Üblicherweise ducken sich Menschen in Deutschland gerne vor Organisationen, die sie für übermächtig halten. Weil ein Unternehmen, ein Verband oder eine andere Organisation „so groß“ ist, „den längeren Atem“ hat oder „mehr Geld für Anwälte“ besitzt, wagen es sehr viele Menschen nicht, sich zu wehren. Riskiert dann einmal jemand den Konflikt mit einer großen und als mächtig geltenden Institution, habe ich dafür großen Respekt.
Bis zu der DFB-Pressemitteilung „DFB missbilligt Diffamierung von Dr. Theo Zwanziger“ war die Sache Theo Zwanziger versus Jens Weinreich ein verhältnismäßig kleiner Streit um einen Begriff. Ich weiß nicht, ob der Begriff „Demagoge“ zum Zeitpunkt seiner Äußerung eine zulässige Meinungsäußerung war oder nicht. Ich habe keine Ahnung, auch nicht angesichts von Gerichtsentscheidungen. Es lässt sich für meine Begriffe schwer objektivieren. Jetzt, nach dieser Pressemitteilung, bekommt die Auseinandersetzung über das Wort „Demagoge“ eine neue Dimension. Und auch dadurch, dass die Sache nach Koblenz geht.
Dass Jens Weinreich den Konflikt dokumentiert und kommentiert, finde ich gut und richtig, weil es darum geht, dass die Menschen sich eine Meinung bilden können. Es ist wichtig, dass die Entwicklung dieses Konfliktes und seiner Eskalation transparent wird, beispielsweise auch bei Stefan Niggemeier.
Das Verhalten mächtiger Organisationen gehört diskutiert. Auch das von Unternehmen. Vor allem große Unternehmen neigen in meiner Wahrnehmung dazu, sich immer selbstherrlicher aufzuführen und Kritiker in einer seltsam arglosen Naivität mit Frechheiten zu bombardieren im Vertrauen darauf, der Betroffene werde schon nicht klagen oder etwas veröffentlichen. Dass die Finanzkrise das eine oder andere dieser Unternehmen wegspült und der Arroganz den Boden nimmt, ist eine Hoffnung. Doch auch vorher muss man vor solchen Organisationen keine Angst haben: Selbst wenn ein Gegner mächtig ist, kann er in einem Rechtsstreit unterliegen. Und er hat es sich auch gefallen zu lassen, wenn man wahre Tatsachenbehauptungen und zulässige Meinungsäußerungen über ihn verbreitet. Denn die Pressefreiheit, die wir gerne so hochhalten, gilt nicht nur gegenüber dem Staat. Sie gilt gerade auch gegenüber Unternehmen und Organisationen. Und weil Arroganz und Selbstherrlichkeit großflächig zunehmen, wird es immer wichtiger, dass wir uns auf diese Funktion der Pressefreiheit besinnen.
Dass der Rechtsstaat es uns ermöglicht, uns auch gegen große Gegner zu wehren, ist richtig und gut. Und wir können diesen Zustand nur erhalten und pflegen, indem wir ihn nutzen. Die Gleichheit vor dem Gesetz verteidigen wir nur, indem wir sie praktizieren – ansonsten nivelliert sie sich, die Angsthasen bestimmen das Geschehen, und wir lassen uns immer mehr Unverschämtheiten gefallen. Wichtig ist: Wer keine Lügen und Schmähkritiken verbreitet, ist auch im Kampf gegen einen Goliath auf der sicheren Seite. Auch wenn das Goliaths PR-Leuten nicht passt.
Das Internet ist das einzige Medium, in dem sich die Öffentlichkeit eine Meinung darüber bilden kann, wer sympathisch oder unsympathisch ist, kundenfreundlich oder kundenunfreundlich, vertrauenswürdig oder vertrauensunwürdig. Klassische werbefinanzierte Medien taugen für die Dokumentation solcher Konflikte nicht. Nicht nur, weil sie zum Kürzen und Zusammenfassen gezwungen sind. Sondern vor allem weil sie vor den scheinbar Mächtigen kuschen. Gerade ehemals angestellte Journalisten scheinen in ihren Blogs aufzuatmen, weil sie endlich nicht mehr unter dem duckmäuserischen Druck der Verlage leiden.
