Das Postulat, Vertreter der digitalen Bohème seien per se arm, ist ungefähr genauso falsch wie das Postulat, Bäcker verdienten weniger Geld als Anwälte. Ein gewitzter Bäcker macht Millionen, ein fantasieloser und antriebsschwacher Anwalt bleibt arm.
Die digitale Bohème (der Begriff entstammt dem Buch „Wir nennen es Arbeit“ von Sascha Lobo und Holm Friebe) ist dem Vernehmen nach eine Bohème, die anders als die analoge Bohème das Internet als Lebensschwerpunkt nutzt, und die entgegen der Bourgeoisie nicht die gewohnten bürgerlichen Werte vertritt – beispielsweise die überholte Auffassung, Anstellungen seien sicher (dies als Versuch einer ungefähren Definition in aller Kürze).
In der Diskussion über diese digitale Bohème findet sich immer wieder der Zusammenhang zwischen Armut und Kreativität. Es entspinnt sich das Bild von Selbstständigen von 25 bis 35, die in Cafés sitzen und über das Internet „Projekte“ und andere Dinge planen, dabei aber kein oder kaum Geld verdienen, geschweige denn reich werden. Zugleich wollen diese Leute angeblich mit niemandem tauschen und niemals wieder angestellt sein. Aufgrund der geringen Lebenshaltungskosten sei Berlin, die wohl billigste Großstadt Westeuropas oder freieste Großstadt Osteuropas, eine Art Zentrum.
Sicher ist es schick, neue Arbeitsformen zu entwickeln, zu entdecken, an ihnen teilzuhaben. Sicher spielen viele dabei mit, nur um dabei zu sein, also aus reiner Attitüde und nicht, um einen Sinn damit zu verwirklichen, geschweige denn den Mittelpunkt ihres Lebens damit zu gestalten und davon zu leben. Doch dass diese Bohémiens nicht im Geld schwimmen, erklärt sich weder durch die Bohème noch durch die Digitalität. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es erklärt sich einzig durch die Haltung, die Ziele und die Strategie.
Ob jemand mit dem, was er tut, erfolgreich wird, hängt nicht davon ab, in welchem ästhetischen Setting er sich bewegt. Sondern davon, ob er die uralten Regeln des Erfolgs beherrscht – und die gelten nicht erst, seit es das Internet gibt. Das Internet ist streng betrachtet nur ein weiterer Kommunikationskanal (ergo Vertriebsweg), und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten sind nichts weiter als Märkte. Auf diesen sich zu bewegen, erfordert keine neuen Marktgesetze. Auf diesen neuen Märkten setzt man sich nicht durch, indem man die neuen Kommunikationswege nur nutzt und beherrscht (das hat auch auf alten Märkten nie genügt). Es hat also keinen Sinn zu sagen, „die digitale Bohème“ sei arm, nur weil sie die digitale Bohème sei. Sondern es setzt sich durch, wer sein Leben in die Hand nimmt, etwas plant, an der richtigen Stelle risikobereit ist und schließlich handelt. Ganz gleich, ob innerhalb oder außerhalb der digitalen Bohème. Der Hauptunterschied zwischen den Erfolgreichen und den Erfolglosen ist nicht: Bin ich dabei oder nicht? Sondern: Handle ich oder nicht? Es geht um „Acting“.
Auch sehr falsch aus meiner Sicht die immer wieder auftauchende These der Nivellierung des Erfolgs. Entstünde an einer Stelle Erfolg, müsse an einer anderen Stelle Misserfolg entstehen. Das mag in Planwirtschaften gelten. Doch freie Geschäfte lassen sich in drei Kombinationen aufbauen: Win/win – beide Seiten haben etwas davon und werden daher das Geschäft weiter betreiben. Win/lose – einer zieht den anderen über den Tisch, der Verlierer wird von weiteren Geschäften Abstand nehmen, und der Gewinner hat langfristig ebenfalls verloren. Lose/lose – wer geht schon so ein Geschäft ein?
Das Denken vieler Kritiker über die Möglichkeiten auf einem neuen Markt wie dem der digitalen Bohème mutet mitunter kommunistisch und pessimistisch an, es klingt nach Gewerkschaftertrott und nach eingefahrenem Angestelltendenken – Gegensätze dessen, was diese neue Entwicklung möglich macht. Auf welchem Markt auch immer: In freien Systemen sind die Menschen selbst für ihr Leben verantwortlich. Sie können ihr Leben in jeder Minute ändern. Jederzeit kann jemand initiativ werden, Ideen entwickeln, Pläne schmieden und umsetzen und erfolgreich werden. Tut er es nicht, liegt es an ihm, es ist seine Entscheidung. Auch erfolglos zu sein und zu bleiben, ist eine Entscheidung, die Menschen treffen können. Die Verantwortung dafür auf die Bohème oder die Digitalität zu schieben, ist nicht nur ignorant und dumm, sondern auch Selbstbetrug.



