Machen Sie das Richtige richtig!

 

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Sehr geehrte Frau Dr. Oehmichen,

obwohl Sie „phantastisch in einem naturwissenschaftlichen Gebiet ausgebildet“ sind, promoviert, Auslandserfahrung und eine „geprüfte Bewerbungsmappe“ haben, treffen Sie immer wieder auf das Wort „Einstellungsstopp“, das eine „unüberwindliche Mauer“ darstelle.

Das schreiben Sie in Ihrem Leserbrief im „Spiegel Online Forum“, abgedruckt im aktuellen Print-„Spiegel“ (26/2009) auf Seite 10.

„Verzweiflung“ und „Zweifel am System“ machten sich breit. Denn obwohl Sie „alles richtig gemacht“ hätten, säßen Sie „trotzdem ohne Job da“. Sie schreiben wohl im Blick auf die Gesellschaft: „Hier läuft was falsch. Es wird keine Lebensperspektive mehr geboten, dafür aber werden höchste Ansprüche gestellt.“

Sie laufen immer wieder gegen eine Mauer und sagen, dass Sie „alles richtig machen“? Das klingt für mich erst mal ziemlich merkwürdig. Stellen Sie sich vor, jemand scheitert mit seiner Strategie am laufenden Band und sagt, er würde „alles richtig machen“. Was würden Sie zu dem sagen? Ich sage zu Ihnen: Sie sind es doch, die gegen die Mauer laufen. Und ich frage Sie: Warum tun Sie das?

Ich habe einen Denkanstoß für Sie: Wenn immer wieder dieselbe Strategie versagt, hat es selten Sinn, diese Strategie immer weiter zu verfolgen. Verstehen Sie? Wenn Sie immer wieder die Treppe herunterfallen, liegt es irgendwann nicht mehr an der Treppe. Hinterfragen Sie also die Strategie! Und wechseln Sie sie!

Was ist an Ihrer Strategie falsch? Ich lese „Auslandserfahrung“, ich lese „Bewerbungsmappe“. Es sind Schlüsselwörter: Sie sitzen in der Falle derer, die glauben, andere um Beschäftigung bitten zu müssen. Sie stecken in dem Denkmuster fest, man müsse „sich bewerben“, um einen „festen Job“ zu haben und dann „Geld zu verdienen“. Etwas anderes sehen die wenigsten, die in diesem Muster gefangen sind.

Wenn Sie keiner nimmt, hat der Arbeitsmarkt möglicherweise momentan keinen Bedarf an Ihrem derzeitigen Angebot. So ist das auf einem Markt. Wenn Sie keine Kaffeemaschine brauchen, kaufen Sie keine Kaffeemaschine. Aber ist wirklich nirgendwo eine Ihrer Fähigkeiten gefragt? Der Arbeitsmarkt ist nur ein kleiner Teil des Marktes. Und Sie können sicher mehr als nur das, wofür Sie sich da ständig bewerben. Warum bewegen Sie sich nur in einem Ausschnitt der Realität? Die Wirtschaftswelt ist doch viel größer!

Dann lese ich „geprüfte Bewerbungsmappe“. Das heißt, Sie machen wirklich alles „richtig“, Sie lassen es sogar prüfen. Aber was bringt es, etwas Sinnloses perfekt zu machen und prüfen zu lassen? Sicherlich sind Ihre Bewerbungen klasse. Sie haben jede Menge Energie reingesteckt. Vermutlich könnten Sie sie vergolden und mit Diamanten besetzen, und es würde nicht helfen. Denn die Antwort lautet, so traurig sie auch ist: Sie perfektionieren das Falsche. Denn die Ware, die Sie anbieten, ist nicht gefragt.

Würden Sie einem Kaffeemaschinenverkäufer bei einem gesättigten Kaffeemaschinenmarkt empfehlen, öfter, lauter oder schneller zu schreien? Nein, Sie würden ihm vermutlich empfehlen, etwas anderes zu verkaufen. Sie wüssten genau, dass es sinnlos ist, etwas Unverkäufliches anzupreisen. Und Sie wüssten auch sehr genau, dass der Kaffeemaschinenverkäufer das Falsche richtig macht, wenn er seine Werbung für Kaffeemaschinen perfektioniert. Merken Sie was? Eine „Bewerbung“ ist auch nur „Werbung“. Und Ihre Fähigkeiten und Leistungen sind Produkte auf einem Markt. Sie sind Unternehmerin.

