Schluss mit dem Gejammer! Hört zu!

 

Wand in der Nähe der Waldorfschule in Schwäbisch Hall

„Solange ihr mir euer Wissen vorenthaltet, bleibt mein Rezept euer Chaos“, hat jemand an eine Wand gesprüht. Ich gehe vorüber und denke mir: Vermutlich hat der Sprayer Recht. Es geht um Wissen. Es geht darum, dass wir das Wissen, mit dem die Reichen und Erfolgreichen reich und erfolgreich werden, allen Menschen schenken. Mit vollen Händen und offenen Armen. Das Coaching-Know-how, das für die meisten Selbstständigen, Unternehmer und auch für viele Führungskräfte selbstverständlich ist, gehört ins Volk. Die Schulen vermitteln es nicht, die Universitäten auch nicht. Auch das Arbeitsamt verrät Arbeitslosen vermutlich nicht, dass man mit iTunes und Ebay Geld verdienen kann. Mir wäre das jedenfalls neu.

Warum ist das Wissen darüber, wie Erfolg funktioniert, so gering verbreitet? Warum gilt ein fürchterlich plakativer, esoterischer und überinszenierter Film wie „The Secret“ als gut? Weil immerhin mal jemand das Erfolgswissen einem Massenpublikum mitzuteilen versucht, wenn auch mit Ecken und Kanten. Das Wissen ist da, wir müssen es den Menschen nur mitteilen. Denn die Menschen, die meisten jedenfalls, haben davon keine Ahnung.

Wir denken, was schon immer dachten

Die Regel ist eher eine Art Gedankenrecycling: Wir bestätigen uns nur ständig in dem, was wir ohnehin schon meinen und glauben. Und wir übertragen dieses Denken auf andere. Viele Menschen glauben zu Beispiel, ihre persönliche Situation sei ein normales Abbild gesellschaftlichen Daseins. Selbst Arbeiter im Kernkraftwerk halten es für normal, in einem Kernkraftwerk zu arbeiten. Arbeitnehmer halten es für normal, ein Gehalt zu bekommen, morgens zur Arbeit zu fahren und Urlaub zu beantragen.

Und in den gesellschaftlich wichtigen Schaltstellen der Bildung und Meinungsbildung – in Schulen, Universitäten und Medien – ist dieses Denkmuster eben zu Hause, weil da vor allem Nine-to-five-Menschen sitzen und eher niemand, der schon mal erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat. Und weil an diesen Schaltstellen des Wissens eben Arbeitnehmer sitzen, füttern sie unsere Gehirne ständig mit dem gleichen Zeug. Wir halten das Arbeitnehmerdasein für normal. Sogar in den Medien, obwohl dort heute vorwiegend Scheinselbstständige, Praktikanten und befristet Beschäftigte arbeiten, herrscht das Denken in Arbeitnehmer-Kategorien.

In jüngster Zeit scheinen die Jammerberichte der Gefangenen im Arbeitnehmer-Schema zuzunehmen. Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle über eine Jammer-Story im „Stern“ geschrieben, über einen Jammer-Leserbrief im „Spiegel“ – und beide diese Geschichten haben auch Eingang in mein Buch „Mach dein Ding!“ gefunden. Mit diesem Buch und dem Twitter-Account dazu möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass angeblich hoffnungslose Menschen merken, dass sie in der Tat nicht hoffnungslos sind. Ich will herleiten, dass Menschen natürlich dann perspektivlos und erfolglos sind, wenn sie den alten Denkmustern folgen, weil das eben Konzepte sind, an deren Ende das Verlieren steht. Und ich will zeigen, wie man dieser Endlosschleife und diesem angeblichen Fatalismus entkommt.

Heute nun eine „Seite 3″ in der „Süddeutschen Zeitung“, die ebenfalls den Frust multipliziert und die Verzagten noch weiter demotiviert. Überschrift: „Frist oder stirb“. Die Journalistin Charlotte Frank, der Lesart nach keine Unternehmerin, schreibt darin über das Verzagen junger, qualifizierter Menschen, die sich von Frist-Vertrag zu Frist-Vertrag hangeln – ohne anzumerken, dass deren Erleben nur eines unter mehreren möglichen ist.