Diesen Beitrag kommentiere ich mit gemischten Gefühlen. Doch zunächst ein Wort über den Begriff „digitale Boheme“. Den finde ich schwachsinnig. Das, was da beschrieben wird (ich hab das ebook gelesen), ist überhaupt nicht neu oder revolutionär, noch ist es digital oder erst seit dem Aufkommen des Internets verbreitet. Ich habe das schon gelebt, als es in D noch gar keine PCs gab. All das gabs da schon: Menschen, denen soziale Kontakte wichtiger sind als Karriere, Menschen, die Lebensqualität nicht an Geld und materiallen Dingen festmachen, die ewigen Revoluzzer, die gegen alles und jeden sind (teuls sogar gegen sich selbst), Schwätzer, Berufsjugendliche, Aussteiger – die nur so lange welches ind, bis sie endlich doch noch irgendwie ihren Seiteneinstieg gefunden haben usw usw usw.
Zum Thema, wer warum erfolgreich ist oder nicht.
Um (ich habe von 1990 bis etwa 2000 Radio gemacht) bei Feature und Hörspiel auf Dauer „erfolgreich“ zu sein, d.h. Manuskripte und Hörspiele zu verkaufen an die Sender, hätte ich mich prostituieren und mich selbst verraten müssen. Daß ich aufgrunddessen nicht wirklich erfolgreich war, macht mir nichts aus. Da gab es so viele Redakteure, die damals schon so schäbig waren wie viele heute auch (ich meine tatsächlich menschlich schäbig!), daß es einem oft den Atem verschlug. Die wenigen Ausnahmen (und die gab es) kämpften einen aussichtslosen Kampf in den eigenen Reihen. Mich von diesem Metier zu verabschieden fiel mir nicht schwer nach den Jahren. Also war ich da durchaus erfolglos. Aber es hatte nichts damit zu tun, ob ich die Mechanismen kenne und mich ihrer zu bedienen weiß. Es hat etwas damit zu tun, daß ich mich ihrer nicht bedienen wollte. Und da liegt der Hase im Pfeffer begraben. Es gibt auch in der heutigen Kulturszene so viele mechanismen, die ich schlichtweg zum Kotzen finde, daß ich mich damit nicht beflecken will. Kurz: es kann auch eine bewußte Entscheidung, eine Charakterfrage, sein, ob man zu den herrschenden Bedingungen mitspielen und erfolgreich sein will, oder ob man es läßt. Ich lasse es oftmals und bin mit mir selbst im Reinen – und das ist mir wichtiger als der „Erfolg“. Ich wollte das nur mal loswerden, weil mir da der Fokus etwas zu eingleisig war beim Lesen. Von diesen Punkten mal abgesehen finde ich den Beitrag sehr lesenswert.
Ja, ich finde auch, dass die selbstverliebte Etikettierung gewöhnlicher sozialer Phänomene nervt. „Generation Golf“, „Generation Praktikum“, „digitale Bohème“, „neue Bürgerlichkeit“, „neue Mitte“, „Google-Gesellschaft“ – alles selbstgefälliges Zeug, das die Leute schick erscheinen lassen soll, die es erfinden und nutzen. Damit lassen sich trendige Zeitgeistbücher schreiben, die nach wenigen Jahren keiner mehr liest. Und das ist ja genau das, was ich sagen will, auch wenn ich den Begriff „digitale Bohème“ zur Abgrenzung verwende: Es ist nichts Neues. Die bisherigen Regeln des Marktes gelten immer noch und auch da.
Und noch eine kleine Anmerkung, Frank: Du schreibst, dass du damals erfolglos warst, habe dir nichts ausgemacht. Doch du warst nur finanziell nicht erfolgreich. Im immateriellen Sinne warst du es. Und du hast den Erfolg vermutlich auch genossen. Man kann Erfolg haben im Sinne von Geld, Ansehen, innerer Ruhe, Selbstbestätigung, sexueller Attraktivität und so weiter. Erfolg ist für mich, ein solches Ziel zu erreichen, wenn man es hat. Glücklich sein mit wenigem halte ich auch für einen Erfolg.
