Die Adjektiv-Falle

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In die Falle getappt: Zitat aus dem „Spiegel“

Hurra! Nachdem ich hier vor einiger Zeit die Weltöffentlichkeit vor der Tücke der Relativsatzfalle gewarnt habe, ist es mir nun gelungen, ein Beispiel für die damals erwähnte und nicht weniger hinterhältige Adjektiv-Falle zu finden. Ich stieß auf das Beispiel wie angekündigt im „Spiegel“ — neben Polizeipressestellen und Nachrichtenagenturen eine der am zuverlässigsten sprudelnden Quellen von Beispielen schlechten Deutsches, weshalb ich das Abo behalte. Ich erlaube mir, von Seite 45 der aktuellen Ausgabe (37/2007) zu zitieren:

„Küng greift deswegen den heutigen deutschen Katholikenchef an.“

Wer ist mit dem heutigen deutschen Katholikenchef gemeint? Nach Sachlage des Satzes natürlich Papst Benedikt XVI. — er ist Katholikenchef, er ist deutsch, und heutig ist er auch. Gemeint hat der „Spiegel“ aber leider nicht Benedikt, sondern Kardinal Karl Lehmann. Wie kann das sein?

Ganz einfach: Der „Spiegel“ ist in die Adjektiv-Falle getreten. Adjektive bezeichnen Substantive näher, die bereits definiert sind („Katholikenchef“), und eignen sich fast nie für eine Definition. „Schwerer Sturm“ ist bereits als „Orkan“ definiert. „Weißer Schimmel“ ist redundant. Und ab und zu entsteht eben Sinnentstellendes, wenn wir Adjektive nutzen, um Substantive zu definieren, anstatt sie damit einfach nur näher zu beschreiben. Was der „Spiegel“ meinte, ist der „Chef der deutschen Katholiken“ — und das ist etwas ziemlich anderes als der „deutsche Katholikenchef“.

Ähnlich gelagert ist der „staatliche Rentenempfänger“: Ein Rentenempfänger ist ein Rentner, aber wer ist schon ein staatlicher Rentner? Es gibt jede Menge stattliche Rentner, doch diese sind selbst stattlich, ihre Rente muss es deswegen noch lange nicht sein. Gemeint wären Empfänger stattlicher Renten. Und wie ist es mit der Staatlichkeit der Rentenempfänger? Meinen Journalisten hier nicht eher die Staatsangehörigkeit? Nein, denn auch hier treten Nachrichtenagenturen und nachplappernde Journalistenknechte einfach nur gerne arglos und nichtsahnend in die Adjektiv-Falle und leisten damit ihren branchenüblichen Beitrag zum inflationären Sprachmüll: Sie meinen schlicht die Empfänger staatlicher Renten, nur sagen sie es leider nicht.

Ebenso oft gelesen und als richtig empfunden ist der „politische Beobachter“. Wenn es den gibt, gibt es sicher auch „kulturelle Beobachter“ und „sportliche Beobachter“. Adjektiv-Falle! Gemeint ist der „Beobachter der Politik“, an dem selbst nichts politisch ist. Das „elterliche Haus“ ist ein weiteres Beispiel. Sind die Eltern getrennt, gibt es dann „mütterliche“ und „väterliche Häuser“? Nein! Solange ein Haus nicht väterlich, mütterlich oder gar „elterlich“ (welch Wort) sein kann, geht es um etwas ganz einfaches: um das Elternhaus.

19 Kommentare zu „Die Adjektiv-Falle“

  1. Peter Krause

    „Schwerer Sturm“ ist bereits als „Orkan“ definiert.

    Das ist nicht korrekt. Ein Orkan ist Windstärke 12, ein schwerer Sturm hingegen nur Windstärke 10. Dazwischen liegt noch der „orkanartige Sturm“. Insgesamt sind 10 der 13 Windstärken nach Beaufort durch zusätzliche Adjektive bestimmt:
    http://www.messcom.de/messcom/.....aufort.htm

  2. Thilo

    Ja. Nur geht’s hier um journalistische Texte, die sich an ein allgemein gebildetes Publikum richten.