Ich halte die Darstellung in der „Süddeutschen“ für fatal, für ein Zeichen von Blindheit, ja für dumm und falsch und sogar für gemeingefährlich, und es ist mir komplett egal, ob mich die „Süddeutsche“ hinterher noch mag. Die Geschichte in der „Süddeutschen“ transportiert ein falsches und negatives Menschenbild, in dem die Menschen der Welt ohnmächtig ausgeliefert sind und in dem sie den absurden Regeln der Gegenwart hilflos folgen müssen – statt dass das Blatt zeigt, dass Menschen die Realität durch Handeln verändern können, die Welt gestalten und die Regeln bestimmen. Das Menschenbild in diesem Beitrag ist von Kleingeist geprägt, es reduziert uns auf dumme, tatenlose Bürger, es ist zutiefst spießig.

Die Autorin der „Süddeutschen“ kapiert es nicht

Die Unterzeile unter der Überschrift lautet:

Ein Haus, zwei Autos, der Arbeitsplatz bis zur Rente: Das war die Welt der Eltern. Wer heute jung ist, kann froh sein, wenn er einen Zeitvertrag über zwei Jahre bekommt. Eine ganze Generation lebt in der Warteschleife – bis zum nächsten Job.

Hier geht es um zwei Aspekte. Aspekt eins:

Ein Haus, zwei Autos, der Arbeitsplatz bis zur Rente: Das war die Welt der Eltern.

Hurra! Die „Süddeutsche“ hat es begriffen! Die heutige Realität sieht anders aus als noch vor einigen Jahren. Nun könnte man daraus ein paar nötige Schlüsse ziehen. Wie wird man heute erfolgreich? Wie gelingt es, unter heutigen Bedingungen eine Familie zu ernähren? Aber nein, es geht anders weiter. Aspekt zwei:

Wer heute jung ist, kann froh sein, wenn er einen Zeitvertrag über zwei Jahre bekommt. Eine ganze Generation lebt in der Warteschleife – bis zum nächsten Job.

Hallo? Oh wie schade: Die „Süddeutsche“ hat es doch nicht begriffen. Als gebe es nur Zeitverträge, und als müsse man sich diesen Unternehmen aussetzen. Statt nach den Möglichkeiten zu fragen, wie Menschen infolge dieses Paradigmenwechsels leben können, tut das Blatt ganz selbstverständlich so, als müssten wir natürlich weiter auf den alten Gleisen fahren – obwohl diese Gleise, für alle sichtbar und in der Zeitung beschrieben, eher ins Verderben führen als ins Glück.

Dieses Phänomen ist das, was ich „dumm“ nenne: Einerseits erkennt die Autorin, dass die abhängige Beschäftigung ein Auslaufmodell ist, aber andererseits zieht sie daraus nicht die nötigen Folgerungen. Sie hält es stattdessen für normal, dass Menschen nach wie vor gemäß den Schemata dieses Auslaufmodells handeln. „Ist dein Pferd tot, steig ab“, lautet das dazu bekannte Sprichwort. Die „Süddeutsche“ reitet das tote Pferd und beklagt sich, dass es nicht voran geht.

Das Foto, über der Überschrift über die ganze Breite der Seite gezogen, zeigt sieben junge Menschen mit Theatermasken. Sie wollen offenbar nicht, dass man sie erkennt. Bildunterschrift:

Protest gegen Frist und Frust: Nicht nur die schlechte Bezahlung und die Aussicht, nicht übernommen zu werden, macht vielen zu schaffen. Sie können ohne sicheren Job auch nur schwer eine Familie gründen.