Ich will sagen: Sie tun mit Ihren Bewerbungen exakt das Falsche. Und ich frage Sie: Warum machen Sie das? Wer zwingt Sie dazu? Ich fürchte: Ihr Denkmuster. Es hält Sie darin fest zu glauben, Sie müssten Ihr Produkt anbieten. Und wenn es dafür keine Nachfrage gibt, denken Sie, Sie müssten es eben öfter und lauter anbieten. Das ist, mit Verlaub, unökonomisch gedacht. Als Unternehmerin – und das sind Sie de facto, wenn Sie jemandem eine Leistung anbieten – sollten Sie ein wenig unternehmerischer denken. Wer braucht was?

Sicher läuft da „was falsch“, wie Sie sagen. Aber nicht, wie Sie meinen. Falsch läuft etwas anderes, als Sie vermuten: Diese Gesellschaft trimmt die Menschen immer noch auf Ihr Denkmuster, das ist der Fehler. Obwohl die Realität längst zeigt, dass die sozialversicherungspflichtigen Jobs auf dem Rückzug sind, auch ohne Krise. Es ist offenkundig, dass sich die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften derzeit neu justiert. Das spüren Sie gerade. Es mag auch sein, dass Ihre „Zweifel am System“ berechtigt sind, aber glauben Sie mir: Das System interessiert sich nicht für Sie. Sie haben Recht, aber es spielt keine Rolle. Dass da „was falsch“ läuft, können Sie nicht ändern. Aber dafür können Sie schauen, mit welcher anderen Strategie Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Innerhalb des Bewerber-Arbeitnehmer-Schemas beklagen Sie, dass man Ihnen keine Lebensperspektive mehr bietet. Der dahinter stehende Anspruch, andere sollten einem eine Perspektive auf dem Tablett servieren, ist typisch für viele Menschen innerhalb Ihres Schemas. Aber bitte verstehen Sie doch: Da ist niemand, der Ihnen eine Lebensperspektive bietet. Wer soll das denn sein, wenn nicht Sie selbst? Der Staat ganz gewiss nicht. Da draußen ist nur Dschungel. Und in diesem Dschungel ist niemand für Ihr Leben verantwortlich außer Ihnen selbst. Das war im Übrigen nie anders.

An Ihrer Stelle würde ich das falsche Schema verlassen und komplett neu denken. Ich habe das auch hinter mir und für die Metamorphose etwa ein halbes Jahr gebraucht. Aber glauben Sie mir, es ist eine wunderbare Erkenntnis. Ganz egal, wo Sie in Ihrem Leben stehen: Ihre heutige Situation ist das Ergebnis Ihres gestrigen Handelns. Momentan fahren Sie die Ernte dessen ein, was Sie mit Ihren aussichtslosen Bewerbungen (natürlich alle „richtig“ gemacht) gesät haben – Sie stehen ohne Erwerbstätigkeit da. Ursache, Wirkung! Die Welt ist im Grunde sehr einfach. Nun geht es darum, dass Sie heute die richtigen Dinge tun, um damit morgen Erfolg zu haben.

Mein Tipp: Machen Sie in Zukunft nicht mehr das Falsche richtig, sondern machen Sie das Richtige richtig. Dazu sollten Sie zunächst einmal das Richtige finden, und was das Richtige ist, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Was ist es bei Ihnen?

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei diesem wundervollen Prozess!

Ihr Thilo Baum

19 Kommentare zu „Machen Sie das Richtige richtig!“

  1. Magnus Bühl

    Wow! Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich habe einen Lehrauftrag an einer FH. Erschreckend für mich ist jede Woche wieder … viele Studenten konsumieren Bildung, kotzen sie bei der Klausur wieder aus … aber Selbstdenker sind kaum dabei.

  2. Thilo

    Denken ist wie Kochen. Manche können es, manche nicht. ;-)

  3. Oli

    BOOM, der Artikel schlägt wirklich ein.
    Danke für Ihre mitunter sehr provokanten Thesen, die aufrütteln und wach machen. Und alles schreit aus Ihren Worten: DU BIST SELBST FÜR DICH VERANTWORTLICH ;)
    Gefällt mir.