Dass die Freiheit des Internets nicht bedeutet, dass man Menschen beleidigen darf, ist nicht allen bewusst. Sicher: Der Protagonist des aktuellen Aufhängers ist Profi-Journalist und bedarf keiner Nachhilfe. Otto Normalhobbypublizist dagegen schon. Dabei geht es nur um ein kleines bisschen Presserechts-Know-how, und auch Blogger könnten plötzlich wissen, was eine zulässige Meinungsäußerung ist und was eine Schmähkritik, was an Tatsachenbehauptungen okay ist und was nicht, was der Schutz der Persönlichkeitsrechte bedeutet und so weiter. Ohne dieses Wissen wird jede mutmaßliche Beleidigung mit Anwälten ausgefochten. Die Kunst besteht darin, die Anwälte gar nicht erst auftreten zu lassen und Fälle unangreifbar zu bringen. Bringen muss man sie, wenn sie der Wahrheit entsprechen. Das ist Journalismus. Was immer mehr Menschen vergessen, weil sie Unternehmensinteressen fälschlicherweise als übergeordnet ansehen.
Mir scheint es, als habe sich in den Presseabteilungen heutiger Organisationen die Überzeugung eingenistet, man könne jederzeit mit ein bisschen Geld, Drohungen, Abmahnungen, einstweiligen Verfügungen oder öffentlicher Diffamierung jemanden ruhig stellen. Doch warum wehrt sich eigentlich niemand gegen die Zumutungen von Unternehmen per einstweiliger Verfügung? Warum klagt niemand gegen falsche Werbeversprechen? Warum mahnt niemand Unternehmen ab, die unverlangte Werbung schicken? Die Chancen stehen doch gut! Und warum schreibt kaum jemand, was er mit einem arroganten Unternehmen erlebt? Warum lesen wir fast nirgendwo etwas, wenn Pressesprecher und Funktionäre wie so oft einfach behaupten, was sie gerne hätten – und zwar so lange, bis die öffentliche Meinung die Lüge übernimmt? Wenn ein Unternehmenssprecher konkrete Vorwürfe und Fragen als „Unterstellungen“ zurückweist? Weil die Leute Angst haben wegen ihres David-Goliath-Denkmusters.
In meinen Augen ist es die Aufgabe aller Publizisten, unredliche Praktiken von Organisationen öffentlich zu machen. Es klingt fürchterlich, aber wir müssen alte Werte retten. Vor allem den Anstand. Der Anstand ist in Business und Medien so dermaßen am Boden, ob im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern oder Journalisten, dass wir um diesen Anstand inzwischen kämpfen müssen. Wären alle Informationen zu Unternehmen und Organisationen bekannt, könnten sie sich ihre Arroganz möglicherweise kaum noch leisten. Und das einzige Medium, möglichst viele dieser Informationen öffentlich zu machen, ist das Netz. Neben Presserecht gehört Zivilcourage zum Job der Internet-Publizistik. Und die gewinnen wir, indem wir verstehen: Es gibt keinen Goliath. Es gibt nur wahre und falsche Tatsachenbehauptungen und zulässige und unzulässige Meinungsäußerungen. Und gegen die Wahrheit und zulässige Meinungsäußerungen kann auch ein Goliath nichts ausrichten.



