Na klar!

 

„Liebe Autofahrer! Bitte denken Sie daran, dass hier Menschen leben!“

Mehr stand nicht auf dem Schild, und leider hatte ich keine Kamera dabei, um es zu fotografieren. Es stand, wie zu erwarten, an einer Hauptverkehrsstraße in einer Kleinstadt. Sofort dachte ich daran, dass hier Menschen leben. Alte, junge, große, kleine, kluge, dumme. Okay. Und jetzt? Was folgte? Was bedeutete das Ganze?

Sollte ich besonders vorsichtig fahren und stets bremsbereit sein, weil die Bewohner dieses schmucken Städtchens mir gleich vors Auto hüpfen könnten? Sollte ich niedertouriger fahren, um den Verkehrslärm zu reduzieren? Sollte ich langsamer fahren, damit man besser beobachten könnte, wer sich hier so blicken ließ? War ich in einem früheren Geisterdorf, das jetzt wieder bewohnt war? Gab es hier keine Tiere, und man hatte das „nur“ vergessen?

Letztlich hatte ich keine Ahnung, was man mir sagen wollte. Das Schild verschweigt die Bedeutung. Man sagt nicht, was man will; man sagt mir nicht, was ich tun soll. Warum nicht? Man gibt mir keine klare Information, sondern zwingt mich zum Interpretieren. Warum? Ich kann letztlich nur mutmaßen: Was mögen die Schilderaufsteller sich wohl gedacht haben?

Doch ich will nicht mutmaßen. Ich mag diese Kommunikationsspielchen nicht, in denen man mich zum Gedankenlesen nötigt und mich zwangsläufig in die Gefahr des Falschliegens bringt. Ich mag es nicht, wenn man mir kommunikative Fallen stellt. Darum nehme ich den Befehl wörtlich: Ich denke daran, dass hier Menschen leben. Und daraus folgt erst mal gar nichts.

Mir scheint, als würden wir uns oft nicht unbedingt so klar ausdrücken, wie wir könnten. Wir stellen uns stattdessen lieber gegenseitig Fallen. Wir erwarten, dass der andere die richtigen Schlüsse zieht, und wenn er falsch liegt, schieben wir ihm die Schuld in die Schuhe, obwohl wir selbst uns nicht klar ausdrücken. Kommunikation ist unter Menschen, die von anderen das Gedankenlesen fordern, häufig ein Gang über ein Minenfeld: Wer nicht ständig auf zack ist und versteht, was der andere denkt, bekommt immer wieder Ärger. Dass der Sender sich klar ausdrücken sollte, ist unter solchen Leuten selten Thema.

Doch auch für den Sender ist das Setting letzten Ende unglücklich. Es sei denn, er will nur Fallen stellen und triumphieren, dann ist das eben seine perverse Neigung, und er erreicht sein Ziel durch dieses Spielchen. Doch sobald das Ziel ist, dass eine Botschaft ankommt, macht es sich der Sender selbst schwer. Denn der Sender will etwas sagen, tut es aber nicht. Ich frage mich: Warum nicht? Ich denke daran, dass hier Menschen leben, okay, das war’s dann aber auch. Weil man mir nicht sagt, was ich tun soll, tue ich nichts. Und das ist das Problem: Sobald wir anderen die Deutung unserer vagen Worte überlassen, verschenken wir die Herrschaft über unsere Botschaft. Wir erlauben es nicht nur, dass man uns missversteht, wir provozieren es geradezu. Warum? Wollen wir die Menschen verlieren?

„Anklopfen“ steht auf irgendeiner Webseite als Link. Verstehe ich nicht, klicke ich nicht an. Den Link „Kontakt“ allerdings suche ich vergebens. Da wollte mal wieder jemand originell sein, wie so oft in der Welt der Agenturen – und sobald ich das erkenne, nehme ich eine Website ohnehin nicht mehr ernst. Warum Spielchen spielen? Warum verschwendet man meine Zeit? Warum leitet man mich nicht durch die Seite, sondern stellt mir Fallen?

Und das scheint es zu sein, was die Menschen nicht begreifen: Wenn sich das Verständnis der Bedeutung nicht augenblicklich im Hirn niederschlägt, sind die Leute weg. Nicht nur ich, ich bin nur plakativ weg. Sondern die Menschen, die heute ein anderes Informationstempo gewöhnt sind als noch in den Achtzigern. Und die ganze angebliche „Kreativität“, mit der ich zeigen will, dass ich ach so besonders bin, wirkt kontraproduktiv.

FDP-Chef Guido Westerwelle spricht von „spätrömischer Dekadenz“. Was meint er damit? Wer ist dekadent? Die Armen? Die Reichen? Das ganze Land? Mal ungeachtet der Frage, ob man ihm zustimmt oder nicht – ich verstehe erst gar nicht, was „spätrömische Dekadenz“ im Zusammenhang mit Hartz IV bedeutet. Westerwelle hat ein Schlagwort gefunden, aber statt einen Gedanken damit zuzuspitzen, lässt er uns damit im Vagen. Also schlagen auch seine Gegner ins Vage – und die große Interpretiererei beginnt. Und ich sitze vor den Medien, die diese Schaumschlägerei recyceln, und frage mich: Warum sagen die Menschen nicht einfach, was sie sagen wollen? Ist das denn so schwer?

Ich will ja verstehen, und viele andere Menschen auch. Aber warum nur macht man es uns nicht entsprechend leicht? Weshalb kommt man mit Nachrichten und Botschaften um die Ecke und nicht geradeheraus? Warum zwingt man uns gerade in Zeiten, in denen Informationen sofort funktionieren müssen, zu einer Info-Schnitzeljagd?

Die Kunst, sich klar auszudrücken, scheint vielen abhanden gekommen zu sein. Die Interpretiererei ist überall. Man findet sie selbst in der Unternehmenskommunikation: Viele Unternehmen setzen beim Publikum offenkundig die Kenntnis interner Sprachcodes voraus und kommunizieren in einer Geheimsprache. „Unser Umsatz ist zweistellig gewachsen.“ Ach. Um bestenfalls 99 Euro? Kapiere ich nicht, ist nicht schlüssig, also bin ich raus.

Oder: „Öffnen Sie neue Türen!“, fordert mich eine Coaching-Firma auf. „Und entdecken Sie Ihre Erfolgsgeschichte: Zum Beispiel im Potenzial der Mitarbeiter, das sich durch individuelle Förderung entwickeln lässt.“ (Fettdruck im Original.) Hä? Im Potenzial welcher Mitarbeiter? Es ging doch gerade um meine Erfolgsgeschichte? Wollte man sagen: „im Potenzial Ihrer Mitarbeiter“? Keine Ahnung! Man lässt mich im Ungewissen. Folge: Irritation, die gemutmaßte Bedeutung hat sich als Irrläufer erwiesen, man hat mir eine Falle gestellt; nachdem ich schon bereit war, diese Website zu besuchen, erweist sich meine jungfräuliche Gedankenfolge gleich am Anfang als unplausibel, der Lesefluss ist unterbrochen und ich bin raus. Und das auf der Startseite! Angesichts eines solchen handwerklichen Fehlers entsteht sofort eine neue Bedeutung: Website wegklicken, und zwar sofort – uuuund tschüss.

Es wundert mich bei Unternehmen mit unklarer Kommunikation nicht, wenn der Geschäftsbetrieb mühsam läuft. Wer sich nicht klar ausdrückt und seine Kernbotschaft nicht verständlich vermittelt, redet möglicherweise über Jahre ohne jedes Ergebnis an die Wand – und weiß es vielleicht nicht einmal. Schade um Zeit und Energie!

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