  3. Cujau

    Wie wär’s mit schweren Verwüstungen? Erdbeben richten sie an, Kriege tun es und Journalisten von Agenturen schreiben’s dann. Besser geht’s redundant ja kaum, gleich nach weißer Schimmel.

  4. Thilo

    Vielleicht sowas wie „warnender Hinweis“. Das ist nicht redundant, aber eben schon als Substantiv formuliert: „Warnung“. „Anwaltlicher Berater“ = „Anwalt“.

  5. Jochen Lillich

    Dieses Phänomen scheint mir dem Deppenleerzeichen recht nah verwandt zu sein, das nach dem gewaltsamen Entfernen verbindender Striche übrigbleibt.

    Verwendet man diese Bindestriche nämlich, erhält man den Deutsche-Katholiken-Chef und den Staatliche-Renten-Empfänger. So würde, wenn auch auf stilistisch grausame Weise, der eigentliche Sinn wiederhergestellt.

    Vermutlich denken viele in diese Richtung, bevor sie in die Adjektiv-Falle tappen.

  6. Birgit

    Zu Deiner Antwort an Peter Krause. Empfiehlst Du also, in Texten, die sich an ein allgemein gebildetes Publikum richten, den Begriff „Orkan“ zu verwenden, wenn es sich aber tatsächlich um Windstärke 10 handelt? Welche Vorteile hat „Orkan“ gegenüber dem korrekten Begriff „schwerer Sturm“, wenn es sich doch noch gar nicht um einen Orkan handelt?

    Ich als Leserin würde hier den korrekten Begriff „schwerer Sturm“ bevorzugen, zumal er ja sogar leicht verständlich ist.

  7. Peter Krause

    Im Kontext ist das Beispiel ok, aber schlecht gewählt. Dem Zeitungsleser kann es egal sein, ob der Wind mit 90 oder 120 km/h fegt. Für den Rhetoriker mag „schwerer Sturm“ wie ein Fehler aussehen, für den Klimatologen wäre es aber ein noch viel größerer, ihn zum Orkan aufzubauschen (er würde dann – zu recht – von schlechter Recherche sprechen). So oder so, allen kann man es nicht recht machen.
    Mein Einspruch wurde aber vor allem durch das Wörtchen „definiert“ ausgelöst, welches imho formale Strenge verlangt.

  8. Thilo

    Solange der durchschnittliche Leser nicht weiß, was er unter „Windstärke 10″ verstehen soll, hat es auch wenig Sinn, das Fachwort dafür zu bemühen. Die journalistische Praxis zeigt, dass nicht bei jeder Berichterstattung zu einem Unwetter ein Info-Kasten mit der gelehrten Erklärung über Windstärken steht. Das Komplement zum Korrekten, zur Präzision, ist aus meiner Sicht die Verständlichkeit.

  9. Peter Krause

    Ich geh ja vom umgekehrten Fall aus. Ein befragter Fachmann spricht vom „schweren Sturm“, und der Journalist macht dann daraus, aus rhetorischen Gründen, einen „Orkan“.
    Das ist ja ein ganz anderer Fall, als wenn einem normalen Sturm, der Dramatik halber, ein „schwer“ hinzugefügt wird.

  10. Cujau

    Hier überschneiden sich offenbar zwei ganz interessante Denk- und damit Schreibweisen (im Sinn von Inhalt, nicht Form) – die journalistische und die wissenschaftliche, also jene, die der Genauigkeit den Vorrang vor der Allgemeinverständlichkeit liefert.

    Bei Sprache geht es auch um Genauigkeit; deshalb heißt es ja auch Sinn haben und nicht Sinn machen.

