„Relevant“ statt „richtig“!

 

Was die Leute alles für einen Unsinn lesen und schreiben. Die Rubrik „Neue Artikel in meinen Gruppen“ auf der Startseite von „Xing“ zeigt ein erschreckendes Ausmaß an Bedeutungslosigkeit und Langeweile. Nichts gegen sinnlose Debatten, wenn sie Spaß machen. Aber hier scheint es so, als würden sich sehr viele Menschen konsequent mit Nebensachen befassen.

Nebensachen wichtig machen und die wichtigen Dinge unter den Tisch fallen lassen – das scheint eine der Hauptkrankheiten unserer Gesellschaft zu sein. Beispielsweise in der Xing-Gruppe „Deutsch für Profis“: Hier dominiert eine Szene das Geschehen, die sich mit Spitzfindigkeiten gefällt in Sachen Germanistik, dabei aber völlig ignoriert, ob sie sinnvolle Dinge schreibt oder irrelevanten Blödsinn. In den Diskussionen geht es oft nur darum, wer rhetorisch obsiegt oder Recht hat. Korrekt sein in Details zählt ganz, ganz viel, während der Blick auf die Bedeutung der Dinge meist fehlt.

Was bringt „Recht haben“, wenn es irrelevant ist?

Insgesamt liegt der Fokus bei vielen Menschen auf dem „Recht haben“. Wir denken: Wer Recht hat, gewinnt. „Recht haben“ heißt: Mein Fakt stimmt, deiner nicht. Und zwar ganz egal, wie relevant der Fakt ist. Dass es heute allerdings viel mehr um Relevanz geht statt um Korrektheit, ignorieren sehr viele Menschen.

Sicher sollten Informationen richtig sein, wir sollten keine Lügen erzählen. Nur: Alleine die Tatsache, dass eine Information korrekt ist, macht sie nicht relevant. Also sollten wir erst entscheiden: Ist eine Sache wichtig? Und nur wenn sie wichtig ist, lohnt es sich, die Details zu prüfen und eine Nachricht rund zu machen. Schon indem ich hier die Reihenfolge einhalte, erspare ich mir möglicherweise eine ganze Menge Arbeit: Ich befasse mich nicht mehr mit Dingen, die am Ende eh unten rausfallen.

Diese ökonomische Sicht steht in einem krassen Missverhältnis zu der Haltung jenes Menschenschlages, der in Deutschland noch immer weite Teile der wissenschaftlichen und kulturellen Deutungshoheit besitzt, obwohl die Realität längst an ihm vorbeizieht: des Oberlehrers. Der Oberlehrer prüft zuerst die Korrektheit seiner Aussagen und danach die Relevanz, wenn überhaupt. Der Oberlehrer glaubt, jede korrekte Information sei es wert, vermittelt zu werden – schließlich ist sie korrekt. Die Sinnfrage stellt er nicht.

Oberlehrer geben sich Mühe mit völlig sinnlosen Projekten. Sie stürzen sich rein und arbeiten monatelang an Dingen, die schon bekannt sind, die es kostenlos im Internet gibt oder die kaum jemanden interessieren. Ergebnisse dauern ewig, denn der Oberlehrer denkt nicht zielorientiert, sondern ist ein Frickler. Und wenn er sein Projekt dann fertig hat, muss er es in seiner Irrelevanz auch verkünden, schließlich war es eine Menge Arbeit. Aber weil die Botschaft irrelevant ist, gelingt keine knackige Pressemitteilung, und das Ganze bleibt ein Spartenthema. Eine Menge Intellektuelle befassen sich mit abstrusesten Nebengleisen, statt sich endlich mal den großen Aufgaben in unserer Gesellschaft zu widmen, was so nötig wäre. Gefrickel und Rechthaberei binden so viel Energie, Zeit und Aufmerksamkeit, dass die Menschen die wichtigen Themen verfehlen.

