Hilfe, mich stalkt ein Akademiker!

 

E-Mail an mich:

Sehr geehrter Herr Baum,
ein Zitat aus einem Ihrer Prospekte:
„Führen Sie Verkaufsschulungen durch oder schulen Sie Verkäufer? Inhaltlich ist beides das Gleiche, aber Verkäufer zu schulen ist eindeutig konkreter!“
Wenn beides inhaltlich das Gleiche ist, wie kann dann das eine konkreter sein als das andere?
(Wittgenstein lässt grüßen.)

E-Mail von mir:

Sehr geehrter Herr H.,
danke für Ihre Mail. Denken Sie nicht, dass Sprache jenseits vom Inhalt konkret und abstrakt sein kann? Was wollen Sie?
Beste Grüße / Thilo Baum

Antwort:

Sehr geehrter Herr Baum,
Dank für Ihre Antwort, die ich nicht erwartet hatte.
Das Problem, das ich mit Ihrem Textbeispiel und ebenso mit Ihren Ideen der „Komm-zum-Punkt“-Rethorik habe, ist sprach-philosophischer Natur. Sie begeben sich meiner Meinung nach mit Ihrem Marketing-Slogan der „Anti-Laber-Formel“ (mein Eindruck: aufgesetzt, wie eine Waschmittel- oder Zahnpasta-Reklame)auf ein Problem-Niveau, das nicht einmal so geniale Geister wie Ludwig Wittgenstein, Frege oder Russel in ihren Überlegungen zur Begründung einer philosophischen Logik zu ihrer eigenen Zufriedenheit lösen konnten. We definieren Sie, das eine gesprochene Textpassage Gelaber ist? Was ist Gelaber? Was ist der Unterschied zwischen abstrakter und konkreter Sprache?
„Einen Kunden oder Mitarbeiter dort abholen, wo er steht“ (ebenfalls ein Zitat aus einem Ihrer Prospekte) ist demnach genauso gelabert, wie der von Ihnen als Negativ-Beispiel angeführte „da bin ich ganz bei Ihnen“-Satz einiger Politiker.
So, ich komme jetzt zum Punkt. Ich habe keine Lust mehr, mich mit so einem hoch-gequirlten Quatsch auseinanderzusetzen.
Ich wünsche Ihnen dennoch weiterhin viel Erfolg!

Oh – ich hatte gedacht, er könnte kurz sagen, worum es ihm geht. Leider nicht. Und will wissen, was „Gelaber“ ist? Er kennt den Unterschied zwischen „konkreter“ und „abstrakter“ Sprache nicht? Beziehungsweise verlangt von mir eine Definition wie in einer Uni-Hausarbeit? Seltsame Leute rennen da draußen rum. Mir tun Menschen Leid, die über Phänomene des Alltags nicht sprechen können, weil sie nicht definiert sind. Ein Problem „sprach-philosophischer Natur“. Kinder, Kinder. Hatten wir damals eigentlich solche Lehrer? Ich hoffe doch nicht. Welch Problem-Niveau.

Stalking durch akademisch gebildete Trolle könnte eine neue Plage werden, wenn sich einfache Coaching-Erkenntnisse gesellschaftlich durchsetzen, die auf Alltagserfahrungen und gesundem Menschenverstand beruhen. Plötzlich dreht eine Gruppe von Pragmatikern vielen überflüssigen empirischen Studien und unbrauchbaren vergeistigten Logik-Ergüssen den Rücken zu. Und das schmeckt den Theoretikern natürlich nicht, und sie stören einen beim Arbeiten: Sie tun das, was Trolle eben tun. Für sich genommen sind sie möglicherweise hoch intelligent und in ihrem Fach faktensicher, von außen betrachtet wirken sie dagegen eher verwirrt mit ihren sinnfreien Einwürfen auf Basis nutzlosen, akademischen Wissens.

Üblicherweise lösche ich solche E-Mails, und Troll-Spam gibt es eine ganze Menge. Nun suche ich aber gerade für mein neues Buch „Mach dein Ding!“ nach den Charaktereigenschaften und Denkmustern, die die Menschen vom geradlinigen Denken abhalten. Ich will wissen, wie die Knoten im Denken heißen, die die Leute von der Spur weg- und auf die endlos verzweigten Nebengleise des Wissenschaftlich-Kleinteiligen führen. Ich will wissen, wie man diese Zeitfresser nennt, die die Leute bei der Prioritätensetzung stören, sie davon abhalten, die richtigen Dinge zu tun, und mit denen solche Akademiker dann auch noch ihren Mitmenschen zur Last fallen. Was hält so viele wissenschaftlich denkende Menschen davon ab, den Wald zu sehen? Welches Virus stoppt die Leute im Geradeausdenken von A nach B und hält sie stattdessen unverhältnismäßig lange mit irrelevanten Nebenaspekten auf? Wie heißt dieses Ding, das die Experten blind dafür macht, dass ihre Liebe zum Detail sie vom Ziel entfernt?

