Inspiration

 

Wer sich trotz allerschönsten Frühlingswetters drei Tage lang in der mitunter dunklen Kalkscheune einpfercht, hat entweder einen an der Klatsche oder eine Mission. Die Bloggerkonferenz Republica neigt sich dem Ende. Was bleibt, gehört zu den wertvollsten Dingen, die bleiben können: viele schöne Begegnungen und Inspiration.

Wichtige Erkenntnisse, entweder neu oder bestätigt:

- Die Bloggerszene ist heterogen. Sie hat daher kein gemeinsames Sprachrohr. Da sich die Medien an die am leichtesten zu recherchierenden Blogger halten, ist ihr Bild über das Bloggen möglicherweise verzerrt.

- Die Frage nach einer Meinungsführerschaft und nach so genannten A-Bloggern beantwortet sich bislang nach dem Prinzip der meisten Klicks. Eine Form der Demokratie, die auf unzureichendem Wissen der Leserinnen und Leser beruht. Denn diese klicken kein Blog an, von dem sie nicht wissen, dass es existiert. Es halten sich also bereits mächtige Blogs oben. Anders als auf einem Informationsmarkt, auf dem alle Informationen übersichtlich und leicht zu finden sind: Dort könnte auch ein junges und kleines Produkt sehr schnell Marktführer werden, wenn es besser ist als die alten.

- Da mächtige Blogs durch diesen Mechanismus ohnehin mächtig bleiben, müssen sie sich nicht um Qualität bemühen. Das müssen aber die kleinen Blogs tun, um stärker zu werden. Die Folge könnte sein, dass die Qualität kleinerer Blogs steigt, und dass die Revolution von unten als Qualitätskampf geführt wird.

- Um Qualität zu bieten, ist für Blogger journalistisches Know-how wichtig. Wie schreibt man gute Texte? Welche Themen interessieren andere Menschen? Wie bereitet man sie auf? Genauso wie sich Blogger dem Thema Medienrecht annähern (weil sie es aus juristischen Gründen müssen), könnten sie sich bald dem Thema „Journalistisches Arbeiten“ annähern (weil sie es aus Qualitätsgründen vielleicht wollen).

- Blogs eröffnen spannende juristische Fragen in puncto Presserecht und Urheberrecht. An deutschen Gerichten sind zunehmend jüngere Richter am Start, die sogar schon mal im Internet eine Seite besucht haben. Darum besteht Anlass zur Hoffnung, dass die Rechtsprechung bald die Mechanismen von Foren und Blogs verstehen könnte.

- Blogs und Journalismus sehen einander bislang mit einer geringen Schnittmenge. Diese Schnittmenge könnte in der nächsten Zeit wachsen. Wie sie das tut und mit welchen Inhalten, wird eine spannende Entwicklung werden.

- Das betrifft natürlich nur die Blogs, die sich an unbekannte Menschen richten wollen, die außerhalb einer Szene existieren und daher einer allgemein verständlichen Ansprache bedürfen. Sehr viele Blogs wollen das gar nicht.

- Blogger sind spannende Menschen. Sie sind überdurchschnittlich intelligent und kreativ. Manche sind sogar so intelligent und kreativ, dass sie sich selbst damit im Weg stehen. Anstatt über Dinge zu diskutieren, die das Podium vorgibt (z.B. Glaubwürdigkeit von Blogs gegenüber Online-Ausgaben von Printmedien), hinterfragen sie die Begriffe dahinter (z.B. das Wort „Glaubwürdigkeit“, das doch etwas mit „Glauben“ zu tun habe), und beantworten die Frage nicht.

- Diese Art von Diskutiererei gilt zwar als schick in manchen Teilen der Szene, und sicher sind Diskussionen für die Meinungsbildung wichtig. Verzettelung oder der selbstverliebte Blick auf schicke Nischen könnten aber letztlich den kleinen, qualitätsbewussten Blogs dienen, weil diese unabhängig von feuilletonistischen und intellektuellen Debatten auf Resultate hinarbeiten werden, während das Establishment noch theoretisiert.

- Mit Blogs kann man Geld verdienen. Manche täten das gerne. Manche finden es unmoralisch. Manche täten es gerne und finden es unmoralisch. Das ist ein Konflikt, der in den Köpfen der Einzelnen tobt. Es gibt keine Instanz, die es beurteilt. Jede/r entscheidet frei.

- Dieses Blog hier bleibt von der gewohnten, redaktionell versteckten Schleichwerbung für Dinge in eigener Sache abgesehen werbefrei. Es soll fürs werbegequälte Auge ein Ruhepol sein. Ob sich diese Haltung ändert, weiß ich nicht, aber momentan gehe ich nicht davon aus.

To be continued. Es ist Freitagnachmittag, und die Sonne scheint. Und wer sich bei diesem Wetter in der mitunter dunklen Kalkscheune einpfercht, hat entweder einen an der Klatsche oder eine Mission.

Danke für die vielen Anregungen, die guten Gespräche, den lebhaften Input!

2 Kommentare zu „Inspiration“

  1. derhans

    Sehr angenehme dein Blog. Schon nach dem ersten Absatz beschliech mich ein starkes Gefühl von „endlich macht es einmal einer richtig“. Schön nachdenklich. Freiheit für die Zwischentöne. Herlichen Glückwunsch, hiermit haben Sie einen neuen täglichen Leser.

  2. Regine

    Hi Thilo,

    kann ich glatt unterschreiben. Bin mit meinem re:publica-Fazit noch nicht ganz so weit.

    Grüßchen vom Rande von Friedrichshain!

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