Freidenker sollten frei sprechen können. Doch frei zu sprechen scheint zumindest unter Soziologen keine allzu weit gesäte Gabe zu sein. Eine Blogger-Konferenz in Berlin, die erste ihrer Art – also lauter Menschen, die Internet-Blogs schreiben wie diese Lounge hier eine ist. Und der erste Vortragende liest vom Blatt ab! Er steht vorne und liest 500 Leuten was vor.
O gar garstige Vorlesungskultur deutscher Hochschulen und ihres Wissens-Autismus! Will ich Wissen, einen Inhalt, Substanz in mein Gehirn lassen, den es bereits als fertig formulierten Text gibt, dann lese ich doch gerne den Text! Es gibt keinen Grund, dass mir jemand den Text vorliest, auch wenn es der Autor ist. Mit Fertigstellung des Textes schenkt mir der Autor die Freiheit zu entscheiden, wann ich den Text lese – er schenkt mir meine Autonomie als Medien-Rezipient. Welchen ernsthaften Grund gibt es nun noch, dass der Vortragende seinen Text nicht in seinem Blog veröffentlicht, sondern vorliest? Zumal wir längst in Zeiten asynchroner Kommunikation leben und zumal das Bloggen gerade Gegenstand dieser Veranstaltung ist?
Aber nein, der Mensch liest seine Abhandlung über Gutenberg und die medienhistorische Entwicklung vor. Hunderte höfliche Hörer rutschen auf geduldigen Stühlen hin und her.
Hat jemand auf einem Kongress, einer Konferenz oder einer Messe etwas zu sagen, Wissen, Inhalt, Substanz – so bin ich scharf auf sich live entwickelnde Gedanken eines intelligenten Menschen. Ich will sehen und hören, wie er Argumente baut und rote Fäden knüpft. Auseinandersetzung mit Fragen und siegreicher Gewinn von Erkenntnis. Entwicklung. Fortschritt. Freiheit im Geiste. Diese Genese von Gedanken halte ich für einen der schönsten Gründe, auf dieser Welt zu sein.
So wie es im Schwimmen den Freischwimmerschein gibt, könnte man mal über einen Rhetorik-Freischwimmer nachdenken: Wer es schafft, fünfzehn Minuten am Stück ohne Manuskript einen Sinnzusammenhang zu entwerfen, zu entwickeln und einem aufgeschlossenen Publikum verständlich wiederzugeben, bekommt ihn. Wer darüber hinaus noch unterhaltsam ist, bekommt ein Bienchen.
Man möchte zu dem Menschen vorne auf dem Podium hingehen und ihm sagen: Du solltest wirklich mehr schreiben!