    Das Phänomen ist nun, dass sich beide streiten, wer recht hat. Das jedoch ist eine sinnfreie Diskussion, weil beide recht haben. Denn jeder ist darum bemüht, das Beste für seine Branche zu tun: der Wissenschaftler für die genaue Kategorisierung und der Journalist für die verständliche Umsetzung dessen; also, was versteht der durchschnittliche Leser; und vor allem, wer ist der durchschnittliche Leser und wie ist er?

    Irre interessant, wie ich finde. Denn es kommt natürlich darauf an zu formulieren, ist es noch ein Sturm oder schon ein Orkan. Eine Nuance, die für den Meteorologen eine Rolle spielt, kann für den Journalisten wichtig oder unwichtig sein.

    Vor einiger Zeit hatte die ARD in ihrem Wetterbericht zu harmlos über einen heraufziehendes Unwetter berichtet, das sich später als verwüstendes Naturereignis herausstellte. Es gab höllischen Ärger, weil viele die Schuld bei der ARD für den zu wütenden Sturm sahen. Was für eine Reaktion; man macht Journalisten dafür haftbar, dass ein Sturm zu heftig war und ein Orkan hätte gewesen sein müssen. Also geht es für den Nutzer – also Rezipienten – um genaue Infos beim Wetter. Noch ein Sturm oder schon ein Orkan oder nur ein orkanartiger Sturm, weil er nur vereinzelt und zeitweise so rennt wie ein Orkan?

    Journalsiten sitzen also in einer Falle. Sie sollen zum einen wissenschaftliche Sprache verständlich an den Mann bringen und dabei ja nichts verharmlosen, nichts übertreiben, nichts weglassen – und dann noch jedermann begreiflich bleiben.

    Wenn das schon beim Wetter schief geht …!

  11. Hanswurst

    Klingt in meinen Ohren ein bisschen feuilletonistisch, das Ganze. Wo bleibt der Nutzwert?

  12. Thilo

    :-))

  13. Birgit

    Wie viele Menschen habe ich Ende 1999 den Orkan Lothar selbst erlebt, damals die Boxen gelesen, und weiß seitdem, dass Lothar ein Orkan war. Und auch, dass Lothar in einer niedrigeren Stufe kein Orkan mehr gewesen wäre. Also habe ich – ohne Klimatologin zu sein – durch diese hautnahe Erfahrung ein gewisses Wissen, wo die Grenze zum Orkan ist. Wie wohl viele andere Spiegel-Leser auch. Es wäre für mich also irreführend, wenn der Spiegel einen tatsächlich nur „schweren Sturm“ als einen „Orkan“ bezeichnet. Ich möchte mich gerne darauf verlassen können, dass ich Korrektes lese und dies so auch anderen weitererzählen kann.

    Auch ohne die Wissenschaft zu bemühen, gibt es doch Nyancen in der Sprache, die den feinen Unterschied in der Bedeutung ausmachen. Meiner Ansicht nach sollte man diese Nyancen nicht einfach plattmachen.

    Ein „schwerer Sturm“ ist nicht immer ein „Orkan“.

    Mein „anwaltlicher Berater“ ist nicht immer mein „Anwalt“.

    Mit dem „elterlichen Haus“ ist nicht immer das „Elternhaus“ gemeint.

    Ich halte es also nicht für wünschenswert, wenn beim Spiegel, den ich wegen seiner Recherchen schätze, der Schlussredakteur kommt und ohne Kenntnis der Recherchen einfach platt den „schweren Sturm“ durch „Orkan“, den „anwaltlichen Berater“ durch den „Anwalt“ und das „elterliche Haus“ durch das „Elternhaus“ ersetzt.

    Dein Beispiel mit den staatlichen Rentenempfängern finde ich jedoch sehr gut.

    Habe vor wenigen Wochen in der Tagesschau noch ein weiteres Beispiel gehört, das Dir gefallen müsste: „Die Bevölkerung fürchtet sich vor teurer werdenden Lebensmitteln.“ :-)

  14. Steini

    Birgit: Was ist denn ein elterliches Haus wenn nicht das Elternhaus?