Eine spezielle Form von ignoranter Rechthaberei bewies ein Hersteller von Fahrradartikeln, der einen Händler wegen irgendwelcher Verletzungen von Foto-Urheberrechten in der Werbung abmahnen ließ. Eine völlig absurde Nummer. Vielleicht war der Hersteller in dem Fall „im Recht“ – aber na und? Wer mahnt schon einen Vertriebspartner ab? Also wogte, wie in solchen Fällen üblich, eine Entrüstungswelle durch das Web 2.0, und der Hersteller entschuldigte sich für seinen Patzer bei wildfremden Menschen. Warum kam es so weit? Weil offenbar irgendwelche Juristen dachten, sie seien eben im Recht und „Recht haben“ sei relevant. Und das ist das Problem. Wir sollten die Hoheit über das Geschehen vielleicht nicht unbedingt Juristen überlassen, zumindest nicht jenen, die Regeln über Sinn stellen.

Fachidiotie bei Gesundheitsbehörden

An Rechthaberei und Fachidiotie leidet das ganze Land, bis hinein in die Regierungsbehörden. Natürlich ist es „korrekt“, dass das Herzinfarkt-Risiko eines Ex-Rauchers erst nach fünfzehn Jahren dem eines lebenslangen Nichtrauchers entspricht. Das ist Statistik, Mathematik, und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) publiziert diesen Wert auch in nahezu jeder einschlägigen Broschüre. Aber die Zahl ist zugleich irrelevant: Beim Rückgang von Risiken ist der Nullpunkt der Kurve ebenso unwichtig wie beim radioaktiven Zerfall. Und ob mein Risiko nun fünf oder zehn oder zwanzig Prozent beträgt, spielt für mich als Individuum keine Rolle. Mein Rauchstopp war am 22. Mai vierzehn Jahre her, und ich habe nie ein Risiko verspürt.

Trotzdem publizieren Fachidioten diese Zahl. Sie ist schließlich „korrekt“. Und das deutsche Bildungswesen mit seinem Ziel, möglichst viele Fachidioten zu produzieren, erkennt seinen Denkfehler nicht, weil es selbst aus Fachidioten besteht, die vor lauter Detailversessenheit und Liebe fürs Korrekte die Relevanz der Dinge nicht sehen und sabotageartig ignorieren, was in unserer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Die Fachidioten sehen nicht oder ignorieren absichtlich, dass die „fünfzehn Jahre“ reihenweise aufhörwillige Raucher demotivieren – denn lohnt sich das Aufhören denn angesichts dieser langen Frist? Nein, sagt der Raucher am Stammtisch. Doch weil diese Reaktion nicht evaluiert ist und der Fachidiot für jeden Furz eine Studie braucht, damit er ihn als Furz anerkennt, entgeht ihm dieser Zusammenhang. Und infolge dieser Ignoranz werden die „fünfzehn Jahre“ sogar kontraproduktiv und dienen eher der Tabakindustrie als der Volksgesundheit. Ein Vorwurf, den sich die BZgA anhören muss.

Vor lauter Korrektheit blind für die Relevanz

Die Relevanz einer Information zu sehen, dazu sind die Fachidioten trotz ihrer umfangreichen akademischen Bildung zu dumm. Das ist eine journalistische Aufgabe, mithin eine Aufgabe, zu der es divergenten statt nur konvergenten Denkens bedarf. Es geht eher um Vorstellungskraft als nur darum, Entsprechungen abhaken zu können. Wenn wir in der Bildungspolitik irgendwas verbessern wollen, dann sollten wir dringend die Vorstellungskraft fördern, den Divergenten die Entscheidungskompetenz geben und die Konvergenten zu Ausführenden degradieren: Die Divergenten sehen Sinn und Ziel, die Konvergenten machen ihren Job korrekt – und die Divergenten stoppen die Konvergenten, wenn die in ihrer Detailverliebtheit plötzlich in sinnlose Tätigkeiten abdriften und sich verzetteln.