Die „Süddeutsche“ tut so, als seien Job sicher

Okay: Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen demonstrieren gegen ihre Arbeitsbedingungen. Und ich frage mich: Wenn mein Chef so übel ist, dass ich gegen ihn demonstrieren muss, was hält mich dann noch bei ihm? Leben wir in einem Land, in dem wir nichts selbst in die Hand nehmen können? Welche Medieninhalte haben denn diese jungen Leute so zerrüttet im Kopf, dass sie glauben, ihr Wohlergehen hänge von der Gnade irgendwelcher Unternehmen ab? Unternehmen sind keine Sozialclubs, sie wollen Gewinne machen! Ist uns das entgangen? Oder ist das möglicherweise diese einfältige Privat-TV- und Konsum-Generation, die meint, man bediene sie? Haben die wirklich vergessen, dass es an uns ist, an jedem und jeder Einzelnen, etwas aus dem Leben zu machen, um die Menschheit voranzubringen?

Und noch ein weiterer Denkfehler steht schon in der Bildunterschrift: Ohne „sicheren Job“ könne man keine Familie gründen. Was für ein Unsinn: Die Sicherheit existiert doch sowieso nicht mehr. Seit wann gibt es denn wieder feste Jobs, in denen man ruhig Familien gründen könnte? Habe ich eine gesellschaftliche Kehrtwende verpasst?

Abhängige Beschäftigungen sind nicht mehr sicher, und neu ist diese Erkenntnis auch nicht. Es ist nicht sicher, sein Leben in die Hände durchgeknallter Manager zu legen, die einen nicht erkennen sollen, wenn man über sein Leben spricht. Es ist nicht sicher, sein Einkommen auf nur eine Einkommensquelle zu stützen, deren Schicksal nicht in meinen Händen liegt.

Und so beginnt die Geschichte:

Das Flugzeug dreht ab, fliegt einen Bogen und zieht eine scharfe Linie ins Blau, als wolle es den Himmel über der Vorstadt durchschneiden. „Eine Warteschleife“, sagt Celia, unten in der Vorstadt. Dann richtet sie den Blick vom Himmel auf den Boden und sagt, dass sich ihr Leben auch oft so anfühle wie in einer Warteschleife. „Immer in der Schwebe, und man ist immer am Rechnen, wie viel Zeit noch bleibt.“

Ob die Autorin der „Süddeutschen“ schon einmal was von Spiegelneuronen gehört hat? Davon, dass wir deswegen schlecht drauf sein können, weil wir uns die Welt schlecht reden? Damit fängt es an: Die Menschen wissen nicht, dass ihr Gejammer der Grund für das Übel ist und das Übel der Grund fürs Gejammer. Man könnte die Menschen da rausholen – aber das will die „Süddeutsche“ offenbar nicht. Lieber suhlt sie sich in negativen Gefühlen. Klar, die Presse arbeitet mit Schubladen. Das hier ist eine Jammer-Story. Sie recycelt und multipliziert das Gejammer. Ihre Protagonisten müssen jammern, sonst stimmt das Bild nicht. Wer nicht jammert, findet hier nicht statt.

Dummes Konzept: Tage zählen, bis der Vertrag ausläuft

Celia zählt die Tage, bis ihr Vertrag abläuft. Was für ein krasses Leben: Sie macht Dienst nach Vorschrift, erfüllt Anforderungen eines Jobs, der sie unglücklich macht, statt sich heute zu überlegen, wie sie morgen ihr Leben auf die Reihe bekommt. Warum handeln Menschen so? Warum stellt ein kluges Blatt wie die „Süddeutsche“ diese Selbstgeißelung als normal dar, ja als zwingenden Fatalismus?

Wie geht es weiter? Und dann? Gibt es Chancen, dass die Firma dich doch behält? „Ich kann diese Fragen nicht mehr hören.“ (…) Celia, 32 Jahre, Diplom mit 1,0 in Literaturwissenschaft, angestellte Lektorin, hatte noch nie einen unbefristeten Vertrag. Seit fünf Jahren hängt sie in der Warteschleife.

