als ich damals bei meinem Übergang vom Angestellten zum Selbstständigen – was hatte ich Bedenken, die sich im Nachhinein in Luft aufgelöst haben. Ein erfolgreicher Selbstständiger wird Rainer sowieso.

Ich sage schon mal wie schon mal: Welcome to the club!

3 Kommentare zu „Abschuss? Absprung!“

  1. Marcel Widmer

    Auch wenn’s „Rainer“ in der aktuellen Situation wenig helfen wird: Auf lange Sicht bekommt das Unternehmen die Quittung, davon bin ich überzeugt!

  2. Thilo

    Der Vollständigkeit halber hier noch ein Link:
    http://wirnennenesarbeit.de

  3. Frank

    Ich fürchte, die Herren Manager werden es nie begreifen, daß sie sich selbst in den Fuß schießen mit einer solchen Personalpolitik. Siehe auch den aktuellen Fall der Telekom. Ich wünsche Rainer jedenfalls alles Gute auf dem neuen Weg.

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