Dieses dumme Nachrichtenagenturgewäsch, das Medien wie „tagesschau.de“ einfach übernehmen. Mir wird inzwischen schlecht, wenn ich Info-Radio höre oder Nachrichten auf anderen öffentlich-rechtlichen Sendern. Es wird immer schlimmer mit dieser Gummisprache, die nichts sagt und nur Eindruck schinden will.
Deutsche Bergsteiger in der Türkei entführt – okay. Es ist eine Geschichte. Gern. Der Bundesaußenminister sagt dazu: „Die Bundesregierung lässt sich nicht erpressen.“ Gut, muss er sagen. Aber kann das ein Medium unkommentiert zitieren, ohne auf die Hinweise einzugehen, dass die Bundesregierung in früheren Fällen offenbar wohl doch erpressbar war?
Dann zitiert „tagesschau.de“ Steinmeier in indirekter Rede: „Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes arbeite mit Hochdruck an der Beendigung der Geiselnahme.“
Mit „Hochdruck“? Ist ja spannend. Wie sieht Hochdruck aus? Wenn ich nicht dabei bin und von „tagesschau.de“ keine Bilder geliefert bekomme von diesem ominösen Krisenstab, dann sehe ich da ehrlich gesagt stundenlanges Nichtstun, lange Gesichter und das Warten bei Pizza und Kaffee auf Nachrichten aus der Türkei. Mich erinnert der „Hochdruck“ an die Schwachsinnsformulierung „fieberhaft“. Es sind Vokabeln, die Handlungsfähigkeit und Handlung vermitteln sollen, aber das ist wohl nur dann in dieser übertriebenen Weise nötig, wenn es eben an Handlungsansätzen fehlt.
Wann und wo wird man übrigens erschossen in deutschen Medien? „Am helllichten Tag auf offener Straße“. Na super. Als wäre das besonders böse, drücken Medien mit solchen Formulierungen auf die Tube. Was ist daran besser oder schlechter als nachts im Haus erschossen zu werden? Nichts, denn auch daraus machen Medien einen Hype: „Hinterrücks und im Schlaf überrascht!“ Ich verstehe Medien so langsam nicht mehr. Ich verstehe vor allem diese irren Medienleute und ihr wichtigtuerisches Geschwätz immer weniger. Was wollen die? Warum erzählen sie nicht einfach, was geschehen ist? Warum machen sie so einen Aufstand mit ihrer Sprache? Sie haben wohl nichts zu sagen, denn sonst hätten sie es nicht nötig, die Sprache zu strapazieren, sondern könnten spannende Dinge erzählen. Wer eine Story hat, braucht keine extravaganten Worte.
Ach ja, mit noch einer Mega-Nachricht wartet „tagesschau.de“ auf, der Online-Ableger des Hochamts des deutschen Journalismus:
„Der Deutsche Alpenverein (DAV), Organisator der Bergtour, schickte unterdessen ein Kriseninterventionsteam in die Osttürkei.“
Whow! Ich wusste gar nicht, dass der Deutsche Alpenverein Kriseninterventionsteams hat. Ist das nicht die eigentliche News? „Alpenverein jetzt auch mit Kriseninterventionsteams“! Das Edelweiß-SEK! Die Heidi-GSG-9! Man lässt sich in Vaude-Jacke, mit Jack-Wolfskin-Rucksack und Goretex-Wanderschuhen aus dem Rotkreuz- oder Greenpeace-Helikopter abseilen, mit Leuchtmunition am Gürtel und einer umgeschnallten illegal in Stettin im Fischladen erworbenen Kalaschnikow im festen Willen, die verschollenen Vereinsmitglieder zurückzuholen. Ist das nicht eine bedenkliche und befremdliche Militarisierung der zivilen Gesellschaft, wenn nun schon harmlose Naturfreunde Milizen gründen? Wann hat mein Badeclub seine erste Söldnertruppe?