Wie autoaggressiv muss man dazu eigentlich sein, dass man unter den Aufs und Abs des Lebens so demonstrativ leidet? Die „Warteschleife“ existiert als fataler Zustand doch nur für die armen Teufel, die der Illusion von Sicherheit nachhängen, statt in unserer schneller gewordenen Welt die Flexibilität und die tatsächlichen, vielen Möglichkeiten zu sehen. Eine „Birgit“ formuliert es so:

„Du denkst dein Leben nur in der Zeitspanne, die der Vertrag vorgibt.“

Aha, und warum tut Birgit das? Ist die Welt so klein? Sind die Möglichkeiten so begrenzt? Nein, ihr Denken ist begrenzt: Sie konditioniert sich auf einen engen Rahmen, der ihr verbietet, die Möglichkeiten außerhalb dieses Rahmens zu sehen. Logisch ist die Folge: Innerhalb des Rahmens findet sie keine Perspektive. Dumm ist: Statt den Rahmen zu hinterfragen und zu verlassen, erklärt sie der Frau von der Zeitung, es sei normal, in zeitlichen Fristen irgendwelcher Verträge zu denken. Klar ist Unsinn normal, wenn wir uns auf Unsinn konditionieren. Sie können morgen in der Porno-Industrie anfangen, in einem Vierteljahr ist auch das normal.

Was hält diese Menschen davon ab, das Schema zu hinterfragen, in dem sie sich da offenbar völlig erfolglos und unglücklich bewegen? Wieso reiten Menschen konsequent tote Pferde? Warum denken sie nur in einem extrem kleinen Ausschnitt des Arbeitsmarktes herum, der selbst nur ein extrem kleiner Ausschnitt des Marktes ist? Warum fragen sie: „Welches Unternehmen braucht mich?“, statt zu fragen: „Was kann ich, was die Menschen brauchen?“? Warum suchen sie Jobs und kein Einkommen? Warum begrenzen sie freiwillig ihre Wahrnehmung und sind dann auch noch frustriert, weil sie mit ihren Scheuklappen keine Chancen sehen?

Sorgen machen? Scheiß dich nix!

Bei ihr sind das noch elf Monate, danach ist alles offen.

Okay, das ganz normale Leben also: Elf Monate sind doch eine elend lange Zeit! Elf Monate offenkundige Sicherheit, und Madame heult? Hat die Frau auch nur das geringste bisschen Ahnung davon, was da draußen gerade für wunderbare Neuerungen und Entwicklungen geschehen? Entwicklungen, die uns jede Menge Chancen schenken? Hat sie irgendeine Vorstellung davon, was elf Monate sind?

Wir haben keine Ahnung, wie die Welt in elf Monaten aussieht, welche Bedürfnisse die Menschen und Unternehmen haben werden. Die Frage ist nur: Habe ich Angst vor der Entwicklung, oder sehe ich ihr Potenzial? Variante eins lähmt, Variante zwei beflügelt.

Plötzlich gibt es Digitalfotografie, und der Laborant ist sinnlos – kluge Menschen entwickeln daraus Geschäftsideen. Plötzlich gibt es iTunes, und die Musikindustrie kotzt ab – kluge Menschen sehen iTunes als Multiplikator für ihre Musik, Podcasts und Hörbücher. Plötzlich gibt es ein iPad, der Buchmarkt muss umdenken, und hier jammert eine Lektorin? Deren Verlag nicht weiß, wie die Lage in elf Monaten aussieht qua iPad und Kindle? Warum verfolgt die Frau die Entwicklung nicht aktiv und denkt mit? Ist sie am Ende eine C-Mitarbeiterin?

Machen die Menschen die Augen nicht auf? Was ist hier bitte noch sicher? Nichts! Und zugleich bietet die Unsicherheit jede Menge Chancen und Perspektiven für die Geschäftigen und Agilen! Wieso sollte die abhängige Beschäftigung unter solchen Bedingungen noch auch nur die geringste Rolle spielen? Unternehmen sind mit Einstellungen aus gutem Grund zurückhaltend, denn Unternehmensführer sehen den Markt – und das enorme Tempo erlaubt momentan keine langfristigen Bindungen. Was weiß denn ich, wie der Bedarf morgen aussieht?