Ich weiß, dass man bei „Erfolg“ meist gleich an Geld denkt, und daran ist mein Beitrag auch ausgerichtet. Aber wenn man erfolgreich sein will (egal in welcher Bedeutungsdimension des Wortes), gelten so Pi mal Daumen die beschriebenen Grundsätze.
Nun, ich hatte da durchaus Erfolg, wo es den Redakteuren ebenfalls um Inhalte und Qualität ging, statt nur um Hype, Wichtigtuerei und Trittbrettfahren.
Mir ist natürlich klar, daß ein mensch wie du das Wort „Erfolg“ nicht nur materiell siehst. Ich war absichtlich etwas provokativ, um eben drauf aufmerksam zu machen, daß man Erfolg nicht nur aus dem monetären Blickwinkel sieht.
Guten Tag Thilo,
Mit etwas Verspätung habe ich dein Artikel gelesen und genau verfolgt und dabei fällt mir etwas auf:
Mein Kommentar bezieht sich auf die Stadt Berlin,da zur Zeit Berlin (so wie ich es wahrgenommen habe) die Haupstadt der binären Bohemiens ist. Faktum ist,dass in unzähligen Begegnungen in Szenelokalen das Thema Geld und erfolg immer noch mit gemischten Gefühlen oder gar Ablehnung angeschnitten wird als ob Geld bzw. Erfolg etwas wäre wofür man sich schämen sollte.
Dabei hast eine allgemeine Tendenz erwähnt:Viele Stadtbewohner glauben immer noch,dass wenn Erfolg bei A sichtbar wird,muss B unbedingt darben.Vor allem unter älteren Bohemiens ist die schädliche Denkweise verbreitet nach welcher Geld den Charakter ruiniert und dabei handelt es sich oft um ein moralisch korrektes Mäntelchen um entweder das eigene Versagen oder die eigene Leere zu vertuschen.
Andere Bohemiens (vor allem in Mitte,Prenzlberg) die jünger sind,sind mir vor allem dadurch aufgefallen,dass sie stundenlang in Cafes oder Bars mit Laptop und alles geradezu hochfliegende Pläne schmieden bei Getränken,die schon eiskalt sind weil diese so lange herumstehen.Je öfters ich in Berlin bin desto eher kommt mir vor,dass obwohl krude soziale Realitäten,die mich an mein Heimatland erinnern (Peru) immer besser sichtbar werden,gibt es immer noch zu viele…sagen wir: Träumer an welchen diese ebengenannten Realitäten vorbeiziehen.
Die Digitale Boheme ist insofern für die grosse Masse der Bohemiens die Fortsetzung der Pubertät mit anderen Mitteln.Ich schreibe aus einer Stadt die von Geld und Gier regiert wird (Zürich) deswegen fällt es mir so auf.
Gruss aus der Limmatstadt (Ups!,ich muss wieder losdüsen,muss schuften!)
Hallo Jorge, danke für deinen Kommentar!
Für mich ist die digitale Bohème keine homogene Gruppe, ich denke, die Leute sind ziemlich unterschiedlich. Manche sind Mitte zwanzig, andere um die vierzig, und auch inhaltlich gibt es sicher eine enorme Vielfalt.
Bei mir um die Ecke ist das St. Oberholz, ein Eckcafé im Lärm des Rosenthaler Platzes. Trotz Lärm und Chaos sitzen im Sommer Leute mit Laptop auf den Knien draußen, jetzt sitzen sie eher drinnen. Ich selbst könnte in so einer lauten Umgebung wohl nicht arbeiten, aber dennoch möchte ich mir kein so hartes Urteil erlauben: Ich weiß nicht, was die Leute auf ihren Bildschirmen haben und woran sie arbeiten.
Um zu entscheiden, ob jemand ein Schwätzer ist oder nicht, bedarf es meines Erachtens mehr als nur des schnellen Betrachtens einer Szene. Auch wenn dir Berlin momentan wie ein Sammelsurium an Oberflächlichkeiten erscheint (mir manchmal auch), bin ich mir sicher, dass nicht alles dem Schein entspricht. Ich bin zum Glück schon oft genug positiv überrascht worden.
Man sieht Menschen nicht an, was sie denken: Oft findet man Menschen auf den ersten Blick gut und merkt erst mit der Zeit, dass sie hohl sind – und andersherum hält man manche Menschen erst für bescheuert und entdeckt mit der Zeit einigen Tiefgang. Und das finde ich wundervoll.