Kann sich jeder selbstständig machen? Jochen Mai, Leiter des Wirtschaftswoche-Ressorts „Beruf + Erfolg“ und Buchautor („Die Karrierebibel“) mit Thilo Baum im Interview zum Thema Know-how für beruflichen Erfolg.
Thilo Baum: Was bringt jemanden dazu, in einem Blog die 100 wichtigsten Gesetze, Effekte und Methoden zusammenzufassen?
Jochen Mai: Pure Neugier. Schon bei den Recherchen zu meinem ersten Buch sind mir einige bemerkenswerte Effekte mit zum Teil kryptischen Namen aufgefallen, die ich dann auch gleich im Buch verarbeitet habe. Bei meinem zweiten Buch waren es noch mehr. Irgendwann war dann mein Jagdtrieb geweckt, und ich wollte wissen, ob es nicht noch mehr Effekte, Gesetze oder Phänomene gibt, die uns im Alltag begegnen, deren Namen aber kaum jemand kennt. Und tatsächlich: Es gibt sie, über 100 habe ich schon gesammelt – und ich sammle weiter. Das ist wirklich ein spannendes Feld – fast schon Stoff für ein weiteres Buch.
Warum sind Sie ein solcher Freund von Listen?
Was meinen Sie mit „solcher“? Ich finde Listen praktisch. Sie sind eine bewährte journalistische Form, Informationen aufzubereiten. Eine, die bei Lesern gut ankommt, weil sie sortiert und priorisiert, weil sie Komplexität verringert und sich die Inhalte so leichter verarbeiten und merken lassen.
Ihr Buch „Die Karriere-Bibel“ befasst sich mit Möglichkeiten, beruflich erfolgreich zu werden. Meiner Erfahrung nach sind viele Menschen in Deutschland sehr unzufrieden mit ihren Jobs, andere fühlen sich hochgradig unsicher. Was würden Sie raten?
Das lässt sich so pauschal nicht beantworten, deshalb hat das Buch ja auch 448 Seiten. Davon abgesehen muss man aber erst einmal herausfinden, warum einer unzufrieden oder unsicher ist. Oftmals ist das ja nur ein unbestimmtes Gefühl. Solche Emotionen sind wechselhaft und trügerisch, an einer gründlichen Analyse kommt so jemand deshalb nicht vorbei. Angenommen, die Unzufriedenheit im Job liegt daran, dass man einen Beruf ausübt, den man gar nicht mag, dann sollte man herausfinden, was man stattdessen mag und ob es diesen Job etwa im eigenen Unternehmen gibt – oder wie der Traumjob überhaupt aussieht und wo er noch existiert.
Können Menschen ihre Jobs selbst bestimmen? Wie?
Zunächst einmal können sie bestimmen, wo sie ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Das ist von allen beruflichen Entscheidungen die weitreichendste. Damit legen Sie natürlich auch einige Arbeitsinhalte fest. Ich bin Journalist, mein Arbeitgeber bezahlt mich nicht für das Verkaufen von Herrenoberbekleidung. Das setzt meiner Tätigkeit natürlich Grenzen. Innerhalb dieser kann aber jeder seinen Beruf durchaus prägen und mitgestalten – vorausgesetzt, man will das auch. Ich betone das deshalb, weil das meist Mühe kostet, es führt zuweilen zu Konflikten, manchmal auch zum Jobverlust. Aber es ist selbstbestimmtes Handeln. Wir haben bei der WirtschaftsWoche immer wieder mal Menschen porträtiert, die nach einem schweren Unfall zum Beispiel im Rollstuhl saßen – und trotzdem erfolgreich Unternehmen gegründet haben. Es gibt schwerbehinderte Manager. Wir haben sogar einen nahezu tauben Chefarzt gefunden. Stellen Sie sich das mal vor! Der hat sein Examen mit Lippenlesen geschafft, obwohl er zum Beispiel eine klassische Untersuchung gar nicht machen kann: das Abhören mit dem Stethoskop. Er hat eine Lösung dafür gefunden. Was ich damit sagen will: Jeder kann aus seiner Situation, seinem Beruf etwas machen. Er muss nur wissen, was er will – und danach handeln.
Und wie lassen sich Veränderungen im Job, am Arbeitsplatz bewerkstelligen?
Denken Sie an den schon erwähnten Frust im Job. Vielleicht liegt das an den Kollegen. Dann könnte der Betroffene zunächst sein eigenes Verhalten hinterfragen, oft lassen sich so schon Reaktionen im Kollegenkreis beeinflussen. Oder derjenige beschließt, die Abteilung oder gar das Unternehmen zu wechseln. Was die Unsicherheit anbelangt: Ich kann das in diesen Zeiten gut verstehen. Viele Manager sind selbst orientierungslos und vermitteln keine klare Linie, die Stabilität und Sicherheit gibt. In diesem Fall hilft aber nicht, darauf zu warten, dass andere einem die nötige Sicherheit verschaffen. Das kann man nur selbst. Ein Alternative ist, weniger Sicherheit aus dem beruflichen Umfeld und dafür umso mehr aus dem privaten Umfeld, der Familie, den Freunden zu beziehen.
