Bitte nicht erwachsen werden!

 

Fällt mein Blick doch während meiner Lektüre von „Consumed. Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt“, auf das ich kürzlich schon mal hinwies, auf den Rand meines Sofas, wo eine Ausgabe der „Neon“ thront, Titel: „Aus der Liebe lernen“. Dieser Blick auf die Sofakante mit der „Neon“ macht mich mental zu einem knutschenden Sechzehnjährigen, und das fühlt sich ungefähr so an wie nackt im nächtlichen Waldsee schwimmen bei dröhnendem Led Zeppelin aus offenen Ford-Fiesta-Türen, drei Tage Musikfestival in einer Burgruine, nach Griechenland trampen oder die erste eigene Waschmaschine.

Jedes Mal, wenn ich „Neon“ kaufe, frage ich mich, warum ich „Neon“ kaufe. Inzwischen weiß ich es: „Neon“ macht jünger. So wie Mercedes fahren alt macht. „Neon“ macht jünger wie auch meine Michael-Jackson-Jacke, die meinen Freund Holger zu einem Lachanfall hinriss und zu dem Spruch, es sei nicht schlimm, wenn man älter werde. Vielleicht sollte ich „Bravo“ kaufen, um mich noch jünger zu fühlen, oder „Wendy“.

Wer die Zielgruppe eines Mediums ist, erkennt man an der Werbung darin, und gemessen an der Zielgruppe von „Neon“ bin ich ein konsumfeindlicher alter Sack. Trotzdem liegt das Blatt hier rum. Manchmal jedenfalls. Dabei ist es völlig sinnlos. „Neon“ propagiert Aktivitäten und bewirbt Produkte, die ich nicht brauche. Der Nachrichtenwert der Geschichten in „Neon“ ist null, der Nutzwert meist auch. „Neon“ repräsentiert auf meinem Sofa die hilflose Langeweile an ihren Stuhl gefesselter Friseur-Opfer: Man füllt Leere mit Leere. „Neon“ eignet sich nicht mal zum Heizen: Das mit Chemie vollgeknallte Papier versaut den Kamin — auch wenn „Neon“ gerne mal in Sendung-mit-der-Maus-Manier die Umwelt erklärt.

Ich mag einerseits die Naivität, mit der das Blatt an Fragen herangeht: „Psychologie / Darum ist das so: Darum mögen Männer Dreck“. Andererseits bin ich skeptisch gegenüber der Tendenz, einfache Antworten und Aussagen zu versprechen, wie etwa im Lead einer Story namens „Das Szeneviertel“: „Wo muss man jetzt wohnen und ausgehen? Wann weiterziehen? Den aktuellen In-Bezirk zu erwischen, ist vor allem eine Frage des Timings“.

Offenbar unterstützt „Neon“ wie kaum ein anderes Magazin die Tendenz, dass das Geschehen in unserem Land von großen Kindern bestimmt wird. Man fühlt sich so schön jung, so wohl aufgehoben und oft erinnert an pubertäre Momente, ach war das schön, wenn man Geschichten liest Marke „Warum leben manche noch zu Hause“ oder „Was tun gegen böse Uni-Profs“. Die jungen Erwachsenen erwerben nicht kritisches und differenziertes Denken, sondern konditionieren sich als überaus einfache und vorwiegend an sich selbst denkende Käufer von Produkten, die weniger einen direkten Nutzen haben als vielmehr nur das Lebensgefühl verbessern sollen. Die Lifestyle-Produkte der Oberflächlichkeit haben nichts Substanzielles, sondern schaffen Gefühle durch Krücken, und das ist meist dann nötig, wenn man zumindest die Illusion von Sinn braucht, um sich vollständig zu fühlen. Und das wollen Menschen.

Menschen wollen sich gut fühlen, sie wollen tun, was sie wollen, in einer von Ritualen und Bräuchen entleerten Zivilisation sollte, so wäre zu vermuten, das Bedürfnis nach Sinn wachsen, stattdessen wächst der Bedarf nach Füllung der Leere mit egal was, und insbesondere das gottlose Stadtvolk treibt es angesichts zahlloser Clubs mit Angeboten für jeden recht bunt. Ich auch oft.

