Die Aufgabe der Tageszeitung ist es, über gestern zu berichten. Was war anders als vorgestern? Einige Leute mit hervorragender Beobachtungsgabe sind „draußen“ und recherchieren möglichst konkrete Storys, die die Menschen berühren. Die Kollegen „drinnen“ wenden ein paar journalistische Regeln an („Wichtiges nach vorn“, „News is what’s different“) und bringen knackig auf Zeile, was los war. So, dass man es gerne liest. Im Grunde ist das ganz einfach. Eine gute Zeitung bereichert das Leben.
Doch obwohl es ungemein viel zu berichten gibt, befinden sich die Zeitungen in einem fatalen Abwärtstrend. Mit der Qualität fällt die Auflage, fallen die Einnahmen, werden Etats gekürzt, schwindet das Personal, sinkt die Qualität. Die Nicht-Journalisten im Verlagsmanagement kürzen immer mehr Stellen in der Redaktion, so dass die verbleibenden Redakteure gerade noch Zeit genug haben, um das haarsträubend getextete Material der Nachrichtenagenturen einzudampfen und in die Zeitung zu setzen. In vielen Redaktionen sind die Leute „drin“ und „draußen“ identisch, und sie arbeiten unter so hohem Zeitdruck und Stress, dass ihnen die Feinheiten entgehen, die die Zeitung einzigartig machen könnten. Zeit für Hintergrundgespräche haben die meisten Journalisten schon lange nicht mehr. Journalismus bedeutet heute oft, mangels Zeit unhinterfragt wiederzugeben, was von Nachrichten- und PR-Agenturen reinkommt – und umso mehr Müll landet in den Blättern.
Der Niedergang der Presse ist in nahezu jedem Hausflur einer deutschen Großstadt zu beobachten: Im Briefkasten landen an einem Tag zwei kostenlose Anzeigenblätter – die mit einer absurd hohen gedruckten Auflage die Werbepreise hochhalten und die weggeworfene Auflage verschweigen. Dazu findet sich eine Gratis-Probier-Ausgabe einer sonst 50 Cent teuren Abozeitung, die aus Angst vor ihrem Aus um Leser buhlt. Darin zu finden sind die ganzen unübersehbaren Folgen der Sparerei – uninteressante Storys, oberflächlich recherchiere Hintergrundgeschichten, Fehler. Der Briefkasten ist komplett vermüllt, klassisches Indiz für einen Käufermarkt. Ein Überangebot an Information. Und weil die Post nicht mehr in den Briefkasten passt, findet sich stattdessen ein orangefarbener Benachrichtigungszettel, man möge doch bitte seine Briefe bei der Post abholen und dort erst mal zwanzig Minuten Schlange stehen.
Nur wenige Menschen im Verlagsmanagement erkennen den Niedergang der Qualität. Denn die wenigsten haben Journalismus gelernt. Konzernmanagement bedeutet für viele Karrieristen nur eine Durchlauferhitzer-Station, um dem großen Kuchen eines Konzernumsatzes für ein paar Jahre ein Gehalt abzuziehen, ohne sich mit Liebe ins Sujet zu vertiefen. Solchen Managern fallen nicht die immer häufigeren Tipp-, Rechtschreib-, und Redigierfehler im Blatt auf, nachdem sie die Korrektoren wegrationalisiert haben. Sie schließen die Augen vor Fehlern, um durch diese selektive Wahrnehmung ihre fatalen Entscheidungen im Nachhinein zu rechtfertigen. Wenn die Fehler den Managern doch auffallen, machen sie die Redaktion dafür verantwortlich oder verteidigen die 20-prozentige Qualität der Zeitung mit der Ausrede, 95-prozentige Qualität sei unökonomisch.
Zugleich reden sie sich in ihrem Drang, die Nummer eins zu sein, ihre wahre Position schön: „Die größte Abonnementzeitung im Westteil Berlins“ (fiktiver Werbespruch) ist in etwa so absurd wie der „wärmste 14. Februar in Bayern unterhalb von 400 Höhenmetern seit 1996“ – sie ist eben nicht die größte Zeitung der Stadt, sie ist eben nicht die Nummer eins, sondern ein Pseudorekord. Und da jeder in irgendeinem klitzekleinen Gebiet die Nummer eins ist, findet sich überall eine Chance zur Schönfärberei. Für Zahlenkosmetik und PR-Nebelbomben geben Medien gerne Geld aus, während sie zugleich infolge ihrer Sparerei Straßennamen falsch schreiben und sich die Leser längst fragen, ob ihre Zeitung etwas vom Leben rund ums Verlagshaus versteht.
Sobald sich bis in die Chefetage herumspricht, dass sich die Leser fragen, ob ihre Lokalzeitung nicht vielleicht doch vom Mond berichtet, füllen Produktmanager das Blatt mit „Marketing-Maßnahmen“, mit Gewinnspielen im Wochentakt auf der Suche nach kurzfristigen Hochs in der Leser-Blatt-Bindung – und das Marketing feiert seine Strohfeuer mit Sekt und Häppchen, ohne sich zu fragen, warum in der abgewirtschafteten Redaktion so recht keine Feierlaune aufkommen will. Denn die quält das Publikum längst mit dem x-ten Aufguss uralter Ratgeberthemen und recycelt das Archiv; die gestandenen Redakteure sind unglücklich, dass sie nur noch Sparflammen-Journalismus betreiben können, während unbezahlte Praktikanten mit ihrem Halbwissen die Lokalseiten füllen. Freie Journalisten arbeiten als Scheinselbstständige, und sobald dem Verlag droht, jahrelange Sozialabgaben nachzubezahlen, droht der Verlag ihnen, sie rauszuwerfen. Ist einer krank, bekommt er kein Geld, sondern einen Anruf: „Wann bist du endlich wieder in der Redaktion? Wir brauchen dich!“ Und mangels gut ausgestatteter Redaktionen bringt manche Zeitung oft über bis zu 15 Seiten hinweg kein einziges aktuelles Thema, sondern nur zeitlose Wellness- und Lifestyle-Geschichten, garniert mit einem so genannten Anzeigenumfeld.
Und das Management wundert sich, dass die Auflage sinkt? Das ist erstaunlich.


