MRR-Biografie: Große Klasse

 

Einen großen Stoff an einem Abend zu erzählen, ist eine Aufgabe, die gute Dramaturgen wie Aristoteles und Shakespeare noch beherrschten, an der heutige Filmemacher in Deutschland aber reihenweise scheitern. Und so denken sie, große Stoffe auch überdimensioniert erzählen zu müssen, ob „Die Manns“, „Buddenbrooks“ oder die Geschichte der Familie Krupp.

In den vergangenen Monaten verlangte jeder große deutsche Stoff dem TV-Publikum die Unzumutbarkeit ab, den Fernseher zu festen Zeiten mehrmals einzuschalten, damit man dann allerhand weitschweifiges und redundantes Zeug sah, das für die Erzählung selbst nicht wichtig war. Es scheint, als würden deutsche Filmemacher nicht verstehen, dass jeder Stoff an einem Abend zu erzählen ist, und als würde es das Fernsehen selbst heute angesichts schneller Erzählungen nicht verstehen.

Beim Leben Marcel Reich-Ranickis kann es das Fernsehen plötzlich. Was nicht vom Stoff abhängt. Bei jedem Stoff geht das. Auch wenn die Biografie mit MRRs Anfang in der alten BRD endet, hätten andere Filmemacher mehrere Teile daraus gestrickt, dazu bräuchten sie nur das Stichwort „Zweiter Weltkrieg“ zu hören. Insofern war die Kürze der Darstellung für mich völlig überraschend. Bei der Verfilmung von Reich-Ranickis Leben bis Anfang der 50er ist alles klar und kurz erzählt, keine Einleitungen, kein überflüssiger Schmuck, es ist fast ein Hollywood-Schnitt, in der jede Sekunde zählt. Und die Hauptperson des Geschehenes dieser Verfilmung, Reich-Ranicki, hat für diesen Film nur Lobesworte.

Es gibt viel, was mir an diesem Film gefällt. Regie, Darsteller, Montage. Und es gibt fast nichts, was mich an diesem Film stört. Zu wenig, um es zu erwähnen, daher erwähne ich es nicht. Erst dachte ich, mich stört die Erzählung anhand der Rückblenden, weil ich nichts für Rückblenden übrig habe. Doch hier erkenne ich die Rückblenden an, weil MRRs Tätigkeit beim polnischen Geheimdienst erst in jüngster Zeit zum Thema wurde und daher zu Recht das Leitmotiv der Biografie des größten Literaturkritikers Deutschlands darstellt.

Es ist dramaturgisch in jeder Hinsicht sinnvoll, Reich-Ranickis Leben als Erklärung aus dieser Perspektive darzustellen. Und es ist viel spannender und lebendiger, als wenn man hochvergeistigt Reich-Ranickis Leben als das Leben eines Literatur- und Theaterkenners aus rein intellektueller Sicht dargestellt hätte, mit seinen oft gehörten Argumenten für Kleist, Thomas Mann, Tucholsky und all die anderen Größen, mit deren Verehrung Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ und in „FAZ“-Beilagen das breite Publikum oft von sich ferngehalten und selbst die Akademiker zeitweise genervt hat. Literatur ist wichtig, aber hier geht es weniger um Reich-Ranickis Passion, sondern um sein Leben. Die Abwesenheit großer Literatur und stattdessen die Anwesenheit konkreten Erlebens machen diesen Film zu mehr als nur sehenswert und wichtig. Er ist große Klasse.

Mittwoch, 15. April 2009, ARD, 20.15 Uhr

3 Kommentare zu „MRR-Biografie: Große Klasse“

  1. Thilo

    „Der Laden“ nach Strittmatter, jetzt auf MDR, ist leider auch wieder so ein Beispiel für überdehnten Stoff. Drei Teile soll ich sehen, doch schon der erste gähnt mich an.

  2. Cujau

    … neben der ARD guckst du hier in voller Länge:

    http://plus7.arte.tv/de/detail.....11724.html

    Und das vor der ARD oder danach, oder wann immer.

  3. Thilo

    Guckstu MRR.

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