Ich will ja nicht zu denen zählen, die immer sagen, dass immer alles schlechter wird und früher alles besser war. Aber: „Elativ“ nennt man die Sucht nach dem ständigen Übertreiben, über die Dieter E. Zimmer schon 1993 in der „Zeit“ ein nettes Stück geschrieben hat, damals natürlich noch mit Jargon-Beispielen aus den 80er Jahren. Er hat Recht, wenn er erklärt, dass Übertreibungen die Sprache kaputt machen: Übertreiben wir es mit Übertreibungen, fehlen uns bald die Worte, wenn einmal wirklich schlimme Dinge eintreten.
Der Deutsche Alpenverein hat das Wort „Kriseninterventionsteam“ sicher woher, wenn es ihm nicht von Medienleuten in den Mund gelegt wurde? Aus den Medien! Und ich hasse medieninduzierte Realität. Himmel, sie haben eben ein paar Leute da runter geschickt. Ich möchte, dass die Medien die Wirklichkeit beschreiben. Das ist Aufgabe genug, das beherrschen heute die wenigsten Journalisten, die meisten scheitern bei einfachen Reportage-Aufgaben schon am Besuch eines Maisfeld-Labyrinths oder am Schälen einer Orange. Und deswegen schwafeln sie törichtes und unkonkretes Zeug.



Besten Dank! Endlich mal jemand, der die Luft aus den aufgeblasenen Wordballons lässt. Es gäbe noch unzählige weitere Beispiele. Mein Eindruck ist, dass mit diesem Wortgetöse nicht nur vom inhaltlichen Leerstand ablenkt wird. Wer aus der Nachrichtenfliege einen Wortelefanten bastelt, lenkt von den eigentlich wichtigen Themen ab, über die wir in den Öffentlich-rechtlichen so gut wie nichts mehr erfahren (u.a. da sie – teure – Recherchearbeit voraussetzen). Beispiel: In Südfrankreich streikten über zwei Wochen lang die Fischer. Wegen der hohen Dieselpreise. Wäre ich nicht vor Ort gewesen – in Tagesschau oder heute hätte ich nichts davon erfahren.
MfG WSch
Kriseninterventionsteams sind Gruppen von Psychologen, Seelsorgern und entsprechend ausgebildeten Laien, die die Opfer von psychischen Traumata (z.B. nach Unfällen oder Katastrophen) betreuen. Sie beugen damit z.B. posttraumatischen Stressstörungen vor. Ich nehme mal an, der DAV hat selbst ein Kriseninterventionsteam, um die Angehörigen von in den Bergen Vermissten o.ä. zu betreuen.
Schade, dass Ihr ansonsten punktgenauer Artikel hier so versagt. Eine kurze Recherche auf den Webseiten der Hilfsorganisationen (DRK, ASB, JUH, MHD) hätte die gewünschte Information darüber, was genau ein KIT ist, geliefert.
@ lupo: Danke für den Hinweis. Mir ist bewusst, dass ein Kriseninterventionsteam nicht aus Söldnern besteht, sondern aus Psychologen und anderen Experten. Mir ist das Wort zu lang und vor allem zu dröhnig, und ich mache mich über das Wort lustig, nicht über die Teams oder ihren Job.
Das Wort braucht ja sogar eine Abkürzung, KIT. Und offenbar erklärt sich das Wort auch nicht von selbst, sondern bedarf einer Recherche. Wenn der DAV Psychologen in die Türkei schickt, warum sagt es „tagesschau.de“ dann nicht?
Sprachlich betrachte ich das „KIT“ wie den Begriff „militärische Kampftruppen“ (wirklich bitte nur sprachlich). Gemeint sind schlicht Soldaten, und dennoch bemühen Journalisten einen achtsilbigen Begriff. Um diese Aufgeblasenheit geht es.