Warum vermitteln Manager diese wichtigen Signale Ihrer Ansicht nach nicht?
Vermutlich, weil sie selbst orientierungslos sind. Manager sind ja auch keine Übermenschen – auch wenn viele sie dazu gerne stilisieren. Natürlich sollte jemand, der andere führt, selber wissen, wo es langgeht. Sie können ihn aber nicht dafür verantwortlich machen, dass Sie Ihre eigenen Ziele nicht kennen. Das ist allein Ihre Verantwortung.
Wird es in zwanzig Jahren noch sozialversicherungspflichtige Jobs in Deutschland geben?
Ja, natürlich – es sei denn die Sozialversicherungspflicht wird abgeschafft. Allein Manager können Sie nicht freiberuflich beschäftigen. Die bleiben immer Angestellte – und einige Mitarbeiter sicher auch. Ich stimme Ihnen allerdings zu, worauf Sie mit der Frage hinauswollen: Die Zahl der Selbstständigen und freiberuflichen, sogenannten Wissensarbeiter wird steigen. Denn die moderne Technik ermöglicht uns das projektbezogene Arbeiten unabhängig von Zeit und Ort. Und das wiederum ermöglich mehr vernetztes Arbeiten von projektbezogen zusammengestellten Teams. Die Experten dafür werden dann jeweils eingekauft und suchen sich danach ein neues Projekt. Es sind Jobnomaden – im positiven Sinn.
Glauben Sie wirklich, die Arbeitnehmer in Deutschland sind empfänglich für Coaching-Gedanken? Die entspringen doch eher der Business-Welt.
Die Frage ist latent suggestiv – und offen gestanden verstehe ich sie auch nicht. Als Arbeitnehmer ist man automatisch Teil der Business-Welt.
Ich will sagen: Die klassische Coaching-Literatur richtet sich nicht an Ahmed Normalarbeitnehmer. Sie richtet sich an Führungskräfte und Selbstständige. Der kleine Mann am Fließband und die kleine Frau an der Kasse sind zwar Teil der Business-Welt, aber sie bestimmen sie nicht. Der Gedanke des Coachings vermittelt auch den Gedanken der Selbstbestimmung.
Da machen Sie jetzt denselben Denkfehler wie Ahmed Normalarbeitnehmer – falls der den tatsächlich macht. Sie können immer selbst bestimmen – nur möglicherweise gefallen Ihnen die Konsequenzen nicht. Wenn der Job, der Chef, die Kollegen für Sie eine einzige Tortur sind, dann können Sie jederzeit kündigen. Natürlich riskieren Sie dabei, arbeitslos zu werden. Umgekehrt riskieren Sie aber ganz sicher Ihre Lebensfreude und höchstwahrscheinlich auch Ihre Gesundheit. Sich nicht zu entscheiden und nur zu jammern, ist zwar letztlich auch eine Entscheidung, jedoch nie eine Lösung. Coaching wiederum hilft dabei, sich über seine Ziele und die Wahloptionen bewusster zu werden, womöglich auch bisher unbekannte Alternativen zu entdecken. Und das kann Karin an der Kasse genauso wie Manfred im Management.
Ich denke, die meisten Menschen in Deutschland halten den Gedanken ans Coaching nicht für normal, weil sie es nicht erlernt haben. Es ist für die 9-to-5-Menschen ein abgefahrener Gedanke.
Das glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass die Menschen eine opportune Wahl treffen: Den meisten ist Coaching schlicht zu teuer. Deswegen gibt es ja auch so viele Ratgeber und Bestseller zu diesem Thema – die sind billiger, aber nicht so effektiv. Davon abgesehen bin ich davon überzeugt, dass mit der Zunahme der Selbstständigenquote auch das Coachen stärker nachgefragt wird. Schließlich sind gerade Selbstständige auf Feedback angewiesen. Im Büro können den Part auch schon mal der Chef und die Kollegen übernehmen. Ein Unternehmer hat zwar Freunde und Mitstreiter, die blicken aber womöglich nicht so tief und auch nicht so systematisch in die eigenen Arbeitsabläufe wie ein erfahrener Coach.
Als in den USA die „Sesamstraße“ erfunden wurde, hatte sie einen Bildungsauftrag. Aber fast nur die ohnehin geförderten Kinder schauten sie an. Damit klaffte die Bildungsschere immer weiter auseinander. Ist nicht ein ähnlicher Effekt zu befürchten, wenn Coachs ihr Wissen mit der breiten Öffentlichkeit zu teilen versuchen?
Und was wäre Ihre Schlussfolgerung daraus: Die Sesamstraße gar nicht mehr zu produzieren und das Angebot abzusetzen? Das verschärft das Problem doch noch mehr, weil der Zugang zur Bildung dann erst recht nur noch den Solventen offensteht.
Eine Lösung habe ich auch nicht. Haben Sie eine Idee?
Ich bin davon überzeugt, dass Wissen wächst, indem man es teilt. Das Internet bietet hierfür zahlreiche Chancen. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren so viel Neues daraus bezogen und gelernt. Fantastisch! Allerdings gibt es dabei einen Aspekt, der durchaus kritisch ist: Der Breitband-Internetzugang steht nicht allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung, sodass hier eine soziale Barriere entstehen kann.
