Neues aus dem Plattenbau: „Du bist nicht allein“ spielt wie der ästhetische und inhaltliche Vorgänger „Halbe Treppe“ im Ost-Milieu der kleinen Leute, und es geht um Liebe, Treue und Zukunft. Axel Prahl spielt den Arbeitslosen Hans Moll, der sich in die neue russische Nachbarin verliebt (Katerina Medvedeva) und zwischen der Sehnsucht nach Neuem und dem War-schon-immer-so mit seiner Frau (Katharina Thalbach) hin- und herpendelt.
Dabei macht er allerhand Dummheiten: Er schenkt der neuen Nachbarin eine Waschmaschine vom gemeinsamen Ehe-Geld, er verschenkt den Gummibaum aus der gemeinsamen Wohnung mit seiner Frau. Alles durchsichtig und nicht hinterhältig, und darum wird die Figur in dem Moment unglaubwürdig, wo sich Moll gegenüber seiner Frau eine Lüge ausdenkt, warum die 200 Euro (für die Waschmaschine) fehlen. Er mache einen Holländisch-Kurs, lügt Prahl, nicht nur aus Perspektive der Figur völlig aus der Luft gegriffen, sondern offenkundig auch aus Sicht des Drehbuchs. Und das macht die Figur kaputt, denn Prahl ist Charakterdarsteller für einfache, ehrliche Figuren. Den Lügner nehme zumindest ich ihm nicht ab.
Drehbuch und Regie in Personalunion zu packen (Bernd Böhlich) ist üblicherweise ein Garant für ein Misslingen eines Films, da die Regie die Ungereimtheiten aus der Feder einer Künstlerseele nicht zu glätten weiß, wenn der Produzent zu schwach ist, um das Missverhältnis auszugleichen und offenbar kein Gespür für den wirtschaftlichen Erfolg eines Plots hat. Arm, wenn überdies die Grundidee aus Andreas Dresens „Halbe Treppe“ geklaut ist. Und so nimmt das dramaturgische Unheil aus lauter halbgaren Einfällen seinen Lauf: jede Menge angerissene Motive und tote Handlungsfäden, schließlich kein sauberes Ende der vielen angefangenen Ideen – eine dramaturgische Qualität, die mancher Filmhochschul-Streifen schlägt.
Wozu die Nebenstory mit dem arbeitslosen Physiker (Herbert Knaup) und seiner Ex (Karoline Eichhorn), die zwar nichts mehr von ihm hören will und ihn weder liebt noch hasst, aber dennoch in seinem Namen und ohne sein Wissen Zettel „Gebe kostenlos Mathe- und Physik-Nachhilfe“ an Laternenpfähle pappt? Wozu der Aufstand des Physikers beim Arbeitsamt, warum sucht er plötzlich einen Job, obwohl er vorher vorgerechnet hat, dass er ausgesorgt hat? Fehlende Motive, tote Motive – lauter wirre Einfälle, die der Autor der Geschichte wohl hübsch fand und die der Regisseur nicht rauswerfen konnte, weil er eben auch der Autor ist.
Schließlich löst der Film den angerissenen Konflikt nicht einmal. Moll fährt mit der Bahn nach Holland (warum?), obwohl er beim Abschied am Telefon am lauten Bahnsteig irrtümlicherweise glauben muss, seine geliebte Russin habe ihm ein „Ich liebe dich“ ins Ohr gehaucht.
„Halbe Treppe“ war wesentlich besser, dort fand der Plot eine Auflösung, wie man das vom Erzählkino erwartet (und die angerissenen Motive bei „Du bist nicht allein“ finden nicht aus künstlerischen Erwägungen kein Ende, sondern aus dramaturgischer Hilflosigkeit). Ging das Geld aus, weil der Autor-Regisseur über zu viele Nebensachen plaudern wollte, wurde der Streifen etwa gar nicht zu Ende gedreht? Diesen Eindruck hat man am Schluss, wenn mitten in der Handlung der Abspann kommt und der Film die Zuschauer sitzen lässt wie bei einem Coitus Interruptus.
Keine erwachsene Erzählkunst, bestenfalls eine Fingerübung und ein Negativbeispiel für angehende Drehbuchautoren, Dramaturgen und Regisseure, dank der Schauspieler und der Drehorte immerhin eine Projektionsfläche für Ost-Erinnerungen, aber wesentlich weniger gut und nur halb erzählt wie „Halbe Treppe“. „Viertel Treppe“ sozusagen.



Ost-Berlin, 2007, Marzahn, Eastgate, Plattenbau, – das ist doch Thema und nach wie vor brisant! Mit dem Material kann man doch immer einen Film drehen, dachte man sich wohl, ein neuer Kassenschlager halt, im Nullkommanichts. Denkste!
Alles bekannt und mehrfach ausgeschlachtet. „Du bist nicht allein“, ein Song von Roy Black, untermalt den Film in Gedanken nachhaltig, genauso wie die Eindrücke und Bilder. Schade, dass die Story im Gegensatz zu den Darstellern so flach und fadenlos war, ich hatte mich so auf den Film gefreut…