Wenn es nun darum geht, erfolgreich zu sein, ist Relevanz wesentlich wichtiger als Korrektheit. Und das merke ich in meinem Job – wenn ich Menschen beispielsweise helfe, ihre Profile auf ihren Webseiten zu schärfen. Aus der Binnensicht mag eine Webseite korrekt sein: Alle Fakten stimmen. Aber von außen ist das Ganze vielleicht trotzdem grottig, weil die wichtigen Fakten fehlen: Kein Schwein versteht auf Anhieb, was das Produkt ist und worin der Nutzen besteht. Eine Musiker-Webseite beispielsweise, die für den Musiker selbst super ist, weil er eben weiß, was er beruflich macht – durch die ich als Außenstehender aber nicht auf Anhieb weiß, ob der Typ für mich individuell Sounds komponiert, mir seine eigene GEMA-freie Musik zum Download bereitstellt oder auch Musik von anderen Künstlern. Positionierung völlig unklar.

Und bei so einer Panne ist es völlig gleich, ob die Rechtschreibung stimmt oder die vielen korrekten Fakten in einem der Texte. Sobald die Positionierung, das Produkt und der Nutzen nicht sofort zu verstehen sind und eine Webseite keine klare Aussage transportiert, ist Korrektheit irrelevant und das Ganze für die Katz. Es hat keinen Sinn, einen Korrektor über einen schlechten Text drübergehen zu lassen. Erst muss der Text gut sein und den Nutzen transportieren.

Wir werben mit korrekten Fakten statt mit Nutzen

Unter Dichtern und Denkern ist das das Hauptproblem in der öffentlichen Kommunikation: Die Leute denken zu viel, sie denken zu verknotet, sie denken zu verschroben. Und so sind Messestand-Kulissen, Aufsteller und Roll-ups oft teuer produziert, Grafik piekfein, Layout perfekt, Farben edel, Anmutung schön – aber die Arbeit ist völliger Bullshit, wenn der Nutzen nicht klar wird, die wesentlichen Informationen im unteren Drittel stehen, wo sie niemand sieht, oder wenn die Formulierungen zwar im Unternehmens-Wording perfekt sind, das Wording aber keiner kapiert.

Die Leute an den Messeständen erkennen ihr Versagen selten – sie halten ihren Job ja für normal und haben dazu keine Fragen. Dass ihre Selbstdarstellung für andere völlig unklar ist, fällt ihnen in ihrer Betriebsblindheit nicht auf. Wie auch? Sie leben schon seit Jahren mit ihrem absurden Wording, haben Entwürfe geschrieben, Texte hin- und hergemailt, Grafik-Entwürfe zwischen Marketing-Abteilung und Agentur hin- und hergeschickt, das Ganze einen Germanistik-Studenten korrigieren lassen, Probedrucke gemacht, Feinheiten korrigiert, um Freigabe bis 13 Uhr gebeten – der ganze übliche prozesshafte Konzern-Schwachsinn eben, ein Riesenaufwand und dennoch völlig sinnlos und eine Riesen-Verschwendung. Die Leute stecken in ihrer Ego-Box und merken nicht, dass sie letztlich für die Tonne arbeiten, weil sie zwar korrekt kommunizieren, aber irrelevant.

Die Krankheit scheint zu sein: Wir machen das Irrelevante, Unklare und Egozentrische akribisch korrekt, statt überhaupt erst mal etwas Relevantes zu bringen. Anders gesagt: Wir machen das Unwichtige perfekt. Noch stärker zugespitzt: Wir machen das Falsche richtig.

Für mich ist diese enorme Zeit- und Energieverschwendung nicht zu verstehen. Warum steckt jemand so viele Ressourcen in einen Flyer, der am Ende keine klare Botschaft transportiert, also seinen Hauptzweck nicht erfüllt? Warum lassen Unternehmen schicke Webseiten programmieren, die am Ende in Sachen Usability die Note sechs verdienen? Warum beauftragen Firmen Texter, die zwar fehlerlos schreiben, aber die USP nicht klar machen? Ich kann es mir nur so erklären, dass wir in der Tat das Wichtige unter den Tisch fallen lassen und das Unwichtige zu einem Elefanten aufblasen.

Machen Sie Ihre Botschaft relevant!