Ist das nicht absehbar? Zumindest in Deutschland soll DSL bald doch überall verfügbar sein. Wie man in unserer brandenburgischen Dorfkneipe hört, verdanken wir es dem CSU-Wirtschaftsminister von weit weg, dass wir alle demnächst schnell am Netz sind.
Verfügbar vielleicht. Aber der Zugang kostet ja Geld. Sie zahlen nicht nur eine monatliche Flatrate, sondern brauchen auch entsprechende Endgeräte. Demnächst auch mobile, wie das iPhone. Das kann sich nicht jeder leisten – und so entsteht dann doch so etwas wie eine soziale Wissensschere.
Haben Sie Angst, dass das Internet als künftige Hauptinformationsquelle der Menschen qualitativ versagt?
Überhaupt nicht. Es gibt viel Schrott im Netz, keine Frage. Aber auch viel Qualität. Das geht Ihnen aber auch auf jedem Gemüsemarkt so: Man muss sich die guten Sachen zusammensuchen. Natürlich kann jeder im Netz publizieren, was ihm oder ihr gerade einfällt – ohne dass gewährleistet wäre, dass das etwas taugt. Andererseits gibt es immer mehrere Quellen – und nicht zuletzt die Reputation des Autors, die sich im Netz ebenfalls überprüfen lässt.
Und was bedeutet das hinsichtlich des Beratungsbedarfs der Berufstätigen? Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Wirren des Internets und den vielen unterschiedlichen Beratungsangeboten?
Das läuft virtuell genauso wie im realen Leben. Es gibt im deutschsprachigen Raum etwa 40.000 selbsternannte Coachs. Von denen haben allenfalls 5000 eine entsprechende Ausbildung gemacht. Und selbst die sagt noch nichts über deren inhaltliche Qualität aus. Es bleibt Ihnen auch hier nichts anderes übrig, als den besten Coach für Sie zu recherchieren. Seriöse Trainer bieten übrigens immer ein kostenloses und unverbindliches Vorgespräch an.
„Coach“ ist ein freier Begriff, wie auch „Journalist“. Was spricht dagegen, ihn auch frei zu verwenden?
Gar nichts. Sie bekommen es dann nur mit mehr Quacksalbern zu tun und die Kosten und Mühen bei der Auswahl erhöhen sich. Der Wettbewerb im Markt aber auch – und das ist in der Regel gut für den Konsumenten.
Inwieweit stimmen Sie der These zu, jeder in Deutschland könne sich selbstständig machen?
Gar nicht. Es stimmt ja auch nicht, dass sich jeder selbstständig machen könnte. Manche Berufe sind geschützt und an eine entsprechende Ausbildung gebunden. Was auch gut so ist. Ich möchte nicht von einem Arzt behandelt werden, der das nicht gelernt hat. Der wichtigste Punkt aber ist: Um sich selbstständig zu machen, brauchen Sie eine gute Idee, ein funktionierendes Geschäftsmodell. Und das hat eben nicht jeder. Zudem brauchen Sie die passende Persönlichkeitsstruktur. Manche sagen sogar, die sei wichtiger als die Geschäftsidee.
Finden Sie, das stimmt?
Durchaus. Wenn Sie sich erfolgreiche Unternehmer anschauen, werden Sie neben einer gewissen Pfiffigkeit, Neugier und Risikofreude auch eine latente Härte feststellen. Als Selbstständiger haben Sie es eben auch mit nervigen Zulieferern zu tun, säumigen Zahlern, nörgelnden Kunden und allerlei Mitbewerbern, die versuchen, Sie auszuboten oder über den Tisch zu ziehen. Wer dabei zu nett ist, bleibt auf der Strecke. Das Nächste ist die Eigenmotivation. Als Unternehmer treibt Sie niemand an zu arbeiten, noch einen Kunden zu akquirieren oder die Leistung noch einen Tick zu steigern. Das müssen Sie ganz allein tun. So jemand ist dann seine eigene Führungskraft. Und um damit auf eine der vorangegangenen Fragen zurückzukommen: Genau das könnte eine der wesentlichen Hürden der neuen Massen-Selbstständigkeit werden. So mancher könnte daran scheitern, dass er sich nun selbst führen soll, eigentlich aber lieber geführt werden würde.
Haben Sie jemals überlegt, ein Unternehmen zu gründen?
Immer wieder mal. Vor meinem Einstieg war ich zweieinhalb Jahre selbstständig – wenn Sie die Jobs während meiner Studienzeit nicht mitrechnen. Ich war Berater, Fotograf, Drehbuchautor, Freier Journalist, Künstler. Da war viel dabei. Ich habe in der Zeit viel experimentiert. Es war eine schöne Zeit.
Wenn Sie ein weiteres Unterrichtsfach für die Schule einführen dürften – wie würde es heißen?
Medienkompetenz.
Lieber Herr Mai, danke für das Gespräch!
Jochen Mai bei Twitter: http://twitter.com/Karrierebibel


