Mein Job

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Einen merkwürdigen Job habe ich. Denke ich manchmal. Und: Ein seltsames Leben führe ich. Spüre ich oft.

An sich ist der Job nicht merkwürdig, denn Trainer und Coaches gibt es viele. Sie tummeln sich in Unternehmen und auf Bühnen und erzählen den Leuten irgendwelches Zeug. Eine bunte Truppe unterschiedlichster Denker, Macher, Sprecher, oft auch Darsteller, Selbstdarsteller, Rollenspieler. „We are speakers, not actors“, schrieb kürzlich ein Coach im Mitgliederblättle der German Speakers Association. Stimmt. Ein Wesensunterschied.

Doch mit dem Hintergrund als Journalist ist es manchmal seltsam, bestimmte Dinge zu erzählen.

Zum einen ist es nicht schlecht, Journalist zu sein. Man sieht die Dinge aus einer Art Distanz, mit etwas Glück und Geschick auch sich selbst. Natürlich kennt man das Phänomen der Betriebsblindheit aus dem Redaktionsalltag, denn Redaktionen sind selten anders als übliche Konzerne mit ihrem Tratsch und ihrer stillen Post und ihren jammernden Na-ist-halt-wieder-Montag-Arbeitnehmern im Aufzug und in der Kantine. Ein Leben, das ich nicht mehr führen wollte. Obwohl es der Objektivität verschrieben war: Als ich noch regelmäßig für Zeitungen geschrieben habe, war ich der Überzeugung, dass ich mich als Journalist mit nichts gemein machen sollte. Das denke ich zum Teil heute noch: eine Mitgliedschaft in einer Partei oder meine Unterschrift auf einer Liste für welche Sache auch immer fallen für mich beispielsweise aus. Im Zweifel kenne ich die Leute nicht, die ich damit unterstütze. Ich weiß nur, was sie sagen, aber möglicherweise nicht, was sie wirklich wollen oder dann auch tun.

Andererseits ist es gut, sich mit Dingen gemein zu machen, und das sehe ich dann so, wenn diese Dinge meinen Gedanken entspringen oder Ergebnisse der Arbeit unseres Teams sind. Wir haben eine Möglichkeit entwickelt, Kinder effektiv vom Rauchen abzuhalten. Die Methode muss raus. Es zeichnen sich einige wichtige und aussichtsreiche Partnerschaften ab. Partnerschaften mit Menschen und Institutionen, die sehen, was wir tun; die sehen, dass sich das, was wir tun, um Welten unterscheidet vom Bisherigen; und die erkennen, dass es uns nicht darum geht, bestimmte Wege zu beschreiten oder Routinen zu pflegen, sondern dass wir Ergebnisse bewirken. Ergebnisse sind das, was unserem Land fehlt, das sich so sehr im Beschreiten seiner ausgetretenen Pfade gefällt, sei es in Politik, Medien oder sonstwo. Oder warum bringt der „Stern“ in seinem Beitrag übers Rauchen diese Woche aber auch nur aufgewärmte alte Sachen und verschweigt die neuen Linien, die wir aufzeigen, obwohl wir ihn darauf hingewiesen haben, als die Serie zur Sucht in Planung war? Viele Medien sind leider sehr dumm.

Klar ist es eine Diskrepanz, sich für Dinge stark zu machen und zugleich Journalist zu sein. Doch wenn man etwas hat, was einfach stimmt? Das keine Weltanschauung ist, sondern Aufklärung? Dann ist es Aufgabe eines Journalisten, die Wahrheit zu verbreiten. Ich fühle mich der Wahrheit verpflichtet, und das wird auch so bleiben.

Dann noch Stilistik und Unternehmenskommunikation, Denkmodelle, Konfliktvermeidung — also viel von dem, was hier im Blog unter „Business“ steht. Viele verschiedene Themen. In Amerika, so hört man, fragen die Menschen: What’s your job? Und man gibt eine Antwort, eine einzige, unter der sie einen einordnen. In Deutschland empfinde ich das als ähnlich, auch wenn wir hier etwas toleranter scheinen gegenüber Leuten, die in mehreren Gebieten aktiv sind. Egal ist es mir trotzdem, was die Leute denken. Es war in meinem Leben noch nie sinnvoll, mich nach dem zu richten, was andere dachten. Ich habe mich immer nur auf mich verlassen (und auf sehr wenige wichtige Menschen in meinem Leben), und wenn ich es nicht getan habe, wurde mir schlecht. Es ist nicht mein Naturell, Ideen zu unterdrücken, weder meine noch die Ideen anderer.

