„Das Leben hat einen Sinn“

 

Viele Menschen sind beseelt von der Frage: Wozu leben wir? Und sie beißen sich die Zähne aus, oft über Jahrzehnte hinweg. Weil sie für diese Sisyphos-Aufgabe keine Lösung finden, werden sie religiös und beginnen, an Antworten zu glauben. Dabei könnten sie sich die Mühe sparen und sich beruhigt zurücklehnen – sie sitzen einem simplen Logikfehler auf. Das Leben hat keinen Sinn. Darum finden sie keinen.

Der Fehler liegt im „wozu“. „Wozu“ fragt nach dem Zweck, dem Sinn, dem Danach. Richtig wäre die Frage: „Warum?“ Denn nur sie fragt nach dem Grund, nach der Ursache. Beängstigend wenige Menschen kennen den Unterschied zwischen „Warum“ und „Wozu“. Der Satz „Ich will etwas essen“ hat ein Warum: „Ich habe Hunger.“ Und er hat ein Wozu: „Ich will satt werden.“ „Warum“ ist kausal, „wozu“ ist final. Das ist der Unterschied zwischen Kausalität und Finalität, und daran scheiden sich die Geister.

Rotkäppchen fragt: „Großmutter, warum hast du so große Ohren?“ Wolf antwortet: „Damit ich dich besser hören kann.“ Dummes Rotkäppchen – es kennt den Unterschied zwischen „warum“ und „wozu“ nicht und begreift nicht, dass der Wolf die Frage nicht beantwortet hat, sondern ausgewichen ist. Korrekt wäre die Antwort auf Rotkäppchens Warum-Frage gewesen: „Weil ich ein Wolf bin!“

Ebenso wenig wie die Wolfsohren hat das Leben keinen Sinn, sondern Ursachen. Das Leben ist nicht final, sondern kausal. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist sozusagen falsch gestellt. Sie kann darum keine sinnvolle Antwort haben.

Der Christ fragt: „Herr, wozu habe ich Beine?“ Und er antwortet sich selbst: „Damit ich gehen kann.“ Und er dankt Gott dafür, dass er Beine hat. Weil der Christ final fragt, erhält er eine finale Antwort. Was dem Christen plausibel erscheint, beruht auf mangelnder Erkenntnis, und das beweist die Gegenprobe: Was, wenn der Christ keine Beine, sondern Flossen hätte? Dann würde er nicht fragen: „Wozu habe ich keine Beine?“ Und er würde nicht antworten: „Damit ich nicht gehen kann.“ Sondern der Christ mit Flossen würde fragen: „Wozu habe ich Flossen?“ Und er würde sich selbst antworten: „Damit ich schwimmen kann.“ Und der Christ hieße nicht Mensch, sondern Fisch, und er würde Gott für die Flossen danken.

Das heißt: Der Christ hat keine Beine, um zu gehen („wozu“, final), sondern weil er Beine hat, geht er („warum“, kausal). Der Vogel hat keine Flügel, um zu fliegen; sondern er fliegt, weil er Flügel hat. Das Leben ist nicht final. Es ist kausal.

Was der Christ auch immer hat – Beine, Flossen, Flügel – er rechnet sich seine Situation stets zu seinen Gunsten schön. Denn irgendwas hat jeder! Und darum haben Christen immer einen Grund, Gott für irgendwas zu danken.

Für religiös denkende Menschen ist das Leben allerdings nicht kausal, sondern final. Darum versteht sich die Religion im Kern nicht mit der Wissenschaft, und auch deswegen gibt es im Umgang mit religiösen Menschen immer wieder Krach auf der Welt. Religiöse Menschen fragen nach dem Wozu statt nach dem Warum. Das tun sie aus Sicht der Wissenschaft vergeblich, denn das Wozu liegt in der Zukunft. Weil keiner die Zukunft kennt, stochern religiös denkende Menschen nach Maßstäben der Wissenschaft im Nebel. Weil man im Nebel nichts findet, machen sie das Nichts zum Mysterium, verlagern ihr Denken auf das nicht Seiende und bestätigen ihr Denken eben dadurch, dass sie nichts finden. Der Sinn ist die Suche. Im Mysterium ist alles erlaubt, alles denkbar, alles möglich. Es ist beliebig und daher weniger ein Tummelplatz für Mathematiker und Philosophen, als vielmehr für Verschwörungstheoretiker und Paranoiker. Doch für die bietet es Sicherheit, ist es eine Heimat.

Machen wir uns nicht auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das macht nur Stress. Es gibt keinen Sinn des Lebens. Gehen wir lieber ein Bier trinken.

15 Kommentare zu „„Das Leben hat einen Sinn““

  1. fellow passenger

    Schön, daß das mal jemand sagt. Schade daß ich Ihre wohlfeile Monografie über den Sinn des Lebens erst jetzt in einer Nebenstaße der Reeperbahn entdeckt habe. Den die Frage, was der Sinn des Lebens sei, wurde mir (warum auch immer) schon oft gestellt. Meine Antwort, es stecke kein eigentlicher Sinn dahinter und der einzig auszumachende Zweck sei, das Individuum betreffend, die Reproduktion zum Erhalt der Spezies, wurde als unbefriedigend empfunden.