  15. Birgit

    Steini:

    „Elterlich“ heißt so viel wie “den Eltern gehörend”.

    Wenn meine Eltern umziehen, nachdem ich bereits zuhause ausgezogen bin, und auch kein Zimmer mehr für mich mit umgezogen wird, ist das „elterliche Haus“ nicht mehr mein „Elternhaus“, sondern das „Haus meiner Eltern“.

    Mein „Elternhaus“ ist das, wo ich aufgewachsen bin. Es kann sogar mehrere Häuser umfassen. Der Begriff „Elternhaus“ beinhaltet oft nicht nur das jeweilige „Haus“, sondern auch die Erziehung, die Kultur und die gesamte Atmosphäre. Ich sage zum Beispiel „In meinem Elternhaus gab es Tischgebete“ und fände es komisch, wenn mein Gesprächspartner mich dann fragt, welches von den vier Häusern, in denen ich im Laufe der Zeit mit meinen Eltern zusammen gewohnt habe, ich denn hier meine.

    Aufgrund dieser umfassenden Bedeutung von „Elternhaus“ würde ich auch den Satz „Die Geschwister haben das Elternhaus verkauft“ in meinem Sprachgefühl als unpassend empfinden. Ich würde eher erwarten „Die Geschwister haben das elterliche Haus verkauft“ oder „Die Geschwister haben das Haus der Eltern verkauft“.

  16. Stefan Scherer

    Beispiele von Konstruktionen wie „deutscher Katholikenchef“ oder „staatlischer Rentenempfänger“ liest man tatsächlich immer öfter. Ich frage mich, ob dies nicht ein verkappter Anglizismus ist – im Englischen jedenfalls ließen sich solche Kombinationen sinnvoll bilden: Das Adjektiv bezieht sich dann nicht auf das zusammengesetzte Substantiv, sondern nur auf dessen ersten Teil.

  17. Thilo

    Guter Ansatz. Die Erklärung klingt denkbar, denn derzeit sind Anglizismen Mode („Sinn machen“, „einmal mehr“)

  18. Langen

    Nach Lehmanns Aussagen zu dem Fall eines pädophilen, schon wiederholt begutachteten Knabenschänders ist er, Lehmann, der Vorsitzende der „deutschen [sabber-absichtlich kleine geschrieben!] Bischofskonferenz“ n i c h t der deutsche Katholikenchef.

    Und zwar wg. schlicht-administrativer Kompetenzlosigkeit; denn eigentlich müsste der Erz-Meister des Regensburger Bischofs Müller die Straf-Sache an sich ziehen und zeihen, der Erzbischof von München-Freising, – und den Erzsünder aus dem Katholen-Zirkus schmeißen.

    Aber der findet das nicht so schlimm, wenn sich Kapläne und Priesterlein – wg. ihrer gottgegebenen Ehre und ihrer Fraternität, die sakramental-liturgische Präsenz hat (siehe CJC des vorigen Papstes und seines heutigen Administrators.

    Für den konkreten, unflätigen Priester-Phall:

    wenn der Vater eines missbrauchten Kindes dort – ins Pfarrhaus – nicht mit dem Haberfeld-Knüppel hingeht – und den Täter vor sich her zur Polizei treibt – tut sich nichts…

    … und: Was tut sich? Das schweigende Entsetzen gähnt vor sich hin!

  19. Michael

    Kleine Erweiterung zum Thema „staatlicher Rentenempfänger“.

    In Wien sind wir grad bei der Geburt von was Neuem dabei: Plakatkampagne – wer profitiert von der Pensionsreform? Kleine und mittlere Pensionisten.

    Jetzt neu auf 1000en Plakaten – und sicher in ein paar Tagen in aller Munde. Entschuldigt bitte dieses unfrische Klischee.

    Hat aber auch Vorteile: da bleibt der kleine Mann von der Straße nicht ganz allein. Er bekommt Gesellschaft. Und wie immer: an die Großen denkt keiner …

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