Und das ist eine völlig andere Haltung als die der Arbeitnehmer, die man aufs Gib-mir-einen-Job-Denken konditioniert hat, und die jetzt ein riesiges Problem haben, wenn sie nicht umdenken. Das Jammervolk wünscht sich trotzig eine langfristige Perspektive. Aber gibt es die noch? Selbst wenn diese Menschen angestellt wären, in diesen Zeiten, könnten sie sich nicht zurücklehnen und sich sicher fühlen – das wäre übelster Selbstbetrug. Eine Scheinsicherheit, aus der die Leute sowieso irgendwann erwachen, wenn die nächste Branche abschmiert. Warum also wachen diese Leute nicht gleich auf?

In den elf Monaten bekommt die Frau problemlos eine Existenz aufgebaut auf Basis dessen, was sie kann, will und wofür andere zu bezahlen bereit sind – was dann so lange funktioniert, bis sie wieder auf den Markt reagiert. Sie muss sich nur darum kümmern, statt zu verzagen und zu jammern. Und statt Angst zu haben.

„Haben Sie keine Angst!“, lautet eines der wichtigsten Kapitel in „Mach dein Ding!“. Angst lähmt – also weg damit! Und wenn ich von meinen lieben Partnern in Österreich eines gelernt habe, dann den Spruch: „Scheiß dich nix!“ Man kann das zwar nur schwer übersetzen, und ich hoffe, ich gebe ihn hier richtig wieder. Aber wie auch immer: Wer sich daran hält, handelt, statt sich sinnlose Gedanken oder sinnlose Sorgen zu machen. Sorgen sind nur dann nötig, wenn man nicht handelt – also braucht keine Sorgen zu haben, wer das Richtige tut.

Celia und ihr Mann können sich die Krippe gar nicht leisten. Als Lektorin verdient sie 2000 Euro brutto – in Vollzeit. Deshalb jobbt sie nebenbei noch als Klavierlehrerin und gibt Nachhilfestunden.

Warum um einen Zustand kämpfen, der unglücklich macht?

Okay. Bei dem Gehalt müsste eine kluge Zeitung sagen: Schmeiß den Job hin und verkauf deine Fähigkeiten endlich richtig! Das Schmerzensgeld ist zu gering dafür, dass du keine Zeit mehr hast, um dein Leben auf die Beine zu stellen. Schlechter Deal! Und die Reporterin könnte die gesellschaftliche Dimension erkennen und fragen, warum Millionen von Menschen nicht einfach schauen, wie den Erfolgreichen der Erfolg gelingt. Aber nein, es geht so weiter:

Wahrscheinlich sieht sie deshalb so müde aus, wie sie da auf ihrem Balkon sitzt, unter einem Sonnenschirm, den schlafenden Sohn im Arm. Wahrscheinlich reicht deshalb auch schon eine Frage, um sie aus der Fassung zu bringen: Ob das ein Ansporn sei, immer wieder um die Stelle kämpfen zu müssen?

Was für eine Ignoranz! Was ist daran erstrebenswert, um eine gering bezahlte Stelle zu kämpfen, die offenkundig unglücklich macht? Warum sollten Menschen um Versagenskonzepte kämpfen? Das schlafende Kind ist ja gerade nicht Ansporn dafür, weiter das Falsche zu tun. Das schlafende Kind sollte Ansporn sein, um endlich das Richtige zu tun und eine Existenz aufzubauen, die auf verschiedenen gut sprudelnden Geld-Einnahmequellen beruht!

Aber nein, auf die Idee, die Prinzipien dieses Elends zu hinterfragen, kommt die Frau von der „Süddeutschen“ nicht. Statt zu fragen, wie man dem Elend entkommen könnte, fragt sie, wie man sich innerhalb des Elends am besten bewegt. Sie reitet das tote Pferd. Weiß sie es nicht besser? Oder macht sie das nur, weil die „Süddeutsche“ eine Jammerstory braucht? Zweites wäre vorsätzlich.