    Die Hoffnung auf künftiges Verständnis ist zwar gering, dennoch werde ich in dieser Frage ab sofort auf diesen Beitrag von Ihnen verweisen, der immerhin erheblich präziser ist, als meine bisherigen Ausführungen.

    Prosit!

  2. Joshuatree

    Lieber Thilo, Mensch, Berufskollege, Mitblogger,

    natürlich hat das Leben einen Sinn. Es ist Deiner. „Du bist – so go ahead“. Ich bin sicher, Du kennst Kant.

    Keine Mystik, keine menschenverachtende Religion und Politik, die Selbstbewusstsein, Kreativität, Individualität und Menschlichkeit mit Füßen tritt (und trat).

    Ich finde, Du suchst etwas an der ganz falschen Stelle.

    Gruß und Respekt,

    J.

  3. Thilo

    Na das erfreut mich aber außerordentlich, Kollege Fellow Passenger! Der Text über den Sinn des Lebens ist mir einer der allerliebsten Texte. Den Gedanken hatte ich schon in der 13. Klasse im Kopf (Religions-Abitur), aber mein Religionslehrer hat es leider nicht verstanden … :-) Mein Referat über den radikalen Konstruktivismus war dem guten alten Herrn P. dann doch etwas zu viel.

  4. fellow passenger

    Es fällt mir auf, bester Herr Baum, daß gerade jene, die sich in der Schule intensiv mit Religion zu befassen hatten, keinen Sinn im christlichen Glauben finden. Das spricht durchaus für den im deutschen Schulwesen pflichtmäßigen Religionsunterricht.

    Mir ist dieser gefährliche Unsinn in der Grundschule dank meines Vaters ja gänzlich erspart geblieben. Später hatte ich Ethikunterricht zu absolvieren, wobei mir auffiel, daß die eingesetzten Lehrer stets bekennende Christen waren.

    Ihren Ausführungen, mein lieber Herr Joshuatree, vermag ich nicht recht zu folgen. Vage berufen Sie sich auf Herrn Kant, der sich so manches darüber dachte, wie man als Mensch mit anderen zusammenleben soll. Kants diesbezügliche Auffassung teile ich weitgehend. Allein der Sinn des Lebens lässt sich daraus nicht erklären.

    Spiritualität mag helfen, sich mit dem Mysterium der eigenen Existenz abzufinden. Solange sie niemandem schadet, akzeptiere sich sie gerne.

    Nicht alles was ist, hat zwangsläufig einen Sinn.

  5. Der_Ott

    Einen schönen guten Tag, ich komme auch grad von der Rückseite der Reeperbahn reingeschneit und möchte auch mal was dazu sagen.

    Ihr Text scheint ja die Frage ob es einen Sinn des Lebens gibt, beantworten zu wollen. Hierzu stellt er wissenschaftliche Ansätze religiösen gegenüber.

    Jedoch ist der entscheidende Absatz, der nach der Unterscheidung von final und kausal Beispiele zur Verwechslung der Frage nach dem Wieso und Wozu gibt, mMn höchst unwissenschaftlich.

    Der Fisch kann nicht schwimmen weil er Flossen hat. Er hat auch keine Flossen um damit zu schwimmen. Es ist viel mehr eine Wechselwirkung. Der Bau bestimmt die Lebensweise und die Lebensweise bestimmt den Bau.

    Ob und wie man das jetzt auf die Frage nnach dem Sinn des Lebens übertragen möchte ist eine andere Frage. Aber da schließ ich mich einfach gganz vage dem an, was Joshuatree schon gesagt hat, das der Sinn des Lebens eben der eigene ist.

    MfG Lennart

  6. Joshuatree

    Werter Herr fellow passenger,

    „nicht alles was ist, hat zwangsläufig einen Sinn“ schreiben Sie und beschweren sich gleichzeitig über etwaige (ungewollte) spirituelle Botschaften?

    Vielleicht würde „Theatro Mundi“ als Diskussionsansatz hier weiterhelfen?

  7. Frank

    Die Kausalität in diesem Beitrag ist mehr etwas zu einseitig. Es gibt/gab klassischerweise ja 4 causae. Und eine davon ist die causa finalis. Dort wird sehr wohl nach dem Ziel gefragt.
    Unabhängig von diesem Einwurf stimme ich allerdings mit Dir überein, daß Religion, so wie sie in der Regel gesehen, verstanden und praktiziert wird, ein grober Unfug ist.
    Ich glaube (haha), Religion ist und war schon immer dafür da, Sinn zu stiften, wo keiner zu sein scheint. Ob aber tatsächlich kein Sinn existiert, kann niemand von uns beantworten – denn wer kann mit Sicherheit sagen, daß es bspw. ein bestimmtes Naturgesetz nicht gäbe, nur weil wir es noch nicht entdeckt haben? Wissenschaft kann sich darüber zwar Gedanken machen, jedoch keine Aussagen. Dafür sind da immer noch Religion und Kunst „zuständig“, vorsichtig ausgedrückt.
    Kurz gesagt: die Argumentation im Beitrag ist mir zu simplifizierend.