  4. Mirjam

    Vielen Dank für den Blick auf den Sinn des Wortes Be-Werbung! Sehr guter Artikel; man hinterblickt damit einiges. Gefällt mir sehr gut.

  5. Monika Lohmann

    SUPER Artikel,

    genau das ist es, was so nötig gebraucht wird: Aufrütteln zum eigenen Denken und sich bewusst werden, welche Denkstrukturen udn Glaubenssätze einen den Wald vor lauter Bäuemn nicht sehen lassen.
    Weiter so.

  6. Andre Loibl

    Danke für diesen wundervollen Beitrag!! :-))

    Es steckt so viel Wahrheit darin – vom „Anspruchsdenken“ an jemanden, der einem einen „Job“ geben muss (weil man ja alles richtig gemacht hat) bis hin zu der fundamentalen Tatsache, dass wir unser Leben nur in den Griff bekommen, wenn wir aufhören, uns auf die Wirkungsseite zu stellen und zu sagen: Die anderen sind Schuld! Das System, die Unternehmen! Die Wirtschaft! Die Grossen! Die Kleinen! Aaaaaaaaaaaaaaalle!!!! Nur nicht ich!! ;-))

    Es führt kein Weg darum herum, zu erkennen, dass das, wo wir jetzt sind, das Ergebnis unserer (UNSERER! ;-) ) früheren Entscheidungen ist. Und wenn uns etwas nicht passt, dann können wir uns natürlich hinsetzen, quaken wie die Enten und heulen wie ungerecht die Welt ist… doch ändert das leider nix… ;-)

    Deswegen der ehrliche Blick in den Spiegel und dann die Frage: Allright, mir gefällt nicht, wo ich jetzt bin, also was kann ich (!!!!) machen?!?!

    Einen lieben Gruss und einen tollen Tag für Dich!! :-))

    André

  7. BildungOLE

    Interessant…! Ich wiederspreche ihnen aber in einem Punkt. Was soll den z.B. ein Absolvent der in der Vergangenheit etwas entschieden, was heute nicht mehr so nachgefragt ist, anders machen! Ein Studium ist eine Ausbildung die kostenintensiv ist und lange dauert! Sich nicht mehr zu bewerben sondern auf andere Tripps zu gehen ist nicht wirklich pragmatisch! Geld für ein komplette Umorientierung hat man ja als Absolvent auch net… Bleibt also der Rückzug zu, sagen wir mal, unterbezahlten Jobs für einen Absolventen, wofür man eigentlich zu gut ausgebildet ist!

    Ihr Artikel rüttelt wach, aber ich muss sagen ich verstehe nicht den Sinn dahinter!

  8. Quark

    Was für ein Quark.

    Die Dame hat einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt um ins Berufsleben einzusteigen und gehört zur Gruppe der Promovierten ohne Berufserfahrung. Diese Gruppe überschätzt meiner Erfahrung nach mit schöner Regelmäßigkeit ihren Marktwert.

    Und das war’s dann auch schon.

  9. Thilo

    Nicht freigeschaltet werden hier übrigens Kommentare von Trollen und Menschen, die anonym meinen, beleidigend werden zu müssen.

    Quark: Vortreffliche Analyse.

  10. JW

    Die Analyse von Quark ist falsch. Die Frau hat einen hohen Marktwert, scheitert jedoch an den Mitarbeitern im HR.

    Eventuell drei Ebenen höher einsteigen und HR umgehen, denn wie soll ein Mitarbeiter der Personalabteilung Bewertungen abgeben über Qualifikationen, die Lichtjahre von der eigenen Denkebene und Qualifikation entfernt sind.

    Trifft scheinbar auch auf Quark zu. Autodidakten sind keineswegs die besseren Fachleute.

    Mit Hans reden hilft Frau Dr. Oehmichen.

  11. BildungOLE

    Ein Grund mehr nicht, wie in diversen Online Zeitungen beschrieben, nach dem Abschluss des Studiums im Krisenjahr noch einen Krisen-Dr. obendrauf zu setzen… Fantastisch ausgebildet ist man deswegen auch nicht unbedingt!