„Natürlich nicht“, bricht es aus ihr heraus, „ich verschwende ständig Kraft mit der Suche nach Alternativen.“ Spätestens sechs Monate nach Beginn eines Jobs sei sie wieder dabei, zum Jobcenter zu laufen, Bewerbungen zu schreiben, rumzutelefonieren. Und spätestens nach der dritten Befristung sei eh Schluss – aus Angst, sie könnte sich einklagen.

Hier steht schwarz auf weiß, dass das Konzept „Bewerbung“ ins Aus führt. Die Frau ist unglücklich, erfolglos, überfordert. Und natürlich verschwendet sie Kraft, weil sie sich ständig im falschen Schema umtut und offenbar nur sinnlose Alternativen sucht. „Jobcenter“ ist das falsche Konzept! Der Staat kümmert sich nicht darum, ob wir erfolgreich sind – er traktiert uns nur mit absurden „Maßnahmen“. Beim Arbeitsamt arbeiten keine Vorbilder für Erfolg, dort arbeiten Angestellte im öffentlichen Dienst, die sogar Knackis ohne jede Chance auf eine abhängige Beschäftigung ins Bewerbungstraining schicken, statt ihnen zu zeigen, wie man ein Business aufzieht. Schon die Wörter „Jobcenter“, „Bewerbungen“, „Befristung“ zeigen, dass da jemand seine Möglichkeiten eingrenzt: Als gebe es nur Anstellungen. Als gebe es kein Internet. Keine Menschen, die im Beruf erfolgreich sind.

Warum setzt sich die Dame nicht hin, breitet sich im Social Web aus bei Facebook, Twitter und Xing und macht Klavierstunden per Internet wie ich meine Webinare zum Thema „Komm zum Punkt!“? Warum lässt sie sich vom Arbeitnehmerschema so gefangen nehmen, dass sie sich freiwillig selbst für machtlos hält und glaubt, Bewerbungen und Jobcenter hätten einen Sinn? Warum durchbricht sie ihre Passivität nicht und wird aktiv? Sie selbst ist es doch, die entscheidet, die Gefangene zu sein. Wenn ich fremdbestimmt bin, dann habe ich mich doch dazu entschieden! Mangelt es solchen Menschen an Phantasie? Brauchen sie vielleicht einfach nur einen guten Coach? Geht es vielleicht darum, den Menschen das Wissen endlich zu geben, das ihnen bislang vorenthalten bleibt?

Bevor sie ihren Sohn ins Bett bringt, sagt Celia noch, inzwischen sei sie froh, dass sie damals ungeplant schwanger geworden ist. „Sonst hätte ich mich die nächsten zehn Jahre nicht getraut.“

Ja! Genau! Darum geht es! Nun hat sie ein Kind und damit einen Teil ihres Glücks. Trotz aller Widrigkeiten. Und? Sie lebt! Das Kind auch! Das ist doch großartig! Doch in allen anderen Lebensbereichen lässt sie sich von ihrer verdammten Angst führen und verpasst das Leben, statt die Dinge in die Hand zu nehmen. Sie verpasst den Erfolg, sie verpasst die wahren Möglichkeiten. Und das tut sie, weil sie – trotz ihres Erfolgs als Mutter – beharrlich an die Misserfolgskonzepte des Arbeitnehmertums glaubt. Solange die Welt ihr das nötige Wissen vorenthält, bleibt ihr Konzept ihr persönliches, angeblich schicksalhaftes Chaos.

Mantra des Misserfolgs

Wer nimmt das schon freiwillig in Kauf: ein Kind, drei Jobs, aber keine Perspektive?

Und Frau Reporterin versteht es immer noch nicht. Egal, wie das Leben spielt, es geht weiter. „Scheiß dich nix!“ Die Journalistin ist genauso verzagt und genauso auf dem depressiven, demotivierten Misserfolgs-Trip wie ihre Protagonistinnen. Sie hält deren Denkmuster für normal, und ein Riesenblatt wie die „Süddeutsche“, und das ist das Ärgerliche daran, broadcastet diese fatalen Denkmuster in die Welt. Das Ende der Geschichte ist die langweiligste Art, eine Reportage zu beenden – man kehrt gedanklich zum Anfang zurück, indem man die Anfangsszenerie wieder aufnimmt. Hier wendet sich der Blick wieder gen Himmel:

Schon wieder kreist dort ein Flugzeug. Schon wieder eine Warteschleife.