Zehn Ideen am Tag zu haben ist gut; die Kunst jedoch besteht in der Auswahl, der Priorisierung und schließlich im Umsetzen. Denn keine Idee bringt etwas, wenn man sie nicht verwirklicht. Diese Arbeit ist vermutlich der wichtigste Aspekt. Doch zum Denken gehört Freiheit, und Termine rauben Zeit. Ausführung ist nötig und macht auch Spaß, aber sie kostet Kraft. Dennoch stehe ich gerne vorne und erzähle was. Man spürt das Unmittelbare, das direkte Eindringen von Wissen und Know-how in menschliches Denken. Es ist ein faszinierender Prozess, ganz anders als Bücher schreiben oder in ein Radio-Mikrofon sprechen, und wenn man rhetorisch einigermaßen was kann, formuliert man jedes Seminar jedes Mal anders, und man spürt das Feedback der Menschen, die man je nachdem dort abholt, wo sie im Einzelnen eben stehen.

Dann sitze ich nach so einem Auftrag wieder bei mir zu Hause oder im Auto oder im Restaurant oder im Hotelzimmer. Sofern ich alleine reise, was ich meistens tue, und sofern ich nicht in Gespräche vertieft bin, sacken die Gedanken, und neue tauchen auf. Der Geist ist müde, er hat einen Tag lang gearbeitet, und am Abend kommen die Ideen. Oft ist es eine Qual, wenn man im Halbschlaf im Hotelbett genau weiß: Wenn du diese Idee jetzt nicht aufschreibst, ist sie weg. Aber du bist müde. Endlos müde. Du brauchst Schlaf. Morgen heißt es um sechs Uhr aufstehen und 700 Kilometer fahren. Von Freiburg nach Hamburg. Von Innsbruck nach Göttingen. Von Köln nach Bremen. Von Leipzig nach Wien. Und wenn du im Auto dein Diktiergerät betextest, musst du das Ganze wieder abschreiben oder abschreiben lassen und vor allem den aktuellen Projekten zuordnen.

Was soll ich auf Partys sagen, wenn es wie üblich um die Jobs geht, die man macht? Oft sage ich wahrheitsgemäß: „Ich mache, was ich will.“ Hat leider Diskussionen ohne Ende zur Folge. Wenn ich meine Ruhe haben will, sage ich: Ich bin Journalist. Das sind andere auch, das ist nicht aufregend. Und so plänkelt man daher zwischen Journalisten, Anwälten, PR-Managern und Leuten aus dem mittleren Management irgendwelcher hochkomplexer Konzerne. Selfmade-Selbstständige wie mich, also Leute, die ihre Festanstellung in die Tonne gekloppt und mit fähigen Freunden etwas Neues aufgezogen haben, ohne großartiges Kapital reinzustecken oder Kredite aufzunehmen, und die heute in manchen Gebieten die besten Produkte Deutschlands anbieten und damit gerade den Sprung nach Amerika planen, lerne ich auf solchen Partys fast keine kennen.

Das Schönste an allem ist die Erlaubnis, die Wahrheit sagen zu können und zu dürfen. Das dürfen viele Angestellte in Konzernen nicht. Sie denken und meinen das eine, aber sie sagen das andere. Sie belügen Kunden, Kollegen, Untergebene, Chefs, sich selbst. Sie stellen Behauptungen, Meinungen, Lügen oder die derzeitigen Launen des derzeitigen Oberbosses als Wahrheiten dar, und wird plötzlich jemand anderes Oberboss, predigen sie eben mit aller Selbstverständlichkeit dessen neuen Wind, so als hätten sie niemals zuvor etwas anderes vertreten. Je größer eine Organisation und je restriktiver ihr Führungsstil, desto stärker sind Betrug und Selbstbetrug, desto mehr prostituieren sich die Menschen, werden sich untreu und spielen ein Rollenspiel. Sind sie nach ein paar Jahren raus aus dem Job, aus welchen Gründen auch immer, und haben sie eine andere Stelle oder Position, so vertreten sie eben andere Glaubenssätze, doch sie betrügen sich nicht minder als vorher. Solange sie nicht ihr Ding machen, sondern das Ding anderer Leute.

Auf Partys treffe ich wenige Leute, die nur sich selbst treu sind. Die meisten sind nicht autonom. Ich wünschte mir, es gäbe viel mehr selbstständige, autonome und autarke Menschen. Denn ich glaube, in dieser Autonomie liegt der Schlüssel. Liegt die Lösung. Für Armut, Gewalt, Dummheit.