    Ich schließe in 2 Monaten mein Studium ab. Dann mache ich das was ich nie machen wollte. Ich werde aufs erste ein Arbeitsloser Absolvent. Juhu! Ach ja dann kann ich mir Gedanken über Sinn und Zweck von Bewerbungen usw. machen.

    Schreiben werde ich wohl trotzdem welche, weil sonst lebe ich bald von Hartz IV als Absolvent. Das meint ich mit dem Sinn ihres Artikels. Rüttelt wach, mehr nicht

  12. Marcel Widmer

    10 Jahre in der Personalberatung und im Laufbahn-Coaching zeigen: in der (Grund-)Ausbildung lernen die Studis ganz viel. Aber sie lernen (erfahren!) nicht, wie die „Arbeitswelt da draussen“ funktioniert, welche Fähigkeiten und Kernkompetenzen gefragt sind, und wie man diese „ins Spiel bringt“.

    Das ist einer der Gründe, weshalb ich Ende Monat mein Ehrenamt als Schulrat an den Nagel hänge und mich (genauso ehrenamtlich und unentgeltlich) für die Berufseinsteiger engagieren werde. Mit Workshops, „Tipps vom Profi“ und vielem mehr …

    Junge Menschen, die wollen (aber nicht dürfen): eine schier unerträgliche Sache!

  13. Quark

    @JW, wenn Sie den Beitrag der Betroffenen im SO-Forum gelesen haben, werden Sie, denke ich, gemerkt haben, dass die Dame offensichtlich über keine nennenswerten Kontakte in oberen Führungsetagen verfügt. Wenn dem so wäre, hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits einen Job (oder Aussicht auf einen).

    Wie glauben Sie werden also die Damen und Herren des oberen Managements reagieren, wenn ihnen eine vollkommen fremde, junge Doktorin ohne Berufserfahrung einen Brief oder eine E-Mail mit Bitte um einen Job schickt?

    Ich will nicht sagen, dieser Vorschlag sei vollkommen abwegig, aber m. Mg. ist er, unter der genannten Konstellation, ähnlich vielversprechend wie sich weiter auf dem „üblichen Weg“ zu bewerben. Im übrigen bearbeiten die Personaler meines Arbeitgebers tagtäglich Bewerbungen von Menschen mit weit höherer Qualifikation als ihrer eigenen. Das ist ihr Beruf, auch wenn das vielen (und dazu zähle ich mich durchaus selbst) stinkt.

    Für junge Doktoren wie der Dame im Beispiel, also Menschen die nach abgeschlossenem Diplom direkt promoviert haben, gibt es nur wenige passende Stellen: Sie sind entweder a) überqualifiziert oder b) es fehlt ihnen die geforderte Berufserfahrung. Die meisten meiner inzwischen promovierten Kommilitonen sind in wirtschaftlich rosigeren Zeiten in Unternehmensberatungen untergekommen, der Branche Numero Uno für diese Gruppe Absolventen. Nur sind die großen wie kleinen Berater (aus gutem Grund) derzeit sehr verhalten mit Neueinstellungen.

  14. Rob

    Woher kommt diese unglaubliche Sehnsucht nach unselbständigen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungen?

    Was ist aus dem Ausbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geworden?

    Ich dachte, die Menschen wollen frei sein.

    Ist das hier und heute soviel schlechter als zu der Zeit, als ein paar Millionen Deutsche, Iren, Italiener ausgewandert sind?

  15. Thilo

    @ Rob: Was ich ja wirklich faszinierend finde, sind die Auswanderergeschichten so zwischen 1880 und 1920. Im Grunde ging es bei diesen Ex-Europäern und Neu-Amerikanern nur darum, ob sie die Augen aufmachen können und ein wenig proaktiv sind. Mehr Soft Skills waren im Grunde nicht gefragt.

  16. Cujau

    Mann, was so ein Leserbriefchen im Spiegel von einer promovierten Absolventin für ein Echo erzeugt. Und zwar nicht im Spiegel!
    Wichtiges Thema; neu über Eigenmarketing nachdenken, darüber, was man selbst will und nicht darüber, was andere vielleicht brauchen.

