Endlich habe ich ein Beispiel dafür, was ich „psychologisierenden Feuilletonismus“ nenne. Der „Spiegel“ (50/2009) schreibt in seiner Titelgeschichte über das angeblich verlorene Jahrzehnt der nuller Jahre zu „Der Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ (S. 154):
„Das sind Kindergeschichten, die auch von Erwachsenen konsumiert werden. Man zieht sich zurück in eine infantile Welt, in der herzige Helden das Böse besiegen. Das moderne Märchen ist die Antwort auf eine ruppige Welt.“
Klingt schön eingängig, diese Interpretiererei. Beeindruckt sicher Erstsemester in Soziologie und Psychologie. „Man“ zieht sich zurück. Der Aufsatz bestätigt mich mal wieder in meiner fürchterlichen Entdeckung, dass Menschen nicht an Wahrheit interessiert sind, sondern an Plausibilität. Das Deuten an sich war schon immer Ehrfurcht erweckend, und ähnlich der Freudsch geprägten Psychologie nehme man einfach ein paar Geschehnisse und drehe daran vieldeutig und bedeutsam herum, um ideologische Scheinfakten und Pseudozusammenhänge heraufzubeschwören.
Vielleicht sind solche krausen „Spiegel“-Geschichten ja die Antwort des sterbenden Feuilletonismus auf das ruppige Heraufziehen des Konkreten und das zunehmend laute Bedürfnis der Menschen nach Nutzwert ohne intellektuelle Für-dumm-Verkaufe. Die bemüht kulturwissenschaftliche Deutung irgendwelcher Phänomene unter totaler Ignoranz des Umstandes, dass gerade heute die Menschen durch die Medienentwicklung die Welt diversifizierter und differenzierter erleben denn je.
„Man“ zieht sich zurück. Schon klar.



Komisch, dass diese infantile Welt der Ringe-Herren oder Potters gesundenen erwachsenen Hirnen entsprang. Sie verungimpfen also nicht nur die Leser, sondern auch die Autoren, die diesen infantilen Kram geschrieben haben.
Also ist die Frage zu stellen: Was fehlt denn diesen Spiegelmenschen bloß? Und im Übrigen: Was ist schlimm an kindlicher Natur? Die ist wenigstens konkret und gnadenlos geradeaus. Erst später kommt die Schmierbeutelbewaffnung hinzu.
‚Kindlich‘ ist gut, ‚infantil‘ ist schlecht. Beides ist nicht dasselbe.
Infantil = kindisch? Dann geht es wohl nicht um eine kindliche Welt, sondern um eine kindische Welt?
Hübsch die Aufklärung, by the way. Kampf um Begriffe? Dame ist gut – dämlich ist schlecht?! So oder so verunglimpft der Spiegel. Kindisch meint kindlich im Erwachsenendasein; nur die, die glauben, etwas Besseres zu sein, brauchen diese Unterscheidung, Abgrenzung offenbar. Deshalb gibt es dann solche Begriffe wie infantil. Damit lässt sich hübsch abgrenzen.