Ethik im Internet?

 

Wenn Menschen nicht mehr nur miteinander sprechen, sondern auch im Internet miteinander kommunizieren – brauchen sie da eine neue Ethik? Eine Ethik des elektronischen Raumes? Darum geht es bei dem Re-publica-TOP „Brauchen wir eine Blog-Etikette?“.

Eine typisch deutsche Diskussion über unspannende Alltäglichkeiten. „Löschst du Kommentare?“, fragt einer. „Ja“, antwortet der andere, und nonverbal kommt rüber, dass er dies nicht nur antwortet, sondern auch zugibt. Offenbar liegt dem Denken der Szene die uneingeschränkte Meinungsfreiheit zugrunde, und man blickt erschrocken und mit Ach-das-wusste-ich-ja-nicht-Miene auf die Konsequenzen.

Es ist normal, Kommentare zu löschen. Weil eine Menge derer, die Blogeinträge kommentieren, mit Beleidigungen und Verleumdungen um sich werfen. Daher ist der Gegenstand dieser Diskussion hier im Grunde nicht die Frage nach einer „neuen“ Ethik, sondern die traurige Feststellung, dass die vielen rechtswidrigen und unschönen Bemerkungen in Blogs Anlass für einen eigenen Tagesordnungspunkt bei einer Konferenz geben.

Sind denn Blogs und Foren nicht nur weitere, neue Kommunikationsräume, in denen schlicht die bekannten (und gültigen) Regeln gelten? Die Überlegung nach einer eigenen Medienethik erscheint mir wie die Forderung einer eigenen Straßenverkehrsordnung für Skater, die bestenfalls in die bisherige Straßenverkehrsordnung aufgenommen werden.

Wir in Deutschland sind ja stark darin, wenn es darum geht, nach neuen Gesetzen zu schreien. Dass manche leiseren Politiker gedämpft anmerken, dass es bereits eine ausreichende Gesetzgebung für bestimmte Dinge gibt, verhallt ungehört. Insofern erscheint mir die Debatte über eine eigene Blogger-Ethik höchst narzisstisch – die Blogger wären gerne Nabel der Welt.

Wer andere Menschen beleidigt, tut dies aus Gründen seines Charakters. Wer andere Menschen nur aufgrund massiver Sanktionen nicht beleidigt, sie aber dann beleidigt, wenn ihm keine Strafe droht, ist kein Anlass, um über neue Regeln nachzudenken.

Wie schon Theo Kars sagte: Nicht Gelegenheit macht Diebe. Sondern Diebe nutzen die Gelegenheit. Stiehlt nun ein Dieb in einem neuen, bisher nicht dagewesenen Raum, etwa in einem Internet-Café, kann man sich zusammensetzen und fragen, ob man für Diebstahl in Internet-Cafés neue Gesetze braucht. Das kommt gut an und ist populistisch – ist aber durch bestehende Gesetze gedeckt.

Wer unter Diffamierungen im Internet leidet, dem hilft keine Blog-Etikette. Die Debatte, neue juristische Waffen erfinden zu müssen, finde ich nicht wirklich sinnvoll.

6 Kommentare zu „Ethik im Internet?“

  1. Anon

    Und? Hierfür Verantwortung übernommen? ;)

  2. Thilo

    Klar. Gerne! :-)

  3. Thilo

    Spannend fände ich diese Diskussion übrigens, wenn es um Möglichkeiten ginge, die Rechtslage in Deutschland zu lockern. Wie lässt sich erreichen, dass nicht der Blogger die Verantwortung für die Kommentare in seinem Blog übernimmt? Aber mit einer „Blog-Etikette“, um die es hier geht, lässt sich das wohl kaum erreichen … – oder?

  4. Torben

    Die Typen auf dem Podium sind auch die einzigen, die ne Ethikdebatte führen und gleichzeitig öpffentlich abwesende Bloggern wie Don Alphonso schlechtmachen — merkwürdiger Club

  5. Thilo

    Ja, das hat mich auch etwas befremdet. Ich denke nach wie vor, dass Menschen, die sich im Netz danebenbenehmen, das auch im so genannten wahren Leben tun und umgekehrt …

  6. Mel

    Ich finde die Diskussion, ob man Kommentare löschen darf, oder nicht sowas von verlogen, da kommt mir manchmal das Essen von vorletzter Woche wieder hoch.

    Mein Blog befindet sich auf von mir bezahltem Webspace. Ich hab die Wartungsarbeiten am Hals. Es ist meine verdammte Spielwiese.

    Wenn mir also jemand quasi zur Begrüssung in mein virtuelles Wohnzimmer kotzt hab ich alles Recht der Welt, den entsprechenden Kommentar kommentarlos zu löschen. Wer dann noch rumzetert und Buzzwords, wie „Meinungsfreiheit“ oder „Zensur“ durch die Gegend wirft? Wird von mir höchstpersönlich mit Backsteinen kastriert.

    Die gerade laufende Diskussion, welche vom selbsternannte Web2.0 Guru losgetreten wurde ist doch nichts anderes als eine reine Publicityveranstaltung. Das Problem mit Trollen und unfeinem Umgangston gab es schon lange bevor O‘Reilly’s Busenfreundin gemobbt wurde. Da hat es den Kerl auch einen Schmutz interessiert.

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