  17. FW

    Der Artikel ist im Prinzip richtig, aber er bietet keine konkrete Loesung an, ausser einer „Gedankenmetamorphose“. Was ist die Alternative zu den in der Krise rar gesaeten sozialversicherungspflichtigen Jobs? Selbstaendig machen? Da koennen einige Absolventen ihr Liedchen von singen. Man sollte genau aufpassen, was man anbietet und ob dies in der Krise auch nachgefragt wird…

  18. Travelmate

    Ihr Artikel mag auf dem ersten Blick sicherlich interessant zu sein, und denkt zum Nachdenken an.
    Zum Zeitpunkte einer weltumspannenden Krise das Richtige richtig zu machen.
    Ist alles sehr schön von ihrer Seite geschrieben.
    Aber leider stelle ich bei Ihnen, geehrter Autor, wieder mal fest:
    Sie sitzen im trocknen Stuhl, während ich mich mit meinen Bewerbungen werktags abmühe.

    Was soll denn daran falsch sein, wenn ich als Ingenieur hier in Deutschland keinen Job finde?
    Auf der einen Seite fehlen 55000 Ingenieure und auf der anderen Seite gibt es gleich soviele arbeitssuchende.
    Und dann gibt es ja noch die Wörter:
    „Fachkräftemangel“ sowie „Überqualifizierung“.
    Darüber kann ich nur noch lachen.

    Fachkräftemangel ist nur das Zauberwort der Industrie,
    die die den jungen Menschen anregen soll,
    ihr sollt studieren.
    Aber wie sollen sie denn studieren, wenn es in einzelnen Bundesländern Studiengebühren gibt?
    Das Studium können sich dann nur die Reichen Eltern leisten.

    Und Überqualifizierung?
    Was ist das überhaupt? Gibt es das Wort eigentlich im Duden? Ja, es steht:
    „Qualifikation, die im Verhältnis zu den Anforderungen zu hoch ist.“
    na toll…….

    Nehmen wir doch mal ein Beispiel:
    Wie würden Sie denn ein Piloten eines Airbus bezeichnen, der seit 20 oder mehr Jahren in seinem Job tätig ist
    (also seit dem 18. Lebensjahr)?
    Würden Sie diesen Menschen auch als überqualifiziert bezeichnen? Warum ja, warum nicht?
    Stellen Sie sich mal vor:
    Sie fliegen mit diesen Menschen von A nach B.
    Würden Sie sich nicht während des Fluges nicht wohler
    und sicherer fühlen, wenn sie wüssten, dass vorne im Cockpit zwei Menschen sitzen, die über alle Jahre hin geflogen sind?

    In Deutschland läuft so einiges schief…..

    Dass unser Land es sich überhaupt erlauben kann,
    solche guten Arbeitskräften und Köpfe auf der Straße
    stehen zu lassen als ihnen Arbeit zu geben ist wirklich schlimm und dass sie nach dem Nuttengesetz von Peter (H4) Geld vom Staat bekommen.

    Sie haben doch nur gut reden, weil sie ein sicheres Leben führen können und so ein Blödsinn schreiben. Damit verunsichern sie nur die Leute.
    Jetzt sollen wir, die Gutausgebildeten, uns wieder darüber Gedanken machen, was wir wirklich machen wollen und dann richtig.
    Welch ein verschwenderischer Gedanke!!!
    Darüber haben wir uns schon vor dem Studium oder während des Abiturs Gedanken gemacht, was wir später einmal wollen.
    Und jetzt dürfen wir nicht, was wir uns an der Uni angeeignet, zeit-, nerven- und kostenintensiv war.

    Ich habe keine Lust mehr, über mein Leben nach zudenken und danach eine revidierende Entscheidung zu treffen.

    Ich will leben und ich will auch arbeiten.
    Mit meinem Wissen aus der Uni möchte ich arbeiten
    und etwas nach vorne bringen.

    Von einer Selbständigkeit als Absolvent kann ich nicht leben: woher die Aufträge nehmen?
    Wie soll ich mich selber versorgen?
    Wie soll ich das Geld für meine Versicherung aufbringen?
    Laut einer Rechnung in diesem Fall habe ich mehr Ausgaben als Einnahmen.

