Bastian Sick und die Lehrerfraktion

 

An anderer Stelle zeige ich zwei Herangehensweisen an Sprache:

1. Zum einen kann ich Sprache als in Ordnung bezeichnen, wenn sie im Sinne der Rechtschreibung und der Grammatik fehlerlos ist – die Vertreter dieser Richtung nenne ich die Lehrerfraktion;
2. zum anderen kann ich Sprache als in Ordnung bezeichnen, wenn sie zum Ausdruck bringt, was Sache ist – die Vertreter dieser Richtung sind für mich gute Redakteure und Texter.

Bastian Sick schreibt etwas, woran sich der Unterschied zwischen beiden Modi deutlich zeigt. Er moniert an der Formulierung …

„Künftig ist jedwedes privates Telefongespräch ausschließlich während der Pausenzeiten zu führen.“

… die falsche Deklination des Adjektivs „privates“. Es müsse „private“ heißen. Und darauf reitet er über zehn Absätze herum, mit vielen, vielen Beispielen. Sick beackert Sprache auf der Dimension „richtig/falsch“: Er korrigiert im Sinne der Grammatik und gibt seiner Zielgruppe mit dem Gefühl „Ich habe Recht“ Futter. Im Grunde macht Sick in diesem Text einen Job, für den Zeitungen Korrektoren haben. Somit gehört Sick für mich zur Lehrerfraktion.

Die Frage, ob etwas falsch oder richtig ist, ist heute wirklich nicht das Hauptproblem unserer Sprache. Das Problem ist, dass die Leute nicht zum Punkt kommen und andere Dinge sagen, als sie meinen. Auch in dem Beispiel, das Sick anführt. Ohne, dass Sick darauf einginge.

Sick kritisiert an dem Wort „jedwedes“ die falsche Beugung – nicht aber, dass es inhaltlich falsch ist: Nach dieser Ansage müsste ich jedes private Telefonat in der Pause führen, auch wenn ich es bislang nach Feierabend geführt habe. In seinem Schlusssatz „Ey Leute, telefonieren is nich!“ zeigt Sick zwar einen Hauch dessen auf, worum es geht. Aber den logischen Weg dorthin enthält er mir vor. Ursache des falschen „jedwedes“ ist die falsche Perspektive des Satzes: Der Befehlsgeber will die Leute nicht dazu verdonnern, in den Pausen privat zu telefonieren, sondern dazu, in der Arbeitszeit nicht mehr privat zu telefonieren. Er sagt also etwas anderes, als er meint. Es folgt das Missverständnis, ich müsste nun alle Privatgespräche von der Firma aus führen. Statt diesen Unterschied als Quelle des Missverständnisses zu entlarven, hält Sick sich mit Grammatik auf.

Darin besteht der Unterschied: Der eine meint, Korrekturen machen Texte gut; der andere hält dafür redaktionelles Know-how für nötig. Ich bin überzeugt: Wichtiger, als etwas richtig zu sagen, ist es, das Richtige zu sagen. Und wirres Gerede zu Klartext zu machen.

Ginge Sick in meinem Sinne (Modus 2) an die Sache heran, hätte er noch etwas zu kritisieren: Die bürokratische Formulierung „während der Pausenzeiten“ (sieben Silben) lässt sich prima auf „in der Pause“ oder „in den Pausen“ (vier Silben) reduzieren – und der Text wird eingängiger. Auch das ist ein typisches Beispiel dafür, dass der Typus „Deutschlehrer“ nicht schon deshalb etwas von Sprache versteht, weil er Grammatik und Rechtschreibung beherrscht.

Danke, Jan, für den Hinweis.

4 Kommentare zu „Bastian Sick und die Lehrerfraktion“

  1. Birgit

    „Liebling, die Sonne scheint!“

    „Schatz, Sonnen scheinen immer. Das liegt in ihrer Natur.“

    „Liebling, verzeih. Ich wollte dir sagen, ich sehe sonnenbestrahlte Flecken!“

  2. Anna

    Richtig-falsch – die Dichotomie ist schon *richtig*. Dass Sprache ein Regelwerk ist, kann niemand leugnen. Dass sie nur auf der Basis des Regelwerks funktioniert, auch nicht. Denn Verständigung trotz Abweichungen möglich ist: Das geht, weil jeder die Regeln internalisiert hat – zumindest in groben Zügen. Ab einem gewissen Grad und Menge der Abweichung geht keine Verständigung mehr. Und dem Vorhandensein und Gültigsein der Regeln ist direkt ableitbar, was richtig ist, und was falsch. Einmal falsch dekliniert und die Botschaft kommt dennoch an? Ja klar. Nur ist das kein Argument.

  3. Thilo

    Kapiere ich nicht. Die Kultusministerkonferenz hat sich doch die letzten Jahre komplett zum Affen gemacht und die Regeln ad absurdum geführt.

  4. Manfred Riebe

    Bastian Sick hat auf das Versagen der Kultusministerkonferenz aufmerksam gemacht. Vgl. auch seine Biographie im Franken-Wiki:

    * Bastian Sick
    http://franken-wiki.de/index.php/Bastian_Sick

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