„Die Sonne steht mittags im Süden“

 

Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter, und mittags steht sie im Süden. Das haben wir in der Schule gelernt. Experimentierfreudige Schulklassen bauen vielleicht eine Sonnenuhr: Man rammt einen Stab in die Erde und markiert jede volle Stunde anhand der Schuluhr den Sonnenschatten. Mittags um zwölf – Winterzeit versteht sich – steht die Sonne im Süden.

Doch wer mittags um zwölf die Sonnenuhr anhand eines Kompasses prüft, stellt fest: Entweder der Kompass spinnt, oder die Schuluhr oder die Sonnenuhr. Denn Punkt zwölf steht die Sonne nicht im Süden, sondern knapp daneben. Außer in Görlitz (Sachsen) – da stimmen Schuluhr und Sonnenuhr überein. Vereinfacht gesagt spinnen alle deutschen Schuluhren außer in Görlitz. Wie kommt das? Tja! Über die Frage „Wie spät ist es?“ lässt sich eben hervorragend streiten.

Astronomisch betrachtet definiert sich der Zeitpunkt „12 Uhr“ durch den Höchststand der Sonne. Wir wissen: Eine Zeitzone weiter ist es eine Stunde später „12 Uhr“. Und da die Erde nicht jede Stunde einen Ruck von ein paar hundert bis tausend Kilometern macht, sondern sich gleichmäßig dreht, sind die Übergänge fließend. Logischerweise kann man die astronomische Uhrzeit für den eigenen Standort anhalten, indem man in der Geschwindigkeit der Erdumdrehung nach Westen läuft – die Erde dreht sich unter einem hinweg, man hat immer dieselbe Sonnenzeit, und es bleibt die ganze Zeit über gleich hell oder dunkel. Beschleunigen lässt sich die Uhrzeit entsprechend, indem man nach Osten läuft, also Richtung Sonnenaufgang – dann wird es viel schneller Nacht, als wenn man an einer Stelle bliebe.

Die Uhrzeiten gemessen an der Sonne sind also fließend. Um nicht alle paar hundert Meter die Uhr neu einstellen zu müssen, hat die Menschheit Ende des 19. Jahrhunderts die Zeitzonen eingeführt – in Deutschland war das 1893. „12 Uhr“ in Deutschland und in den anderen Regionen der „Mitteleuropäischen Zeit“ (MEZ) definiert sich seitdem durch den Sonnenhöchststand am 15. Längengrad. Da Görlitz auf dem 15. Längengrad lieg, definiert die Sonnenuhr dort die tatsächliche Zeit, die Sonnenzeit. Da der Rest Deutschlands westlich von Görlitz liegt, steht die Sonne auf allen anderen Schulhöfen der Republik um 12 Uhr MEZ noch nicht im Süden, sondern noch ein kleines Stückchen weiter östlich. Und da wir unsere Sonnenuhr nach der Uhrzeit am 15. Längengrad gestellt haben und nicht nach der tatsächlichen Uhrzeit auf dem Schulhof, geht sie eben in den meisten Städten falsch – außer in Görlitz.

Soll die Sonnenuhr die Sonnenzeit messen, so müssen wir sie mit Hilfe des Kompasses stellen: Steht die Sonne im Süden, definiert sich dieser Zeitpunkt an dieser Stelle als „12 Uhr WOZ“, also „wahre Ortszeit“.

„Die Sonne steht mittags im Süden“ – das gilt innerhalb Deutschlands zwar in Görlitz, ist aber ansonsten falsch.

Ein Kommentar zu „„Die Sonne steht mittags im Süden““

  1. Sebastian

    Und auch in dieser sehr schönen Erklärung steckt noch ein Fehler. Die Mitteleuropäische Zeit ist nämlich mitnichten die (wahre) Ortszeit von Görlitz, sondern die Ortszeit von Görlitz nach der sogenannten „mittleren Sonne“. Die leichte Exzentrität der Erdbahn sorgt nämlich zusammen mit der Schrägstellung der Erdachse dazu, dass die scheinbare Sonnenbewegung am Firmament übers Jahr ihre Geschwindigkeit ändert. Der Unterschied zwischen dem Mittag der wahren Ortszeit (also dem Zeitpunkt, da die echte Sonne genau im Süden steht) und dem Mittag der Mittleren Sonnenzeit (dem Zeitpunkt, wo eine sich stets gleichförmig bewegende Sonne im Süden stünde) kann bis zu einer Viertelstunde betragen. Selbst in Görlitz.

Beitrag kommentieren