Und das ist jetzt das, was ich „schmutzige Rhetorik“ nenne. Mit diesem Stilmittel zementiert die Autorin die Ohnmacht durch Schicksal als Mantra. Wir sind dazu verurteilt, tatenlos zu bleiben, wir sind in der Warteschleife, und wir bleiben es auch, die „Süddeutsche“ will es so.

Für manche Erfolgreichen ist das übrigens gar nicht so schlecht: Solange die Erfolglosen brav in der Warteschleife verharren, bleiben sie untätig und unterlassen die richtigen Dinge – in der Folge des Unterlassens entsteht kein Erfolg, und sie warten wieder. So machen uns weite Teile der Bevölkerung, die bislang keinen Zugang zum Coaching-Wissen hatten, keine Konkurrenz. Wir enthalten ihnen konsequent das Wissen vor, wie schon der Graffiti-Sprayer beklagt.

Und deswegen muss dieses Wissen raus in die Welt. Auch in die Redaktion der „Süddeutschen“. Die für dieses Misserfolgsmantra auch noch eine unfassbar fatale Überschrift für ihre Jammer-Story formuliert, die uns auf Gedeih und Verderb im Arbeitnehmer-Schema festnagelt und jegliche Alternativen unterschlägt: „Frist oder stirb“.

26. Mai 2010, 20.30 Uhr: der Selfmade-Millionär Martin Betschart in Thilo Baums Internet-Talkshow. Wie funktioniert Erfolg? Warum ist es eine Frage der Einstellung, ob man Geld hat oder nicht? Warum werden die Armen immer ärmer? Wie kann man sich befreien? 60 Minuten Klartext, kostenlos, zum Zuschauen.

2. Juni 2010, 19.30 Uhr: Webinar „Mach dein Ding!“. Thilo Baum zeigt, warum das Denken in Arbeitnehmerkategorien ausgedient hat, wie man sich aus seinen Klauen befreit und herausbekommt, mit welcher Tätigkeit man sich ernähren kann – ob als Selbstständiger oder angestellt. 60 Minuten Klartext, kostenlos, zum Zuschauen.

Aufzeichnung der Webinar-Premiere „Mach dein Ding!“ vom 17. Mai 2010 zum gleichnamigen Buch bei Eichborn unter „Videos“.

8 Kommentare zu „Schluss mit dem Gejammer! Hört zu!“

  1. Ingrid Buchwieser

    Dankeschön!
    Hat mir Freude gemacht, Deinen Text zu lesen.
    Schöne Grüße aus Hamburg
    Ingrid

  2. Cujau

    Und hier mal ein Beispiel, das von Etnhusiasmus getrieben ist und nicht von Angst.

    http://www.foerderland.de/419+M53c0c55b835.0.html

    Und das Hübsche daran: eine junge Mutter, die durch ihre neue Rolle auf die Geschäftsidee kam. Schön, großartig!

  3. foersta

    lustigerweise hat meine wirtschafts-und sozialkundelehrerin heute diesen bloq mit in den unterricht gebracht…
    und muss sagen teilweise sehr zynisch, aber gerade deshalb für mich amüsant.
    mal ein andere sichtweise, als das, was man sonst immer zu lesen bekommt und interessieren würde mich, ob man zwischen den zeilen eine kritik an aktuellen gesellschaftlichen strukturen lesen kann bzw. beim schreiben bedacht wurde?
    einige äußerungen wurde im kurs auch sehr provokant aufgenommen. in meinen augen wurde nur einmal klar ausgesprochen, was sich sonst nie getraut wird in großen blättern zu äußern.

    grüße aus berlin.
    m.

  4. Thilo Baum

    Ach, ist ja spannend. Finde ich mit meinen Ideen endlich Eingang in die Schulen? Das wäre ja mal eine wunderbare Entwicklung. Was hat sie daran „zynisch“ gebracht?