  8. Thilo

    Ein wichtiger Gedanke. Religion stiftet nicht Sinn, wo keiner *ist*, sondern wo keiner zu sein *scheint*. Ob einer ist, wissen wir nicht. Ebenso wenig wie Gott jemals bewiesen wurde, wurde er je widerlegt.

  9. Oliver

    Ich seh die Frage ja weniger final oder kausal, sondern vor allem pragmatisch: Fakt ist: Wir leben. Also machen wir das Beste draus!

    Oder komplexer formuliert: Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist weder ‚Warum?‘ noch ‚Wozu‘, sondern schlicht: ‚Was folgt daraus?‘
    Und wer in der Antwort auf ‚warum‘ und ‚wozu‘ wissenschaftliche oder religöse Überzeugungen erlangt, die ihm helfen, mit dem Fakt des Seins besser zurecht zu kommen, so sei doch jedem diese gedankliche Krücke von Herzen gegönnt. Es bilde sich nur ja niemand ein, dass seine derartigen Lebenshilfswerkzeuge irgendeinen allgemeingültigen Anspruch erfüllen könnten und fange an, Andere demzufolge missionieren zu wollen.

    PS: Ja, auch ich gelangte von der Rückseite der Reeperbahn hierher. Das nur für die Statistik.

  10. Hannes

    Den Artikel fand ich – nur für die Statistik – gerade beim Stöbern im Archiv, also nicht auf der Reeperbahn. Achso, und ich fand ihn auch gut, daher empfehle ich ihn gern weiter. Besonders gefällt mir die Parallele zum Rotkäppchen, aber das nur am Rande.

    Zu der Thematik: „Ebenso wenig wie Gott jemals bewiesen wurde, wurde er je widerlegt.“ Das ist ein oft angefürtes Argument dafür, dass es Gott ebenso gut geben, wie nicht geben könne. Scheinbar ein „Totschlagargument“. Nur hat diese Argumentation ein Logikproblem. Wenn ich für das Vorliegen einer Sache keinerlei Anhaltspunkte habe, dann verneine ich sie zunächst. Beispiel: Ich weiß nicht, ob auf der Rückseite des Pluto rosa Mülltonnen stehen, aber solange ich keinerlei Gründe zu der Annahme habe, gehe ich mal davon aus, dass dem nicht so ist. Die beiden Möglichkeiten erscheinen mir also nicht gleichwertig. Sicherlich *könnte* es einen Gott (was auch immer das übrigens konkret sein soll) geben. Solange ich dafür keinen schlüssigen Hinweis sehe nehme ich aber das Gegenteil an.

    Gruß, Hannes

  11. Metheor

    Der Sinn ist der Sinn ist der Sinn ist der Sinn ….

    Das Universum hat einen Sinn und einen Zweck,
    doch es gibt nur ein Wesen das Beides kennt.

    Sollte ein anderes Individualikum herausfinden
    WELCHEN …..

    Wird es automatisch zu Got und ersetzt das alte Universum
    durch ein anderes …..

    So die Unendlichkeits Theorie

    Der Geist ist Licht und das Leben hat nur einen Sinn :

    „Sei Glücklich“

    btw.:
    Spiritualität hilft durchaus, sollte allerdings nicht zum (einzigen)Sinn und Zweck der hiesigen Existenz gemacht werden.

    Ergo :
    Der Sinn ist das was DU darin Siehst.

    Punktum aus Ende
    (is immahin bessa als nichts)

    grüsse
    Metheone

  12. Verena Musil

    Fand den Artikel im Archiv (für die Statistik ;-))

    Herzlichen Glückwunsch!!!

    Das ist einer der wenigen Texte, die die mich zu 100 % in den Bann der Worte gezogen hat.
    Ein ausgesprochen treffender Denkansatz. Nicht mehr und nicht weniger.

    Zu den Kommentaren, die die Unvollständigkeit der getroffenen Aussagen kritisieren möchte ich sagen, dass solche Themen NIE vollständig sein können, da es persönliche Denkansätze sind und keine Dogmen.

  13. Laila

    wow, wow, wow!
    ich befasse mich seit einiger zeit mit der frage, seitdem ich eine discussion mit einen freund hatte…

    endlich mal ein text, worüber man lange nachdenken kann…
    bei den meisten texten über den sinn des lebens bin ich immer gleich auf eine antwort gestossen: es gibt keinen sinn
    aber der text hat mich wirklich zum nachdenken gebracht!
    danke, danke, danke!

    grosses lob!

  14. Franz

    Und wie lebt es sich ohne Sinn? Alles und alle sind einem egal- es bleibt der Egoismus. Letztlich ist man sich sogar selber egal.
    Schöne neue Welt!!

  15. Franz

    ok.

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