Als ich studiert habe und für Zeitungen geschrieben, wusste ich nicht, dass man so ein Leben führen kann, wie ich es heute tue. Denn was ich nicht wusste, konnte ich nicht denken, und so konnte ich nicht danach handeln. Auch als Redakteur wusste ich es nicht. Ich weiß es erst jetzt, wo ich es praktiziere. Da ich die Erfahrung der Gefangenschaft gemacht habe und die Zwänge kenne, nun aber anders lebe, tritt etwas Trauriges ein: Ich verstehe die üblichen Leute auf Partys, sie aber nicht mich. Ich kenne ihre Storys: Ja, ich habe einen neuen Job hier und da, ganz spannendes Anforderungsprofil blabla, oder ich habe jetzt eine Umsatzverantwortung von wie vielen hunderttausend Euro? Es interessiert mich nicht. Auch wenn ich ihre Begeisterung so sehr nachvollziehen kann, weil ich mich selbst einmal darüber gefreut habe, in der Redaktion aufzusteigen. Wie egal mir das heute ist! Wie unwichtig es ist, wie hoch man in einem bürokratischen Apparat aufsteigt! Je höher, desto gefesselter sind die Hände, und ordentlich verdienen tun dennoch die wenigsten.

Andersherum wird es spannend: Die Leute mit den Durchschnittsjobs schauen mich schräg an, wenn ich sage, dass ich nur arbeite, wann ich will, und dass ich mir das leisten kann, weil ich eben nicht dem Geld hinterherrenne wie die meisten Angestellten, die nur arbeiten, damit sie Geld verdienen. Sondern dass ich nun mal gerne mein Ding mache und sich der Lebensunterhalt deswegen automatisch und mühelos von alleine ergibt. Dass ich deswegen auch kein Montag-bis-Freitag-Denken und kein Wochenende kenne, dass ich diese Arbeitnehmer-Schizophrenie nicht habe, in der ich mich nach Urlaub, Feierabend oder Wochenende sehne, sondern dass ich je nach Energie und Ideenlage produktiv bin und Urlaub mache, wann es mir eben passt und wann ich ihn brauche und will. Klar sehnen sich Angestellte nach Feierabend, Wochenende und Urlaub — kein Wunder, denn sie dürfen ja nicht frei machen, wann sie wollen, sondern müssen dazu mühsam Anträge stellen, ewig darauf warten und sind auf die Laune oft unfähiger Chefs angewiesen. Sie wundern sich, wenn ich anmerke, dass Ergebnisse nichts mit Zeit zu tun haben und dass Bezahlung nach Zeit das Schwachsinnigste ist, was ich aus dem Berufsleben kenne, auch weil es Millionen von Menschen vom selbstständigen Denken abhält.

Macht jemand auf so einer Party sein Gehirn ganz aus und ist null offen für Neues, sage ich manchmal Dinge wie: „Es tut mir echt Leid, dass du arbeiten gehen musst. Früher musste ich das auch, so etwas ist wirklich schlimm. Das Schlimmste ist, dass man sich seine Situation schön redet, indem man sich die Ziele des Unternehmens zu eigen macht und die Sprachregelungen der Marketingabteilung übernimmt wie in einer Sekte.“ Durch diese Provokation stellen manche ihre Ohren auf. Ich weiß, ich sollte das nicht tun, so etwas wirkt unhöflich. Aber was bedeutet schon Höflichkeit, wenn unglückliche Menschen mit ihrem Unglück auch noch angeben, sei es auch in Ermangelung einer Perspektive? Dann finde ich das so schlimm, dass ich etwas aus meiner heutigen Wirklichkeit anmerke.

Und das Irre ist: Jedes Mal merke ich, dass diese Menschen Blut lecken, so arrogant und ignorant sie zuvor auch mit ihrem neuen Posten als Marketingmensch oder Geschäftsführungsmufti in einem der vielen Gehirnwäsche-Konzerne aufgetreten sind. Sie wollen dann wissen, was ich mache, wie ich das mache, und ich stelle schnell fest, dass sich ihre frustrierte Arbeitnehmer-Miene aufhellt, wenn ich die ersten Geheimnisse verrate. Spätestens dann wissen selbst die Leute, die mir sonst Arroganz vorwerfen (und zur Arroganz gehören stets zwei), dass ich nicht arrogant bin. Ich kann etwas geben. Aber andere werden es nur nehmen, wenn sie es nehmen wollen.