Tja, Hauptsache es klingt möglichst wichtig! Aber hey, das ist eigentlich PR derjenigen, die damit angefangen haben und steht wohl so in den Pressemitteilungen drin. Der begriffsgeile Journalist übernimmt sowas dankend!
Der Begriff an sich ist schon reichlich blöd – „Krise“ und „Intervention“ sind sowohl militärische als auch psychologische Jargonbegriffe. Da haben die Psychologen, die den Begriff an die weiße Leinwand geklatscht haben, sicher nicht drangedacht.
Der Punkt an sich wird deswegen nicht schwächer: Ob übernommen oder selbst erdichtet, Hauptsache es klingt ultimativ.
Geh doch mal bitte in die Proll-Arena: „Die ultimative Chartshow“ (=die ausgelutschtesten Hits der letzten x Jahre), „Galileo Extrem“ (=“das Fünf-Meter-Schnitzel“) sowie „Deutschland sucht den Superstar“ (=einen Idioten finden, mit dessen Konterfei man ein bis 1 1/2 Jahre die Zielgruppe der hirnlosen 12-16jährigen ausbeuten kann).
*DA* sind die Übertreibungen. Und nachdem die Qualität im Journalismus in Deutschland sowieso ins Bodenlose geht (Danke an den Spiegel), zieht die Presse für den intellektuellen Pöbel („hat Abi“) mit. Die Elite („kann denken“) ist nämlich schon ausgewandert.
Also Hochdruck fängt bei 1013 Hektopascal an.
„KIT“ erinnert mich an Michael Knight :) Wobei sich KITT mit doppel-K schrieb, meine ich.
Im Übriegen ist die Thematik ebenso bedauerlich wie alt. Oder bin ich zu jung, um die besseren Zeiten zu kennen? :) Man (also vornehmlich ich) fragte sich doch schon immer: „Können die jetzt nicht einfach mal auf den Punkt sagen, was Sache ist?“
Trotzdem schätze ich die öffentlich-rechtlichen Radiosender wie Info-Radio und Deutschlandfunk, da sie wenigsten überhaupt Reportagen bringen, fernab von Charts und Pop.
Hey, ich hab noch einen Unbegriff. Einschlägig bekannt aus dem Wetterbericht des rbb. Er heißt „an den Binnenseen“.
Hm. Die Idee für das Geschriebene gefällt mir ganz gut.
Ich bin auch der Meinung, Medien übertreiben in vielen Dingen schamlos. Ich finde, man sollte mit Sprache genau das ausdrücken, was passiert. Verständlich.
Aber ich liebe Metaphern.
Und fieberhaft ist ein sehr schönes Wort!
Man kann sich vorstellen, wie jemand z.B. etwas sucht. Voller Eifer.
Da ist man nicht krank, das sagt keiner. Vielleicht würde sich das Wort ja mit Psychosomatik erklären lassen?
Ist jemand sehr aufgebracht, wird einem warm. Ich denke das kennt jeder. Die Körpertemeratur steigt erwiesener Maßen.
Was passiert denn bei Fieber?
Es gibt genug Wörter oder Wendungen, die wesentlich weniger Sinn ergeben. Mich würde es brennend (wieso eigentlich?) interessieren, wieso es heißt: „Feuer und Flamme sein“.
Außerdem ist „medieninduziert“ auch ein extravagantes Wort ;-)
Gibt es hier auch nichts zu erzählen?(Warum eigentlich erzählen, was zählt man denn?)
Nichts desto trotz: Ich hab das mit dem hellichten Tag gemocht.
Und: Danke für den Philosophieranstoß ;-)
(Wieso eigentlich Philosophie? Soweit meine Griechischkenntnisse reichen: philo= Freund, sophie= Weisheit ? Selbst wenn ich Freude (was noch mehr Sinn ergiebt als Freunde) an der Weisheit oder am Denken habe – beschriebt das noch lange nciht was ich tue, oder?)