    Grüße nach Berlin, T.

  5. foersta

    naja immerhin mal weg vom strikt niedergeschriebenen aus lehrbüchern etc.
    aus meiner sicht ist es eine resignation + statement der zusammenfassung der autorin und interviews der befragten. nur doch etwas forsch formuliert und schwierig umzusetzen. ich persönlich finde es etwas risikobehaftet zB aus einem aktuellen job auszusteigen (obwohl es ja in der modernen wirtschaft nach einer bestimmten zeit mittlerweile der normalfall ist sich etwas neues suchen zu müssen) und etwas komplett neues anzufangen ohne eine bestimmte sicherheit. nur der gewissheit ich muss ein eventl. vorhandenes kind verpflegen. zuzüglich muss man die mentalität der deutschen (nicht alle!) berücksichtigen, die ja bekanntlich sehr ordnungsbewusst und daher wahrscheinlich sehr zukunftsorientiert denken und von daher zB nur die „wartschleife“ sehen.
    daher aus meiner sicht richtig erfasst ihrerseits und etwas zynisch, da schwer realisierbar und etwas auffordernd.

    grüße m.

  6. Serena Major

    Tja.
    Das ist alles wunderbar, und ich würde es gern glauben. Ich bin in einem Angestelltenverhältnis zur Zeit sehr gut und sicher aufgehoben. Eigentlich könnte es mir gut gehen. Wenn – ja wenn ich nicht oft das Gefühl hätte, am falschen Ort zu sein.
    Nur: Funktionieren Ihre Tipps auch für Personen, die den Stempel „schwerbehindert“ haben? Die aus diesen Gründen nicht riskieren möchten, ins Nichts zu fallen (bzw. in Hartz IV?) Das ist die ANGST. Sonst hätte ich das mit der Kündigung schon überlegt, sonst würde ich durch das Leben ein bisschen leichter tanzen. (Was für ein Bild.) Aber ich bin auf einen gewissen Lebensstandard angewiesen, weshalb ich mich das Risiko bislang nicht einzugehen traute.
    Und nun?

    Fragende Grüße,
    Serena Major

  7. Thilo Baum

    Frau Major, wenn Ihr Angestelltenverhältnis wirklich sicher ist, dann ist es doch wundervoll. Woher wissen Sie, dass es sicher ist? Ist es im Staatsdienst? Wenn nein: Woher wissen Sie, dass der Markt die Produkte, die Ihr Arbeitgeber anbietet, stets abnimmt?

    Ich denke: Nur weil jemand in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis ist, ist er nicht sicher. Wenn ein Unternehmen pleitegeht, habe ich als Arbeitnehmer in aller Regel ein Problem, ob mit oder ohne Behinderung …

    Worum es mir mit meinem Buch „Mach dein Ding!“ geht, ist, ein Konzept für die berufliche Selbstbestimmung anzubieten. Dieses Wissen ist für sehr viele Menschen höchst relevant und anwendbar. Ich denke auch für viele, die als behindert gelten.

    In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen natürlich auch den Motivationstrainer Boris Grundl, der im Rollstuhl sitzt. Sein Slogan: „Steh auf!“

    http://www.grundl-akademie.de/

    Mein Buch möchte alle Menschen dazu motivieren, stets aus der Situation, in der sie sind, das Beste zu machen. Wir sind nun mal in den Situationen, in denen wir sind. Egal, ob Sie arm oder reich, gesund oder krank sind: Der einzige Weg ist der, das jeweils Richtige zu tun.

  8. Thilo Baum

    @ foersta:

    Verstehe ich alles. Ich gebe nur zu bedenken: Sie schreiben selbst, dass es in der Angestelltenwelt heute normal sei, sich ständig was Neues zu suchen. Ist das denn ein Leben in „Sicherheit“?

    Warum sollte es riskant sein, ein solches unsicheres Leben zu verlassen und zu überlegen, wie man anhand der eigenen Potenziale ein Leben mit mehr Einnahmequellen und damit mehr Sicherheit aufbauen kann?

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