    Nach meiner Ansicht liegt das Probelm woanders:
    nicht bei den kleinen Leute,
    sondern bei den „da oben“, die vom Volk total abgehoben sind (siehe Ulla Schmidt).

    Und irgendwann wird sich das Volk nicht mehr erlauben,
    und irgendwann wird es wie in Frankreich zur Revolte kommen,
    weil wir – das Volk – es nicht mehr verstehen können,
    was eigentlich in unserem Land passiert.

    Fragen Sie mal Ihre Eltern oder Ihre Großeltern nach deren Meinung zu dem, was heute in der Gesellschaft und Politik abgeht!!!
    Sie werden ihnen sagen: Wir verstehen es nicht.
    So ist es bei mir zumindest.

    Das wichtigste in dieser Situation ist nur:
    Man darf niemals aufgeben und seinen Traum vernachlässigen.

  19. Thilo

    @ FW: Dieser Text biete „keine konkrete Loesung an, ausser einer Gedankenmetamorphose“? Damit bietet er doch eine konkrete Lösung an. Es geht in meinen Augen wirklich ums Umdenken.

    @ Travelmate: Sie heißen wie ein früherer Laptop von mir. :-)

    Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind. Ich verstehe es, wenn Sie Dinge sagen wie „In Deutschland läuft so einiges schief“ und „sie werden Ihnen sagen: Wir verstehen es nicht. So ist es bei mir zumindest.“ Dazu nur ein kleiner Tipp: Natürlich ist das so. Die Welt heute und die Welt meiner Eltern oder Großeltern sind schon lange nicht mehr identisch, sie sind sich nicht einmal mehr ähnlich. Natürlich verstehen unsere Eltern und Großeltern das Problem oft nicht.

    Ich verstehe es, wenn man die Lage (nicht nur in Deutschland) für vertrackt hält. Es ist ein Knoten, der in meinen Augen auf Denkfehlern und Illusionen beruht, und zugleich ist es ein Wendepunkt, an dem wir stehen. Und ich denke, man kann dieser Situation nicht entrinnen, solange man in den bisherigen Denkmustern verhaftet bleibt.

    Statt aber nur zu sagen: „Alles ist sinnlos“, möchte ich versuchen, mich einer Lösung anzunähern. Bitte sehen Sie es mir nach, wenn das hier ein Annäherungsprozess ist und ich Ihnen keine Lösung auf dem Tablett servieren kann, so gerne ich das auch täte.

    Ja, manche Leute können sich kein Studium leisten. Ja, manche Ingenieure finden keinen Job. Fakt. Und jetzt? Jetzt kann ich entweder politisch etwas gegen diese Verhältnisse tun, oder ich kann schauen, wie ich trotz dieser Verhältnisse etwas aus meinem Leben mache. Oder vielleicht kann ich ja beides miteinander verbinden.

    Die meisten, die politisch etwas gegen die Verhältnisse tun wollen, setzen meines Erachtens an einem Hebel an, der der alten Realität entspricht: Sie kämpfen um die sozialversicherungspflichtigen Jobs. Ich halte das für aussichtslos, denn die Wirtschaft entfernt sich gerade für alle sichtbar davon. „Rente mit 67″ ist eine Monddebatte, weil sie meine Generation (ich bin 38) in dreißig Jahren vermutlich gar nicht mehr berührt. Die festen Jobs sind auf dem Rückzug, so sehr man auch darum weint.

    Was also tun? Ich bin überzeugt, die Leute sollten sich auf den Kern ihrer Fähigkeiten besinnen und weniger komplex denken. „Zurück zum einfachen Markt“. Also sicher auch die Selbstständigkeit als Alternative sehen. Im festen Job: sich so positionieren, dass man eins ist mit seinen Leistungen. Der Weg dahin ist ein Selbstcoaching-Prozess.

    Andersherum: Sie können sich als Ingenieur mit Ihren Bewerbungen auf den Kopf stellen. Wenn Sie merken, dass Sie mit zwanzig Bewerbungen abblitzen, dann ist vielleicht das „Prinzip Bewerben“ der Fehler. Also einen Schritt zurück gehen und fragen: Ist das, was ich da tue, das Richtige? Wenn nein, welche Wege gibt es noch?