Und das ist eine Geschäftsidee. Aus Angestelltentypen Selbstständige machen. Die Leute umpolen im Kopf und sie zu Machern machen. Ein neues Seminar. Brauchbar für arbeitslose Akademiker, einfache Angestellte, ALG-II-Empfänger, Manager in Sphären dünnster Luft ohne Perspektive, für in die Unfähigkeit oder Machtlosigkeit Beförderte und sonstige Frustrierte, die auf der Stelle treten.

Ein neues Seminar, das sicher wieder Kilometer frisst und Hotelübernachtungen nötig macht. Das mich dann wieder vom Wesentlichen abhält: neue Ideen zu entwickeln.

8 Kommentare zu „Mein Job“

  1. wm

    Der revolutionäre Außenseiter, der mit seiner Situation hadert…
    Kenn ich irgendwoher, ist ja auch mein Lieblingsmusiker- und Grafiker.
    Auch neue, gute Ideen; abseits der Zwänge des Musikgeschäfts haben die ehrenwerten Herren einen beachtlichen Schuppen aufgebaut und jammern nicht rum, sondern machen was.
    Das ist das, was mir an No Peanuts und an dir gefällt.
    Just do it! (Einer der besten Werbesprüche, die ich kenne)

  2. ohrenmensch

    Nicht alle Angestellten müssen unglücklich mit ihrer Situation sein. Es gibt auch Ausnahmen, und ich bin so eine. Nicht nur, dass meine Firma klein ist und völlig ohne Intrigen auskommt, obendrein hat sie auch mit Musik zu tun, was mir als ehemaligem Musiker einen ganz anderen Bezug zu meiner Arbeit vermittelt, als wenn ich Büromaterial verkaufen würde.

    Ich identifiziere mich mit dem Unternehmen nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich ganz ehrlich das Gefühl habe, dass wir eine gute Sache vertreten, nämlich den Menschen das Musizieren zu ermöglichen. Und bis zu dem Tag, an dem ich wieder autonom arbeiten werde, bin ich sehr glücklich mit dem Leben, das ich führe.

    Ich glaube, dass nur kleine Unternehmen eine solche Chance bieten. Würde ich in einem Konzern arbeiten, würde das oben Gesagte wahrscheinlich nicht zutreffen. Ich wünsche mir allerdings auch, dass mehr Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. Das Privileg, Interessen und Erwerbstätigkeit zu verbinden, sozusagen sein Hobby zum Beruf zu machen, gehört zu den erstrebenswertesten Dingen die ich kenne.

  3. Thilo

    Na Gratulation! Ich weiß, dass es Unternehmen gibt, in denen die Menschen glücklich sein können. Eines habe ich vergangene Woche kennen lernen dürfen, dort habe ich ein Seminar gegeben – eine ganz andere Atmosphäre als die Unternehmenshöllen, die man so kennt.

    Ob nur kleine Companys „gut“ sein können, ist eine spannende Frage. Der Laden vergangene Woche hat 300 Leute. Klein oder groß?

  4. ohrenmensch

    Das ist definitiv groß für mich. „Mein“ Betrieb hat gerade mal sieben Mitarbeiter (so wenig, dass ich diese Zahl ausschreibe). Aber offensichtlich ist es auch bei 300 Mitarbeitern möglich, ein angenehmes Betriebsklima zu schaffen. Sie haben da natürlich einen besseren Einblick als ich.

    Die Auswahl der Mitarbeiter spielt wohl eine große Rolle. Wenn man sich nur Menschen ins Unternehmen holt, die in erster Linie am Geldvermehren interessiert sind, bleibt die Menschlichkeit mitunter auf der Strecke. Herrscht dagegen ein respektvoller Umgang unter den Mitarbeitern, sind diese zufriedener und leisten wahrscheinlich auch mehr.

  5. Thilo

    Warum sind Sie eigentlich „ehemaliger“ Musiker? Bleibt man nicht Musiker, wenn man mal einer ist?

  6. ohrenmensch

    Natürlich bin ich noch Musiker, und echte Musiker bleiben das auch ein Leben lang. Ich wollte damit nur sagen, dass ich zurzeit nicht mein Geld damit verdiene.

  7. Graui

    Ich glaube nicht nur ich bin froh dass Sie kein „richtiger Journalist“ mehr sind sondern auch Seminare abhalten, die Kilometer fressen und Hotelübernachtungen nötig machen.
    So wie genau vor einem Jahr, am 04. Februar 2007 in Nürnberg. Seitdem hab ich keine Zigarette mehr angerührt.
    DANKE!

  8. Thilo

    Aber dazu bitte absoluten herzlichen Glückwunsch. Welcome to the club! :-)

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