„Schon mal völlig ungebunden telefoniert und gesurft“, fragt die Alice-Werbung und spielt auf den offenbar hohen Single-Anteil von „Neon“-Lesern an — und tritt in genau die an anderer Stelle formulierte Falle der Diskrepanz zwischen Unternehmenswirklichkeit und erwünschtem Image. Auch als „Neon“-Leser würde ich „Alice“ in Form des Models Vanessa Hessler vielleicht zum Essen einladen, aber mir nicht den DSL-Anschluss gewisser Anbieter ins Haus holen, über die ich schon zu viele Leute stöhnen gehört habe. Vielleicht sind ja die 25-Jährigen dieses Landes so naiv und glauben, die Hochglanzbotschaften der Werbeagenturen entsprächen der Realität. Doch vermutlich macht dieser Typus einfach seine Praktika bei Werbeagenturen, weil er es für schick hält, lernt dort das Einseifen und Lügen und fühlt sich ziemlich cool, indem er natürlich immer im richtigen Szenebezirk lebt und zum Kaffee nicht mehr Kaffee sagt.

(Cool war ich auf jeden Fall früher als „Yps“-Leser. Klar hatte ich die Geldmaschine zum Geld-Drucken, die Detektiv-Ausrüstung zum Fingerabdrücke-Nehmen und das Phantombild-Set. Früher war fast alles besser und fast alles aus Holz.)

Die schleichende und immer deutlicher werdende Oberflächlichkeit des jungen Gemüses verdanken wir Medien wie „Neon“, die hier als Pars-pro-toto stehen soll, und ich bin mir nicht ganz so sicher, zu was diese so sozialisierten Menschen zu gebrauchen sind, wenn der Strom ausfällt, ein Krieg ausbricht oder Außerirdische die Regierung putschen. Statt sich über das wahre gesellschaftliche Leben und seine Folgen Gedanken zu machen, lullen die Verlage die Menschen ein in Werbewelten von L‘Oreal, Boss und 1&1 und verfestigen in ihren redaktionellen Texten den Irrglauben, man müsse nur möglichst oft zum Shoppen gehen. Statt über die im Sinne des oben erwähnten Buches „erwachsenen“ Dinge „erwachsen“ nachzudenken, predigen die Agenturen: Bitte nicht erwachsen werden! Und es besteht keine Aussicht darauf, dass diese Agenturen den Schaden irgendwann wieder gutmachen, den sie da ungestraft anrichten.

Ob das alles gut ist? Was wird nur?

Na ja. Vielleicht sind das ja hier nur abseitige Gedanken eines über die Zielgruppe von „Neon“ hinausgeschossenen alten Kindes, das zu wenig fernsieht und sich vielleicht vom Lebensalter noch mal jünger wünscht, dabei aber um das Schicksal als Freiwild für vollgekokste Werbe-Berserker herumkommen will. Ob das noch geht? Jung sein und nicht Zielgruppe? Vielleicht doch mal „Wendy“ kaufen.

3 Kommentare zu „Bitte nicht erwachsen werden!“

  1. Christoph

    Naja langfristig gesehen läuft die sich immer mehr anhäufende Unmündigkeit der Menschen, verursacht durch Medien wie in deinem Artikel beschrieben, auf eine Sache hinaus: eine Revolution.
    Das mag überspitz klingen, ich behaupte auch gar nicht, dass es dies nicht ist, aber es reicht ja auch eine „geistige Revolution“:P.
    Vielleicht brauchen wir doch eine 2. Aufklärung, „um uns aus unserer selbst auferlegten Unmündigkeit zu befreien“. Irgendwie kommt mir das ganze so bekannt vor….
    Naja, aber nach wie vor gilt, dass ein Großteil der Bevölkerung sowieso dem Rest hinterher rennt. Daran wird sich wohl nichts ändern (wie denn auch?), aber das ist eigentlich nicht weiter schlimm. Hauptsache, dass Ziel der anderen (Der „Leitenden“)ist nicht die Volksverdummung,-verführung, etc.
    Das wäre doch mal eine feine Welt:P

  2. Vronie

    Deinen Blogeintrag finde ich sehr gut!
    Aufgrund von Recherche habe ich mir die Neon des Monats gekauft.
    Fürchterlich! Das war mein Gefühl. Ich habe allerdings nicht sehr viele Anhaltspunkte fassen können die mein Gefühl mit Fakten belegen.
    Du sagst die NEON macht jung. Ja! Das ist es!
    Mit ihren Belanglosigkeiten und nicht profunden Artikeln spiegelt sie die Einstellung eines unzentrierten Menschen wieder.

    Oder was hab ich da noch gefunden:
    Die Neon ist die Bild am Sonntag der Abiturienten und möchtegern Alternativen!

    Die Neon kommt auf meine Liste der absoluten NEIN! Magazine.

  3. Mario H.

    Ich mag die Neon. Eine nettes, kurzweiliges Magazin für Twens und dergleichen. Sie ist günstig und man kann sie einfach mal zwischendurch lesen. Eine Art Doppel-Who**er – nur man hat länger was davon. Und z.T. sind die Artikel auch wirklich gut.

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