Das Ganze erinnert mich an einen sehr spannenden Aspekt in dem sonst von mir verrissenen Buch „Überflieger“ von Malcolm Gladwell, wonach einige intelligente Menschen oft eklatante Mängel in der Praxistauglichkeit haben. Diese Leute mögen zwar einsame Spitze beim Reproduzieren gelernter Algorithmen und Definitionen sein – also darin, fremde Informationen in Windeseile mit Gelerntem abzugleichen und als „korrekt“, „falsch“ oder meinetwegen auch „nicht definiert“ zu verurteilen. Aber zugleich sind viele oft unfähig dazu, in fremden Informationen den Kern zu erkennen, geschweige denn etwas Sinnvolles herauszuziehen oder daraus zu entwickeln. Vielleicht ist das ja der Unterschied zwischen dem, was Schule und Uni lehren, und dem, was man im Leben braucht? Weil Lehrer und Akademiker eben Lehrer und Akademiker sind und in den entsprechenden Denkmustern denken? Wie heißt dieser Knoten?

Wenn ich nur wüsste, wie man diese mangelnde Fähigkeit nennt, sich den Bedeutungen der Dinge zu öffnen, statt auf dem Korrekten zu beharren. Gladwell spricht vom Unterschied zwischen Konvergenz- und Divergenztests. Ist es das? Meine Frage aus einem älteren Beitrag bleibt aktuell: Wie nennt man die Eigenart, den Gedanken anderer Menschen nicht einfach im Sinne ihrer Aussage zu folgen, sondern auch ein klares und einleuchtendes Modell mit abwegigen akademischen Scheinargumenten anzugreifen zu versuchen? Wie nennt man die Leute, die fremde Gedanken zuerst einmal mit einer von Vorwissen und Vorurteilen gesteuerten Skepsis ablehnen? Ein Hinweis könnte vielleicht der Begriff „Eristik“ sein.

Na ja. Vielleicht ist der E-Mail-Schreiber ja auch gar kein Akademiker. Immerhin hat er „Rhetorik“ mit „th“ geschrieben, und das spricht eher gegen akademische Bildung. „Rhetorik“ mit „th“ ist kein Tippfehler wie ein versehentliches „We definieren Sie“ oder ein „Zahnpasta-Reklame)auf ein“ mit fehlenden Zeichen – alles halb so wild, so etwas geschieht. Nein. „Rhetorik“ mit „th“ ist wie „die Krake“, „Stehgreifrede“ oder „Marylin Monroe“. Das dürfte in meinen Augen keinem passieren, der in „sprach-philosophischen Problemen“ denkt.



3 Kommentare zu „Hilfe, mich stalkt ein Akademiker!“

  1. Thilo

    Nach einigem Gedöns hier haben wir uns geeinigt, den Kommentar-Streit wieder rauszunehmen. :-)

  2. Cujau

    Schade! ;-)

  3. roo

    Die Passage ab „Denkmustern, die die Menschen vom geradlinigen Denken abhalten. … […]“ gefällt mir besonders gut.
    Wohl, weil ich mich als eine der „niemals geradeaus denkenden“ empfinden.
    Dies hat sich ebenfalls über die Jahre in meiner Rhetorik manifestiert….

    Und das klingt doch manchmal sooo wunderbar.
    Darf ich eine Vermutung äusser , woher das kommen mag – es ist reine Psychologie.
    Ein Beispiel: man stelle sich eine Person vor, von durchschnittlicher Intelligenz, durchschnittlichen Lebensumständen, durschnittlichen Eltern …. etc.
    und eines Tages stellt man sich die Frage: “ Wo ist da bitte die „Tiefe“.
    Und hab da an geht es los … wer bin ich (und wie viele;o)) und was mache ich hier….
    Ach, diese elende Bedeutungssuche.
    Das ganze artet aus ein Leben lang … und stiftet einzig innere Zerissenheit.
    Die Wiederum in der Sprache ihren (vielleicht auch einzigen) Ausdruck findet.

    Ich möchte nicht als „Troll“ bewertet werden, dazu bin ich mir meines „Leidens“ zu bewusst.

    Mir selber zu zu hören … ist ätzend.

    ;o)

Beitrag kommentieren