    Oder: Wenn 55.000 Ingenieure fehlen – wo sind denn diese Stellen? Gibt es die wirklich konkret? Wo? Welche Unternehmen suchen Leute? Die muss es doch geben. Warum haben Sie die noch nicht recherchiert?

    Ist der Markt dicht, schaue ich woanders: Auf welchen Märkten bin ich gefragt? Die Lösung kann auch Auswandern bedeuten, und das ist beispielsweise ein Schritt, der eine Menge Leute glücklich macht. Ich vermute mal, Sie können sich mit Ihren Fähigkeiten als Ingenieur in Norwegen sofort ein Häuschen bauen. Dubai sucht Leute. Warum nicht? Sie hätten auch durch Zufall dort geboren sein können. Die Welt ist groß. Als Ingenieur dürfte es für Sie keine Sprachbarrieren geben. Die Familie nehmen Sie mit. Sehen Sie es als Ausflug für drei Jahre. Beschäftigungsverhältnisse werden ja eh immer kürzer – es gibt keinen Grund zur Angst, irgendwas in Stein meißeln zu müssen.

    „Aber leider stelle ich bei Ihnen, geehrter Autor, wieder mal fest: Sie sitzen im trocknen Stuhl, während ich mich mit meinen Bewerbungen werktags abmühe.“

    Wie kommt man in einen „trockenen Stuhl“? Indem man konsequent das Richtige tut. Erst frage ich mich: Was ist das Ziel? Dann überlege ich: Wie komme ich hin? Und dann arbeite ich unermüdlich am Weg, und das auch nicht nur werktags, wenn es um ein wichtiges Projekt geht. Wenn jemand schließlich „im trockenen Stuhl“ sitzt, ist es selten Glück. Meist ist es das Ergebnis bewussten Handelns. Ebenso gibt es auch nur selten „Pech“, sondern eben meist auch nur Folgen persönlichen Handelns.

    Vielleicht arbeiten Sie ja mit Ihren Bewerbungen für den Papierkorb? Ich weiß es nicht. Und wenn Sie mit einer Bewerbung „Glück“ haben, können Sie immer noch nicht sicher sein, ob nicht in zwei Monaten ein neuer Chef kommt und sie wieder rauskantet. Vielleicht verkauft man Ihren künftigen Arbeitgeber bald an einen Hedgefonds? Alles schon passiert. Großes Gebrüll. Was ist also das Ziel hinter Ihren Bewerbungen? „Sicherheit“ etwa? Dann schreiben Sie erfreulicherweise: „Man darf niemals aufgeben und seinen Traum vernachlässigen.“ Richtig! Genau! Und jetzt die Frage: Was ist denn Ihr Traum? Ein Angestelltenjob?

    Egal, ob selbstständig oder angestellt: Sicher ist unterm Strich nichts. Aber wenn mein Leben in meiner Hand liegt (statt in den Händen potenziell durchgeknallter Manager), habe ich darauf wenigstens größtmöglichen Einfluss. Niemand weiß letztlich, ob die Leute morgen noch die Produkte wollen, die man heute anbietet. Die Welt ändert sich manchmal so schnell, dass die Unsicherheit des Daseins auch ein Partner sein kann. Er verhindert den Irrglauben, auch nur irgendwas auf dieser Welt sei sicher. Auch wenn die sozialversicherungspflichtigen Jobs den Leuten die Illusion von Sicherheit vorgaukeln. Auch deshalb halte ich es für trügerisch, daran festzuhalten.

    An Ihrer Stelle würde ich also keine Revolte anzetteln. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, für uns zu sorgen. Nur wir selbst sind für unser Leben verantwortlich. Ich würde versuchen, den Frust als Frust zu erkennen und abzustellen. Und dann würde ich einen großen Schritt zurück machen und mich selbst von außen betrachten. Was will ich? Was ist mein Ziel? Und dann die Realität checken und angesichts der ungeschönten Wahrheit an einer Strategie arbeiten. Kein Aktionismus, sondern ruhig und durchdacht das Richtige tun.

    Das Wichtigste haben Sie selbst geschrieben: Niemals aufgeben. Und Sie stellen eine richtige Frage: Was ist Ihr Traum?

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