Dünnsinn-PR

 

Warum lesen wir in den Ressorts Auto, Reise und Gastro so selten Verrisse? Ganz einfach: Weil es sich dabei meist um Korruptionsjournalismus handelt. Wer kostenlos einen Testwagen nach dem anderen fährt, wer ohne einen Pfennig zu bezahlen Pressereisen durch die Welt unternimmt und wer sich auf Kosten des Hauses durch die besten Restaurants frisst, wird Verrisse tunlichst vermeiden. Sonst ist man beim nächsten Mal nicht mehr dabei.

Es ist Verrat am Leser. Denn der ist nicht nur treudoofer Kunde einer Zeitung, der er vielleicht sogar noch vertraut, sondern auch argloser Kunde von vermeintlich redaktionell geprüften Produkten, deren Nachteile er dann zu spüren bekommt. Auch der Journalistenservice von Softwarehäusern und Mobilfunkunternehmen verhindert, dass die Schattenseiten eines Unternehmens und seiner Produkte jenseits des Kneipengesprächs und der Internet-Foren ans Licht kommen. Diese selektive Wahrnehmung unserer Wirtschaftswelt als Journalist zu forcieren ist verlogen und zeugt von beeindruckender moralischer Flexibilität seitens der Aktionisten. Dass der Presserat daran nichts ändert, ist bekannt – er gehört zu den sinnlosesten Institutionen, die ich kenne. Vielleicht soll er ja auch gar nichts ändern.

Bloggen ist auch Journalismus. Viele Blogger in Deutschland haben keine Journalistenschule besucht und differenzieren daher öfter mal nicht so genau zwischen zulässigen und unzulässigen Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen, bringen Schmähkritiken und wundern sich über die rechtlichen Folgen.

Und jetzt sind die Blogger Ziel einer ganz besonderen Geschichte in Sachen Journalismus und PR: Die Firma E. ruft Blogger auf, über ein Navigationsgerät zu schreiben, ohne es getestet zu haben – mit dem Namen des Gerätes in der Überschrift, das Ganze als Marketingidee mit Verlinkung und Cents pro Klick und dem ganzen Pipapo. Das ist noch ein Zacken schärfer als die verlogenen Berichte des herkömmlichen Lifestyle-Journalismus, denen wenigstens ein Test zugrunde liegt, wenn auch ein gefärbter. Die Firma E. will herausfinden, inwieweit sich Blogger instrumentalisieren lassen. Vielleicht hat sie gute Chancen, denn schließlich lassen sich ja ganze Verlagshäuser instrumentalisieren.

In diesem Text hier findet sich kein Link zu der Firma E. und zu ihrem Angebot, weil sie von mir keine Klicks bekommt. Ich kürze ihren Namen ab, weil ich über moralische Abgründe in PR und Journalismus schreiben will, ohne zur Bekanntheit der Firma E. beizutragen.

Journalismus ist, auch im Internet, der Wahrheit verpflichtet. Wenn ihr fürs Thema Navigation brennt, dann lasst euch das Gerät (und einige Geräte anderer Anbieter zum Vergleich) als Rezensionsexemplar kostenfrei schicken, testet es, schickt es zurück und schreibt darüber – aber lasst euch nicht zu Willfährigkeitsjournalismus herab. Testberichte ohne Test sind Berichte ohne Wahrheit. Und die sollten den Weg aus den Diktaturen in die freie Welt nicht nehmen. Die Tendenz im Journalismus zum rosa gefärbten Blick auf Unternehmen, die in Wirklichkeit ihre Kunden mit unzulänglichen Produkten quälen und sie als Tester missbrauchen, ist schon schlimm genug.

Ich selbst werde mir dieses Gerät mit Sicherheit nicht kaufen. Warum nicht? Weil das Vorgehen der Firma E. erstens meine journalistische Neugier schon insofern entfacht hat, als ich mich jetzt frage, welchen Haken das Ding hat, über das ahnungslose Blogger ohne Test schreiben sollen. Eine Frage, die sich ohne Test leider nicht beantworten lässt. Und zweitens kaufe ich sehr gerne bei Unternehmen, deren Vorgehen mir aufrichtig erscheint.

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