Relevant für Sie, sofern Sie öffentlich kommunizieren, ist hierbei etwas ganz Einfaches: Kapieren die Menschen Ihre Botschaft? Oder gefallen Sie sich nur in Ego-Kram? Dieser Perspektivenwechsel ist elementar. Jedes Anzeichen von Fachidiotie sollten Sie erkennen und überlegen, ob Ihre Botschaft relevant ist oder nur richtig. Fragen Sie sich, ob Sie wirklich weiterhin an sinnlosen Debatten in Xing teilnehmen wollen. Fragen Sie sich, ob Sie sich nicht vielmehr auf das konzentrieren wollen, was wichtig ist.

Seien Sie Chefredakteur/in Ihres Gehirns und denken Sie nicht mehr wissenschaftlich, indem Sie jedem neuen Fakt die Macht geben, Sie gedanklich aufzuhalten. Sondern selektieren Sie Nachrichten sofort nach wichtig und unwichtig und denken Sie damit ebenso journalistisch wie die Besucher Ihres Xing- oder Twitter-Profils, die nach einem kurzen Blick entweder interessiert sind oder nicht. Machen Sie sich klar: Nicht Korrektheit, sondern Relevanz bringt die Menschen zu Ihnen, in Zeiten des Internets mehr als je zuvor.

Fragen Sie sich also erstens: Was will ich sagen? Das ist die Sache, um die es geht. Zweitens: Was bedeutet das, was Sie sagen wollen, für die anderen? Drittens: Wie formuliere ich die Bedeutung meiner Sache für die anderen kurz und knackig? Viertens: Was ist unwichtig, was kann ich weglassen?

Der Fachidiot ist ja eben deswegen so erfolglos in der öffentlichen Kommunikation, weil er nicht zu unterscheiden weiß zwischen „relevant“ und „irrelevant“. Er bringt stattdessen alle Fakten, und das möglichst auf einmal. Aufgrund seiner Unfähigkeit zu selektieren erscheint er ja eben als Wirrkopf und kommuniziert fast nur aus seiner Sicht ohne Blick für die Belange der anderen.

Es sollte nicht allzu schwer für Sie sein, sich von solchen Menschen zu unterscheiden und abzugrenzen. Nur dass Sie sich abgrenzen und anders kommunizieren als die Fachidioten – das ist relevant.

3 Kommentare zu „„Relevant“ statt „richtig“!“

  1. Claudia Hilker

    Toller Beitrag, Herr Baum! Oberlehrer sind wirklich unerträglich. Auf den Punkt zu kommen, das ist für viele Menschen schwierig, weil sie Eloquenz mit Intelligenz verwechseln. Dabei sagte doch schon Goethe: „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit.“ Diese Höflichkeit vermisse ich auch oft. In der Kürze liegt die Würze, deshalb schliesse ich hier. Sonnige Grüße aus Düsseldorf von Claudia Hilker

  2. Aniello Scognamiglio

    Gratuliere zu diesem sehr interessanten Artikel, Herr Baum. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Leider können viele Menschen auf den ersten Blick nicht mehr erkennen, ob etwas richtig oder relevant ist. Oft werden sie sogar mit Informationen bombardiert, die oft weder richtig noch relevant sind.

    Ich selbst habe früher oft Dinge getan, die zwar richtig, aber nicht relevant oder zielführend waren. Ein gutes Beispiel ist Twitter: Viele glauben, es sei richtig, das Medium zu nutzen, aber ist es ist auch relevant? Zehn Minuten bevor ich Ihren Artikel gelesen habe, bin ich auf diesen gestoßen: http://geld-im-internet.info/b.....iment.html

    Der Mensch scheint so gepolt zu sein, dass er mit zunehmendem Alter und aus Erfahrung lernt, das Relevante zu tun. Nicht immer, aber immer öfter.
    Es mag z. B. richtig sein, dass Herr Müller sein Gehalt durch Mehrarbeit verdoppelt, aber wäre es nicht wichtiger, dass er mehr Zeit mit Menschen verbringt, die ihm viel bedeuten?

    Ich meine: Nicht alles Richtige ist relevant, aber alles Relevante ist richtig.

    Ein schönes Wochenende!
    Aniello Scognamiglio

  3. Thilo Baum

    Sehr spannender Link. Schönes Twitter-Experiment. Danke für den Hinweis!

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