Zitat des DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger:
„Wenn sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind sie immer Verlierer.“
Das Komische daran ist nur, dass er nicht merkt, dass er die sogenannte Kommunikationsherrschaft in der Sache gegen Jens Weinreich längst verloren hat. Und das trotz der rausposaunten Pressemitteilung. Außerhalb der Gerichte scheint sich eine zweite Gerichtsbarkeit zu entwickeln; eine, die mit Belegen arbeitet und somit zu einem richtigen Urteil kommt. Und das ist für Zwanziger und den DFB schlimmer als eine Niederlage vor Gericht, wovon er ja schon zwei einstecken musste. Das Image wird jetzt hier draußen mehr und mehr ramponiert; insofern ein wudnerbares Lehrstück, dass auch Unternehmen/Verbände/Organisationen genau wissen müssen, wie sie ihre Kommunikation betreiben. Denn bei dem kleinsten Fehler geht alles nach hinten los. Beim DFB passiert das gerade in diesem Moment – siehe die aktuelle Entwicklung unter:
http://jensweinreich.de/?p=1746
Interessant dabei ist beispielsweise, dass die Herren in der Presseabteilung den Unterschied zwischen c und bcc bei E-Mail-Anhängen offenbar nicht kennen. Denn dann hätten sie verhindert, dass Weinreich genau darüber informiert wird, wer die Mail alles bekommen hat. Und schon wieder ist Weinreich im Vorteil.
Ich vermute, der Unterschied zwischen Cc und Bcc ist PR-Profis bekannt. In manchen Fällen kann es wichtig sein, dass der Gegner es erfährt, wenn eine Info an alle geht.
Jedenfalls ist die neue Entwicklung in der Tat spannend. Ich sehe nach wie vor zwei „Fälle“:
- einmal die ursprüngliche Geschichte, in der Herr Weinreich Herrn Zwanziger als „Demagogen“ bezeichnet, wobei sich Weinreichs Gründe für die Bezeichnung „Demagoge“ dem Nicht-Kenner des Sports nicht unbedingt sofort erschließen;
- dann eine Pressemitteilung, für die man sich seine Adjektive so denkt, wenn sie wichtige Fakten wie beispielsweise Gerichtsentscheidungen verschweigt.
Die zweite Story toppt locker die erste und wirft in meinen Augen kein gutes Licht auf den DFB und seine Öffentlichkeitsarbeit, und zwar unabhängig davon, wie Fall eins ausgeht.
Außerdem erfüllt es mein Herz mit Freude, dass ein Kommentator ebenfalls von „Anstand“ spricht. Möglicherweise ist das ein neues großes Thema, insbesondere wenn es um Unternehmen geht.
Was vor diesem Hintergrund vielleicht noch wichtig ist: Wir *dürfen* jemanden angreifen, dessen Stil uns nicht passt. Deswegen sind wir hier ja eben *nicht* in Nordkorea. Unternehmen haben *nicht* die Hoheit über das, was rausgeht und was wir für uns behalten. Ebenso wenig wie eine Regierung.
In vielen PR-Abteilungen scheint man nur leider vergessen zu haben, dass die Menschen den Unternehmen und Verbänden nicht nach dem Munde reden müssen, sondern durchaus auch andere Ansichten vertreten dürfen, und das natürlich auch öffentlich. Es ist fast schon peinlich, dass man das eigens betonen muss. Möglicherweise müsste man mal überlegen, die Pressesprecher-Ausbildung in den Journalismus- und PR-Schulen anders aufzuziehen – weg von der Arroganz und hin zur Kooperation mit Kritikern.
Glaubst Du wirklich, dass beim DFB PR-Profis arbeiten? Die richten gerade ein Image-Desaster an. Unter den Empfängern der Pressemitteilung sind Leute, die Weinreichs beste Freunde sind und ihn also mit besten Informationen versorgen können, wenn er sie braucht.
Und die Leute beim DFB glauben ja an den Hauptsatz seines Präsdienten von wegen der „Kommunikationsherrschaft“. Was sie nicht glauben und merken, sie haben sie verloren, resp. sie hatten sie nie.
Und na klar: Kritikern liegt etwas an der Sache, selten etwas an der Kritik als solcher. Nur: In PR-Abteilungen sieht man das genau umgekehrt. Doch um da etwas zu ändern, müssen die alten Zöpfe ab; die Fische stinken immer vom Kopf aus.